Komm und sieh‘ / Idi i smotri

Belarus, 1943: Florja, noch mehr Kind als Jugendlicher, buddelt am Strand nach alten Gewehren, um endlich Partisan werden zu können. Als er fündig wird, lässt er sich trotz des Flehens seiner Mutter rekrutieren und zieht stolz in den Kampf. Der kindliche Traum von Heldentaten und Abenteuer zerplatzt allerdings schon bei der Ankunft im Truppenlager, denn der Kommandant will ihn beim Einsatz nicht dabeihaben. Und so beginnt für ihn auf seinem Rückweg eine Odyssee, die ihn in nur wenigen Tagen mitten in die Hölle des Zweiten Weltkriegs führt. (Bildstörung)

Der sowjetische Regisseur Elem Klimov machte sich 1985 daran die Wahrheit über Kriegsgräueltaten zu erzählen, die bereits volle vierzig Jahre zurücklagen. In einem Interview berichtet sein Bruder German Klimov, der Film sei von einem Buch adaptiert worden, das so entsetzlich ist, dass es von einigen Menschen als unlesbar angesehen wird. Hier handelt es sich also um einen nicht ansehbaren Film, der aus einem unlesbaren Buch entstanden ist. Es geht um unerträgliche Vorgänge, die gesehen und verstanden werden müssen: Die schrecklichen Lehren der Vergangenheit verblassen schnell, weil jede nachfolgende Generation keinen Kontakt mehr zu ihnen hat. Man kann überall um uns herum Kinder beobachten, die ohne Geschichtskenntnis aufgewachsen sind, denen sich nicht einmal erschließt, was fünf Jahre vor ihrer Geburt geschehen ist: „Wenn es mir nicht passiert ist, ist es überhaupt nicht passiert.“

Man gebe jedem Krieg des 20. Jahrhunderts ungefähr fünfzehn Jahre und seine Unmittelbarkeit beginnt zu verblassen. Filme, die während eines solchen Konflikts spielen, stellen keine themenbezogenen Gelübde des Widerstands und der Rache mehr dar, während der Drang nach Wohlfühlunterhaltung vorherrscht. Besonders die Amerikaner verhalten sich auf diesem Gebiet irgendwie seltsam: Sie wollen Stärke zeigen, indem sie die Dinge nicht ernst nehmen, was zu TV-Serien wie Ein Käfig voller Helden (1965-1971) oder M*A*S*H (1972-1983) führt. Sie begrüßen die Unverschämtheit von Mel Brooks‘ Filmwitzen über Nazis, wobei argumentiert werden kann, dass dieser Ansatz gesunder Natur ist. Amerika hat im Zweiten Weltkrieg einen hohen Preis an menschlichen Leben gezahlt, doch die Heimatfront hat in diesem Krieg nicht leiden müssen – es wurden keine amerikanischen Städte bombardiert, Amerikaner wurden nicht von bewaffneten Invasoren aus ihren Häusern vertrieben. Als Elem Klimov und sein Autor im Jahr 1975 damit begannen, einen Film mit dem Titel Kill Hitler zu planen, berichtete er, dass sogar russische Filme anfingen den Krieg aufzuhellen. Er war der Meinung, russische Filme würden sich nicht der Realität des Völkermords stellen. Die ältere Generation, die alles miterlebte, wollte den Krieg am liebsten vergessen, während die jüngeren Generationen ganz einfach keine Erfahrungen aus erster Hand vorweisen konnten. Klimov brauchte sechs oder sieben Jahre, um die Erlaubnis zu erhalten seine Kriegsfilmidee umzusetzen. Diese Erlaubnis kam erst und nur, weil die Sowjetunion 1985 ein Gedenkbild für den 40-jährigen Siegestag brauchte.

Hört man zum ersten Mal von Klimovs Komm und sieh‘, dann wird der Film als enorm intensiv, unerträglich schrecklich und so furchtbar beschrieben, so dass man ihn nicht ansehen kann. Sobald man die Mutter des jungen Helden und dessen kleine Zwillingsschwestern allein und verletzlich zu sehen bekommt, fürchtet man bereits welche Gräueltaten nun folgen könnten. Der Streifen befördert sein Publikum in eine schwierige Situation, eine Tortur, die so stark (nach)wirkt wie nicht jeder ernsthafte Kriegsfilm. Horror-Fantasien sind mittlerweile jedoch zu so etwas Sadistischem geworden, so dass der grafische Inhalt von Komm und sieh‘ mit Sicherheit nicht mehr alle Zuschauer schockieren wird. Wobei mit Horror hier eher die Leiden gemeint sind, welche die Protagonisten durchleben müssen, als eine Betonung auf Gore-Effekte. Was den Film zutiefst unbehaglich macht, ist Klimovs unerbittlicher Fokus auf die undenkbaren seelischen Qualen und den bloßen Terror, den sein Hauptcharakter (ein dreizehnjähriger Junge) während der beinahe gesamten Laufzeit ohne Nachlassen erleiden muss.

