I crudeli / Die Grausamen / The Hellbenders

Der Südstaatenoffizier Jonas hat die Bürgerkriegs-Niederlage seiner Konföderierten nie verkraftet: Mit einer geraubten Kriegskasse und treuen Gefolgsleuten will er sich nach Mexiko absetzen, um dort eine schlagkräftige Privatarmee für den Gegenschlag aufzubauen. Doch dazu muss er erst das Gebiet seiner Feinde durchqueren… (Koch Media)

Sergio Corbucci führte mit den meisten Menschen, mit denen er jemals zusammengearbeitet hatte, eine Art Hassliebe. Als Manolo Bolognini (Produzent von Django) ihm gegen Ende des Jahres 1966 ein neues Projekt vorschlug, befand sich der Regisseur gerade im Streit mit dem Produzenten und nahm daher ein anderes Angebot an, das ihm von Albert Band gemacht wurde. Einige Kritiker sind der Meinung dies sei keine kluge Entscheidung von Seiten Corbuccis gewesen, da Band während der Dreharbeiten starke Kontrolle übernahm und sich das Ergebnis deswegen – größtenteils – nicht wie ein Sergio Corbucci Film anfühlt. Der Streifen beginnt damit, wie ein abtrünniger Offizier der konföderierten Armee und seine drei Söhne nach dem Bürgerkrieg eine Ladung Yankee-Geld stehlen und dabei das gesamte Unions-Regiment, das den Transport überwacht, kaltblütig abschlachtet. Mit dem Geld will der Offizier die Konföderation wieder aufleben lassen, irgendwo nördlich des Rio Hondo.

Auf der Reise durch feindliches Territorium wird das Gold in einem Sarg versteckt und die alkoholkranke Prostituierte Kitty (María Martín) als „Witwe des Toten“ angeheuert. Da diese Frau jedoch von Colonel Jonas‘ (Joseph Cotton) verrücktem Sohn Jeff (Gino Pernice) nach einem Fluchtversuch getötet wird, ist der Bande von Halsabschneidern eine weitere „Witwe“ von Nöten. Die kann in der Person von Claire (Norma Bengell) in einem Saloon beim Kartenspielen aufgetrieben werden, während Cottons „guter“ Sohn Ben (Julián Mateos) ihr das Leben rettet, nachdem sie beim „Schummeln“ erwischt wurde. Die aufwändige Sequenz, in der das Yankee-Regiment ausgelöscht wird, wurde vermutlich von Sam Peckinpahs Major Dundee (Sierra Charriba, 1965) inspiriert, da es beim Überqueren eines Flusses angegriffen wird und sich das Wasser unter den Pferden aufgrund des exzessiven Aderlasses rot färbt. Die Szene gestaltet sich weniger ausbeuterisch, als einige der Showdown und Folterszenen aus Django, doch während die Gewalt in diesem Film von surrealistischer – oder sogar leicht karikaturistischer – Natur geprägt gewesen ist, kommt die enorm gewalttätige Eröffnungssequenz von Die Grausamen recht klinisch und vor allem äußerst kaltblütig rüber.

Diese Sequenz gestaltet sich sogar so stark und einprägsam, sodass der Rest des Films im Vergleich dazu ein wenig verblasst, obwohl Cotten und seine Männer ständig der Gefahr ausgesetzt sind, entdeckt zu werden. Deswegen erweisen sich die meisten Szenen auch eher spannungsgeladen, anstatt mit Action vollgepackt zu sein, wobei Spannungsaufbau nicht gerade zu Sergio Corbuccis Stärken gehört. Die Geschichte basiert teilweise auf William Cooks Roman Guns of North Texas von 1958, der bereits als Inspirationsquelle für Bands vorherigen Film Gli uomini dal passo pesante (Die um Gnade winseln, 1965, ebenfalls mit Joseph Cotten) gedient hatte. Die Geschichte des starrköpfigen Südstaaten-Offiziers, der den Kampf nicht aufgeben will, dürfte auch Corbucci gefallen haben, wobei er darin höchstwahrscheinlich eine Allegorie auf den Faschismus und Mussolinis Imperium im Norden des Landes sah (ein faschistischer Staat mit dem kleinen Städtchen Salo, in der Nähe des Gardasees, als Hauptstadt), in den letzten Stadien des Zweiten Weltkriegs.

Colonel Jonas ist zwar durchaus bewusst, dass sein verrückter Sohn Jeff ihr Vorhaben aufs Spiel setzen könnte, kann sich aber nicht dazu durchringen, ihn einfach wegzuschicken, während es Ben (dem „guten“ Sohn) vollkommen klar ist, dass das rücksichtslose sowie gewagte Vorgehen seines Vaters sehr wahrscheinlich zum Untergang der gesamten Familie führen wird, kann sich aber auch nicht von ihm lossagen. Beide verspüren diese starke Loyalität gegenüber ihrer Sache und ihrer Familie (oft austauschbare Konzeptionen): Sie mögen negative Beweggründe haben, doch sind es immer noch ihre Beweggründe, Cosa Nostra. Die Grausamen gehört sicherlich zu den weniger beachteten Filmen Corbuccis, sogar von dessen eigenen Fans. Der Streifen unterscheidet sich von den meisten Exemplaren seiner Art und ist auf jeden Fall als interessant zu bezeichnen, doch gibt es einfach zu viele Szenen, die nicht richtig funktionieren, bis Corbucci in einem ziemlich abrupten, jedoch gut vorbereiteten und hervorragend ausgeführten Finale (wieder) die richtigen Töne trifft. Mit den zwielichtigen Charakteren kann man sich zwar kaum identifizieren, doch die schauspielerischen Leistungen sind durchaus als stark zu beschreiben. Die brasilianische Schauspielerin Norma Bengell (Planet der Vampire) spielt großartig als die Frau auf, die Zwietracht unter den Familienmitgliedern sät, während es zudem auch noch schöne Cameo-Auftritte für die Italo-Western-Stammkräfte Aldo Sambrell (als mexikanischer Bandit) und Al Mulock, als übergeschnappter Bettler, der die Pferde der Gruppe tötet und somit – indirekt – das dramatische Finale heraufbeschwört – mit all seiner Wut und Raserei.

Extras und Besonderheiten:

  • Digipack in der quadratischen Hardcover-Box
  • Restauriert in 4K
  • Englischer und italienischer Trailer
  • NEU Audiokommentar von Troy Howarth
  • Audiokommentar von Alex Cox
  • NEU Interview mit Regie-Assistent Ruggero Deodato
  • Super-8-Fassung
  • Deutscher und italienischer Vorspann
  • Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
  • NEU Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen
  • Miniposter

Wer noch mehr zur Veröffentlichung, dessen Qualität und den Extras erfahren möchte, der liest am besten jetzt im Anschluss noch Sebastians Besprechung auf der SWDb!

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Filmlänge: BD: ca. 92 Minuten, DVD: ca. 88 Minuten
Bildformat: 1.85:1 1080p
Tonformat: BD: PCM 2.0, DVD: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch

Bildmaterial von Koch Media

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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