In the Folds of the Flesh / Nelle pieghe della carne

Als noch recht Früher Giallo (1970) gehört der Film von Sergio Bergonzelli sicher zu den ungewöhnlichsten und bizarrsten Einträgen ins „Genre“. Denn während es vordergründig um das sukzessive Verschwinden männlicher Besucher aus dem Heim von Lucille und ihren beiden Kindern Colin und Falesse geht, lauern im Hintergrund grausige Traumata aus der NS-Zeit, inzestuöse Anspielungen und abgeschlagene Köpfe auf den Zuschauer. Freud hätte seine Freude daran. (Koch Media)

Der wirbelnde Farbhintergrund der Eröffnungstitel erinnert an die Vorspann-Sequenzen von Roger Cormans klassischen Edgar Allan Poe-Adaptionen, doch wenn der folgende Bildschirmtext (der Sigmund Freud zugeschrieben wird) erscheint und von einem männlichen Erzähler feierlich vorgelesen wird – mit einer hysterischen Intrusion einer schreienden Frau – erweist sich schnell, dass man sich nicht auf Poe-Terrain befindet: „… what has been remains imbedded in the brain, nestled in the folds of the flesh, distorted it conditions and subconsciously impels …“ Fair genug, vermutet man, im Kontext eines solch deliranten und trashigen Films wie diesem kommt der Satz jedoch mehr als nur ein wenig prätentiös rüber. In the Folds of the Flesh ist wirklich zu den bizarrsten Gialli zu zählen, die jemals gedreht wurden, und obwohl seine vielen Outré-Handlungselemente normalerweise zu einem übertriebenen Stück „Euro-Trash“ führen würden, ist das Material so willkürlich entwickelt worden, dass es niemals einem Zusammenwachsen in ein einheitliches Ganzes nahe kommt. Die schauspielerischen Vorstellungen wirken überreizt, während die Regie von bleiern bis unfähig rangiert.

Die Arbeit mit Spezialeffekten lässt ebenfalls zu wünschen übrig, da die verschiedenen Enthauptungen aufgrund der schmerzhaft offensichtlichen Mannequinköpfe eher komisch als schockierend wirken. Eine konsequentere Nachbearbeitung und bessere Beleuchtung hätten vielleicht dazu beitragen können die Illusion zu verkaufen, aber dies ist die Art von Film, bei der man dazu ermutigt wird, besonders auf solche Details zu achten und sie zu hinterfragen, da sich die Aufnahmen viel zu lange hinziehen dürfen. Die Geschichte ist mit einem Wort als lächerlich zu beschreiben. Die Handlung gestaltet sich unvorstellbar, wobei die letzte halbe Stunde mehr voller Wendungen und „Überraschungen“ steckt als eine ganze Staffel der durchschnittlichsten Seifenoper. Es ist klar, dass diese verschiedenen Drehungen und Wendungen aus dem linken Feld kommen sollen. Auf dieser Ebene sind sie wohl auch erfolgreich und zwar aus dem einfachen Grund, dass diese twists & turns als so dumm und geradezu unglaublich beschrieben werden müssen, sodass niemand sie jemals kommen sehen würde. Unglaubwürdige Wendungen gehören zwar zum Reiz des Giallo, aber dieser Film hier steigert die Dinge in ungewöhnlich lächerliche Extreme.

Darüber hinaus ist der Dialog voller unbeabsichtigter Heuler („I watched you spin your web of sex and death!”), sodass die Schauspieler mit der Feierlichkeit eines viel nüchterneren dramatischen Stücks liefern müssen. Die Besetzung wird von Eleanora Rossi Drago in ihrer letzten Filmrolle angeführt. Die talentierte Rossi Drago war seit den späten 40er Jahren in Filmen zu sehen gewesen, doch die Angst in zu viele Streifen dieses Kalibers verwickelt zu werden, ermutigte sie wahrscheinlich dazu mit der Schauspielerei aufzuhören, bevor es noch schlimmer wurde. Leider ist sie nicht besser als das Material selbst, was dies zu einer einzigartig entmutigenden letzten Verbeugung für eine Schauspielerin macht, die in früheren Filmen weitaus besser abgeschnitten hatte. Die sardinische Schauspielerin Pier Angeli (hier als Anna Maria Pierangeli) spielt die unausgeglichene Frau, die glaubt, als Kind einen Mann ermordet zu haben, der möglicherweise ihr Vater war (gespielt von Produktionsleiter Luciano Catenacci, hier als Luciano Lorcas).