Der Bauernjunge Florja (Alexei Kravchenko) freut sich ein gut erhaltenes Gewehr im Sand zu finden, mit dem Partisanen gegen die deutschen Invasoren gekämpft haben. Das bedeutet nämlich, dass er seine Mutter und zwei Schwestern verlassen und auch in den Kampf ziehen kann. Seine Mutter fleht ihn zwar an, nicht zu gehen, weil dann kein Mann mehr im Haus sein wird, doch Florja schließt sich schon bald einer Partisaneneinheit an. Voller Kampfgeist ist er zunächst guten Mutes, als er jedoch beim nächsten Einsatz wegen seiner Unerfahrenheit zurückgelassen wird, ist seine Enttäuschung groß. In der Zwischenzeit lernt er ein etwas älteres Mädchen, Glasha (Olga Mironova), kennen. Die beiden erleben gemeinsam einen schönen Tag, bis das Lager der Partisanen bombardiert wird und der Albtraum ernsthaft beginnt. Florja und Glasha fliehen zurück in sein Dorf und zu seinem Haus, doch niemand ist mehr dort. Glasha sieht, was aus den Dorfbewohnern geworden ist, Florja jedoch nicht. Er ist überzeugt, sie seien in den Sumpf geflohen. Mit Schlamm bedeckt will er Glashas schlechte Nachrichten nicht hören bzw. einfach nicht wahr haben. Im Chaos der Ereignisse werden Florja und Glasha voneinander getrennt. Florja schließt sich eine Zeitlang einem Trio von Partisanen an, das sich am Rande des Konflikts aufhält. Doch letztendlich findet er sich in einem Dorf mit Hunderten anderer hungernder Vertriebener wieder. Eine SS-Einheit kommt in das Dorf und treibt in einer betrunkenen Orgie von Gewalt Hunderte von Männern, Frauen und Kindern, einschließlich Florja, in eine alte Kirche.

Indem Komm und sieh‘ einfach die Wahrheit über den deutschen Ansturm in Weißrussland erzählt, zwingt er seiner Reihe von Vorfällen keinen dramatischen Bogen auf. Florjas Schicksal wird durch keinen logischen Grund bestimmt, sondern nur durch Zufälle. Der junge Weißrusse ist nicht dumm, allerdings viel zu unerfahren. Er ist wie ein offenes Buch und trägt seine Emotionen an der Oberfläche. Er lacht wie ein Kind, als Glasha für ihn tanzt, doch sehr bald wird sein junges Gesicht zu dem Gesicht eines terrorisierten alten Mannes. Am Ende stellt es eine unblutige Masse von Sorgenfalten mit permanent starrem Blick dar, eingefroren in einem nahezu dauerhaften Schockzustand. Florjas Gesicht ist der Film. In Interviews wird berichtet, Kravchenko habe verschiedene Kontaktlinsen getragen, um extreme Belastungen ausdrücken zu können. Der Effekt funktioniert – am Ende wirken die Augen des Jungen riesig, wie die einer starren Leiche. Er lebt und atmet zwar, befindet sich aber in einem Zustand der psychischen Lähmung.

Klimovs Ziel ist es, dem Publikum den vollkommenen Terror des Krieges zu vermitteln. Während der Dreharbeiten befürchtete der Regisseur, dass der Stress, den Kravchenko absorbieren musste, dem Jungen psychischen Schaden zufügen könnte. Würden diese physischen und psychischen Qualen den 13-jährigen Jungen in einen Wahnsinnigen verwandeln? Um das vermeiden zu können ließ er den Schauspieler zum Schutz vom mysteriösen Wolf Messing (dessen Name noch heute diskutiert wird) hypnotisieren. Doch Alexei erwies sich als geistig sehr belastbar. Florja wurde neun Monate lang in jeder Szene geschlagen, missbraucht, angeschrien und bedroht. Am Set bestand mehr Gefahr für Leib und Leben als gewöhnlich, denn für die Bombenangriffe wurde echter Sprengstoff verwendet, während scharfe Tracer-Munition eine Nachtkampfszene in etwas schrecklich Reales verwandelt.

Die Farbfotografie wirkt dokumentarisch. Im Gegensatz zum überbewerteten 1917 sieht hier nichts hübsch oder idealisiert aus, sondern ganz einfach nur echt. Die Wälder sind wunderschön, allerdings auch feucht und kalt. Glasha ist so hübsch wie jedes Mädchen im Teenageralter, doch ihr einziges Kleid ist als ein hässliches schwarzes Ding zu beschreiben und ihre Haare sind zerzaust. Komm und sieh‘ porträtiert Krieg als einen Prozess persönlicher Erniedrigung. Durch dieses Moor mit seinem treibenden Schlamm zu waten, sieht einfach höllisch aus – als Glasha halb untertaucht sind ihre Haare mit Glibber bedeckt. Der Effekt muss beabsichtigt gewesen sein, da das Publikum durch echten Schlamm und Dreck genauso unangenehm berührt wird, wie durch Kunstblut. Die Sorge, nicht sauber zu sein, stört die menschliche Vorstellung von Kontrolle. Florja geht durch eine echte Hölle, als die SS mit ihm spielt, wie eine Katze mit ihrer Beute. Sie stoßen ihn herum wie einen Lumpen und lassen ihn mit einer Pistole am Kopf für Fotos posieren. Es ist die reinste Hölle! Die Japaner haben einen Horrorfilm direkt über die Hölle gedreht, der mit blutigen und perversen Folterungen sowie Verstümmelungen überflutet ist. Allerdings handelt es sich dabei nur um eine fotogene Fantasie. Komm und sieh‘ fühlt sich echt an.

