Jonny Madoc / American Bull / Due once di piombo / Il mio nome è Pecos / My Name Is Pecos

Irgendwo im Städtchen Houston ist die Beute eines Banküberfalls versteckt und eine ganze Truppe von Halsabschneidern ist auf der Suche danach. Ihr Anführer Joe Kline ist nicht zimperlich, um das Geld endlich in seine Hände zu bekommen. Nur ein junger Mexikaner, der sich Jonny Madoc nennt, stellt sich dem Verbrecherpack entgegen.

Jonny Madoc repräsentiert den ersten von zwei Western (das Sequel nennt sich Pecos è qui: prega e muori / Jonny Madoc rechnet ab, 1967) mit Robert Woods als mexikanischer Pistolero Pecos Martinez. Der Film hat eine schöne Melange aus zwei zentralen Italo-Western-Themen zu bieten: dem Thema des Fremden, der sich in einen lokalen Konflikt einmischt sowie das Thema der Rachegeschichte. Als sich Pecos zu Beginn des Streifens in Richtung Houston (ein beinahe verlassenes Städtchen am Rande einer Wüste) schleppt, will er sich dort nicht nur den Dreck vom Körper waschen, sondern auch Rache ausüben. Houston ist Pecos‘ Geburtsort, wobei der Bösewicht, der jetzt die Stadtbewohner terrorisiert, einst seine gesamte Familie massakrierte. Der Plot stellt im Grunde eine Nacherzählung von Il ritorno di Ringo (Ringo kommt zurück, 1965) dar, doch mit einer schönen Umkehrung von Stereotypen: in einem Spaghetti-Western werden die Schurken normalerweise von Mexikanern verkörpert, während der Held einen „weißen“ angelsächsischen Protestanten repräsentiert. In Jonny Madoc ist der Held ein Mexikaner und die Schurken sind Texaner. Der genauso hinterhältige, wie brutale „weiße“ Bandenchef Kline (Pier Paolo Capponi) hat die Stadt besetzt, weil er die Beute aus einem erst kürzlich begangenen Raubüberfall zurückerobern will, die von Brack, einem seiner eigenen Männer, gestohlen wurde.

Kline ist sich sicher, dass Brack (der voreilig erschossen wird, bevor er auspacken kann) einen Komplizen in der Stadt gehabt haben muss, der sich nun im Besitz von $80.000 befindet. Der mexikanische Fremde Pecos tötet einige Handlanger des Bösewichts in Tedders (Renato Mambor) Saloon, wird aber anschließend vom zwielichtigen Priester-Totengräber Morton verraten und kann gefangen genommen werden. Im wahren Stil des Italo-Western-Antihelden wird er beinahe zu Tode geprügelt, bevor er schließlich seine furchtbare Rache ausüben kann (ähnlich wie in Per un pugno di dollari / Für eine Handvoll Dollar, 1964). Die Umkehrung von Stereotypen erwies sich als enorm effektiv, da der Film in Italien ziemlich gut lief und zu einem unerwarteten Hit in Ländern der Dritten Welt wurde, in denen der mexikanische Antiheld Pecos als ethnischer Held interpretiert wurde, der sich erfolgreich gegen den Yankee-Imperialismus stellt. Bei Jonny Madoc handelt es sich offensichtlich um eine Produktion mit äußerst niedrigem Budget, die in einer lächerlich unterbevölkerten Stadt spielt (selbst für einen Italo-Western).

Der minimalistische Ansatz lässt stark an Un Dollaro tra i denti (Ein Dollar zwischen den Zähnen, 1967) erinnern, der eine ähnliche Kulisse einer fast menschenleeren Westernstadt aufzuweisen hat, die eher wie eine Geisterstadt rüberkommt. Den Produzenten gefiel der Originaltitel Il Mio Nome è Pecos nicht, weswegen sie ihn in Due Once di Piombo (Zwei Unzen Blei) umänderten = kurz für Due Once di piombo che ti arrivano addosso e ti ammazzano (was ungefähr so viel bedeutet wie: Zwei Unzen Blei, die auf dich zukommen und dich töten werden). Doch das war nicht das einzige, was geändert wurde: im ursprünglichen Skript sollte Pecos getötet werden, was jedoch abgeändert wurde, weil die Zuschauer während einer Vorab-Vorführung ihre Stühle in Richtung Leinwand warfen.

