L’assassino è costretto ad uccidere ancora / The Killer Must Kill Again

Giorgio wird Zeuge wie ein Mörder die Leiche seines Opfers entsorgt. Daraufhin nimmt er die Gelegenheit wahr den Mörder zu erpressen, der soll Giorgios Frau umbringen und den Körper verschwinden lassen, während Giorgio es bei der Polizei und seinem wohlhabenden Schwiegervater als Entführungsfall darstellt. Die Dinge verkomplizieren sich, als Luca und seine naive Freundin Laura das Auto des Killers stehlen, komplett mit der Leiche im Kofferraum…

Bevor Luigi Cozzi mit pulpigen Fantasy-Filmen von jugendlichem Charme in Verbindung gebracht wurde, inszenierte er einen der großen, oft verkannten Gialli der 70er Jahre. L’assassino è costretto ad uccidere ancora bewegt sich auf dem Terrain, das von seinem „Mentor“ Dario Argento so populär gemacht wurde und kreiert damit einen einzigartigen Thriller, der sich von der grauen Masse abhebt. Der Film zeichnet sich durch eine böse Note und einer Brise schwarzen Humors aus. Die Charaktere erweisen sich als ein widerwärtiger Haufen. Niemand kommt auch nur in die Nähe davon nur irgendwie sympathisch zu sein, mit der möglichen Ausnahme des angeheuerten Mörders, der allerdings auch nicht gerade als ein ideales Vorbild bezeichnet werden kann. Die Welt, in der die Charaktere leben, gestaltet sich kalt sowie selbst bezogen und prägt den Ton von Argentos viel späterem Opera (Terror in der Oper, 1987). Jeder ist auf die eine oder andere Weise auf dem Vormarsch, wobei sich Gerechtigkeit als ein relatives Konzept erweist. Der humorvolle Touch ist typisch für die Kettenreaktion der Erzählung, die sich Mario Bavas Reazione a catena (Im Blutrausch des Satans, 1971) zu verpflichten scheint. Eine böse Tat führt zu einer anderen, die wiederum zur nächsten und dann wieder zur nächsten führt.

Das initiale Verbrechen des Mörders, das nie wirklich geklärt wird, führt dazu, dass er von Giorgio erpresst wird. Er willigt ein, Giorgios Forderungen nachzukommen, die Dinge geraten durch eine Reihe außergewöhnlicher Unglücksfälle jedoch außer Kontrolle. Sollte es jemals einen Mörder in der Geschichte des Giallo geben, der die unfehlbare Fähigkeit besitzt, immer zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein, dann kann es sich nur um den in diesem Film handeln. Die humorvollen Aspekte gestalten sich vielfältig und reichen von unverschämt bis subtil. Giorgio und seine Frau leben in einer Wohnung mit überwältigendem gelben Farbschema – wie passend in der Welt des Giallo! Als Giorgio den Mörder mitnimmt, um seinen Plan zu besprechen, seine Frau zu ermorden, wählt er ein Kino aus, das zufällig Cozzis ersten Film zeigt, den kaum veröffentlichten Science-Fiction-Fantasie-Flick Il tunnel sotto il mondo (The Tunnel under the World, 1969), mit Cozzi selbst anwesend, als Filmvorführer, der ängstlich aus seinem Büro späht, um zu sehen, wie der Film beim Publikum ankommt. Die Tatsache, dass sie diese heiklen Pläne in einem öffentlichen, aber im Wesentlichen verlassenen und harmlosen Ort diskutieren, könnte als kleiner Insider-Scherz über die Unfähigkeit des Films angesehen werden, ein großes Publikum zu finden.

Dann ist da noch der Mörder selbst, der keinen Namen hat und einen zerknirschten Ausdruck im Gesicht trägt, der Bände über seinen unterdrückten Platz in der Welt spricht. Er ist rücksichtslos sowie effizient, doch sein Timing lässt schrecklich zu wünschen übrig. Nachdem er Giorgios Frau getötet hat, steckt er ihre Leiche zunächst in den Kofferraum und geht dann zurück ins Haus, um alle seine Spuren zu entfernen. Als er danach die Leiche entsorgen will, stellt er fest, dass das Auto gestohlen wurde. Später spürt er die Diebe auf und lässt ein wenig Vergeltung walten, doch die Sache verkompliziert sich aufgrund einer tölpelhaften Anhalterin noch einmal weiter. Der Film scheut jedoch nicht davor zurück, die Vorgänge auf gemeine und böse Art und Weise auszuspielen. Die im Allgemeinen unsympathischen Charaktere, die sich gegenseitig in den Rücken stechen, bedeuten für den Giallo eigentlich nichts Neues, aber Cozzi geht wohl noch einen Schritt weiter. Der namenlose Killer wird fast bedauernswert präsentiert, obwohl er etwas an sich hat, das einem wirklich Gänsehaut bereiten kann. Als man ihn zum ersten Mal sieht, setzt er die Leiche seines ersten Opfers in ein Auto. Er nimmt sich Zeit, um den Körper zu arrangieren und die leblosen Schenkel sowie Brüste des Mädchens auf eine Weise zu berühren, die auf eine nekrophile Unterströmung hindeutet.