Angeli wurde 1932 geboren und trat 1948 in die italienische Filmindustrie ein. Ihr auffälliges Aussehen erregte bald die Aufmerksamkeit der Casting-Regisseure in Hollywood und sie wurde importiert, um in Filmen wie Richard Brooks‘ Flammende Sinne (1954) und Robert Wises Die Hölle ist in mir (1956) mitzuspielen. Ihre Karriere erlebte eine Reihe von Höhen sowie Tiefen und zu der Zeit, zu der sie in Nelle pieghe della carne auftrat, begann ihr Aussehen zu verblassen, weswegen sie gezwungen war sich mit der Erkenntnis anzufreunden, dass ihr der Ruhm letztendlich entsagt blieb. Sie würde nur noch zwei weitere Filme drehen, darunter den Low-Budget-Science-Fiction-Horrorfilm Oktaman – Die Bestie aus der Tiefe (1971), bevor sie 1971 Selbstmord beging. Angeli hatte in einigen ihrer besseren Filmrollen zum Teil sehr gute Leistungen gezeigt, aber hier wird ihr Schauspiel auf theatralische Übertreibung der melodramatischsten Sorte reduziert; wobei auch nicht hilft, dass sie für ihre Rolle zu alt erscheint. Zu den Nebendarstellern gehört der fröhlich schmuddelige spanische Schauspieler Fernando Sancho, der in Filmen wie La Resa dei conti (Der Gehetzte der Sierra Madre, 1966) und El ataque de los muertos sin ojos (Die Rückkehr der reitenden Leichen, 1973) Karriere machte, indem er verschiedene Bösewichte und Perverse spielte.

Sancho verleiht seinen Szenen eine dringend benötigte Würze, doch auch seine schauspielerischen Talente haben ihre Grenzen. Der Film wurde von Sergio Bergonzelli inszeniert, ein bekannter Name für Fans der „trashigeren“ Seite des italienischen Ausbeutungskinos. Bergonzelli wurde 1924 geboren und trat als Drehbuchautor und Regieassistent in die Welt der Filme ein. 1960 gab er sein Regiedebüt und beschäftigte sich mit beinahe allen Genres, von verwegenen Abenteuern (Surcouf, l’eroe dei sette mari / Unter der Flagge des Tigers, 1966) über Italo-Western (Jim, il primo / Das letzte Gewehr, 1964) bis hin zu Softcore (Io Cristiana studentessa degli scandali / Verbotene Zärtlichkeiten, 1971), ohne dabei einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Einen seiner letzten Filme stellt der over-the-top Horrorfilm Delirio di sangue (Blood Delirium, 1988) mit John Phillip Law dar, von dem viele Nachschlagewerke fälschlicherweise behaupten, es handele sich dabei um einen Giallo. Sergio Bergonzelli verstarb im Jahr 2002. Letztendlich ist Nelle pieghe della carne trotz aller Mängel (oder vielleicht auch gerade deswegen!?) als ein äußerst übertriebener und vollkommen überzogener, enorm bizarrer, sehr unvorstellbarer und vor allem extrem unterhaltsamer Film zu bezeichnen.

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  • Format: Dolby, PAL, Breitbild
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 3
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Koch Media GmbH – DVD
  • Produktionsjahr: 1972
  • Spieldauer: 268 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 4. Mai 2020

    […] Bei Nischenkino ergeht es mir umgekehrt. Bluntwolf hat Sergio Bergonzellis „In the Folds oft he Flesh“ gesehen und eigentlich ziemlich verrissen. Ich mochte den ja schon immer sehr, weil er so […]

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