Giallo

GIALLO sucht seine Opfer nach Schönheit aus. Je schöner sie sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von ihm entführt werden. GIALLO spielt mit ihnen, misshandelt sie geistig und körperlich bevor er sie schließlich tötet. Und er ist verdammt schlau, er vergreift sich nur an Touristen, Frauen, die im Polizeidepartment keine Unterstützung finden. Sein letztes Opfer ist Celine, ein wunderschönes amerikanisches Model, deren Schwester Linda sich mit Hilfe eines FBI-Agenten auf die gefährliche Spur dieses mysteriösen Killers setzt. Auf der Spurensuche der beiden Verbündeten nach Celine trifft Linda zufällig auf GIALLO, der auch sie ins Visier nimmt, um sie zu töten. Beide Schwestern schweben in Lebensgefahr und die Uhr tickt. (Sony Pictures Entertainment)

Theoretisch gesehen schien Giallo seinem Regisseur Dario Argento die Möglichkeit zu bieten, seine Vergangenheit im Thriller-Bereich ordentlich zusammenzufassen und gleichzeitig einen Schritt in eine andere Richtung zu gehen. Doch das ist nur die Theorie. Die praktische Umsetzung hat nicht ganz so gut hingehauen. Der Film entstand nach einem Drehbuch des Autorenteams Sean Keller und Jim Agnew. Letzterer (ein Produzent von low-budget-direct-to-video Filmen, der beschloss, sich als Drehbuchautor zu versuchen) und Keller (ein Schauspieler, der zum Autor wurde) waren gute Freunde, die beschlossen gemeinsam einen Horrorfilm zu schreiben. Das Ergebnis ihrer Bemühungen war eine abgefahrene Genre-Hommage mit dem Titel LA Gothic, die schließlich im Schoß von Regisseur John Carpenter landete, der Interesse daran bekundete. Leider geriet das Projekt nach längerer Vorbereitungszeit ins Stocken und während dieser Zeit entschieden sich die beiden ihr Glück mit einem anderen Thema zu versuchen. Also heckten sie die Idee eines Mörders aus, der Turin terrorisiert (als Hommage an die gialli der 70er und 80er Jahre) und waren überglücklich, als Dario Argento den Wunsch äußerte das Drehbuch zu verfilmen.

Für Argento stellte der Film so etwas wie eine Herausforderung dar, denn es sollte das erste Mal sein, dass er einen Spielfilm inszenierte, den er nicht selbst geschrieben hatte (obwohl seine Beiträge zur Masters of Horror Serie Jenifer und Pelts ebenfalls von anderen Autoren verfasst wurden) und sich mit dem Thriller-Genre auf eine andere Art und Weise als gewohnt beschäftigte. Der Versuch mehr Realismus in den Plot einfließen zu lassen, veranlasste den Regisseur mit seinen Autoren daran zu arbeiten, viele der exzessiven Elemente der Geschichte abzuschwächen. Wie es das Schicksal wollte, hatten auch andere Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Materials. Das Projekt sollte ursprünglich mit Ray Liotta in der Rolle des Polizisten, Vincent Gallo in der Rolle des Mörders und Asia Argento als Heldin besetzt werden. Diese Traumbesetzung sollte allerdings auch ein Traum bleiben, da die ausgewählten Stars nach und nach aus dem Projekt ausschieden. Die Besetzung von Elsa Pataky (als entführte Celine) verschaffte der Produktion Zugang zu prominentem Ersatz. Oscar-Preisträger Adrien Brody befand sich zu dieser Zeit in einer Beziehung mit Pataky und zeigte Interesse an einer Zusammenarbeit mit Italiens amtierendem Meister des Grauens.

