High-Rise

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1975. Zwei Meilen westlich von London bezieht Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) auf der Suche nach Anonymität sein neues Appartement, nur um bald feststellen zu müssen, dass seine Mitbewohner gar nicht daran denken, ihn in Ruhe zu lassen. So ergibt er sich schließlich in sein Schicksal, freundet sich mit den neuen Nachbarn an und wird dadurch zunehmend in das komplexe soziale Gefüge hineingezogen. Während er so seine Probleme damit hat, seinen Platz inmitten dieser Gesellschaft zu finden, bekommen Laings gute Manieren und sein Verstand ebenso deutliche Risse wie das Gebäude selbst. Die Lichter gehen aus, die Aufzüge bleiben stehen, aber die Party hört nicht auf. Die Menschen sind das Problem. Der Alkohol die Währung. Sex ist das Allheilmittel. Erst sehr viel später, als er auf dem Balkon sitzt und den Hund des Architekten verspeist, fühlt Laing sich endlich zu Hause.

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Sobald die Bildschirmadaption von J.G. Ballards Roman-Klassikers HIGH RISE mit Ben Wheatley auf dem Regiestuhl und seiner Partnerin Amy Jump als Drehbuchautorin angekündigt worden war, wusste man, dass es sich um ein Projekt handelt, auf das man sich freuen kann. Vor allem, wenn man ein großer Bewunderer des Buches ist. Im Wesentlichen wurde mit Wheatley an Bord eine gute Wahl getroffen, da sein anarchischer, oft intensiver und pechschwarzer Humor (man siehe seinen okkulten Auftragskiller Horrorfilm KILL LIST von 2011) mit Leichtigkeit in Ballards dystopische Welt schlüpfen kann. Der Film beginnt, ähnlich wie im Buch, mit unserem zentralen Protagonisten Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston), der auf seinem vermüllten Balkon gerade einen Hund über einem offenen Feuer röstet, den er vor kurzem für den Verzehr getötet hat. Danach schneidet der Film zu einer früheren Periode zurück, wo man nun nach und nach erfährt, wie er in diesen außerordentlich ungewöhnlichen Zustand gekommen ist. Laing ist gerade in eine luxuriöse Apartmentanlage umgezogen, die von dem Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) in gloriös abstrakter, hässlicher Opulenz entworfen wurde. Ähnlich wie bei Snowpiercer im Zug, gliedert sich der Apartmentkomplex in eine Klassenstruktur, in der die Bewohner mit niedrigeren bis mittleren Einkommen in den unteren Etagen hausen, die besser Verdienenden in der Mitte untergebracht sind und die wohlhabenden Reichen in den höheren Etagen wohnen, mit Anthony Royal als eine Art König auf dem Berg im Penthouse residierend.

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Laing wird bald mit anderen Bewohnern bekannt gemacht, wie zum Beispiel dem brutalen Richard Wilder (Luke Evans), oder der alleinstehenden Mutter Charlotte Melville (Sienna Miller) mit der er eine Affäre beginnt. An die konstanten Partys und die anhaltenden Elektrizitätsschwankungen gewöhnt, findet Laing bald seinen Platz in der Hierarchie des Gebäudes. Doch mit dem Anstieg der Wut der unteren Bewohner, aufgrund des Mangels an Strom und sanitären Einrichtungen, beginnen die oberen Klassen eine Stammesherrschaft zu errichten und der allmähliche Abbau der Vernunft sowie der Verlust der Kontrolle beginnt. Wilder beschließt währenddessen den moralischen Zerfall innerhalb des Gebäudes zu filmen und zu dokumentieren. Royals Meisterwerk der Architektur, das unterschiedliche Klassen der Gesellschaft in einer Art sozialem Zusammenleben vereinigen sollte, versinkt immer bedrohlicher im Chaos. Allerdings sind es die Bewohner und Laing selbst, die beginnen nach dieser „Herr der Fliegen Art des Daseins“ süchtig zu werden. „Normale“ soziale Regeln und technologischer Fortschritt in ihren Leben können nicht verhindern, dass die Menschen praktisch in die Steinzeit zurück geworfen werden. Im Einklang mit dem Buch lässt Wheatley mit fantastisch bunten Produktions-Designs und natürlich der Mode, die 70er Jahre wieder aufleben, wobei auch die Themen des Buches wunderbar in die aktuelle Zeit passen, wo das Vereinigte Königreich sowie der Rest der Welt mit einer ständig wachsenden sozialen Ungleichheit / Ungerechtigkeit zu „kämpfen“ haben. Royals architektonische Lebensräume repräsentieren ein soziales Experiment, das drastisch schiefläuft, als die Bewohner anfangen die Außenwelt und ihre täglichen Beschäftigungen zu ignorieren. Diese scheinen sich in den High Rise und den konsequenten sozialen Zusammenbruch zu verlieben, während sie das banale Leben und den inkohärenten Tribalismus dem Fortschritt gegenüber willkommen heißen, was verdrängte Wünsche und unterdrückte Verhaltensweisen entfesselt.