Später werden er und Giorgio gesehen, wie sie in einem Eislauf-Center miteinander reden, wobei er ein junges Mädchen (das auf dem Eis übt) anzüglich angrinst. Seine implizite Perversion tritt schließlich in den Vordergrund, als er Luca und Laura (die potenziellen jugendlichen Straftäter, die das Auto stehlen) während ihres Kurzurlaubs am Meer aufspürt. Cozzi schwelgt dabei in einem sehr effektiven Querschnitt der Szenen, da er zwei ähnliche, jedoch sehr unterschiedliche Aktionen gegenüberstellt. Der Mörder vergewaltigt die verängstigte Laura, während sich Luca mit der Anhalterin auf dem Rücksitz vergnügt, als er Laura angeblich etwas zu essen besorgen will. Lucas schmierige, sexbesessene Persönlichkeit wirkt auf seine Weise genauso abstoßend, wie die des Mörders und erreicht den Höhepunkt des schlechten Geschmacks, als er die Blondine zurück ins Haus bringt, in der Hoffnung, eine kleine Ménage à trois-Action in Gang bringen zu können. Angesichts der Implikation, dass Laura noch Jungfrau ist und gesehen wurde, wie sie Lucas ungeschickte Avancen bereits zurückwies, wirkt sein grob unangemessenes Verhalten im Vergleich zu den rachsüchtigen Motiven des Mörders enorm kalkuliert.

Letztendlich ist der Kontrast zwischen diesen beiden Szenen als sehr effektiv zu beschreiben und bleibt auf einer emotional resonanteren Ebene im Kopf hängen, als bei einem charakteristischen Giallo. Cozzi steuert den Film auf präzise Art und Weise. Der Plot erweist sich als recht interessant sowie voller Wendungen und opfert niemals die Logik zugunsten des Schockeffekts. Das Tempo ist als durchgehend geschmeidig und gleichmäßig zu beschreiben, wobei Cozzi nicht auf die Art von offen stilisierten Bildern setzt, die man von Bava oder Argento erwartet, während der Film von Riccardo Pallotini gut fotografiert wurde. Laut Cozzi war das Projekt finanziell angeschlagen, was im fertigen Produkt glücklicherweise nie ersichtlich ist. Der fachmännische Schnitt und ein entsprechend starker Soundtrack von Nando De Luca tragen zu seiner ultimativen Anziehungskraft bei. Dem Regisseur gelang es eine beeindruckend starke Besetzung für den Streifen zu requirieren. George Hilton ist hier sogar eher als ein Gaststar anzusehen. Dennoch spielt er ausgezeichnet als der kalte, berechnende, geldhungrige Giorgio.

Hiltons Fähigkeit mit Leichtigkeit von sympathischen zu weniger sympathischen Charakteren wechseln zu können, machte ihn zu einem der wertvollsten Schauspieler des „Genres“. Hier zieht er mit Sicherheit alle Register, indem er in der Verschlagenheit des Charakters schwelgt. Antoine Saint-John (als Michel Antoine aufgeführt) spielt die eigentliche Hauptrolle in Form des Mörders. Saint-Johns natürlich charakteristische Merkmale mit hohlen Wangen, hohen Wangenknochen und ausdrucksstarken Augen prädestinierten ihn für diese Rolle, wobei es überrascht, dass andere Filmemacher diesem Beispiel nicht folgten. Er hätte auf lange Sicht zu einer „Genre“-Ikone werden können. Saint-John wurde 1940 in Frankreich geboren und begann 1971 in Filmen aufzutreten. Eine seiner ersten Rollen war ein mexikanischer General in Sergio Leones Giù la testa (Todesmelodie, 1971), wo er Cozzi auffiel. Saint-John hatte verschiedene Künstlernamen, darunter Domingo Antoine und Antoine St. John, wobei seine ausgeprägten Merkmale dafür sorgten, dass er mit allen von ihnen heraus stach, auch in Nebenrollen.

Er war in Big-Budget-Filmen wie John Milius‘ The Wind and the Lion (Der Wind und der Löwe, 1975) mit Sean Connery zu sehen, ist Genre-Fans allerdings am ehesten für seinen Auftritt als unglücklicher Maler in Erinnerung geblieben, der die Tore zur Hölle in Lucio Fulcis …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà (Über dem Jenseits, 1981) öffnet. In den 80er Jahren scheint er mit dem Filmemachen aufgehört zu haben. Eduardo Fajardo (Il coltello di ghiaccio / Knife of Ice, 1972) macht seine Sache als schlauer Inspektor, der weiß, dass man Giorgio nicht trauen kann, sehr gut, während Femi Benussi ihrer Rolle als Anhalterin, die in das Chaos verwickelt wird, eine unerwartet berührende Naivität verleiht. Die beiden Jugendlichen, die das Auto stehlen und das möglicherweise bereuen müssen, werden von Cristina Galbó und Alessio Orano verkörpert, die beide gute Leistungen abliefern. Galbó wurde 1950 in Spanien geboren und trat bereits als Kind in Filmen auf. In den späten 60er und 70er Jahren tauchte sie in einer Reihe von populären Genreeinträgen auf, darunter Narcisco Ibáñez Serradors stilvoller Grenzgänger-Giallo La residencia (Das Versteck, 1969), Jorge Graus brillanter No profanar el sueño de los muertos (Das Leichenhaus der lebenden Toten, 1974) und Massimo Dallamanos Cosa avete fatto a Solange? (Das Geheimnis der grünen Stecknadel, 1972).