Brody stieg mit Enthusiasmus in das Projekt ein und erhielt sogar den Status eines Koproduzenten. Unter anderem wollte er zusätzlich die Rolle des wahnsinnigen Mörders spielen, allerdings stark geschminkt und unter dem Pseudonym Byron Deidra. Seine Besetzung in zwei Rollen sollte so geheim wie möglich gehalten werden, doch viele Zuschauer sollten die Täuschung durchschauen, weswegen das Ganze nicht sehr lange ein Geheimnis blieb. Brodys Casting führte auch dazu die Dienste des französischen Stars Emanuelle Seigner für die ursprünglich für Asia Argento vorgesehene Rolle zu sichern. Seigner (die Ehefrau des großen Roman Polanski) kannte Brody aus der Zeit, als er an dem Oscar-prämierten Holocaust-Drama Der Pianist (2002) ihres Mannes gearbeitet hatte und sie nahm die Rolle an. Obwohl der Film nicht ganz die Besetzung bieten konnte, die ursprünglich eingeplant war, konnte er dennoch mit amerikanischer (Brody) sowie europäischer (Seigner) Starpower aufwarten. Etwas, das Argentos vorherigen Arbeiten gefehlt hatte. Nachdem die Besetzung feststand, verliefen die Dreharbeiten bis zu einem gewissen Punkt ziemlich reibungslos, doch es wurde schon bald klar, dass die Produzenten Schecks ausstellten, die man nicht einlösen konnte.

Weder Brody noch Argento wurden ihre vertraglich vereinbarten Gehälter gezahlt und Brody würde die Produzenten schließlich vor Gericht zerren, um sich den Restbetrag seines Gehalts sichern zu können. Da ihm vertragliche Rechte an dem Film zustanden, wurde der Streifen bis zur Klärung der Angelegenheit vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Die Produzenten zahlten schließlich das Geld und Brody erlaubte die Veröffentlichung des Films … doch das brachte dann nicht mehr viel. Giallo feierte 2010 seine verspätete italienische Premiere auf DVD und wurde im folgenden Jahr kurz in die Kinos gebracht, wo es ihm nicht gelang für Furore zu sorgen. Im Ausland wurde der Film im Allgemeinen direkt auf DVD vertrieben und erhielt die schlechtesten Kritiken, die Argento jemals bekommen hatte. Seine Fans wiesen schnell darauf hin, dass der Regisseur die Kontrolle über den Streifen während der Postproduktion verloren hatte und dass das Scheitern des Films als Ganzes nicht allein ihm angelastet werden konnte.

Es stellt sich nun die Frage, erweist sich der Film denn wirklich als so schlecht? Die Antwort darauf kann als kompliziert bezeichnet werden. Einerseits kann man leicht nachvollziehen, warum der Film so geschmäht wird. Andererseits erweist er sich bei weitem nicht so schlecht, wie das Schlechteste, was der filone zu bieten hat, während es ihm dennoch nicht gelingt sich zumindest in mancher Hinsicht unterhaltsamer als Argentos Sleepless (2001) zu gestalten. Eines steht jedoch fest: Niemand, der mit der Produktion in Verbindung gebracht wird, kann stolz darauf sein. Was dem Publikum schon früh auffällt, ist, dass man den Streifen als vollkommen gewöhnlich beschreiben muss, denn stilistisch erwacht der Film nie richtig zum Leben. Argento lässt seine Kamera schleichen und verlässt sich auf schräge Winkel, um Flashback-Szenen hervorzuheben, doch die schiere technische Virtuosität, die seine besten Werke auszeichnet, ist hier nirgends zu sehen.

In Zusammenarbeit mit Kameramann Frederic Fasano (der bereits Ti piace Hitchcock?, 2005, und La terza madre, 2007, ähnlich unspektakulär fotografiert hatte) liefert Argento zwar eine kompetente, jedoch völlig unpersönliche Arbeit ab. Es gibt keine einzige erinnerungswürdige Szene im gesamten Film, was wirklich überrascht, wenn man sich mal Argentos Gesamtwerk anschaut. Zweifellos hat der Mangel an Geld und Ressourcen den Regisseur daran gehindert richtig loslegen zu können, allerdings möchte man hier auch nicht nach zu vielen Ausreden suchen. Im Wesentlichen gleitet Argento durch den Film, wie er es bei Sleepless getan hatte und huldigt seinen früheren Werken, ohne dabei etwas Neues oder Frisches zu präsentieren. Die Darstellung des Mörders ist geradezu als lächerlich zu bezeichnen, woran sowohl Argento als auch Brody die Schuld tragen. Es ist nicht klar, ob Agnew und Keller satirische Ambitionen im Sinn hatten, als sie den Film schrieben, doch sehr wahrscheinlich erscheint dies nicht.

