Fair Game – Hunting Season / She was Fair Game / Open Season 2 – Die Jagd geht weiter

Die scheinbar endlose, trockene Weite des australischen Outbacks: Jessica lebt allein auf ihrer Farm, die als Reservat für bedrohte Tiere dient. Niemand sonst weit und breit. Bis drei gelangweilte, durchgedrehte Kängurujäger mit aufgemotztem Jeep sie erst mit „Streichen“ provozieren und dann Jagd auf die Tiere machen. Als Jessica eingreift, wird auch sie zum Freiwild erklärt, unablässlich gedemütigt und terrorisiert. Eine Spirale der Gewalt entspinnt sich und die Übergriffe auf die junge Frau werden immer enthemmter. Doch mit Jessica haben sie sich das falsche Opfer ausgesucht, und Jäger und Gejagte tauschen bald die Rollen… (Camera Obscura)

Wer sich zu sehr auf den Austausch zwischen den vier Hauptfiguren konzentriert und immer wieder offensichtliche Fehler in deren Denkprozessen aufdeckt, droht beinahe das zu verpassen, was noch viel offensichtlicher sein sollte, denn in Mario Andreacchios Film geht es nur um eines: pure, etwas aus den Fugen geratene australische Aktion mit hoher Oktanzahl. Man sollte also nicht zu viel über die Geschehnisse nachdenken, lieber ein kühles Getränk konsumieren, es sich dabei bequem machen und einfach den Wahnsinn genießen. Die attraktive Cassandra Delaney verkörpert Jessica, die einsame Besitzerin einer kleinen Ranch irgendwo im australischen Outback. Bei ihr handelt es sich vermutlich um eine Single-Frau, doch Sie hat einen pfiffigen Hund, ein Pferd und sogar ein paar exotische Vögel zur Gesellschaft.

Während sie ihre Einkäufe im örtlichen Feinkostladen abholt (nachdem sie auf ihrem Weg dorthin von Straßen-Rowdies belästigt worden ist), zieht Cassandra die Aufmerksamkeit eines Fremden (Peter Ford) auf sich, der anbietet, ihr neuestes Gemälde zu kaufen. Doch als er erwähnt, er sei der Anführer eines Teams von Jägern, die gekommen sind, um die Gegend von Kängurus zu befreien und sie in ihm einen der Rowdies wiedererkennt, lehnt sie sein Geld sofort ab. Der Mann packt dann stumm seine Sachen zusammen und springt in seinen Pick-up-Truck. Einige Stunden nachdem sie auf ihre kleine Ranch zurückgekehrt ist, erkennt Cassandra, dass sie zur Zielscheibe geworden ist und der Mann aus dem Laden sowie seine beiden Partner Sparks und Ringo (Garry Who und David Sandford) ihr eine wichtige Lektion erteilen wollen. Das improvisierte Vorspiel vor der eigentlichen Lektion verpasst Cassandra allerdings einen enormen Energieschub, weswegen sie nun all ihren Mut zusammennimmt, um zurückzuschlagen, wodurch das Verlangen der Jäger, sie zu zähmen, nur noch verstärkt wird.

Der Titel erweist sich als äußerst passend, weil der gesamte Film im Wesentlichen ein langes und unerbittliches Katz-und-Maus-Spiel ohne Regeln repräsentiert, Fair Game / Freiwild eben. Das einzig konsequente Element dieses „Spiels“ stellt die allmähliche Steigerung der Intensität dar, die dem Streifen im Grunde seine Identität verleiht. Der Film wurde zweifellos mit einem recht kleinen Budget verwirklicht – obwohl es für australische Verhältnisse eigentlich ziemlich anständig gewesen sein dürfte – denn was auch immer Andreacchio für seine Arbeit zur Verfügung hatte, nutzte er mit Bedacht. Für diese Art von Genrefilm ist die Action wirklich als erstklassig zu bezeichnen, wobei auch einige ziemlich spektakuläre Panoramaaufnahmen zu erspähen sind, die einem sagen, dass jemand viel Scouting-Arbeit geleistet hat, um die richtigen Drehorte zu finden. Das Biest, der sondergefertigte Pick-up-Truck, mit dem die Jäger nicht nur die Ranch zerstören, ist auch als ziemlich bad-ass zu beschreiben.

