Elle

Ich als großer Paul Verhoeven Fan muss natürlich jetzt ganz genau aufpassen was ich hier schreibe, sonst wird man mir noch Heuchelei vorwerfen. Und dennoch ist Elle, sein neuestes und vielfach schon gefeiertes Werk, ein sehr schwierig zu bewertender Film. Man kennt den niederländischen Filmemacher als Meisterprovokateur, sein Name erinnert an Robocop, an Basic Instinct, an Spetters oder an Starship Troopers. Dass er sich an eine One-Woman-Show getraut hat, verwundert nicht ganz, aber das Endergebnis ist sowohl überraschend, unerwartet, als auch verblüffend und definitiv hervorragend – auf seine eigene Art und Weise.

Alle Karten auf den Tisch: Elle ist eine Rape-Revenge Story wie sie im Buche steht, und das auch noch wortwörtlich denn es gibt eine Romanvorlage. Man muss auch gleich vorneweg sagen, so einen Film kann man sicherlich nur mit einer handvoll Schauspielerinnen machen ohne völlig in Exploitation-Trash abzusinken. Isabelle Huppert ist eine davon, und es ist ein absoluter Glanzmoment ihrer späten Karriere. Die Frau ist eine Wucht in diesem Film, bittersüß, bitterböse, gnadenlos, es ist eine Freude zuzusehen. Gleichzeitig ist der Film alles andere als das was man sich erwartet.

Der Film handelt von Michèle (Isabelle Huppert), der Geschäftsführerin einer Firma für Videospiele. Eines Abends wird sie von einem maskierten Einbrecher vergewaltigt. Doch anstatt den Vorfall der Polizei zu melden, räumt sie die Scherben weg, und geht erstmal in Ruhe mit Freunden essen. Die sind natürlich entrüstet. Sie beginnt, in ihrem Umfeld nach verdächtigen zu fahnden. Der Freund, der Nachbar, der unliebsame Kollege, sie ist sich sicher jemand ist der Maskierte Übeltäter. Dabei sitzt sie auch einigen falschen Fährten auf. Als sie das Rätsel zu lüften scheint, schlägt der Täte erneut zu. Doch diesmal wehrt sie sich, verletzt den Eindringling und kann ihm die Maske entreissen. Von nun an verfolgt sie einen ganz perfiden, unerwarteten Racheplan…..

Während viele seiner vorherigen Filme oftmals laut, schrill sind gar, und die volle Breitseite an Kontroversen bieten – auch Black Book (den ich sehr mag) ist von der ersten bis zur letzten Minute eine Achterbahnfahrt Verhoevenscher Kinotricks, von Gewalt über Sex bis knallbunter Sinnesüberfrachtung – ist Elle ein fast schon viel zu subtiler, stiller Film. Das macht ihn einerseits sehr kraftvoll und hinterfotzig (wie man in Bayern sagt), andererseits mag er dadurch Fans auch enttaeuschen. Verhoeven ruehrt wie immer tief in den dunklen Ecken unserer Psychen, er weiß ganz genau dass der Großteil des Publikums ähnlich genießt wie die Titelfigur selbst auch, die eine scheinbar ungewöhnliche Reaktion gegenüber ihrem traumatischen Erlebnis entwickelt. Hier ist man voll in Verhoeven Territorium, denn das Spiel mit den niederen Instinkten ist ihm ein leichtes.

Isabelle Huppert hat jeden Preis verdient den man ihr hierfür schon verliehen hat. Sie wandert graziös und mit mutigem Sexappeal auf diesem schmalen Grat zwischen  zwischen Karrierefrau und traumatisiertem Kind, zwischen Racheengel und Opferrolle. Es ist köstlich, die Charakterentwicklung zu beobachten, bei der Verhoeven Schicht für Schicht abträgt und weitere Facetten zum Vorschein kommen. Aber: Es ist nicht die Entwicklung die man erwartet, oder sich wünscht, dieser Film folgt keinem typischen Muster. Der Zuschauer wird auf die Folter gespannt, enttäuscht, verstört, hinters Licht geführt und am Ende in der Luft hängen gelassen. Man verlässt das Kino und fragt sich, „Was habe ich jetzt gesehen?“

Letztlich kann man hier am Ende einen Schwachpunkt hinein interpretieren der, soweit ich es mir erklären kann, die Wurzel möglichen Misgefallens ist: Elle ist überhaupt gar nicht das was man sich von einem Rape-Revenge Film erwartet. Er ist auch keine schwarze Komödie, oder ein makaberer Scherz. Paul Verhoeven zeigt eindrucksvoll ein was-wäre-wenn so etwas einer Person wie Elle passieren würde, und breitet diese Hypothese zwei Stunden lang vor dem  Zuschauer aus, rasiermesserscharf. Elle ist schwer zu beschreiben, schwer zu verdauen, schwer zu lieben, und schwer zu analysieren. Mir fällt nichts besseres ein als zu sagen: Der Film ist saugut – aber schwierig.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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