Brodys Auftritt als Giallo (alias Flavio Volpe) ist als reine Peinlichkeit zu beschreiben. Ausgestattet mit miesem Make-up sowie schlechter Perücke, die ihn wie einen gelbsüchtigen Keith Richards aussehen lassen, murmelt er seine Zeilen auf äußerst unverständliche Art und Weise und frönt Pantomime der laienhaftesten Sorte. Es ist nur schwer zu glauben, dass Brody und/oder Argento beabsichtigten, dass die Figur ernst genommen werden soll, was auch gleichzeitig einen der größten Stolpersteine des Films darstellt. Durch die Umwandlung der Figur in eine wandelnde Pointe fliegt das Ansinnen von Spannung und Horror direkt aus dem Fenster. In den Sequenzen, in denen Giallo Butan schnauft oder einen Schnuller in den Mund steckt, während er zu Bildern seiner Verbrechen masturbiert, wird klar, dass es der Film so sehr übertreibt, sodass keine Hoffnung auf Besserung aufkeimen kann. Auf ähnliche Art und Weise scheint der Film die Ästhetik des sogenannten torture-porn Genres zu übernehmen.

Argentos Vorstoß in dieses Feld ist in mancherlei Hinsicht als überraschend elegant zu bezeichnen, wobei der Einfluss hauptsächlich ästhetischer Natur ist. Die Präsentation des Verstecks des Mörders erfolgt auf die gleiche ausgebleichte, schmutzige und schmuddelige Art und Weise, wie man sie in den Folterkammern der Hostel Filme oder im Versteck des psychotischen Serienmörders Jigsaw finden kann. In Bezug auf Gewalt wird vieles davon eher angedeutet, als gezeigt. Ob dies auf Budgetbegrenzungen oder einen bewussten Schritt von Argentos Seite aus zurückzuführen ist, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Dennoch gelingt es zwei denkwürdig bösartigen Momenten, wie beabsichtigt zu funktionieren: Giallo schneidet einem Opfer eine Fingerspitze ab (aus Sleepless übernommen, wo der Mörder die Fingernägel eines Opfers ziemlich ungeschickt abschneidet, um mögliche DNA-Spuren zu entfernen) und eine recht fiese Szene mit einer Figur, die sich an einer zerbrochenen Fensterscheibe festhält, während ihre Hände von den Glassplittern (die aus dem Metall ragen) zerschnitten werden (erinnert an den scheußlichen „Seilbrand“-Effekt aus Il gatto a nove code / Die neunschwänzige Katze, 1971).

Der Film ist keineswegs als inkompetent zu bezeichnen, noch ist er so hoffnungslos plump geraten, wie viele Rezensenten es dargestellt haben. Er präsentiert sich eben nur überraschend gesichtslos und es fehlt ihm an Stil sowie Autorität, was man von Argentos Filmen eigentlich nicht erwartet. Fasanos Fotografie erweist sich als professionell, doch es fehlt ihr an Atmosphäre. Marco Werbas Soundtrack ist als absolut generisch zu beschreiben, weswegen man sich nach denen von Ennio Morricone und Goblin zurücksehnt. Die Schockmomente sind im Allgemeinen als ungeschliffen zu beschreiben und hinterlassen keine großen Spuren. Nur das Ende erinnert an das Gefühl von Zweideutigkeit, das man mit Argentos klassischem Output verbindet, wobei selbst das anscheinend ein Zugeständnis gewesen ist. Es ist nicht klar ersichtlich, wie Argento den Schluss des Films gestalten wollte, doch anscheinend hatte er nicht dieses Ende im Sinn. Die Schauspieler befinden sich ungefähr auf dem gleichen Niveau wie das restliche Material. Brodys Auftritt als Avolfi erweist sich auf eine bestimmte Art und Weise als wirkungsvoll. Er runzelt die Stirn und raucht Kette, doch seine klischeehafte Hintergrundgeschichte – die (man kann es mit Leichtigkeit erraten) ein Kindheitstrauma beinhaltet – tut ihm keinen Gefallen.

