Henry: Portrait of a Serial Killer

Henry teilt sich mit seinem alten Knastkumpan Otis eine schäbige Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel in Chicago. Was Otis weiß: Henry arbeitet tagsüber als Kammerjäger. Was Otis nicht weiß: so wie andere abends fernsehen bringt Henry in seiner Freizeit wahllos Leute um – einfach so, aus Langeweile und zum Zeitvertreib. Als Otis’ Schwester Becky dann aber überraschend einzieht, ist es vorbei mit dem schweigsamen Nebeneinander der beiden Männer. Henry öffnet sich zusehends und findet bald in Otis einen mehr als willigen Schüler. Von nun an ziehen die zwei gemeinsam mordend durch die Stadt und Becky ahnt nicht das Geringste… (Bildstörung)

Alle paar Jahre kommt ein Film aus dem Nichts daher, der mit einem Budget von Null gedreht wurde und der so grausam ist (auf die Art und Weise wie er sich mit seinen Zähnen in der Gesellschaft und jeder Sensibilität verbeißt), dass er das Horror-Genre manchmal auf den Kopf stellt. Als Beispiele könnte man diese Filme nennen: Die Nacht der lebenden Toten (1968), The Texas Chain Saw Massacre (Blutgericht in Texas, 1974), The Evil Dead (Tanz der Teufel, 1981) und NEKRomantik (1987). Henry: Portrait of a Serial Killer hat in den späten 80ern das Gleiche getan. Eine weitere Sache, die diese Filme verbindet sowie begleitet, ist ihre Kontroversität, worunter Henry: Portrait of a Serial Killer leiden musste, da der Streifen in mehreren Ländern verboten war und drei Jahre (bis 1989) zurückgehalten wurde, bevor er in den USA veröffentlicht werden durfte. Bei dieser Version handelt es sich um eine gekürzte, da sie um sechs Minuten Laufzeit geschnitten wurde, einschließlich der berüchtigten Szene, in der Henry und Otis ein Kind wegblasen. Doch auch in gekürzter Form stellt Henry: Portrait of a Serial Killer noch immer einen sehr intensiven Film dar.

Was Henry: Portrait of a Serial Killer so beunruhigend macht, ist seine enorme Gewöhnlichkeit. John McNaughton verschnörkelt seine Regieführung nicht mit Horrorfilm-Merkmalen wie Spannung, Stalking-Szenen, jump-scares und dergleichen. Stattdessen scheint sich die Kamera nur ausdruckslos auf die Aktion zu konzentrieren und diese so desinteressiert aufzuzeichnen, wie ein Auto durch die Straßen von Chicago fährt. Der Hauptpsychopath hier ist kein Hannibal Lecter, der manipuliert und äußerst raffiniert vorgeht, oder ein Bösewicht, der im Sommercamp unter den Teenagern aufräumt – wie eine Werbezeile des Films verlauten lässt: „Er ist nicht Freddy, er ist nicht Jason, er ist echt“ – ja, er ist nur ein gewöhnlicher, arbeitsloser, konventioneller Mensch. Anstatt in einem Herrenhaus oder einer Variation des alten dunklen Schlosses zu spielen, findet der Großteil des Films in einer trostlosen Wohnung rund um einen Küchentisch statt, was das Ergebnis in gewisser Weise noch beängstigender gestaltet. Die zurückhaltende Lässigkeit des Films kommt enorm verstörend rüber. In den Eröffnungsszenen ist Henry (Michael Rooker) zu sehen, wie er eine Anhalterin mit einer Gitarre mitnimmt und ein paar Szenen später die Gitarre Otis (Tom Towles) beiläufig übergibt und sagt, es sei nur „something I came by.” Oder die Szene, in der die beiden einen Autofahrer dazu bringen, am Straßenrand anzuhalten, um ihn dann zu erschießen sowie über die Tat zu lachen, als würden zwei Trinkkumpane miteinander feiern.

Eine der beunruhigenderen Szenen ist die, in der Henry und Becky (Tracy Arnold) am Tisch sitzen und sie berichtet, wie sie von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde, wobei sich die Kamera seinem teilnahmslosen Gesicht nähert und er mit kalter, kühler Vehemenz verkündet: “My mother was a whore”. Daraufhin beginnt er zu erzählen, wie er sie getötet hat, weil er von ihr gezwungen wurde ihr beim Sex mit ihren Freiern zuzuschauen. Am Ende seiner Erzählung kommt er jedoch bezüglich der Tötungsart etwas durcheinander, als ob alle Frauen, die er seitdem getötet hat, in seinem Gedächtnis zu einem ununterscheidbaren Ganzen verschwommen wären. John McNaughton erreicht viel in der Art und Weise, wie er seine Charaktere formt, obwohl dies ironischerweise weitgehend dadurch geschieht, dass ihre Motivationen unausgesprochen bleiben. Als Erklärung seiner Beweggründe bietet Henry allenfalls ein “It’s either you or them, one way or another” an. Michael Rooker baute sich in Filmen einen Ruf als bullig solide Nebenfigur auf, schien aber nie besser für eine Rolle geeignet zu sein, als für die von Henry. Sein Aussehen und seine seidige stimmig leise Artikulation scheinen darauf abgestimmt zu sein, eine ausdruckslose Verdrießlichkeit darzustellen, die brütet und brütet, um dann in purer psychopathischer Gewalt zu explodieren.

