Freies Land / Free Country

Nachdem 1992 in der Oderregion zwei Schwestern auf einmal spurlos verschwunden sind, werden die beiden grundverschiedenen Ermittler Markus Bach (Felix Kramer) und Patrick Stein (Trystan Pütter) nach Ostdeutschland geschickt, um das vermeintliche Verbrechen aufzuklären. Für die Dorfbewohner ist der Fall klar: Die Mädchen sind Hals über Kopf in den Westen abgehauen. Wie die beiden Kollegen schon bald feststellen, geht das Leben in den abgelegenen Winkeln Deutschlands seinen eigenen Weg. Obwohl nach dem Fall der Mauer die Bürger der ehemaligen DDR in Aufbruchsstimmung waren, herrscht bei den Menschen nun Katerstimmung. Bach und Stein wundern sich darüber, dass sich niemand um die verschwundenen Geschwister Sorgen macht und keiner mit ihnen über den Fall reden will. In dem verschworenen Örtchen kämpfen sie sich fortan durch einen Morast aus Lügen und Intrigen und die Suche nach dem Täter wird zu einer mühseligen Angelegenheit. (EuroVideo)

Es ist schon eine Weile her, dass hier La Isla Minima – Mörderland (2014) besprochen wurde, der spanische Film, der mit Freies Land neu adaptiert worden ist. Freies Land bildet eine ähnliche Situation ab wie Mörderland und macht das gut genug, um als Thriller zu funktionieren, ist aber vielleicht nicht so scharfsinnig geworden, wie es die Filmemacher beabsichtigt hatten. Die Ereignisse des Films finden 1992 statt, kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands, die den Osten in Aufruhr versetzt hat; kein Wunder, dass die Schwestern im Teenageralter Patricia und Nadine Kraft davon sprachen, die Stadt Löwitz zu verlassen und nach Berlin zu gehen. Ihr Verschwinden muss selbstverständlich untersucht werden, wobei Patrick Stein (Trystan Pütter), der kürzlich aus Hamburg (im Westen) versetzt wurde und Markus Bach (Felix Kramer) aus Görlach (im Osten) dem Fall zugewiesen werden. Sie beginnen damit die Eltern Henner (Marius Marx) und Katharina Kraft (Nora van Waldstätten) sowie Klassenkameraden wie Nicole Liederbach (Alva Schäfer) zu befragen, die offenbar mit dem „schönen“ Charlie (Ludwig Simon) zusammen ist, mit dem sich auch die ältere der beiden Schwestern getroffen hat. Ein sogenannter Hellseher liefert einen Hinweis, doch die Ermittlungen müssen noch erweitert werden, als neue Informationen ans Licht kommen.

Mord war schließlich die Art von Verbrechen, die in dekadenten kapitalistischen Ländern begangen und an Orten wie der DDR unter den Teppich gekehrt wurde. Im Idealfall wäre dies das Herzstück des Films geworden, da der blitzsaubere Stein erkennen muss, dass alle in der Gegend die Polizei mit der Stasi in Verbindung bringen, während Bach mittlerweile mit verminderter Autorität und Ablehnung zu kämpfen hat. In Freies Land wird man zudem direkt mit dem Niedergang des Kommunismus und der Wiedervereinigung konfrontiert, die die Dinge in Orten wie Löwitz nicht notwendigerweise besser gemacht haben. Im Gegenteil, nun haben sich Kapitalisten breit gemacht, die ihre ohnehin schon niedrigen Löhne noch weiter senken wollen, während sie Polen von jenseits der Grenze einstellen. Der Film behandelt solche Beispiele jedoch eher am Rande und konzentriert sich ansonsten auf die Ermittlungsarbeit der beiden Hauptprotagonisten, die natürlich nicht unterschiedlicher sein könnten. Stein, der Großstadtpolizist, der plötzlich in einer kleinen Stadt und noch dazu im Osten ermitteln muss, wo er mit seinen „Wessi“ Methoden nicht weit kommt und Bach, dem es mit seiner recht rauen Gangart zwar gelingt Antworten auf seine Fragen zu bekommen, bei den Menschen aufgrund seiner Stasi-Vergangenheit allerdings verhasst ist. Es geht also in erster Linie um den Zusammenprall von unterschiedlichen Ermittlungsstilen und Mentalitäten, leider jedoch auf die bekannteste sowie allgemeinste Art und Weise.

