Jesus Shows You the Way to the Highway

Wir schreiben das Jahr 2035 und Tallinn, nun eine Megalopolis, wird von einem allgegenwärtigen Computerprogramm namens Psychobook verwaltet. Der Undercover-Agent Gagano (Daniel Tadesse) und sein Boss Palmer Eldritch (Agustín Mateo) haben die Aufgabe Psychobook vor allen Bedrohungen zu schützen. Als in Psychobook ein gefährlicher Virus namens „Sowjetunion“ entdeckt wird, erhalten die Agenten die Mission den Virus zu zerstören. Während der Mission findet sich Gagano (nachdem er versehentlich eine seltsame gasemittierende Substanz eingeatmet hat) in Betta Äthiopien gefangen wieder, einer parallelen Realität, in der er als wahrer Thronfolger gilt. Als er sich der dortigen Herausforderung stellt, der neue Kaiser zu werden, bricht in Betta Äthiopien ein Kampf zwischen dem Premierminister (einem festen Unterstützer des Staatsapparats und Psychobook) und Reverend Roy (einem Sektenführer, der die freie Verwendung der Substanz für Wahrheitssuche und Befreiungszwecke fordert) aus. Als sich Gagano mit Roy Mascarone (Guillermo Llansó) anfreundet, einer Jesus-Christus-ähnlichen Figur, lernt er, wie man die Substanz nutzt, um innerhalb verschiedener Realitäten zu reisen. Ein Wissen, das Gagano schließlich zur ultimativen Wahrheit führt.

Sollte diese Beschreibung nicht verwirren oder Interesse wecken (und möglicherweise beides gleichzeitig tun), dürfte es wichtig sein zu erkennen, dass zu den reinen Gonzo-Neigungen der Handlung auch noch der visuelle Anarchismus des Films hinzukommt. Dazu gehört der Schauspieler, der Agent Gagano spielt, Daniel Tadesse, den Alexandra Heller-Nicholas und ihr Co-Kommentator Anton Bitel im Audiokommentar zum Flick überraschend offen (und politisch inkorrekt) als „Zwerg“ mit „einem erheblichen Buckel“ beschreiben. Tadesses Anwesenheit verleiht dem Film sofort einen unverwechselbaren Touch, zumindest was die „traditionellen“ Darstellungen von charmanten, selbstbewussten, eleganten und strammen Geheimagenten angeht.

Tadesses Besetzung wird noch durch die Inklusion der Newcomerin Gerda-Annette Allikas als Gaganos Freundin ergänzt, die eine kräftig aussehende Kickboxerin namens Malin verkörpert, die davon träumt, ihre eigene Kampfkunstakademie zu eröffnen. Doch auch abgesehen von einigen Darstellern im Film, zeigt der gesamte Matrix-Trilogie-artige „Virtual Reality“-Aspekt (falls die obige Beschreibung nicht klar zu verstehen war: Gargano und Eldritch „betreten“ das Computerprogramm) verschiedene Charaktere, die bizarre Masken mit einigen berühmten Gesichtern tragen (darunter Robert Redford, Richard Pryor und Josef Stalin), wobei die Charaktere in diesen Sequenzen durch eine Art Stop-Motion „animiert“ werden.

Man sollte jetzt nicht denken, dass das für einen Spielfilm an Plot nicht ganz ausreichen dürfte, denn in echter „wartet‘s nur ab“-Manier präsentiert uns Jesus Shows You the Way to the Highway auch einen Batman-ähnlichen Superhelden (dessen Brustabzeichen immer verpixelt ist, damit man es nicht erkennen kann), den der Video-Essayist Will Webb mit den aus Mexiko stammenden, sogenannten „Luchador“-Filmen in Verbindung bringt (siehe Visual-Essay im Bonusmaterial). Es gibt auch eine Nebenhandlung mit Gaganos „realen“ Vorgesetzten zu „bestaunen“, die ihn (in seiner computerisierten Version) darüber informieren, dass er dort feststeckt, wobei nur zeitweise Ratschläge von einer so genannten holographischen anthropomorphisierten Version von Microsofts „Clippy“ gegeben werden, in diesem Fall eine kleine geisterhafte Projektion, die auf skurrile Art und Weise Jiminy Cricket (Aris Rozentals) genannt wird. Der Film stellt sich die meiste Zeit über als etwas dar, das jeder Vernunft entbehrt und an Wahnsinn grenzt, wobei sich einige Menschen vom Wagemut und der schieren Unverfrorenheit des Streifens überwältigt fühlen könnten.

Tatsächlich sind es dieser Wagemut und diese Unverfrorenheit (welche überhaupt erst die Basis für das Material bilden), die gleichzeitig die größte Anziehungskraft aber auch möglicherweise den größten Stolperstein des Flicks darstellen könnten. Es passiert so viel in diesem Streifen, sodass es sich manchmal recht schwierig gestaltet den Überblick zu behalten. Es fühlt sich so an, als ob man (wie Gagano) in einer alternativen Realität gestrandet wäre, in der selbst „mit dem Strom schwimmen“ gewisse Gefahren birgt. Abenteuerlustigen Typen, die auf der Suche nach etwas völlig Einzigartigem und unverschämt Bizarrem sind, wird Jesus Shows You the Way to the Highway mit ziemlicher Sicherheit gefallen. Hinweis: Diese limitierte Edition von Arrow Video enthält eine Bonus Blu-ray von Miguel Llansós erstem Film Crumbs. In gewisser Weise würde ich denjenigen, die mit Llansós Werk nicht vertraut sind, fast schon empfehlen, zuerst diesen Film anzuschauen, da er in seiner Erzählung wohl ein wenig (mit Betonung auf wenig) geradliniger ist.

Jesus Shows You the Way to the Highway „kühn, verwegen, dreist, wagemutig sowie unverfroren“ zu nennen, mag eine der krönendsten Untertreibungen aller Zeiten sein, was sowohl ein Weckruf, als auch (möglicherweise) eine kleine Warnung für diejenigen sein sollte, die sich für diesen absolut einzigartigen Film interessieren. Sollte man bereit sein, sich von Llansó und seinem Team dorthin bringen zu lassen, wo deren scheinbar von ADHS beflügelte Vorstellungskraft einen hinführen möchte, so bekommt man ein recht seltsames und ziemlich verrücktes Seherlebnis geboten. Diejenigen, die stabile Erzählungen und einen vertrauten Präsentationsstil wünschen, sollten entweder zweimal überlegen, bevor sie den Streifen anschauen, oder sich vorher zumindest mit genügend beruhigenden Substanzen eindecken, damit man das „nervöse“ Geschehen auch unbeschadet überstehen kann. Wie gewohnt hat Arrow Video wieder einmal eine Veröffentlichung mit soliden technischen Daten und einigen wirklich ansprechenden Boni abgeliefert. Empfohlen.

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  • Seitenverhältnis:16:9 – 1.85:1
  • Regisseur: ‎Miguel Llanso
  • Medienformat: PAL, Blu-ray
  • Laufzeit: ‎81 Minuten
  • Darsteller: ‎Daniel Tadesse, Guillermo Llanso, Agustin Mateo
  • Untertitel: Englisch
  • Sprache: Englisch (Dolby Digital 5.1)
  • Studio: ‎Arrow Video

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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