Indem John McNaughton Otis absichtlich gereizt, plump und unsympathisch erscheinen lässt, zieht er sein Publikum in eine verstörende Neudefinition von Normalität hinein. Wobei eine beängstigende Neudefinition von Normalität dabei herauskommt – “You tellin’ me you never killed anybody before?” wird Otis einmal ungläubig von Henry gefragt. Wäre Henry: Portrait of a Serial Killer ein anderer Film, hätte der sprachliche Austausch der beiden etwas Komisches generieren können – wie in der Szene, in der Otis einen Autofahrer erschießt, der ihnen eigentlich nur helfen wollte und dann von Henry fast schon spöttisch gefragt wird: “Feel better now?” Die sympathischste Figur des Films wird von Becky repräsentiert – ihr Mitgefühl ist eindeutig fehl am Platz und viel zu undifferenziert, ihre Qualität immer etwas traurig zu klingen stellt jedoch den normalsten und ansprechendsten Aspekt des Flicks dar. Ungeachtet dessen, wer Henry eigentlich ist, möchte man schon beinahe sehen, wie die beiden zusammenkommen.

Henry: Portrait of a Serial Killer basiert lose auf der wahren Geschichte des Serienmörders Henry Lee Lucas. Lucas wurde 1983 in Texas verhaftet und hat in Polizeigewahrsam gestanden, bei seinen Streifzügen durch die USA bis zu 600 Menschen getötet zu haben. Polizeibeamte aus verschiedensten Counties stellten sich in Reihe an, um mit Henry sprechen zu können und konnten danach die Akten von ca. 150 Fällen schließen, wobei Henry angeblich Details lieferte, die nur der Mörder wissen konnte. Wie der Film allgemein erzählt, verbrachte Henry einige Zeit in Begleitung eines anderen Herumtreibers und bekennenden Mehrfachmörders, des schwulen Strichjungen Ottis Toole, der nach seiner Verhaftung ebenfalls mehrere Morde gestand. Henry hatte auch mit Ottis‘ minderjähriger Cousine Frieda ‚Becky‘ Powell zu tun, die er später ermordete.

Erst nach der Veröffentlichung von Henry: Portrait of a Serial Killer kam heraus, dass die meisten von Henry Lee Lucas‘ Geständnissen einfach falsch waren. In fast allen Fällen war Henrys Geständnis die einzige Sache, die ihn mit dem Mord in Verbindung brachte und von keiner Forensik unterstützt wurde. Viele Ermittler stellten Unstimmigkeiten fest, beispielsweise hielt sich Lucas zum Zeitpunkt von bestimmten Morden in ganz anderen Bundesstaaten auf, als er behauptete. Es wurde angenommen, dass Lucas die meisten Fälle gestanden hatte, weil er sich über den Sensualismus und den Übereifer der Polizeieinsatzgruppe freute, die ihm bereitwillig Tatortfotos zeigte. 1998 war Lucas‘ Todesurteil das einzige, das vom damaligen Gouverneur von Texas, George W. Bush, jemals umgesetzt wurde. Dies versetzt den Film in die peinliche Lage auf üblem Betrug zu beruhen, wobei geschätzt wird, dass Henry Lee Lucas höchstens fünfzehn Menschen getötet hat, also weniger als ein halbes Dutzend. Was allerdings wirklich auf wahren Ereignissen beruht ist Henrys Mord an seiner Mutter, der er tatsächlich häufig beim Sex mit anderen Männern zugucken musste.

Henry: Portrait of a Serial Killer ist ein beunruhigend effektiver Film. Leider entwickelte sich John McNaughtons Karriere nach Henry etwas unbeständig. Er drehte den problembehafteten Sci-Fi-Flick The Borrower (Alienkiller, 1991), der bei seiner letztendlichen Veröffentlichung stark enttäuschte. McNaughton nahm mit dem witzigen Mad Dog and Glory (Sein Name ist Mad Dog, 1993) wieder Fahrt auf, doch trotz guter Kritiken wurde daraus ein Flop und McNaughton musste zunächst fürs Fernsehen Regie führen. Bis er 1998 mit dem wunderbar schmuddeligen Sex-Thriller Wild Things erneut einen Hit landete, um anschließend wieder fürs TV zu arbeiten. Auch der Horrorfilm The Harvest (Haus des Zorns – The Harvest, 2013) geht auf sein Konto. 1996 wurde eine Fortsetzung von Henry mit dem originellen Titel Henry: Portrait of a Serial Killer Part II veröffentlicht, obwohl der Streifen weder das Personal des Originals involvierte, noch dessen pure Wirksamkeit heraufbeschwören konnte. Drifter: Henry Lee Lucas (2009) mit Antonio Sabato Jr. ist ein weiterer Film, der auf der Geschichte von Henry Lee Lucas basiert und die Tatsache genauer beschreibt, dass Lucas die meisten seiner Geständnisse erfunden hat.

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  • Seitenverhältnis : 4:3 – 1.33:1
  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur : John McNaughton
  • Medienformat : Dolby
  • Laufzeit : 1 Stunde und 22 Minuten
  • Erscheinungstermin : 26. Oktober 2012
  • Darsteller : Michael Rooker, Tracy Arnold, Tom Towles, Michael Rooker, Tracy Arnold
  • Untertitel: : Deutsch
  • Sprache, : Deutsch (PCM Mono), Englisch (PCM Mono)
  • Studio : Bildstörung
Die echten Serienmörder: Ottis Toole und Henry Lee Lucas

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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