Konzert für eine Pistole / Concerto per pistola solista / The Weekend Murders

Eine Gruppe von habgierigen Erben versammelt sich für die Testamentsverlesung eines verstorbenen Angehörigen. Als sich herausstellt, dass der verbitterte alte Mann die meisten Anwesenden enterbt hat, kommt es zu Wutausbrüchen. Schon bald müssen einige der vermeintlichen Erben sterben. Inspektor Gray von Scotland Yard und der örtliche Sergeant Thorpe tun sich zusammen, um Nachforschungen anzustellen, wobei ihre Aufgabe auch darin besteht sämtlichen falschen Fährten nachzugehen. Die Mordserie wird weiter fortgeführt, bis der Täter letztendlich entlarvt werden kann…

Konzert für eine Pistole stellt eine italienische Variante eines sogenannten Mord-Mysteriums im Stil von Agatha Christie dar. Das englische Setting sowie der Sinn für trockenen Humor verleihen dem Streifen eine andere Note, als vielen der weiteren gialli aus dieser Zeit, während das Drehbuch von Sergio Donati, Massimo Felisatti und Fabio Pitorru einer genauen Prüfung doch tatsächlich standhält, wobei sich das Endergebnis genauso skurril wie entwaffnend präsentiert. Wie bei so vielen klassischen murder-mysteries ergibt sich die Handlung aus der Verlesung eines Testaments. Die verschiedenen hinterhältigen Möchtegern-Erben repräsentieren einen ziemlich verabscheuungswürdigen Haufen, während Regisseur Michele Lupo einen Großteil seiner Energie auf den Aspekt der Komödie konzentriert, in den hauptsächlich die beiden Polizisten des Falls involviert sind: der arrogante, jedoch hoffnungslos ahnungslose Inspektor Gray (Lance Percival) und der tölpelhafte Sergeant Aloisius Thorpe (Gastone Moschin), der sich letztendlich als weitaus klüger erweist, als es zunächst den Anschein haben mag.

Die Betonung der polizeilichen Ermittlungen dürfte in einem giallo normalerweise Anlass zur Sorge geben, denn dort werden die Polizisten in groben Zügen oftmals als farblose und langweilige sowie aufdringliche Typen dargestellt. Hier sorgen sie allerdings für eine angenehm reizvolle Abwechslung, weil diese beiden Charaktere so liebenswert präsentiert werden und es gleichzeitig enorm viel Spaß bereitet ihnen dabei zuzusehen, wie sie versuchen sich bei jedem Schritt gegenseitig zu übertrumpfen. Sex und Gewalt sind weitestgehend Mangelware, was für einen Teil des Publikums enttäuschend sein mag, aber es ist trotzdem schön einen giallo vor sich zu haben, der mit einer brauchbaren Handlung und einigen Charakteren daherkommt, in die es sich lohnt Zeit zu investieren. Regisseur Michele Lupo hält die Dinge durchgehend leicht und locker. Die Handlung steht dabei über den Schockeffekten, während Lupo zusätzlich dafür sorgt überall kleine Hinweise zum Wohle der aufmerksameren Zuschauer zu verteilen. Guglielmo Mancoris gestochen scharfe Kinematografie versteht es die natürliche Schönheit der englischen Schauplätze wunderbar einzufangen und verleiht dem Ganzen, aufgrund der Verwendung von auffälligen Farben und Texturen, ein wenig italienisches Flair.

In Zusammenarbeit mit Mancori und dem Cutter Vincenzo Tomassi kreiert Lupo einige amüsante Montagesequenzen mit der klischeehaften Verwendung rasanter Zoom-in-Aufnahmen. Deren Wirkung wird durch Francesco De Masis hervorragenden Soundtrack enorm unterstützt, der einige Musikfetzen aus Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 zu recht inspiriertem Einsatz bringt. Die Besetzung umfasst eine Reihe bekannter Gesichter aus der italienischen sowie britischen Filmszene. Gastone Moschin stiehlt als komischer, jedoch kompetenter Sergeant Thorpe so ziemlich allen die Show. Moschin (mit markanten Hasenzähnen ausgestattet) gelingt es, nicht wie die totale Klischeevorstellung eines Polizisten rüberzukommen, indem er den grundlegenden Anstand und die intuitiven Fähigkeiten des Charakters hervorhebt, doch auch als comic relief macht er sich sehr gut. Moschin spielte u.a. die Hauptrollen in zwei erstklassigen poliziotteschi, nämlich Fernando Di Leos Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9, 1972) und Stelvio Massis Squadra volante (Die gnadenlose Jagd, 1974), allerdings dürfte er am ehesten für seine Rollen in Bernardo Bertoluccis Il conformista (Der große Irrtum, 1970) und Francis Ford Coppolas Der Pate 2 (1974) bekannt sein.

Der unfähige Inspektor Grey wird vom britischen Komiker Lance Percival verkörpert. Percival legt enorme Leinwandchemie mit Moschin an den Tag, während die beiden ein liebenswertes Paar unbeholfener Ermittler abgeben. Percival trat in immens britischen Komödien wie Ist ja irre – Der Schiffskoch ist seekrank (1962) und Up Pompeii (1971) auf und war auch an den Beatles-orientierten Animationsprojekten The Beatles TV-Shows (1965-1969) und dem Spielfilm Yellow Submarine (1968) beteiligt. Percival war in Großbritannien populär genug, um seine eigene Fernsehserie – Lance at Large – zu bekommen, die von 1965 bis 1966 lief. Außerdem schrieb er auch für die britische Fernsehserie Whodunnit? (1972–1978). Apropos britische Fernsehveteranen, zu der Riege der Nebendarsteller gehört auch Ballard Berkeley in der Rolle des älteren Butlers der Familie. Am bekanntesten dürfte er allerdings für seine Rolle des vertrottelten Major Gowen aus John Cleeses Fawlty Towers (Das verrückte Hotel – Fawlty Towers, 1975) sein. Zu den „typischeren“ giallo-Gesichtern lassen sich der amerikanische Schauspieler und Regisseur Peter Baldwin sowie die italienischen Genre-Veteranen Ida Galli (die unter ihrem üblichen Pseudonym Evelyn Stewart aufgeführt wird) und Giacomo Rossi-Stuart zählen. Letztendlich packt die gesamte Besetzung die Gelegenheit am Schopf, um dazu beizutragen aus Konzert für eine Pistole eine leichtherzige sowie unterhaltsame Tollerei zu machen.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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