Eine ihrer letzten Rollen spielte sie in Eugenio Martíns Horror-Thriller Sobrenatural (Supernatural, 1981), der manchmal auch mit dem filone des Giallo in Verbindung gebracht wird. In den 80er Jahren hörte sie mit dem Filmemachen auf und ist seitdem (einigen Quellen zufolge) unter die Flamenco-Tänzerinnen gegangen. Alessio Orano wurde 1945 geboren und gab sein Kinodebüt in Damiano Damianis La moglie più bella (The Most Beautiful Wife, 1970), wo er die Schauspielerin Ornella Muti kennenlernte, die er 1975 heiraten sollte. 1981 ließen sie sich jedoch wieder scheiden. Oranos auffälliges Aussehen ließ ihn für zweideutige Charaktere äußerst gut eignen, was er in seiner Rolle in Mario Bavas Lisa e il diavolo (Lisa und der Teufel, 1973) hervorragend unter Beweis stellt. Zunächst in einem sympathischen Licht dargestellt, entpuppt er sich letztendlich als Nekrophiler und Mörder. Seiner Karriere schien Ende der 70er Jahre die Luft auszugehen, doch 1990 kehrte er mit einem Auftritt in Lamberto Bavas Fernsehfilm Testimone Oculare (Eyewitness) zum Giallo zurück. Er befindet sich seit den 90er Jahren im Ruhestand.

Regisseur Luigi Cozzi wurde 1947 in Busto Arsizio geboren. Schon als Kind interessierte er sich für Filme und transferierte diese Leidenschaft in eine Vollzeitkarriere. Er gab sein Regiedebüt mit dem bereits weiter oben erwähnten Il tunnel sotto il mondo (The Tunnel Under the World), danach widmete er sich dem Schreiben über das Kino, lobte und interviewte marginalisierte Filmemacher wie Mario Bava und Antonio Margheriti, lange bevor so etwas in Mode kam. Cozzis Freundschaft zu Dario Argento entwickelte sich zu einer lebenslangen Geschäftspartnerschaft, beginnend mit seiner Zusammenarbeit am Drehbuch für 4 mosche di velluto grigio (Vier Fliegen auf grauem Samt, 1971) und seiner Rolle als Regieassistent sowie Nebendarsteller im Film. Sie würden weiterhin an allem von La porta sul buio (Door into Darkness, 1973) und Le cinque giornate (Die Halunken, 1973) bis hin zu Phenomena (1985) und La sindrome di Stendhal (Das Stendhal Syndrom, 1996) zusammenarbeiten und Partner in einem erfolgreichen Kinogeschäft in Rom werden, „Profondo Rosso“, das nach einem der beliebtesten Filme Argentos benannt wurde.

Cozzi drehte auch weiterhin selbst Filme, oft unter dem Namen Lewis Coates; doch während Argento ernsthaftere Kost bevorzugte, stupste Cozzis Liebe zu Fantasy, Science Fiction und „Trash“-Kino ihn in eine andere, leichtherzigere Richtung. Zu seinen populäreren Werken zählen das Science-Fiction-Abenteuer Starcrash (Star Crash – Sterne im Duell, 1978), das Alien (1979) Cash-In Contamination (Astaron – Brut des Schreckens, 1980) und die Lou Ferrigno-Vehikel Hercules (1983) und Le avventure dell’incredibile Ercole (Die Abenteuer des Herkules – 2. Teil, 1985). Cozzis letzte Regie-Kredits sind die Dario Argento-Dokumentarfilme Dario Argento: Master of Horror (1991) und Il mondo di Dario Argento 3: Il museo degli orrori di Dario Argento (1997), aber es gab Gerüchte über weitere Projekte. Sein letzter Streifzug im Bereich des Giallo fand in der von Argento produzierten TV-Serie Turno di notte (1987-88) statt.

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  • Darsteller: George Hilton, Antoine Saint-John, Femi Benussi, Cristina Galbó, Eduardo Fajardo
  • Regisseur(e): Luigi Cozzi
  • Autoren: Luigi Cozzi, Adriano Bolzoni, Daniele Del Giudice, Patrick Jamain
  • Produzenten: Giuseppe Tortorella, Sergio Gobbi, Umberto Lenzi
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0 Stereo), Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
  • Untertitel: Englisch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Nicht geprüft
  • Spieldauer: 86 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 28. September 2020

    […] Seide, Schreie in der Nacht, Die Farben der Nacht), Eduardo Fajardo (Django, Im Dutzend zur Hölle, L’assassino è costretto ad uccidere ancora) und Venantino Venantini (Sieben Tote in den Augen der Katze, Bewaffnet und gefährlich, Nove […]

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