Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave / Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key

Oliviero (Luigi Pistilli) und Irina (Anita Strindberg) sind in einer lieblosen Ehe gefangen. Oliviero war früher ein erfolgreicher Schriftsteller, doch leidet er unter einer Schreibblockade aus der eine Frustration entstanden ist, die sich auch auf seine ehelichen Pflichten auswirkt. Er ertrinkt sein Leid im Alkohol, wird dann oftmals gewalttätig und hat regelmäßig mit Blackouts zu kämpfen. Irina ist erschüttert, dass er plant, sie zu töten und vertraut ihre Ängste seiner Nichte Floriana (Edwige Fenech) an, die zu Besuch gekommen ist. Unterdessen geht ein in schwarz gekleideter Mörder in der Nähe des Dorfes um und hinterlässt eine beeindruckende Zahl an Todesopfern…

Für ihre vierte Giallo-Zusammenarbeit gingen Regisseur Sergio Martino und Drehbuchautor Ernesto Gastaldi (mit Unterstützung von Sauro Scavolini und Adriano Bolzoni) einen etwas anderen Weg. Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key übernimmt seinen passend verzierten Titel aus einem der „Drohbriefe“, die Edwige Fenech in Lo strano vizio della signora Wardh (Der Killer von Wien, 1971) erhält und bezieht viel Inspiration aus den Werken Edgar Allan Poes. Tatsächlich fühlt sich der Film über einen Großteil seiner Laufzeit gar nicht wie ein Giallo an; aufgrund eines Sortiments von genialen Wendungen im letzten Akt ändert sich dies jedoch noch. Der Film schlägt den Weg eines psychologischeren Ansatzes ein als die früheren Martino Gialli und verfügt über eine Auswahl an komplexen Charakteren.

Oliviero ist ein bigotter Mensch, ein Säufer und ein Tyrann. Seine Frau zu terrorisieren bereitet ihm Vergnügen, während er stark auf seine verstorbene Mutter fixiert ist, was bereits ins Ödipale übergleitet. An einem Punkt kann sogar vermutet werden, dass er ihr Liebhaber gewesen ist. Bei Oliviero handelt es sich um einen enorm frustrierten Künstler, der seinen Ärger und seine Wut an den Menschen um sich herum auslässt. Neben seiner Frau muss auch die dunkelhäutige Haushälterin etliche Unverschämtheiten ertragen. Außerdem unternimmt er einen erbärmlichen Versuch seine verblasste Jugend zurückzugewinnen, indem er eine lokale Truppe von Hippies für eine Partie in sein Haus einlädt. Die Morde, die das Dorf in Aufruhr versetzen, beginnen sein Gewissen zu belasten, weil ihm bewusst ist, dass er regelmäßig Blackouts hat, wenn er betrunken ist und somit eventuell für die Untaten verantwortlich sein könnte. Diese Angst beginnt ihn immer mehr in den Wahnsinn zu treiben. Seine Frau Irina wird zunächst als willensschwach und leicht manipulierbar porträtiert, die Art von Person, der das Wort „Missbrauchsopfer“ auf die Stirn tätowiert wurde. Doch das spiegelt ihren Charakter in Wirklichkeit gar nicht wieder, denn sie beweist im Verlauf der Geschichte, dass sie sich durchaus wehren kann. Die Dynamik ändert sich durch die Ankunft der sexuell befreiten Floriana, die mit Oliviero sowie mit Irina ins Bett steigt und vielleicht sogar versucht die beiden vollständig gegeneinander auszuspielen, in der Hoffnung deren Anwesen bald ihr Eigen nennen zu können. Gerade, als es so aussieht, die Dinge würden sich nach einem konventionellen Muster entwickeln, schalten Gastaldi und Martino in einen anderen Gang und servieren weitere Überraschungen.

Das Drehbuch ist voll von Bezügen auf die Werke Edgar Allan Poes. Oliviero identifiziert sich mit der schwarzen Katze seiner geliebten Mutter und verteidigt sowie beschützt das Geschöpf, obwohl es Irina und ihre geliebten Tauben terrorisiert. Ein Körper wird à la The Cask of Amontillado eigemauert, während auch Elemente aus The Tell-Tale Heart gut zum Einsatz gebracht werden. Zusätzlich zu den Poe-Referenzen enthält der Film auch Einflüsse aus Clouzots Die Teuflischen (Les Diaboliques, 1955). Die Szene, in der Oliviero wiederholt das Wort „Mord“ auf verschiedene Blätter tippt, jedes in seiner eigenen präzisen Anordnung, scheint ein Vorläufer zu Stanley Kubricks The Shining (1980) zu sein. Martinos Herangehensweise an das Material ist eher nüchterner und verhaltener, als es bei seinen vorherigen Gialli der Fall gewesen ist. Während seine früheren Filme einige wundervolle Fantasie- und Traumsequenzen aufwiesen, ist dieser mehr in der Wirklichkeit verwurzelt und konzentriert sich eher auf Charakterentwicklung. Der Film bietet ein stetiges Tempo, ist aber nicht ganz so temporeich und voller Aktion wie Martinos weitere Thriller.

Der elegante Soundtrack von Bruno Nicolai und die atmosphärische Fotografie von Giancarlo Ferrando verstärken die Wirkung, obwohl sich einige der Insert-Gore-Effekt-Aufnahmen ein wenig auf der lausigen Seite befinden. Die Besetzung ist mit Luigi Pistilli, Edwige Fenech und Anita Strindberg gesegnet, die in ihren ungewöhnlich tiefen und variablen Rollen glänzen. Pistilli ist als der fürchterliche Oliviero wirklich furchteinflößend, der vollkommen in der Lage zu sein scheint, einen Mord zu begehen. Fenech spielt diesmal einen Charakter mit ein wenig mehr Rückgrat und Undurchsichtigkeit, als in ihren üblichen Rollen, während Strindberg als die missbrauchte Ehefrau, die auf Rache sinnt, groß aufspielt. Ivan Rassimov ist in einer kleineren Rolle zu sehen und Dalila Di Lazzaro (Blutiger Zahltag, 1977) gibt ihr Debüt als Hippie-Mädchen, das zu Beginn des Films nackt auf dem Tisch tanzt. Die liebreizende Daniela Giordano ist auch in einer kleinen Rolle mit von der Partie; sie würde später in dem Giallo La casa della paura (The Girl in Room 2A, 1974) eine viel größere Rolle spielen.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 20. Februar 2017

    […] Auf Nischenkino herrscht Giallo-Time! Zunächst geht es um Sergio Martins getarnte Poe-Verfilmung “Your Vice Is a Locked Room and Only I Have the Key” mit der göttlichen Edwige. Und dann um den schmierigen Sleaze-Giallo (okay, das ist doppelt […]