Haus des Grauens / Paranoiac!

Ein morbides Familiendrama, das sich um Psychosen, Neurosen, Schizophrenie und jede Art von Perversion rankt. Das volle Kompendium der Freudschen Psychoanalyse verdichtet sich und explodiert in grausiger Mordlust. Im Hintergrund geht es um eine Millionenerbschaft, die die liebenswerten Anwärter, die Ashbys, auf keinen Fall mit einem plötzlich auftretenden, tot geglaubten Familienmitglied teilen wollen. (Anolis)

Die wohlhabende Familie Ashby wurde durch den Tod von Mr. und Mrs. Ashby bei einem Flugzeugabsturz erschüttert, als deren drei Kinder noch sehr jung waren und sich in der Obhut ihrer Tante Harriet befanden. Der älteste Sohn, Anthony, beging Selbstmord, als er mit 15 Jahren von einer Klippe ins Meer sprang. Der zweite Sohn, Simon, ist jetzt ein grausamer, verschwenderischer Alkoholiker, der versucht, seine Schwester Eleanor in den Wahnsinn zu treiben, damit er den Nachlass ihrer verstorbenen Eltern allein erben kann. Er hat nur noch drei Wochen Zeit, bis die Anwälte ihm das Familienvermögen übergeben würden. Doch dann erscheint ein mysteriöser Mann, der behauptet Tony zu sein, aber außer Eleanor scheint ihn ansonsten niemand sehen zu können. Verzweifelt versucht Eleanor daraufhin ebenfalls, sich von derselben Klippe zu stürzen, wie ihr Bruder, doch der mysteriöse Mann taucht plötzlich auf, um sie zu retten. Simon ist sich der Identität des Mannes nicht sicher, während Tante Harriet überzeugt davon ist, er sei ein Betrüger. Obwohl Haus des Grauens im Allgemeinen als nicht so gut wie Ein Toter spielt Klavier (Taste Of Fear, 1961) angesehen wird, kann man diesen ähnlich gearteten Film, der zusätzlich mit einer Brise Horror angereichert wurde, eventuell ein bisschen mehr genießen. Vielleicht ist er nicht ganz so künstlerisch veranlagt, wie Seth Holts Film, dafür allerdings spannungsgeladener, in manchen Szenen wirklich gruselig und er hat eine Handlung zu bieten, die nicht voll von klaffenden Logiklöchern ist, welche Ein Toter spielt Klavier wirklich geschadet haben. Haus des Grauens präsentiert sich höchst atmosphärisch und ist sicherlich in der Lage Spannung aufzubauen. Nicht gerade ein Klassiker, aber immer noch ein unterschätzter kleiner Streifen, der es bestens versteht seine Zuschauer zu manipulieren.

Hammer kaufte 1954 die Rechte an Josephine Teys Roman Brat Farrar aus dem Jahr 1949, doch erst 1958 wurde ein Drehbuch geschrieben, als Paul Dehn, damals besser als Filmkritiker bekannt, denn als Drehbuchautor, eine ziemlich werkgetreue Adaption vornahm. Als einer der vielen Hammer, die von Columbia in den USA vertrieben wurden, stellte das Studio dieses Projekt wegen der Kosten, die nötig waren, um den „lebenden“ Hintergrund der Geschichte darzustellen, ein und Columbia verlor das Interesse. Im Jahr 1962, trotz der Tatsache, dass Taste Of Fear eher ein kritischer Erfolg als ein kommerzieller gewesen war, entschied Hammer, dass die Geschichte von Paranoiac! (die ähnlich angelegt war), einen kommerziellen Wert hatte und veranlasste Jimmy Sangster dazu ein weiteres Drehbuch zu schreiben, das die ursprünglichen Settings aussparte, die Anzahl der Charaktere verringerte und die Handlung zugunsten ein paar mehr Wendungen einschließlich eines anderen Endes abänderte. Das Ergebnis war so weit vom Roman entfernt, so dass sich Hammer beinahe nicht mehr um die erforderliche Erweiterung ihrer Leinwandrechte kümmerte. Unter der Regie von Freddie Francis in den Bray-Studios (mit einigen Außenaufnahmen auf der Isle of Purbeck, Surrey) gedreht, wurde der Film in den USA von Universal veröffentlicht und sowohl in den USA, als auch in Großbritannien, als Doppelvorstellung mit Der Kuss des Vampir (The Kiss Of The Vampire, 1963) in die Kinos gebracht. Paranoaic! kam beim Publikum ziemlich gut an, während Teys Roman mit der BBC Mini-Serie von 1986 eine bessere Umsetzung spendiert wurde.

