Hamburger Hill

Vietnam im Jahr 1969. Der Hügel mit der Nummer 937 wird von den amerikanischen Soldaten Hamburger Hill genannt, weil dort ihre Kameraden vom Feind zu Hackfleisch verarbeitet werden. 600 von ihnen sitzen dort fest und müssen diesen eigentlich unbedeutenden Hügel mit ihrem Leben verteidigen. Kaum einer wird dieses Massaker überleben… (NSM Records)

Hamburger Hill ist der dritte Vietnam-Kriegsfilm (und in vielerlei Hinsicht der authentischste) der 1987 veröffentlicht wurde. Nicht dass Platoon und Full Metal Jacket alles andere als gewissenhaft in ihren Nachbildungen der Vietnam-Szene gewesen wären, denn tatsächlich waren Veteranen an der Produktion aller drei Filme zentral beteiligt, um die Richtigkeit zumindest in Bezug auf Atmosphäre und Sprache sicherzustellen. Platoon und Full Metal Jacket erwecken den Krieg zum bildhaften Leben, indem sie ihren Geschichten eine hochgesteckt narrative Struktur und ein anspruchsvolles Thema auferlegen. Hamburger Hill, der auf einer echten Schlacht basiert, verfolgt den umgekehrten Ansatz. Hier wird die Kriegserfahrung in einem schnörkellosen Stil gerendert.

Die ersten 40 Minuten des Films gestalten sich in der Tat beinahe völlig formlos. Man bekommt eine Reihe von Szenen vorgesetzt, die praktisch nichts miteinander zu tun haben. Die einzige Ausnahme besteht darin, dass einige Charaktere immer wieder auftauchen (die meisten unbekannten Schauspieler sind kaum zu unterscheiden, außer Courtney B. Vance als Doc). Diese geben pikante Einblicke in die Sprache und das Verhalten der Soldaten während des militärischen Konflikts. Schließlich befasst sich der Film dann mit dem zum Scheitern verurteilten Angriff auf einen wertlosen Hügel. Die amerikanischen Streitkräfte kämpfen sich den Hügel hinauf, werden zurückgeschlagen und kämpfen sich wieder den Hügel hinauf. Gelegentlich werden sie dabei von ihren eigenen Hubschraubern abgeschossen. Ihre Körper werden in grausamen Details auseinandergerissen, obwohl es keinen logischen Grund dafür zu geben scheint, da die Eroberung des Hügels alles andere, als etwas Logisches darstellt.

Es bleibt zu vermuten, dass Autor und Produzent Jim Carabatsos sowie Regisseur John Irvin Hamburger Hill zu einem bewusst formlosen Film gemacht haben, weil sie sich dem wirklichen Krieg annähern wollten. Mit anderen Worten, wenn der Krieg kein Design hatte, warum sollte dann der Film eines haben? Keine Form, keine großen Momente, kein kathartisches Ende; nur eine Aneinanderreihung von brutalen Ereignissen und plötzlichen Todesfällen, ohne eine unterstützende Bedeutung oder einen unterstützenden Zweck. Das macht Sinn, wenn man versucht die Geschehnisse des Krieges recht authentisch wiederzugeben, was Hamburger Hill jedoch davon abhält, so emotional engagiert zu sein wie Platoon oder Full Metal Jacket. Hier gibt es einfach nichts woran man sich festhalten kann, keinen Sinn für Struktur oder gar Vorwärtsbewegung – was (wie die Filmemacher vielleicht argumentieren mögen) genau der Punkt ist.

Sollte dies ihre Absicht gewesen sein, so lässt das den Streifen noch immer nicht ganz erfolgreich werden. Die vereinfachende Natur des Films, wie zum Beispiel die offensichtliche Verwendung von The Animals‘ „We Gotta Get Out of This Place“, zieht ihn schließlich nach unten, egal wie genau seine Beobachtungen auch sein mögen. Doch die überwältigende Klaustrophobie der graugrünen Kinematographie (und Philip Glass‘ Musik) gestaltet sich nach einer Weile unerbittlich überzeugend. Carabatsos, der in Vietnam gedient hat, neigt dazu in Filmklischee-Situationen zu geraten, obwohl dieses Drehbuch den beiden, die er im Jahr zuvor geschrieben hatte (Heartbreak Ridge und No Mercy / Gnadenlos), weit überlegen ist. Carabatsos‘ Dialog ist als profan und umfassend gut beobachtet zu beschreiben, so wie zum Beispiel die von einer Freundin besprochene Kassette zu vermitteln weiß, die einen der Soldaten dazu drängt, „auf seinen Bildern mehr zu lächeln“. Vielleicht ist es Carabatsos gelungen die ultimative Zusammenfassung einer Kriegserfahrung zu finden: Ein weit entfernter Schrei lässt die asiatische Nacht erschauern und meilenweit entfernt hält ein Soldat inne, um verlauten zu lassen: „Baaaaad dream …“

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Irvin, John
  • Laufzeit: 1 Stunde und 50 Minuten
  • Darsteller: Cheadle, Don, McDermott, Dylan, Vance, Courtney B., Barrile, Anthony, Boatman, Michael
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Studio: NSM Records

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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