Darüber hinaus posiert er und tut sein Bestes, um hart zu wirken, doch ihm fehlt die schiere physische Präsenz, die ein Schauspieler wie Ray Liotta in die Rolle hätte einfließen lassen können. Brody wurde 1973 in Queens geboren und besuchte bereits als Teenager eine Schauspielschule. Er trat ab Ende der 80er Jahre im amerikanischen Fernsehen auf und gab sein Kinodebüt mit einer kleinen Rolle in Francis Ford Coppolas Segment „Life Without Zoe“ aus New York Stories (New Yorker Geschichten, 1989). Terrence Mallick verschaffte ihm eine Traumrolle in The Thin Red Line (Der schmale Grat, 1998), schnitt aber viele seiner Szenen im Bearbeitungsprozess des Films heraus. Brody erbrachte eine starke Leistung als sexuell verwirrter Punker in Spike Lees Summer of Sam (1999) und gewann überraschend einen Oscar (gegen Daniel Day-Lewis, der in Martin Scorseses Gangs of New York triumphieren sollte) für seine sensible Leistung als jüdischer Pianist und Flüchtling Wladyslaw Szpilman in Roman Polanskis Der Pianist (2002).

Anschließend trat er in M. Night Shyamalans The Village (The Village – Das Dorf, 2004), Peter Jacksons King Kong (2005) und Wes Andersons The Darjeeling Limited (2005) auf, bevor er nach Turin ging, um mit Argento zu arbeiten. Zu seinen jüngsten Bemühungen gehören Woody Allens Midnight in Paris (2011) und Wes Andersons Grand Budapest Hotel (2014). Emanuelle Seigner, die mit den oft holprigen Dialogen zu kämpfen hat und dadurch etwas hilflos wirkt, verkörpert Linda. Seigner ist eine begnadete Schauspielerin, doch das Drehbuch und die Regie verstehen es nicht besonders gut ihr Talent vernünftig einzusetzen, weswegen sie manchmal ziemlich hölzern rüberkommt. Sie wurde 1966 in Paris geboren und in den 80er Jahren als Model berühmt. Seigner gab 1985 ihr Filmdebüt und wurde von Roman Polanski in seiner Hitchcock-Hommage Frantic (1988) besetzt, in der sie als Nutte (die den Schlüssel zum Geheimnis in den Händen hält) eine hervorragende Darstellung abliefert.

Seigner und Polanski verliebten sich ineinander und heirateten im Sommer 1989. Sie spielte daraufhin in seinen Filmen Bitter Moon (1992), Die neun Pforten (1999) und La Vénus à la fourrure (Venus im Pelz, 2013) mit, für die sie in Cannes als beste Schauspielerin nominiert wurde. Zu ihren weiteren Arbeiten zählen Olivier Dahans La Môme (La Vie en Rose) und Julian Schnabels Schmetterling und Taucherglocke (beide 2007). Nach Giallo sollte für Argento mit Dracula 3D (2012) ein weiterer „Auftragsjob“ folgen. Außerdem ließ er schon damals verlauten für einen weiteren Film zum giallo zurückkehren zu wollen, nämlich Occhiali neri (Schwarze Brille), der erst neulich auf der Berlinale seine Premiere gefeiert hat. Man kann nur hoffen, dass es sich dabei um ein Projekt handelt in das er voll und ganz eintauchen konnte, denn in Bestform hat dieser äußerst begabte Regisseur ein nur schwer zu übertreffendes Gespür für das „Genre“ und es wäre wirklich sehr schade, wenn sein (vermutlich) letztes Werk auf diesem Gebiet etwas so vollkommen Anonymes repräsentieren würde, wie Giallo es tut.

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  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur:‎ Argento, Dario
  • Medienformat:‎ Blu-ray
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 32 Minuten
  • Darsteller:‎ Brody, Adrien, Seigner, Emmanuelle, Pataky, Elsa, Miano, Robert, Izumi, Valentina
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
  • Studio:‎ Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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