Kidnapping … ein Tag der Gewalt / Operazione Kappa: sparate a vista / Day of Violence

Paolo Soprani und Jo Arbelli teilen ein Schicksal: Für die zwei juvenilen Flaneure verläuft eine Party der High Society Italiens nicht ganz so wie erhofft. Paolo landet wegen einer sexuellen Eskapade mit der Tochter der Hausherrin vor der Tür und Jos Potenz versagt gänzlich. Ihrem Hass auf die Gesellschaft lassen sie nun freien Lauf, pumpen sich mit Drogen voll und ziehen marodierend und pöbelnd durch die Stadt. Dann fassen sie den folgenschweren Entschluss, Jos Freundin einen erneuten Besuch abzustatten. Jo will seine Potenz unter Beweis stellen, doch das Ganze entwickelt sich im Rausch zu einem brutalen Überfall. Sie zwingen das hilflose Mädchen mit Gewalt zum Sex und machen auch vor ihrer Nachbarin nicht halt. Auf der anschließenden Flucht vor der Polizei nehmen sie die wehrlosen Gäste eines Restaurants als Geiseln und verlangen mehrere Millionen Lösegeld in Goldbarren sowie ein Flugzeug! Während für die Geiseln damit ein Martyrium der Angst beginnt, versucht Kommissar Aldobrandi Zeit zu gewinnen. Doch jede verstreichende Sekunde erhöht die Aussichtslosigkeit und treibt die grausame Spirale der Gewalt zur unausweichlichen Eskalation. Die beiden jungen Männer mutieren zu skrupellosen Bestien, für die es keine Grenzen mehr gibt! (Subkultur Entertainment)

Kurzinhalt inkl. Spoiler!!!
Jo Arbelli, ein römischer Jugendlicher aus der Oberschicht, freundet sich mit dem Proletarier Paolo Soprani an und gesteht ihm, dass er nicht mit seiner Freundin Anna schlafen kann. Paolo und Jo statten der jungen Frau einen Besuch ab, vergewaltigen sie und töten aus Versehen eine Nachbarin. Mittellos und von der Polizei verfolgt brechen sie in ein Restaurant ein, nehmen die Kunden als Geiseln und verlangen ein riesiges Lösegeld in Höhe von einer Milliarde Lira in Goldbarren, ein Auto und ein Flugzeug. Kommissar Aldobrandi, der mit seinen Männern den Ort belagert, lässt sich mit den Verhandlungen Zeit, währenddessen er einen Scharfschützen auf einem Gebäude in der Nähe platzieren lässt. In den folgenden Stunden wird Jos Verhalten immer Furcht erregender. Nach dem Tod zweier Geiseln wird Paolo tödlich verletzt und stirbt, während Arbelli mit einer Frau als menschlichem Schutzschild im Auto entkommt. Doch er wird vom Scharfschützen tödlich verwundet und kracht letztendlich mit einem Schaufelbagger zusammen.

Luigi Petrinis Kidnapping … ein Tag der Gewalt ist Teil des Subgenres, das zwischen 1976 und 1977 kurz aufblühte und vom realen Circeo-Massaker inspiriert wurde, obwohl sich das Drehbuch auch von Sidney Lumets Dog Day Afternoon (Hundstage, 1975) ableiten lässt. Petrini (ehemals Vittorio De Sicas Regieassistent) war es gewohnt an kommerziellen Low-Budget-Filmen zu arbeiten, auch wenn es ihm gegen Ende seiner Karriere gelang, in Rom eine Theaterproduktion von Shakespeares Othello mit einigem Erfolg zu inszenieren. Im Vergleich zu anderen Filmen wie zum Beispiel Renato Savinos entsetzlichem I ragazzi della Roma violenta (The Children of Violent Rome, 1976) scheint Operazione Kappa: sparate a vista aufrichtiger in seiner Darstellung des Dramas einer Generation in Unordnung zu sein, mit seinen beiden Antihelden, die unterschiedlicher sozialer Herkunft sind und dennoch eine starke Männerbeziehung bilden, weil sie den gleichen Wunsch haben, eine Gesellschaft zu überwinden, von der sie abgelehnt werden und die keine Schwächen akzeptiert, während sie sich hinter einem heuchlerischen Vorhang aus Verantwortung versteckt, wie es die vielfältige Kundschaft im Restaurant an den Tag legt.