Wie vorherzusehen ist, steht Cassandra Delaney im Rampenlicht und schafft es mit Leichtigkeit selbst in den lächerlichsten Situationen großartig auszusehen. Von Zeit zu Zeit trifft sie sogenannte klischeehafte Fehlentscheidungen, die das „Spiel“ immer weiter laufen lassen, doch wie bereits erwähnt, ist diese Art von „Fehlern“ notwendig für den Film und sobald der Spaß beginnt, sind sie unglaublich leicht zu ignorieren. Bei Fair Game handelt es sich um einen sehr wilden Aussie-Thriller, der die perfekte Ergänzung zu Richard Franklins ähnlich thematisierten Road Games (Truck Driver – Gejagt von einem Serienkiller, 1981) darstellen könnte.

Würde es sich bei Fair Game um eine zeitgenössische Produktion handeln, so wäre der Film aller Wahrscheinlichkeit nach mit modernen CGI-Effekten vollgepackt worden und wie ein ungewöhnlich langer sowie exotischer TV-Werbespot ausgefallen. Der Streifen hätte sich wohl unerträglich plastisch und langweilig präsentiert, wie all diese „neuen“ Blockbuster- Sequels, die Hollywood derzeit in den Kinos parkt. In Fair Game kommen keine CGI-Effekte zum Einsatz, nur riskante Stunts und obwohl der Streifen eine gewisse Cartoon-hafte Qualität aufweist, hat er auch ein großes Herz zu bieten. Das hatten selbst die kleinsten Genrefilme der 70er und 80er Jahre – ein großes Herz sowie eine authentische Persönlichkeit, die es dem Publikum leicht machten, sie zu mögen, selbst wenn dort alberne Sachen abgezogen wurden, um zu beeindrucken. Fair Game kann wirklich genossen werden. Sehr empfehlenswert!

Bonusmaterial:

  • Audiokommentar* mit Regisseur Mario Andreacchio und Drehbuchautor Rob George —> wurde leider nur leidlich unterhaltsam eingesprochen
  • Interview* mit Darstellerin Cassandra Delaney (ca. 15 Minuten) —> hier kann man recht viel über ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten zu Fair Game erfahren
  • Drei Behind-the-Scenes-Berichte (ca. 7 Minuten)
  • Buchteil mit Texten von Pelle Felsch und Lioba Schlösser —> sehr gelungen, enorm informativ und interessant
  • Storyboard
  • Englischer Trailer
  • Fotogalerie —> umfangreich
    *engl. mit optionalen dt. Untertiteln
  • Bonusfilm auf separater Blu-ray: Die legendäre, spielfilmlange Dokumentation Not Quite Hollywood von Regisseur Mark Hartley erstmals in Deutschland erhältlich. Zahlreiche Aussie-Filmemacher wie bspw. George Miller, Russell Mulcahy, Brian Trenchard-Smith sowie Darsteller/innen (z.B. Jamie Lee Curtis), Zeitzeugen und Fans (wie Quentin Tarantino) erzählen die wilde, unglaubliche Geschichte des Ozploitation-Kinos von den Anfängen bis heute – vom Mann von Hongkong über Razorback und Mad Max bis hin zu Storm Warning und Wolf Creek. Mit zahlreichen Filmausschnitten. —> lohnt sich, sehr informativ sowie unterhaltsam

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  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur:‎ Andreacchio, Mario
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 27 Minuten
  • Darsteller: ‎Who, Garry, Sandford, David, Ford, Peter, Delaney, Cassandra, Barker, Don
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Studio: Camera Obscura Filmdistribution

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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