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Wheatley fängt den Zusammenbruch des Hochhauses mit seinem trademark dunklen Humor perfekt ein, von der Eröffnungssequenz mit dem gegrillten Hund bis zu den verrückten und oft verboten absurden Regeln der Bewohner aus den oberen Etagen. Wie in seiner anarchischen Komödie Sightseers, gehen Gewalt und Humor Hand in Hand, ohne sich in übertriebene Bereiche zu bewegen. Die Besetzung beherrscht seine Rollen wirklich gut, mit einem Jeremy Irons, der hier beinahe wie Boris Karloff aussieht. Hiddleston unterhält eine kühle, ruhige Verhaltensweise als Laing, der ständig versucht seine Vernunft auf einer gesunden Ebene zu halten, während alle anderen Bewohner ihren Verstand verlieren. Evans spielt als Wilder, der ein Rohling von einem Mann ist und bereits darauf gewartet zu haben scheint, dass der Wahnsinn losbricht, um endlich die Chance zu bekommen sich als Alpha-Männchen zu etablieren, groß auf. Der Film wurde von Laurie Rose wunderbar fotografiert, sieht optisch hervorragend aus, wobei das postmoderne Design der Wohnungen und Korridore des Gebäudes vor ihrem allmählichen Zerfall mit hell erleuchteten Bereichen akzentuiert und später durch Dunkelheit und flackernder Beleuchtung ersetzt wird. Eine der besten Aufnahmen von Rose ist die Szene, als die Kamera über Kisten von Äpfeln (oder sind es Pfirsiche?!) des hauseigenen Supermarkts schwenkt, um ihre allmähliche Deterioration zu zeigen, da der Mangel an Sorgfalt und Präsentation schon jede Facette des Gebäudes infiltriert hat. Wenn man HIGH RISE gelesen und diese Adaption gesehen hat, kommt einem in mancher Hinsicht die Relevanz und möglicherweise auch der Einfluss von David Cronenbergs Parasiten-Mörder (Shivers), der 1975 zeitgleich mit Ballards Roman veröffentlicht wurde, in den Sinn. Beide Filme behandeln einen Apartmentkomplex, der in Anarchie kollabiert. Obwohl Shivers von Menschen, die durch einen Parasiten in Sex verrückte Zombies verwandelt werden, handelt, scheint doch immer noch die gleiche satirische Herangehensweise und dystopische Vision der Gesellschaft durch. Hätte der Film während des letzten Drittels das Tempo etwas angezogen und dafür mit einigen Montagen zu Beginn gespart, dann hätte HIGH RISE eine nahezu perfekte Assimilation sein können. Trotzdem ist es immer noch eine sehr gut gemachte und recht werkgetreue Umsetzung von Ballards Roman und bedeutet einen großen Schritt in Wheatleys wachsender Filmographie, was zeigt, dass er immer noch einer der überzeugendsten und originellsten Regisseure in Großbritannien ist.

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  • Darsteller: Tom Hiddleston, Luke Evans, Jeremy Irons, Sienna Miller
  • Regisseur: Ben Wheatley
  • Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: dcm (Vertrieb Universum Film)
  • Produktionsjahr: 2015
  • Spieldauer: 119 Minuten

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Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Universum Film zur Verfügung gestellt.

 

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 20. August 2017

    […] Wheatley (High-Rise) brachte Anfang des Jahres einen Film in die Kinos, bei dem sich einige vor Lobpreisung […]

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