Frauen bis zum Wahnsinn gequält / Le foto proibite di una signora per bene

Minou ist atemberaubend schön, und dennoch fühlt sich die junge Frau von ihrem überarbeiteten Ehemann Peter schlichtweg vernachlässigt. Eines Nachts wird Minou jedoch während eines Spaziergangs überfallen und von ihrem Angreifer mit einer unangenehmen Überraschung konfrontiert: Peter soll einen Mord auf dem Gewissen haben. Damit beginnt für Minou eine schwere Zeit, denn der Unbekannte stellt Forderungen an sie, deren Erfüllung die verzweifelte Frau bis an ihre Grenzen bringt. Und sein perverses Spiel ist nur der Auftakt einer quälenden, unaufhaltsamen Reise in den Wahnsinn… (Camera Obscura)

In einem Interview erinnerte sich Drehbuchautor Ernesto Gastaldi daran, dass dieses Projekt in Panik sehr schnell zusammengeschustert wurde. Alberto Pugliese und Luciano Ercoli waren Partner einer Produktionsfirma, deren Vermögen schwand; um eine schnelle Finanzierung aufnehmen zu können, mussten sie in Eile eine angemessene „Gewerbeimmobilie“ finden. Angesichts der Tatsache, dass der Giallo wieder populär wurde und Gastaldi ein erfahrener Veteran innerhalb dieses „Genres“ war, wandten sie sich natürlich an ihn. Zum Glück saß Gastaldi zufällig auf einem Drehbuch, wobei er die Absicht hatte, es als Vehikel für seine Frau, die Schauspielerin Mara Meryl, zu etablieren. Timing war jedoch alles, also verkaufte er das Drehbuch an Pugliese und Ercoli. Die Handlung funktionierte für die beiden, sodass sie in kurzer Zeit betriebsbereit waren, wobei Ercoli sowohl Regie führte als auch mit produzierte.

Das war die wirtschaftliche Realität dieser Filme, die so oft eher aus kommerziellen, denn aus künstlerischen Gründen entstanden sind. Es ist allen Beteiligten zu verdanken, dass nichts von diesem Chaos auf der Leinwand zu bemerken bzw. zu sehen ist. Gastaldis Drehbuch stellt eine weitere Variation von Les Diaboliques (Die Teuflischen, 1955) dar, mit Minou als missbrauchtem Charakter, der möglicherweise Gegenstand einer grausamen Verschwörung ist oder auch nicht. Gastaldi peppt die Erzählung mit Hinweisen für den aufmerksamen Betrachter auf, versteht es aber auch sehr gut einige eigenartige Überraschungen in den Plot zu integrieren. Die finale Doppel-Enthüllung funktioniert beinahe perfekt, weil sie sich als logisch sinnvoll erweist und sich in den Händen von Regisseur Ercoli alles in eine sehr angenehme Angelegenheit verwandelt, die von Pop-Art-beeinflusstem Dekor und sexuellen Spielereien der schäbigsten Sorte für diese Zeit geprägt ist. Auf technischer Ebene ist der Film sehr gut gemacht. Die Breitbildfotografie von Alejandro Ulloa packt viele interessante Details in den Rahmen, mit guten Kontrasten zwischen Hell und Dunkel und einem angemessen blumigen Farbenspiel. Die Sets und die Kunstrichtung widersprechen den bescheidenen Ursprüngen des Films, während Ennio Morricone einen seiner verführerischsten und mitreißendsten Giallo-Soundtracks beisteuert.

Wenn man die schiere Menge an Musik betrachtet, die Morricone in dieser Zeit herausgebracht hat, ist es umso erstaunlicher, wie vielfältig seine Partituren wirklich sind; obwohl bestimmte Themen immer wieder mit unterschiedlichen Variationen und Orchestrierungen auftauchen, präsentieren seine Soundtracks trotzdem noch eine bemerkenswerte Reihe an unvergesslicher Musik. Der Titel scheint sich ein Stück weit an den Titel von Elio Petris erfolgreichem, Oscar-prämierten Investigation of a Citizen Above Suspicion (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, 1970) anzulehnen, Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen sind praktisch jedoch nicht vorhanden. Petris Meisterwerk bot scharfe Kritik an der Korruption des italienischen Rechtssystems, doch der hier besprochene Film repräsentiert „nur“ einen Thriller ohne besondere Bestrebungen, die über die Einbeziehung und Unterhaltung seines Publikums hinausgehen. Auf dieser Ebene funktioniert der Film allerdings wunderbar, wobei keine Notwendigkeit existiert, sich dafür zu entschuldigen.

Regisseur Luciano Ercoli wurde 1929 geboren und trat 1961 als Produzent in die Welt der Filme ein. In dieser Funktion war er verantwortlich für Filme wie den Komödien-Giallo Che fine ha fatto Totò baby? (What Ever Happened to Baby Totò?, 1964) und die ausgezeichneten Italo-Western Una Pistola per Ringo, Il ritorno di Ringo (Eine Pistole für Ringo, Ringo kommt zurück, beide 1965) und Ognuno per sé (Das Gold von Sam Cooper, 1968). Forbidden Photos of a Lady Above Suspicion war sein erster Film als Regisseur, wobei es wahrscheinlich ist, dass er den Job aus finanziellen Gründen annahm, um die Kosten niedrig zu halten. Sensibel umgab er sich mit begabten Mitarbeitern, weswegen das Endergebnis keine Anzeichen von Zweifelhaftigkeit zeigt. Er drehte auch noch eine Handvoll anderer Filme, darunter solche Gialli wie La morte cammina con i tacchi alti (Der Tod küsst Dich um Mitternacht, 1971) und La morte accarezza a mezzanotte (Die eiserne Hand des Todes, 1972). Die kleine Besetzung umfasst mehrere bekannte Giallo-Veteranen. Dagmar Lassander war zuvor in Mario Bavas Il rosso segno della follia (Red Wedding Night, 1970) in einer etwas undankbaren Rolle aufgetreten. Hier schneidet sie als gefährdete Heldin allerdings weitaus besser ab.

Lassander ist gut darin, die wachsende Neurose ihres Charakters zu vermitteln und sorgt für eine sympathische Präsenz. Ercolis Ehefrau Nieves Navarro, die wiederum unter ihrem regulären Pseudonym Susan Scott aufgeführt wird, spielt als Lassanders promiskuitive Freundin angemessen temperamentvoll. Da man sich hier in einem Giallo befindet, gerät auch ihr Status als „beste Freundin“ unter Verdacht, obwohl es sich dabei genauso gut um eine falsche Fährte handeln könnte. Peter wird von Pier Paolo Capponi gespielt, der bereits mit Navarro in Fernando Di Leos I ragazzi del massacro (Note 7 – Die Jungen der Gewalt, 1969) aufgetreten war. Capponi erweist sich erneut als solide und verlässliche Präsenz, die in einem Moment warmherzig und besorgt sowie im nächsten zwielichtig und verdächtig erscheinen kann. Abgerundet wird die Hauptbesetzung durch den spanischen Schauspieler Simón Andreu, der zusammen mit Navarro sowohl bei den oben genannten Der Tod küsst Dich um Mitternacht als auch bei Die eiserne Hand des Todes die Hauptrolle spielen würde. Der attraktive, jedoch zwielichtige Andreu repräsentiert ein Naturtalent für diese Art von Film, weswegen er als perverser Erpresser enorm zu verabscheuen ist.

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  • Region: Region 2
  • Produktionsjahr: 2012

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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