Graf Zaroff – Genie des Bösen / The Most Dangerous Game

Graf Zaroff lebt abgeschieden auf seiner Privatinsel. Seine größte Leidenschaft ist die Jagd und seine bevorzugte Beute ist der Mensch. Diese Erfahrung muss auch der Reiseschriftsteller und Großwildjäger Bob Rainsford machen. Er ist der einzige Überlebende des Schiffs, das vor der Insel Zaroffs auf ein Riff gelaufen ist. Graf Zaroff empfängt den Schiffbrüchigen freundlich und stellt ihn zwei weiteren Gästen vor. Im Verlauf des Abends wird Rainsford und den beiden anderen klar, dass sie die nächsten Opfer Zaroffs werden sollen. Er lässt ihnen allerdings eine Chance: Überleben sie die Nacht, sind sie frei. Eine grausame Jagd beginnt. (Wicked-Vision Media)

Im 21. Jahrhundert, wo fast jede Art von Sex- und Gewaltdarstellung per Mausklick heruntergeladen werden kann und sogenannte Torture-Porn-Flics wie Saw, Hostel oder A Serbian Film die Kassen klingeln lassen, vergisst man oft, wie brutal und pervers Horrorfilme (in gewissem Maße) schon immer waren. Sogar die, die bereits vor beinahe 80 Jahren gedreht wurden, wie zum Beispiel The Most Dangerous Game, der eine klassische Mischung aus Grausamkeit, schauerlichem Horror und normwidrigen sexuellen Wünschen darstellt. Das Drehbuch hält sich recht eng an Robert Connells Kurzgeschichte, fügt allerdings ein Detail hinzu, das die Handlung auf subtile Art und Weise auf eine neue Ebene hebt, ohne die Unkompliziertheit zu verlieren, die das Quellmaterial so packend macht. Nachdem sein Schiff zerstört wurde, gelingt es dem weltberühmten Großwildjäger Robert Rainsford (Joel McCrea) sich auf eine nahe gelegene Insel zu retten. Rainsford findet im Schloss des mysteriösen Grafen Zaroff (Leslie Banks) Zuflucht und trifft dort auf Eve Trowbridge (Fay Wray) und ihren Bruder Martin (Robert Armstrong), die Überlebenden eines anderen Schiffunglücks. Schon bald findet sich die Gästeschafft in die wahnsinnigen Spiele ihres Gastgebers involviert, denn Zaroff fühlt sich gelangweilt Tieren nachzustellen und hat deshalb beschlossen, das gefährlichste Monster aller Zeiten zu jagen – den Menschen …

Graf Zaroff – Genie des Bösen hat überraschend viele sexuelle Untertöne zu bieten, die den gesamten Film durchziehen. Schon während des Vorspanns wird der Fokus auf die Eingangstür von Schloss Zaroff gelegt, genauer gesagt auf den geschnitzten Türklopfer, der einen Satyr mit wütendem Gesicht repräsentiert, der eine leicht bekleidete Frau in den Armen hält. Dasselbe Bild findet sich später auf den Wandteppichen wieder, die Zaroffs Mauern schmücken. Graf Zaroff selbst verhält sich so, als wäre er ständig geil, indem er seine Zigarette auf (unsubtile) phallische Weise herumwirbelt und redet, als stünde er andauernd kurz vorm Orgasmus. Sein Dialog ist gespickt mit Zeilen wie „kill then love, when you have known that, you have known ecstasy“, in denen er seinen Glauben an die Verbindung zwischen Gewalt und Sex explizit zum Ausdruck bringt. Die Intensität von Banks Darbietung wird durch ein raffiniertes Detail unterstützt, denn Zaroff erlitt im Ersten Weltkrieg Verletzungen durch die eine Gesichtshälfte vollkommen gelähmt ist. Dies wird im Film sehr gut genutzt, da fast alle Szenen, in denen er den charmanten Moderator spielt, nur eine Seite seines Gesichts zeigen, damit man die Ungleichheit seiner Augen nicht erkennen kann. In jeder Szene, in der er bedrohlich oder geil wirkt, wird sein komplettes Gesicht gezeigt. Hier präsentiert uns die verletzte Gesichtshälfte ein hervorquellendes, schielendes Auge, was jeden Moment aus seinem Schädel herausplatzen könnte. Ein weiteres sexuelles Element findet sich in der Figur von Eve Trowbridge, die in der ursprünglichen Kurzgeschichte gar nicht vorkommt, denn dort wird das Duell zwischen Rainsford und Zaroff nur als ein Kampf ums Überleben porträtiert. Während die Kombination der kurzen Laufzeit und der generellen Passivität ihres Charakters dazu führt, dass sie über ihre Erscheinung hinaus keinen massiven Eindruck hinterlässt, bedeutet ihre bloße Existenz, dass sich das Duell nun nicht mehr nur ums pure Überleben dreht, sondern noch zusätzlich um die Gunst einer potentiellen Partnerin, die man anschließend „beglücken“ kann. Kurz bevor Zaroff seine Gäste in den Wald entfliehen lässt, um sie jagen zu können, verkündet er „…one does not kill the female“, was impliziert, dass er nach der Ermordung Rainsfords beabsichtigt Eva zu vergewaltigen.

