HHhH – The Man with the Iron Heart

Beim nächtlichen Spaziergang durch Den Haag entschloss ich mich vergangenen Sonntag spontan, den neuen Film von Cedric Jimenez (La French) im Kino zu sehen, der in Deutschland noch nicht mal einen Starttermin hat. The Man with the Iron Heart, wie der Roman auch manchmal HHhH genannt (Trailer und Poster hatten wir schon mal vorgestellt), erzählt eine Geschichte ähnlich dem vor einigen Monaten bereits erschienen Film Operation Anthropoid mit Cillian Murphy. Was die beiden Filme unterscheidet, ist einmal die Geschichte Heydrichs die hier erzählt wird, und andererseits der ungleich höhere Grad an künstlerischer Ambition. Während Anthropoid ein geradliniges Kriegsdrama ist, bzw. ein Agententhriller, stellt HHhH eher einen Arthouse Film dar, der verzweifelt versucht, ein eigentliches Holocaust-Drama mitten auf halber Strecke in einen Agententhriller zu verwandeln. Kann das klappen?

Jimenez schuf mit La French einen nicht sehr originellen, aber wunderschönen und ultra coolen Gangsterfilm im Stil von Heat, mit einem Hauch aus 70er Jahre Charme. Ein Film dem man bei jeder Szene seine Vorbilder erkennen konnte, insbesondere The French Connection, der Film mit Gene Hackman über das gleiche Thema. Den Film mochte ich sehr, unsere Kritik auf Nischenkino lohnt sich, nachzulesen. Mit HHhH packt Jiminez ein sehr interessantes, und völlig anderes, Thema an.

Der 2010 erschienene Historienroman von Laurent Binet ist eine Art „Doku-Fiction“ und handelt vom semi-erfolgreichen Attentat auf den SS Obergruppenführer Heydrich (Wikipedia), der 1943 als Herrscher über Böhmen und Mähren in Prag oberster Stellvertreter des sogenannten Dritten Reichs war. Diese vom tschechischen Widerstand organisierte „Operation Anthropoid“ (Wikipedia) kostete dem Nazi zwar das Leben, führte aber zu grausamsten Vergeltungsmassakern der SS. Die im schottischen Exil trainierten Untergrundkämpfer, Kubis und Gabcik, kamen wie ihre anderen Kameraden bei anschließenden Kämpfen ums Leben, ebenso wie die Anführer des tschechischen Widerstands, „Die drei Könige“.

Was den Roman, und bis auf einige Elemente (wie die Perspektive des Autors) auch den Film, interessant macht, ist die Verschmelzung von historischer Genauigkeit mit eigener Interpretation und Deutungsversuchen. Ich kenne den Roman selbst nicht, man merkt dem Film aber seine literarischen Ursprünge an.

Die erste Hälfte des Films zeigt in etwa den Werdegang von Heydrich, ein schwieriger Charakter, dessen primäre Eigenschaften ein starkes Temperament aber auch eine gewisse Versessenheit und Entschlossenheit zu sein scheinen. Er glänzt durch Effizienz, Managementerfolge und einer Verbissenheit, Dinge zu optimieren. In die NSDAP holt ihn seine künftige Frau, eine überzeugte Nationalsozialistin. Vom Film bekommt man den Eindruck als wäre Heydrich eher weniger ein Ideologe gewesen, als einfach ein Effizienznarr. Als Zuschauer grübelt man verdutzt, ob er Millionen Juden nicht aus Rassismus, sondern aus betriebswirtschaftlichem Ehrgeiz umbrachte. Was diese erste Hälfte des Films gut macht, ist die quälend realistische Darstellung des Aufstiegs dieses Massenmörders, was sie schlecht macht ist die scheinbare erzählerische Grundlosigkeit dieser Darstellung.

Die zweite Hälfte des Films zeigt die Ankunft der Untergrundkämpfer in Prag und die Planung der Operation Anthropoid. Während die erste Hälfte sich viel Zeit zur Charakterarbeit lässt, wirkt die zweite Hälfte eher hastig. Viele Charaktere lernt man nur oberflächlich kennen – und Heydrich verschwindet mit dem Attentat wortwörtlich von der Bildfläche. Sämtliche Komplizen der Attentäter, deren Teammitglieder und Liebesinteressen werden nur gestreift, eine Oberflächlichkeit die sich der filmische Konkurrent von Anfang des Jahres nicht leistet. Der Showdown verwandelt den Film ein letztes Mal in einen kleinen Actionfilm, aber während das hier zwar etwas plausibler wirkt als in Anthropoid, ist der Schluss nicht annähernd so brachial und nervenzerreissend.

HHhH bleibt unterm Strich ein sehr unausgeglichener Film. Da wären einerseits die den Fähigkeiten des Regisseurs entsprechenden Pluspunkte was die visuelle Darstellung, das Produktionsdesign und die Stilmittel angeht. Auch die Schauspieler sind allesamt sehr gut, allen voran Rosamunde Pike als Heydrichs Frau ist schaurig gut gespielt. Heydrich selbst von Jason Clarke eher stumpf rübergebracht, während die Widerstandskämpfer mangels filmischer Ausgestaltung wie Pappfiguren wirken, Jack O’Donnell sollte man hier aber keinen Vorwurf machen. Musik, Kamera, Schnitt, alles gut, und es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, eine gewisse Verblüfftheit und Nachdenklichkeit. Ein Film der sitzt, wenn man sich darauf einlässt. Aber eben auch ein Film, der mitten drin die Perspektive und Tonlage wechselt, und sich von diesem Wechsel nicht mehr erholt. Es wäre vielleicht sogar ein besserer Film gewesen, hätte man beide Hälften ineinander editiert, oder die zweite weg gelassen. Ob man mitten drin gemerkt hat, dass man dem anderen Film in manchen Punkten nicht Paroli bieten kann? Was ist mein Urteil? Schwierig. Ich würde sagen sehenswert, mit Einschränkungen. Ich hoffe Jimenez wagt sich als nächstes wieder an Stoff bei dem er sein Handwerk austoben kann, ohne als Geschichtenerzähler auf halber Strecke zu straucheln.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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