Jonny Madoc ist als ein Italo-Western der härteren Sorte zu beschreiben, mit besonders fiesen Schurken, wobei der Film auch diese typischen antiklerikalen Obertöne versprüht, die dank der Anwesenheit eines kartenlesenden, hinterhältigen, schleimigen Priester-Totengräbers (äußerst exzellent verkörpert von Umberto Raho) wirklich gut rübergebracht werden. Unser Antiheld bekommt Hilfe von Dr. Berton (Giuliano Raffaelli), Maria (Lucia Modugno) und Nina (Cristina Iosani), muss sich den Schurken letztendlich jedoch allein stellen. Wie der von Kline einst schwer misshandelte Doktor erklärt: „All you’ve got is a man who can’t move his fingers and two petticoats.“ Woods legt seine Rolle des mexikanischen Revolverhelden sehr selbstbewusst an, auch wenn das Make-up und das Klebeband, mit dem seine Augenlider zusammengeklebt wurden, ihn eher wie Jemanden aus Fernost, als aus dem tiefen Süden aussehen lassen. Lucidis Regieführung präsentiert sich zumeist routiniert, allerdings immer kompetent, während sein Film von Aristide Massaccesis einfallsreicher Kameraführung (ja, man kennt ihn wahrscheinlich eher unter seinem Pseudonym Joe D’Amato) profitiert. Es gibt eine großartige (und wenn man darüber nachdenkt ziemlich skurrile) Szene, in der ein Plattenspieler plötzlich anfängt La Cucaracha zu spielen, nachdem Pecos zwei von Klines Männern erschossen hat. Als Nebendarsteller tauchen so bekannte Gesichter wie Sal Borgese, George Eastman (als Gigi Montefiori gelistet), Peter Martell, Maurizio Bonuglia, Luigi Casellato und Peter Carsten auf. Luigi Montefiori (George Eastman) gab sein Italo-Western-Debüt in Jonny Madoc. Das bedeutet, dass die (höchstwahrscheinlich) zwei größten Spaghetti-Western-Schauspieler in diesem Film mitgespielt haben. Robert Woods Körpergröße dürfte (wenn ich richtig informiert bin) 1,94 m betragen, während Montefiori mit 2,06 m sogar noch ein paar Zentimeter größer ist (was ihn so manche Rolle kostete, wovon er im in den Boni enthaltenen Interview berichtet). Der Titelsong „The Ballad of Pecos“, gesungen von Bob Smart, kommt einem doch schon sehr bekannt vor und klingt sehr verdächtig nach House of the Rising Sun, dem Klassiker von The Animals. Die italienische Version nennt sich „Dal sude verra‘ qualcuno“ und wird von Franco Fajila dargeboten.

Arrow Films veröffentlicht Jonny Madoc im Rahmen ihrer limitierten Vengeance Trails Blu-ray Box, in der außerdem noch Django – Sein Gesangbuch war der Colt (1966), Satan der Rache (1970) und Bandidos (1967) enthalten sind. Es liegen High Definition Blu-ray (16:9 – 1.78:1 / 1080p) Präsentationen aller vier Filme sowie 2K-Restaurationen aller vier Filme von den original 35-mm-Negativen vor, wobei Django – Sein Gesangbuch war der Colt, Jonny Madoc und Bandidos für diese Veröffentlichung von Arrow Films neu restauriert worden sind. Beim Ton liegen restaurierte italienische und englische Mono-Soundtracks vor, denen bei Bedarf, englische Untertitel für die italienischen Soundtracks sowie englische Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige für die englischen Soundtracks zugeschaltet werden können. Die Box beinhaltet eine illustrierte Sammlerbroschüre mit neuen Texten des Autors und Kritikers Howard Hughes sowie ein doppelseitiges Klappposter mit neu in Auftrag gegebenen artwork.

Bonusmaterial:

  • Neuer Audiokommentar mit Robert Woods und C. Courtney Joyner —> aufgrund von Mister Woods Beteiligung äußerst interessant, da er eine Menge zum Film sowie dessen Produktion zu berichten hat
  • Neues Interview mit George Eastman aka Luigi Montefiori —> Herr Montefiori erinnert sich an seine Anfänge beim Film = sehr interessant und aufschlussreich
  • Neues Interview mit Lucia Modugno —> Frau Modugno verzettelt sich hauptsächlich in wenig interessanten Anekdoten und kommt dabei etwas verwirrt rüber
  • Featurette mit neuem Interview mit Fabio Melelli und einem Archiv-Interview mit Kameramann Franco Villa —> wie gewohnt enorm informativ

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung: ‎Nicht geprüft
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Sprache: ‎Englisch (DTS 5.1)
  • Studio: Arrow Video
  • Anzahl Disks: 4

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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