Doch genug über Sex, wie gestaltet sich der Horror? Während der Film in Bezug auf die Handlung in der Nähe seines literarischen Ausgangsmaterials verweilt, greift er in fast allen anderen Aspekten (Komposition, Kamera, Dialog, Produktionsdesign und Schauspielstil) stark auf die Tradition des „Grand Guignol“ zurück. Dies bedeutet, zumindest oberflächlich, auf Subtilität zu verzichten und die Grausamkeit des Themas, die verzerrten Sichtweisen der Charaktere, ihre Abscheulichkeit und ihren Sadismus auszuspielen. Deshalb bekommt man eine Menge an „ausgereiften“ Dialogen von Zaroff (als er anbietet sich um Evas Bruder „zu kümmern“, weiß man natürlich, was wirklich passieren wird) sowie beeindruckende Kamerafahrten geboten, die zu Nahaufnahmen von vorstehenden Augen führen. Zusätzlich lässt sich die Filmmusik in den Aspekten Lautstärke und Tempo, besonders während der Verfolgungsjagden, nicht einschränken. „Grand Guignol“ verzichtet auch auf den Einsatz des Übernatürlichen, zugunsten des Grauens, das der Mensch seinen Mitmenschen auferlegen kann, oder wie der Philosoph Noël Carroll sagte: „though gruesome, Grand-Guignol requires sadists rather than monsters.“ Dies wird hervorragend in der Szene resümiert, in der Eve und Rainsford Zaroffs Trophäenraum entdecken, der ausschließlich mit menschlichen Köpfen „geschmückt“ ist, die an der Wand montiert sind oder in Glasgefäßen schwimmen. Die Trophäen werden in Zaroffs Fall nicht für Rituale der schwarzen Magie oder für pseudowissenschaftliche Experimente benötigt, sondern drücken einfach nur aus, wie sehr sich der Graf damit selbst rühmt.

Wie es manchmal der Fall ist (Bela Lugosis Dracula oder Jack Nicholsons Joker sind gute Beispiele), überstrahlt der Bösewicht den Guten in seiner Komplexität, seinem Sexappeal und seinem Charisma, weswegen der Film erst dann zum Leben erwacht, wenn Graf Zaroff auftaucht. Mit seinem völligen Mangel an Einfühlungsvermögen seinen Opfern gegenüber, repräsentiert er den Vorläufer aller zukünftigen Slasher-Film-Maniacs, obwohl ihn seine Intelligenz und die raffinierte Rationalisierung seiner Handlungen (sowie seine Höflichkeit und sein anfänglicher Charme) eher als Hannibal Lecter, denn als Michael Myers erscheinen lassen. Das, was er tut, sieht er nicht als Mord an, sondern als ein Spiel (was dem Originaltitel des Films vielleicht auch eine interessante doppelte Bedeutung verleiht) mit strengen Regeln, weswegen es durchaus plausibel erscheint, dass er den Menschen die Freiheit schenkt, denen es gelingen sollte seine Jagd zu überleben. Was ist also mit unserem Helden? Rainsford ist kein Flash Gordon-Typ. Er jagt genauso gerne Tiere wie Zaroff, hat viele Bücher zu diesem Thema geschrieben (der Graf hat sie natürlich alle gelesen) und empfindet eindeutig auch kein Mitgefühl für seine Beute, da er der Überzeugung ist, dass sich diese gerne zu Tode hetzen lässt. Hier hat er jedoch die Möglichkeit herauszufinden, wie es sich anfühlt der Gejagte zu sein. Trotz seiner anfänglichen Bedenken Menschenleben zu nehmen, muss er bald erkennen, dass es bei dieser Art von Jagd keinen Platz für Nobilität gibt und wenn er die Insel lebend verlassen möchte, er genauso bösartig und rücksichtslos vorgehen muss wie sein Jäger.

