Keoma – Melodie des Sterbens / Keoma / The Violent Breed / Keoma the Avenger

Das Halbblut Keoma (Franco Nero) ist der Sohn eines Ranchers und einer Indianerin. Im Bürgerkrieg hat er auf Seiten der Nordstaaten gekämpft. Verbittert und desillusioniert kehrt er nun in sein Heimatdorf zurück. Über den Ort sind Korruption, Pest und Cholera hergefallen wie Geier über Aas in der Wüste. Eine Bande ehemaliger Südstaatler pfercht im Auftrag des mächtigen Caldwell alle Kranken in einer verlassenen Mine zusammen, um sie dem Siechtum zu überlassen. Doch gemeinsam mit seinem einzigen Freund, dem Sklaven George (Woody Strode), greift Keoma die Gangster an. (Kinowelt)

1976 wird oft als das Jahr bezeichnet, in dem der Western seinen letzten Aufschwung erlebte, bevor sein endgültiger Niedergang einsetzte und er sich langsam zu einem sterbenden Genre entwickelte. John Wayne drehte seinen letzten Film The Shootist (Der Scharfschütze), Clint Eastwood drehte seinen wegweisenden The Outlaw Josey Wales (Der Texaner) und Enzo G. Castellari bescherte dem ohnehin schon leidenden Italo-Western mit seinem Twilight-Spaghetti Keoma einen würdigen Abschluss, in dem einer der größten Stars des italienischen Genrekinos zu sehen ist: Franco Nero.

Das Halbblut Keoma, Sohn einer „indianischen“ Mutter und Findelkind eines „weißen“ Vaters, kehrt nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach Hause zurück und findet seine Heimatstadt von der Pest verwüstet vor. Seine drei Halbbrüder, die ihn als Jungen ständig misshandelt hatten, haben ihrem Vater (William Berger) den Rücken gekehrt und stellen sich nun auf die Seite des lokalen Tyrannen Caldwell (Donal O’Brien als Donald O’Brien gelistet), der die an Pest und/oder Cholera Erkrankten in einer Art Konzentrationslager in einer Mine interniert. Nachdem Keoma einer schwangeren Frau das Leben gerettet hat, stellt er sich Caldwell sowie seinen Halbbrüdern (Orso Maria Guerrini, Antonio Marsina und Joshua Sinclair als John Loffredo gelistet) entgegen und erhält nur etwas Hilfe von seinem Vater und dem ehemaligen Sklaven George (Woody Strode), der jetzt zu einem stadtbekannten Säufer geworden ist. In einer wilden Schlacht eliminiert Keoma die meisten von Caldwells Männern, doch sein Vater sowie sein Freund George werden getötet, er selbst wird gefangen genommen und im Zentrum der Stadt an ein Wagenrad gefesselt.

Wie die meisten Italo-Western, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gedreht wurden, ist Keoma als düster, melancholisch und pessimistisch zu beschreiben. Ebenso als mystisch, symbolisch und referenziell. Nachts von Fackeln beleuchtet, kommt die Stadt dieses Films eher wie eine mittelalterliche, als eine traditionelle Westernstadt rüber. Der Streifen hat einige Ähnlichkeiten zu Ingmar Bergmans Det sjunde inseglet (Das siebente Siegel, 1957) aufzuweisen (die Pest, die Atmosphäre des Verfalls), während christliche Vorstellungen von Tod und Auferstehung mit dem Kreislauf von Zerstörung und Wiedergeburt der natürlichen Religion verschmolzen werden. Als Keoma von einer alten Frau gefragt wird, warum er nach Hause zurückgekehrt ist, antwortet er ihr: „Weil es auf der Welt nur wenige Dinge gibt, die zählen: die Heimat und die Menschen die man liebt.“ Worauf die alte Frau erwidert: „Du irrst Dich, Keoma. Du liebst diese Menschen vielleicht. Aber sie lieben dich nicht. Auch wenn du ihnen, wo du konntest, geholfen hast und für sie gekämpft hast. Geh nicht zurück.“ Ursprünglich sollte diese alte Frau den Tod symbolisieren, doch die Idee wurde fallen gelassen, weswegen sie jetzt eher wie das klassische Schicksal aus der griechischen und skandinavischen Mythologie funktioniert, wie eine Göttin des Schicksals, die die Macht hat, über Leben und Tod zu entscheiden. Sie erinnert Keoma daran, wie sie einst sein Leben rettete, als sein Stamm massakriert wurde, indem sie seinen „weißen“ Vater auf das Schlachtfeld führte. Gegen Ende des Films übt sie ihre besonderen Kräfte noch einmal aus: Das Rad des Lebens dreht sich weiter.