Die Botschaft präsentiert sich allerdings zweideutig, ebenso wie Petrinis Standpunkt: der Filmemacher schwelgt in der Darstellung der Brutalität der beiden jungen Kriminellen, während die Versuche von Gesellschaftskritik mit den banal skizzierten Charakterisierungen, Wegwerfdialogen und Sensationssequenzen zusammenprallen. Das Budget lässt keine aufwendigen set-pieces zu, wobei die meisten Szenen mit einer Handkamera gedreht wurden; dennoch vermittelt der Film insgesamt einen ziemlich überzeugenden Realismus. Als nervöser Kommissar – der (wie im Genre üblich) sich über die bürokratischen Hürden beschwert, die er bewältigen muss und auch noch von persönlichen Problemen geplagt wird (während des Belagerungszustandes muss er sich mit seiner entfremdeten Geliebten Anna, gespielt von Sängerin Selvaggia Di Vasco, „herumschlagen“) – hat Regisseur Mario Bianchi hier eine seiner wenigen Schauspielrollen inne. Mario Cutini spielte auch die Hauptrolle in Petrinis folgendem Film Ring (1978), der vom Produzenten Vitolo als Rocky ripp-off konzipiert wurde. Die Musik von Bixio-Frizzi-Tempera ist als so „trashig“ zu bezeichnen, wie es nur geht, inklusive eines Protestliedes während des Vorspanns, dessen Text übersetzt so viel bedeutet wie: „Auf den Straßen ist es unmöglich zu leben / Jeden Tag zittert die Stadt vor Angst / Gute Menschen wie wir, würden selbst bei Überzeugung niemals töten / Ohne Grund, mit Frieden und Verstand, würden wir niemals schießen / Wir möchten eine friedliche Stadt / Wir hassen Krieg in der Stadt / Dennoch strebt ihr ständig nur nach Geld, Geld / So schnell wie möglich wollen alle nur Geld … Geld“. Außerdem wird sich hier teilweise bei Blake Edwards Soundtrack zu Peter Gunn bedient.

Der Film hatte große Probleme mit der italienischen Zensurbehörde, da er den ersten sowie einzigen Kriminalfilm darstellte, der von der Zensurkommission abgelehnt wurde, als er erstmals unter dem Titel Nucleo antirapina: sparate a vista eingereicht wurde. Den offiziellen Aufzeichnungen der Kommission zufolge war der Film als Ganzes „auf die Erhöhung der physischen und moralischen Gewalt in ihrer gröbsten und erbittertsten Form konzentriert“. Der Produzent hat den Film daraufhin drastisch überarbeitet und umbenannt sowie fast neun Minuten von der für den Heimmarkt bestimmten Version entfernt: Neben der Vergewaltigung zu Beginn wurden die Szene, in der Aldobrandi mit seiner Geliebten telefoniert, sowie die eliminiert, in der Arbellis Vater, der von der Polizei gerufen wird, um an seinen Sohn zu appellieren, doch Jo stattdessen runterputzt und ihn für die Schande verantwortlich macht, die seiner Familie widerfahren ist. Diese Szenen sind in der Subkultur Entertainment Edition enthalten.

Subkultur Entertainment bringt Kidnapping … ein Tag der Gewalt als Nr. 08 ihrer Grindhouse-Collection Vol. 2 in einer tollen DVD / Blu-Ray Combo Veröffentlichung heraus. Das Bild wird uns im 1.85:1 (1080p / anamorph) Format präsentiert, ist sehr gut restauriert worden und lässt keinen Raum zum Meckern. Der Ton bietet mit der deutschen und italienischen zwei Spuren (DTS HD Mono / DD 1.0 Mono), die angenehm zu hören sind. Hierfür können wahlweise deutsche oder englische Untertitel zugeschaltet werden. Als besonderes Extra beinhaltet die Combo ein 9-seitiges Booklet mit tollem, interessantem sowie informativem Text von Thorsten Hanisch „Nur echt mit Machete – Anmerkungen zu Kidnapping – Ein Tag der Gewalt“. Die klasse Veröffentlichung kommt in einem ansprechend gestalteten O-Card Schuber daher und hat auch ein unterschiedliches Covermotiv zu bieten.

Bonusmaterial:

– Interview mit Komponist Fabio Frizzi (englisch mit optionalen deutschen Untertiteln)

– Grindhouse-Fassung (1080p/23.976fps/AVC/1.85:1)

– Grindhouse-Trailershow

– Italienischer Kinotrailer

– DVD-Version (91 min.)

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur: Petrini, Luigi
  • Medienformat: Blu-ray
  • Laufzeit: 1 Stunde und 35 Minuten
  • Darsteller: Cutini, Mario, Marati, Marco, Conte, Maria Pia, Pilchard, Patricia, Bianchi, Mario
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Studio: Subkultur Entertainment

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Die Screenshots stammen nicht von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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