Wir alle haben bereits einige wenige (oder sogar sehr viele) Kriegs-Horror-Gräueltaten in Dokumentationen gesehen, von denen ein Großteil von den Kriegsverbrechern selbst gedreht wurde. Komm und sieh‘ versucht nicht dieses Filmmaterial zu emulieren. Hier werden keine Aufnahmen von verstümmelten oder verbrannten Leichen gezeigt. Doch eine Szene mit Florja kann man nicht vergessen: der Gedanke an seine ermordete Familie quält ihn so sehr, so dass er versucht sich umzubringen, indem er seinen Kopf in die sumpfige Erde steckt. Glücklicherweise erspart das Schicksal (oder Klimov) dem Publikum und Florja das schlimmste psychische Trauma des Films. Er rennt so schnell aus seinem verlassenen Haus, dass er selbst nicht sieht, was mit seiner Familie und der restlichen Dorfbevölkerung geschehen ist. Glasha sieht es, wenn auch nur für eine Sekunde … und rennt auch.

Schauspieler Alexei Kravchenko berichtet, er sei nur einmal in Panik geraten, als er mit Hunderten von schreienden Statisten in dieser Kirche eingepfercht wurde. Er beschreibt seine Verbindung zum Völkermord als „genetisches Gedächtnis“. Der Autor Adamovich bereitete die Extras dieser Szene vor, indem er ihnen aus einer seiner expliziten Erinnerungen an die Invasion vorlas: Deutsche Truppen zerstörten methodisch über sechshundert slawische Dörfer und verbrannten Tausende in einer Kampagne des reinen Terrors. In einem Werbefilm für Komm und sieh‘ wird Kravchenko gefragt: „Warum wurde der Film Ihrer Meinung nach gedreht?“ Er antwortet: „Damit es keine Kriege mehr geben wird.“ Klimovs Antwort darauf bekommt man am Ende des Films präsentiert, das hier nicht verraten werden soll. Ein plötzlicher stilistischer Wechsel versetzt den Film in eine rückwärts-apokalyptische Montage, die Kuleshov oder Pudovkin würdig ist und es schafft, einige der Absichten des Autors zum Ausdruck zu bringen, nämlich nicht nur Hitler zu töten, sondern den Hitler-Dämon in jedem von uns zu töten.

Genauso pädagogisch wie beunruhigend gestalten sich die drei sowjetischen Kurzfilme des Bonusmaterials, die aus Interviews mit Überlebenden des Völkermords in Belarus aus den Jahren 1942 bis 1943 bestehen. Mehrere ältere Männer und Frauen beschreiben die Schrecken ihres Überlebens, während ihre Familien und Nachbarn um sie herum wie Vieh abgeschlachtet wurden. Einige wurden durch Zufall verschont, während ein Mann offen zugibt seine Familie verlassen zu haben, als sich eine Gelegenheit dafür ergab. Die Hauptbefragte wurde angeschossen, durch Schrapnell-Splitter verletzt und erlitt an Armen und Händen schwerste Verbrennungen. Sie war zu dieser Zeit schwanger und hatte Typhus, schleppte jedoch ihren schwer verwundeten Ehemann auf einem Schlitten ins nächste Dorf. Berichte, die wirklich erschüttern. Die letzte Frau ist eine zerknitterte alte Oma, die ein Plakatmodell für russische Großmütterchen repräsentieren könnte. Sie beschreibt, wie sie ihren Ehemann verloren sowie überlebt hat und nur langsam einen neuen Mann akzeptieren konnte. Während sie stolz davon spricht, eine neue Familie gegründet und sechs Kinder großgezogen zu haben, lächelt sie auf eine Art und Weise, die Tränen hervorruft.

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  • Seitenverhältnis : 4:3 – 1.33:1
  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur : Klimow, Elem
  • Medienformat : DVD & Blu-Ray
  • Laufzeit : 2 Stunden und 23 Minuten
  • Darsteller : Mironowa, Olga, Bagdonas, Vladas, Krawtschenko, Aleksei, Laucevicius, Liubomiras, Krawtschenko, Alexej
  • Untertitel: : Deutsch
  • Sprache : Russisch (PCM Mono)
  • Studio : Bildstörung

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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