Kommissar Mariani – Zum Tode verurteilt / Il commissario di ferro

Kommissar Mauro Mariani ist ein bärbeißiger Eigenbrötler, versteht nur wenig Spaß und hat sich natürlich auch mit seiner Frau auseinandergelebt, die mit ihrem gemeinsamen Spross bei ihrer Mutter wohnt. Der harte Job geht immer vor – bis zu dem Tag, als Marianis Sohn entführt wird. Der Einzelgänger sieht rot, Regeln gelten nicht mehr, denn der Entführer hat ein Ultimatum gestellt. Für den eisernen Kommissar zählt nur, den gemeinen Kriminellen seiner Bestimmung zuzuführen und seinen Sohn in Sicherheit zu wissen. Die Uhr tickt gnadenlos, aber warum verlangt der Entführer kein Lösegeld? Was steckt dahinter? (Cinestrange Extreme)

Beinahe zur gleichen Zeit veröffentlicht wie Un poliziotto scomodo (Convoy Busters, beide Filme kamen im Dezember 1978 heraus), hat Il commissario ferro (dt. Titel Kommissar Marani, Übersetzung = Kommissar Eisen) einen der ikonischsten und emblematischsten Titel des italienischen Crime Cinema inne. Dennoch handelt es sich hier um ein Übergangs- und intimeres Werk, als es der Titel vermuten lässt. Die Eröffnungssequenz, wo ein Mädchen gekidnappt wird und Kommissar Mariani (Maurizio Merli) sowie sein Kollege Ingravallo (Ettore Manni) in das Versteck der Verbrecher hereinplatzen und das Opfer befreien, stellt typisches poliziottesco Material dar, doch Roberto Gianvitis Drehbuch ist mit widersprüchlichen Details gespickt.

Merli porträtiert als Mariani wieder einmal einen impulsiven, individualistischen Polizisten, der „mit seinem eigenen Leben spielt, als würde er eine Partie Karten spielen“, wie ihm sein Vorgesetzter (Chris Avram) vorwirft. Dieses Mal jedoch repräsentiert die private Seite des Helden nicht nur ein bloßes Detail, sondern einen wichtigen Teil der Geschichte: Marianis Selbstverleugnung und professioneller Eifer sind eigentlich eine Ausrede dafür immer weiter arbeiten zu müssen, um nicht gezwungen zu sein über ein Leben nachzudenken, das genau genommen aus einer leeren Hülle besteht. Er muss mit einer ruinierten Familie klar kommen, einer entfremdeten Ehefrau, welche die Scheidung will, weil er niemals Zeit für sie hat und einem Sohn, den er noch nicht einmal an dessen Geburtstag sehen kann.

Als sich ein junger Krimineller an Mariani rächen will, indem er dessen Sohn entführt, erweist sich der „Eiserne Kommissar“ als hilflos und verzweifelt, von einer Vergangenheit verfolgt, die ihn nicht loslässt: Sein Kampf gegen das Verbrechen hat eine Spur von Hass hinterlassen. Merlis obligatorischer Monolog über die Machtlosigkeit der Polizei („ansonsten lasst uns die Polizei absetzen, lasst uns verschwinden und lasst die Diebe, die Mörder, die Terroristen die Herrscher über die Stadt sein“) ist nicht das Produkt einer tiefen zivilgesellschaftlichen Verachtung, sondern eher die Folge eines plötzlichen Nervenzusammenbruchs eines Mannes, der müde, verwirrt und vor allem allein ist.

Die Struktur des Films (die Ereignisse finden im Laufe eines Tages statt), die chorale Qualität der Szenen in der Polizeistation und die Entwicklung der Charaktere scheinen John Wambaughs Büchern oder Ed McBains 87th Precinct Serie zu huldigen. Obwohl Massi die Actionszenen mit seinem gewohnten stilistischen Flair dreht, wirkt Il commissario di ferro zuweilen gehetzt sowie schlampig inszeniert und schafft es doch tatsächlich sein unbestreitbares Potenzial irgendwie zu verschwenden. Maurizio Merli bezeichnete den Streifen als einen Film, der aus Nichts entstand, während der Regisseur mit dem Resultat nicht zufrieden war. Im Laufe der Dreharbeiten gab es immer wieder Ärger mit der Finanzierung, so dass nach der Hälfte des Drehs kein Geld mehr vorhanden war. Der Rest des Skripts wurde demzufolge eilig zu Ende gedreht, obwohl es immer wieder zu Problemen mit nächtlichen Außenaufnahmen kam. Im Gegensatz zu Massis anderen poliziotteschi dieser Zeit wurde der Film nicht einmal für ausländische Märkte auf Englisch synchronisiert.

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Darsteller: Merli Maurizio, Manni Ettore, Avram Chris, Franco Garofalo, Janet Agren
Regisseur(e): Stelvio Massi
Format: Blu-ray
Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0 Stereo), Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Cinestrange Extreme
Produktionsjahr: 1978
Spieldauer: 78 Minuten

Kommissar Mariani – Zum Tode verurteilt erscheint erstmals im deutschsprachigen Raum als #02 der Cinestrange Extreme Edizione Violenza All Italiana in streng limitierten Mediabooks (2 Discs) und Amaray auf BluRay und DVD. Mit dem Design der Edition hat man wirklich gute Arbeit geleistet, doch über die Bildqualität der 16:9 PAL-Version lässt sich sicherlich streiten, während beim Ton kaum ein Grund zur Beschwerde besteht. Hier kann man zwischen der italienischen und deutschen Spur (2.0 Stereo) wählen, die sich mehr oder weniger gut hören lassen. Möchte man sich den Film lieber im Originalton ansehen, so stehen deutsche und englische Untertitel zur Verfügung. Als Extras gibt es neben einer Bildergalerie und einem Trailer noch den Soundtrack sowie ein unterhaltsam geschriebenes Booklet mit 12seitigem Text und dem Titel “Kommissar Eisen und die Jahre aus Blei” von Leonhard Elias Lemke zu lesen. Cinestrange Extreme gelingt eine tolle Veröffentlichung eines kleinen Poliziottesco, der nicht im Fahrwasser der ganz Großen des Genres mit schwimmt aber trotzdem zu unterhalten weiß.

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Dieses Mediabook wurde uns freundlicherweise von Cinestrange Extreme zur Verfügung gestellt.

 

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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