In diesem Fall bietet sich leider kaum noch Raum, um aus Freies Land mehr als einen konventionellen „grausame Verbrechen irgendwo im Nirgendwo“ Film zu machen. Obwohl die Besetzung gut ist, entsteht eine seltsame Situation, in der versucht wird, ihnen mehr Arbeit zu geben (einiges davon stammt direkt aus Mörderland), was jedoch dazu neigt, die Dünnheit der Charaktere hervorzuheben. Trystan Pütter und Felix Kramer bilden einen guten Kontrast als enorm unterschiedliche Kommissare. Kramer scheint dabei allerdings eher bereit zu sein herauszufinden, ob diese Archetypen besser funktionieren, wenn man sie „groß“ spielt, aber der Film schickt die beiden zu oft in verschiedene Richtungen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Die kleinen Nebengeschichten, die sie zur Charakterentwicklung spendiert bekommen, fühlen sich ein bisschen so an, als würden sie nur dazu dienen die Laufzeit ein wenig zu verlängern, da sie selbst keinen oder kaum tatsächlichen Mehrwert mitbringen.

Die meisten anderen Charaktere sind ziemlich unkompliziert gestaltet worden, obwohl Marc Limpach als „Journalist“ etwas Interessantes zu bieten hat. Der träumte nämlich davon, ein Reporter in einem freien Land sein zu können und findet sich jetzt als „Ghul am Tatort“ wieder, auch wenn er nur selten die Gelegenheit dazu bekommt. Eine der besten Vorstellungen liefert wahrscheinlich Nora von Waldstätten als jugendliche Mutter der Mädchen ab. Sie lässt sich von ihrem Ehemann etwas einschüchtern, ist jedoch im Grunde nicht schüchtern aber schuldig, denn ihr Wunsch nach mehr, den sie an ihre Töchter weitergab, hat möglicherweise zu deren Tod geführt. Sie begleitet Stein aus einem bestimmten Grund nach Berlin und man fragt sich, wie dieser Film geworden wäre, wenn er sich auf diese beiden Charaktere konzentriert und herausgestellt hätte, wie aus Deutschland nach dem Kalten Krieg nicht das geworden ist, was man sich erhofft hatte.

Der Film ist im Allgemeinen gut inszeniert worden und setzt seine etwas arbeiterähnliche Vorgehensweise der Polizei methodisch durch, ohne sich jemals festzufahren oder es zu einer routinemäßigen Nummer verkommen zu lassen. Es werden gute, unruhige Momente aus verlassenen Orten herausgeholt, während gleichzeitig das extrem weitläufige Gebiet, das eher durch Wasserstraßen als durch gewöhnliche Straßen miteinander verbunden ist, der Stadt Charakter verleiht und das Gefühl vermittelt, die Dinge könnten einfacher außer Sichtweite geraten. Regisseur Christian Alvart fungiert als sein eigener Kameramann, was wahrscheinlich dabei hilft die Aufnahmen etwas durchdringender zu gestalten, als es sonst der Fall gewesen wäre, was zu akribisch sauberen und ordentlichen Bildern einer „hohlen“ Stadt führt. Freies Land stellt bei Leibe kein Meisterwerk dar, ist aber in jedem Fall als ein sehr anständiger Thriller zu bezeichnen, der neben seiner Kriminalgeschichte auch wegen der zeitgeschichtlichen Relevanz von Interesse sein sollte.

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  • Darsteller: Leonhard Kunz, Felix Kramer, Trystan Pütter, Marc Limpach, Ben Hartmann
  • Regisseur(e): Christian Alvart
  • Format: PAL
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: EuroVideo DVD
  • Produktionsjahr: 2019
  • Spieldauer: 129 Minuten

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von EuroVideo zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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