Neben dem expliziteren Thema des Films gibt es auch noch einen zweiten, subtileren Strang des Schreckens. Wenn der Nervenkitzel der Jagd das Einzige ist, das Zaroff noch am Laufen hält, dann hat ihn die Erkenntnis, dass sie beginnt zu langweilen, an den Rand des Wahnsinns getrieben. Mit anderen Worten, er sieht sich mit einer existenziellen Krise konfrontiert. Das Thema der Existenz und ihrer Bedeutung oder Sinnlosigkeit stellt einen wesentlichen Bestandteil des Horror-Genres dar. Dracula muss die Schrecken des ewigen Lebens genauso erdulden, wie Frankenstein den Horror eine künstlich erschaffene Kreatur zu sein. Hier trifft Zaroff auf ein klassisches Paradoxon: Wenn unsere Ziele und Ambitionen die einzigen Dinge sind, die unserem Leben einen Sinn geben, was tun wir, wenn wir diese Ziele erreicht haben? Sollten wir uns neue Ziele setzen? Doch was geschieht, wenn wir auch diese erreicht haben? Wie viele neue Ziele können wir uns setzen? Und was ist, wenn wir diese nicht erreichen? Macht uns das zu Versagern? The Most Dangerous Game gibt darauf keine einfachen Antworten und lässt sein Publikum daher sehr nachdenklich zurück. Die Geschichte wurde mit Robert Wises A Game of Death (1945) offiziell neu umgesetzt, während über die Jahre auch viele Rip-offs produziert wurden (The Woman Hunt, Insel der Verdammten und Surviving the Game/Tötet ihn!, um nur einige zu nennen). Manche dieser „Adaptionen“ sind gelungener als andere, doch keine dieser Versionen kommt mit solcher Wucht daher und fängt das Gefühl von sexuell aufgeladener Gewalt und des Wahnsinns so ein, wie Graf Zaroff – Genie des Bösen es tut.

Wicked-Vision Media veröffentlicht Graf Zaroff – Genie des Bösen als 2-Disc Limited Special Edition (limitiert auf 1000 Stück) auf BluRay und DVD. Bild (1,33:1-1080p / 1,33:1 Vollbild) und Ton (deutsch + englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf hohem Niveau, bedenkt man das Alter des Films, gibt‘s da nichts zu meckern. Deutsche oder englische Untertitel können zugeschaltet werden. Extras: Wendecover, Trailer, Bildergalerie, 52-seitiges Booklet mit einem Essay von Clemens G. Williges (Deutsch/Englisch); Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Dr. Gerd Naumann (2019); Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen (2006); Einleitung von Dr. Rolf Giesen und „The Most Dangerous Game“: Die Remakes. Insgesamt handelt es sich bei Graf Zaroff – Genie des Bösen um eine äußerst gelungene Edition, die in keinem Regal von Liebhabern des klassischen Films fehlen sollte.

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Darsteller: Joel McCrea, Fay Wray, Leslie Banks, Robert Armstrong
Regisseur(e): Irving Pichel, Ernest B. Schoedsack
Format: Blu-ray, DVD
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Alle Regionen
Bildseitenformat: 4:3 – 1.33:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Wicked-Vision Media
Produktionsjahr: 1932
Spieldauer: 63 Minuten

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Diese Edition wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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