Die Eröffnungsszene in einer Kirche eröffnet dem Publikum etwas an Hintergrund und die Geschichte geht wirklich sofort los, wobei sich nicht viele Filme dafür entscheiden, ihre Heldin von Anfang an schon ein bisschen verrückt wirken zu lassen. Ob der seltsame Mann, der ihr erscheint, ihr lang verlorener Bruder ist oder nicht, hat wenig mit der Tatsache zu tun, dass sie einfach „nicht ganz da ist“, vermutlich weil sie noch immer nicht den Tod ihrer Eltern und ihres Bruders überwunden hat. Es scheint so, als würde sie sich ihren toten Bruder wieder „herbeidenken“, weswegen man beginnt sich zu fragen, wie nahe sich die Geschwister als Kinder wirklich waren. Eleanors anderer Bruder Simon porträtiert dagegen einen unangenehmen Alkoholiker, der eindeutig seine ganz eigenen Probleme hat und wahrscheinlich trinkt, um mit diesen fertig zu werden. Man muss schon ziemlich schmunzeln, wenn Oliver Reed einen Charakter spielt, dessen erste Zeile lautet: „Ich habe getrunken … und jetzt trinke ich noch mehr!“. Simon schüttet entweder Brandy in sich hinein oder ist in den meisten seiner Szenen einfach nur äußerst schräg drauf. Wie sehr hat Reed hier wohl gespielt, obwohl er 1962 noch nicht seinen Ruf als höllischer Alkoholiker hatte? Der Film enthüllt schon früh, dass er versucht, Eleanor wegen des Erbes mit Hilfe von Francoise, der Zofe, in den Wahnsinn zu treiben, doch das ist kein Problem, denn die Hauptintrige scheint den Fremden zu betreffen, der sich nach ein paar leicht unheimlichen Auftritten der ganzen Familie offenbart, indem er Eleanors Selbstmordversuch vereitelt.

Die Handlung, obwohl gegen Ende ziemlich gehetzt, präsentiert sich überraschend luftdicht, wobei es immer bequem und leicht ist, die widersprüchlichen Handlungen eines Charakters weg zu erklären, wenn er oder sie nachweislich verrückt ist. Es gibt mehr als eine Brise Inzest zu verdauen, als sich Eleanor eindeutig in ihren „Bruder“ verliebt und ihn sogar auf die Lippen küsst, bevor sie zurückschreckt, und auch die ungewöhnliche Beziehung zwischen Simon und Tante Harriet findet trotz der Bemühungen des Zensors noch eine Andeutung. Außerdem gibt es eine großartig aufgenommene Mord-Szene an einem Teich, die, wenn sie in einem Film von Alfred Hitchcock Anwendung gefunden hätte, bis heute bekannt und viel diskutiert wäre. Man beobachtet wie ein Opfer erwürgt wird, wobei Francis zu zuvor ruhigen Enten auf dem Wasser umblended, die nun aufgescheucht umherflattern. Es folgt eine brillante Aufnahme des im Wasser reflektierenden Gesichts des Mörders, der ein teuflisches Grinsen aufgesetzt hat. Obwohl Arthur Grant, der viele großartige film noir-artige Aufnahmen von Gesichtern im Schatten auffährt, der Kameramann war, ist die Hand von Regisseur Freddie Francis leicht zu erkennen, der schon bei Schloss des Schreckens (The Innocents, 1961) ähnliche fotografische Aufgaben übernommen und damit enorm zum Effekt dieses furchterregenden Klassikers beigetragen hat. Es gibt keinen Zweifel, Haus des Grauens ist ein großartiger Film ist, der die Zuschauer beinahe glauben lässt, dass sich die vertrauten Bray-Interieurs tatsächlich in einem düsteren alten Haus an einer Klippe irgendwo am Meer befinden.