Luigi Montefioris (besser bekannt unter seinem Pseudonym George Eastman) ursprüngliches Drehbuch wurde stark abgeändert, wobei zwar einige Umrisse übernommen worden sind, doch die meisten Szenen wurden von Castellari entweder improvisiert oder direkt am Set neu geschrieben. Der Dialog wurde von Joshua Sinclair (John Loffredo) teilweise umgeschrieben, der auch einen von Keomas Halbbrüdern spielt (den mit dem Schnurrbart). Woody Strode wurde erst sehr spät hinzugezogen, also musste seine Rolle in eine bereits entwickelte Handlung integriert werden. Die Behandlung sowohl des Halbbluts, als auch des ehemaligen Sklaven (sowie Bergers Dialog über das Schicksal von „Indianern“ und „Schwarzen“) sind ein Hinweis darauf, dass der Film versucht ein antirassistisches Statement abzugeben, es damit jedoch nicht übertreibt. In Montefioris originärem Skript findet Keoma heraus, dass einer der „Halbbrüder“ sein richtiger Bruder ist. Nicht bereit, diesen echten Bruder zu töten, entscheidet er sich freiwillig für einen gewaltsamen Tod.

Auch die höchst umstrittene Musik der Gebrüder De Angelis wurde erst sehr spät komponiert. Castellari war sehr von der Art und Weise beeindruckt, wie Bob Dylans und Leonard Cohens Soundtracks in Pat Garrett jagt Billy the Kid (1973) bzw. McCabe & Mrs. Miller (1971) zu gutem Einsatz gelangten. Aufgrund dessen wurde ihre Musik Berichten zufolge nachts gespielt, während zuvor gedrehte Szenen bearbeitet wurden. Schließlich traf sich Castellari mit den Brüdern und bat sie eine Cohen-ähnliche Filmmusik zu schreiben. Über diese Musik ist bereits viel berichtet worden, wobei sie von den meisten Leuten als schrecklich empfunden wird, besonders die Vocals der Sängerin. Und ja, die gehen durch Mark und Bein, während die männliche Stimme gelegentlich sooo tief singt, sodass es beinahe schon ans Lächerliche grenzt.

Der Mittelteil des Films erweist sich als etwas schwerfällig, wobei einige Szenen (wie Keomas Faustkämpfe mit seinen Halbbrüdern) uninspiriert wirken. Es gibt auch zu viele Szenen in Zeitlupe, doch die Atmosphäre ist als großartig zu bezeichnen und die ausgeklügelte Schießerei zwischen Caldwells Bande und Keoma gestaltet sich brutal sowie aufregend mit einer schrecklichen Todesszene für Woody Strode. Castellaris Bildkompositionen beeindrucken enorm, wobei er oftmals verwirrende Kamerawinkel verwendet, die in einer Szene gipfeln, in der Nero und Berger durch die Löcher gesehen werden können, die sie während einer Schießübung in ihre Zielscheibe schießen. Noch beeindruckender ist sein innovativer Einsatz von Flashbacks zu beschreiben, die vollkommen mit dem Leone-Flashback-Stil brechen, der das Genre über etliche Jahre dominiert hatte. Der Film beginnt mit einer Einstellung, die an die Eröffnungssequenz aus The Searchers (Der schwarze Falke, 1956) zu erinnern scheint: Von einer scheinbar schattigen Veranda eines Hauses aus sehen wir einen Reiter näherkommen, doch diesmal betritt der Reiter kein Haus, sondern eine Westernstadt, die während des Bürgerkriegs als Schlachtfeld herhalten musste. Während des gesamten Films kann man beobachten wie Licht durch Fenster, Risse in Wänden oder Löcher in Dächern hindurchscheint. Neben Leones C’era una volta il West (Spiel mir das Lied vom Tod, 1968) repräsentiert Keoma vom Look her wahrscheinlich den atemberaubendsten Italo-Western, den man jemals zu Gesicht bekommen wird.

Castellari bezeichnet Keoma oft als seinen besten Film. Er war immer sehr stolz auf den Streifen und auf seine Arbeit mit Woody Strode, der ihn nach Abschluss der Dreharbeiten als John Fords Erbe betitelte, was für Castellari so viel Ehre bedeutete, wie eine Auszeichnung mit dem Oscar. Es war auch Strode vorbehalten sich den Titel des Films einfallen zu lassen: Er war ihm auf der Titelseite eines Buches aufgefallen, welches er einmal gelesen hatte. Zwar konnte er sich nicht mehr daran erinnern, worum es in dem Buch ging, doch der Titel gefiel ihm und blieb ihm deswegen auch im Gedächtnis. Es stellte sich letztendlich als Autobiographie einer Prostituierten heraus aber Castellari störte das nicht: Auch ihm gefiel der Titel.

Die DVD von Kinowelt hat ziemlich gutes Bild und recht guten Ton (deutsch und englisch) zu bieten, wobei eine italienische Tonspur leider fehlt. Zudem ist der Streifen derzeit recht günstig zu bekommen, weswegen man zuschlagen sollte, sofern man den Film nicht schon sein Eigen nennen kann.

Verweise:

  • Featurette: “Keoma: Legends never die” mit Franco Nero
  • Audiokommentar von Regisseur Enzo G. Castellari und Waylon Wahl
    (beides in den Extras der Kinowelt DVD enthalten)

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Enzo G. Castellari
  • Medienformat: ‎Dolby, HiFi-Sound, PAL
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 37 Minuten
  • Darsteller:‎ Franco Nero, William Berger, Olga Karlatos, Woody Strode
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: ‎Deutsch (Mono), Englisch (Mono)
  • Studio: ‎Kinowelt

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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