Janette Scott ist nicht wirklich zu mehr verpflichtet, als nur eine sehr schwache Persönlichkeit zu verkörpern, die des Nachts in langen, wallenden Gewändern im Haus umherwandert, doch dies gelingt ihr recht gut. Reed legt seinen rachsüchtigen, aber gleichzeitig coolen und charmanten Soziopathen so exzellent an, dass dessen schreckliche Wutanfälle extrem beängstigend rüberkommen. Alexander Davion spielt als „Tony“ zu Beginn recht hölzern, was sich im Verlauf des Films allerdings bessert. Elisabeth Lutyens zweite Filmmusik für Hammer ist sehr avantgardistisch und diskordant ausgefallen, mit wenigen unterschiedlichen Themen, die jedoch ein unheimliches Gefühl von Wahnsinn erzeugen. Haus des Grauens fühlt sich ein wenig an, als ob ein paar Szenen fehlen würden, als ob dem Studio das Geld ausgegangen wäre, um diese aufnehmen zu können, aber aus Francis‘, Sangsters und Feys Verschmelzung und leichter Aktualisierung der archetypischen viktorianisch sensationistischen Fiktionsmerkmale (Enterbung, dunkle Familiengeheimnisse, Doppelgänger, Wahnsinn usw.) ist insgesamt ein ziemlich cleverer und gut gearbeiteter Beispiel-Thriller geworden, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Immerhin handelt es sich in mancher Hinsicht noch immer um Hammer Horror.

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  • Darsteller: Oliver Reed, Sheila Burrell, Alexander Davion, Liliane Brousse, Janette Scott
  • Regisseur: Freddie Francis
  • Format: Widescreen
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1963
  • Spieldauer: 80 Minuten

Haus des Grauens erscheint als Mediabook mit zwei unterschiedlichen Covern sowie als Softbox im Hause Anolis Entertainment, wobei man das Label zu dieser gelungenen Veröffentlichung wieder einmal nur beglückwünschen kann. Die Scheibe weiß nicht nur auf technischem Gebiet zu überzeugen, sondern hat wie immer auch wieder Einiges an interessanten Extras zu bieten. Das Bild wird in High Definition Widescreen (16:9; 2,35:1) 1920x1080p präsentiert und sieht wunderbar aus. Bei der Qualität der beiden angebotenen Tonspuren (Deutsch und Englisch DTS HD-MA 2.0 Mono) gibt es ebenfalls keine Beschwerde anzumelden. Wer den Film in der Originalsprache anschauen möchte, dem Englischen aber nicht mächtig ist, hat die Möglichkeit deutsche Untertitel zuzuschalten. Neben dem Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz, der wie gewohnt sehr informativ ist, weiß das Making of „Paranoiac über Fakten und Zahlen der Produktion zu berichten sowie sich an die Atmosphäre am Set und Anekdoten von den Dreharbeiten zu erinnern. Darüber hinaus halten die Extras einen amerikanischen Kinotrailer, verschiedene Werberatschläge, ein Filmprogramm und eine Bildergalerie bereit. Das 24-seitige Booklet, geschrieben von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad ist exklusiv nur im Mediabook enthalten. Wir freuen uns über die tolle Veröffentlichung eines vergessen geglaubten Films und sind bereits auf viele weitere Streifen aus dem Hause Hammer beziehungsweise Anolis gespannt!

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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