Leichen unter brennender Sonne / Laissez bronzer les cadavres

Leichen unter brennender Sonne

An einem flirrend heißen Sommertag auf Korsika treffen in einer Burgruine mit Meerblick aufeinander: Malerin Luce und ihre beiden Lover, ein zu allem bereites Gangster-Trio, das gerade einen blutigen Überfall auf einen Gold-Transport durchgeführt hat, zwei in schweres dunkles Leder gekleidete Motorrad-Cops und drei scheinbar arglose Touristen. Ohne Rücksicht auf Verluste gehen alle Beteiligten aufeinander los, im Kampf um Leben und Tod – und um 250 Kilo reines Gold. Am nächsten Morgen gleicht das verlassene Örtchen einem blutigen Schlachtfeld… (Koch Media)

Leichen unter brennender Sonne

Einen Film des Regie-Duos Helene Cattet und Brunao Forzani zu sehen, ist vergleichbar mit einer Nahtoderfahrung. Ihre beiden vorherigen Werke, Amer und Der Tod weint rote Tränen, waren Ultra-Giallo-Huldigungen, gefüllt mit kaleidoskopischen Bildern, starken sexuellen Untertönen und unerbittlichen surrealen Albträumen. Ihr drittes Werk, Leichen unter brennender Sonne, ist nichts weniger als ein „Meisterwerk“ und verlagert den künstlerischen Fokus auf die düsteren italienischen Krimis und Italo-Western der 70er Jahre. Mit überirdischen Bildern, hyperkinetischer Gewalt und sphärischer Semiotik repräsentiert der Streifen eines der unvergesslichsten Filmerlebnisse des Jahres. Was man allerdings so oder so sehen kann.

Eine Gruppe Krimineller stiehlt eine Lastwagenladung Gold und versucht sich in einer zerfallenden Villa an der Küste vor den Behörden zu verstecken. Doch das Vorhaben geht schief, denn Polizisten spüren das Versteck der Diebe auf und lösen eine 24 Stunden Schießerei zwischen den Dieben, dem Gesetz und den Bewohnern des Landhauses aus. In Fortsetzung der absolut irrsinnigen Techniken der Regisseure verzichtet Leichen unter brennender Sonne auf jegliches traditionelles Geschichtenerzählen zugunsten einer vollautomatischen Inszenierung. Der genauso un- wie außergewöhnliche Schnitt von Arnout Deurinck erweist sich als der schmutzige Motor, der alles vorantreibt. Charaktere kommen und gehen, Kugeln reißen Körper sowie Stein auseinander und Götter pissen buchstäblich auf jedermanns Pläne. Das Drehbuch basiert auf einem bahnbrechenden französischen Kriminalroman mit dem gleichen Namen, jedoch entwickelt sich die Handlung jenseits des ursprünglichen Aufbaus zu einem Delirium, das jegliches Gefühl von kognitivem Geschichtenerzählen entgleisen lässt. Es handelt sich um die Essenz des Kampfes auf Leben und Tod, wo Freunde und Feinde fast nicht zu unterscheiden sind und der Sensenmann geduldig auf seine Beute wartet. Die ausgedehnte Sequenz wird in verschieden wilde Kapitel aufgeteilt, die mit unterschiedlichen Zeitstempeln versehen sind, während der qualvolle Tag voranschreitet, so als müsste die ohnehin schon hektische Situation noch verschärft werden.

Manuel Dacosses grelle Kinematographie präsentiert sich atemberaubend. Die sonnengewaschenen Außenaufnahmen eines gefallenen Paradieses gestalten sich sowohl üppig als auch esoterisch, mit bizarren Kompositionen von weißglühenden Skelettresten und Gegenständen möglichen okkulten Ursprungs. Die Innenräume stellen vergessene Kuriositätenkabinette dar, die mit verlorenen Seelen und Pfandhausartikeln angefüllt sind. Die Sonne repräsentiert auch einen Schauspieler, der während fieberhafter Halluzinationen und profaner Anrufungen von Schicksalsgöttern im Blickfeld gehalten wird, so als ob er den Betrachter daran erinnern möchte, dass das Schicksal in der giftigen Realität von Cattets und Forzanis Entwurf nur eine Fabel symbolisiert. Dabei handelt es sich um pure Arthaus-Bravour, randvoll mit pervertiertem Subtext und nonchalant philosophischem Grübeln. In seinem Kern stellt der Film eine einfache Geschichte dar, die von abscheulichen Verbrechern und umkonventionellen Ausgestoßenen angefüllt ist, wobei sich bei ihrem Ausklang nicht viel verändert hat, außer den im Sand liegenden Körpern.

Leichen unter brennender Sonne kann, in einer Zeit, in der sichere, vorhersehbare Entscheidungen das Mainstream-Kino dominieren, als ein ziemlicher Triumph bezeichnet werden. Dies ist ein Film, der viele abstoßen wird, was jedoch einen Teil seines rauen Charmes bedeutet. Das Wunder dieses Streifens liegt darin, wie er die göttliche Bedeutung von Ereignissen erforscht, die andernfalls in einen Aldi-Fünf-Euro-Mülleimer verbannt werden würden. Das Schicksal und sogar die Götter selbst spielen in Cattets und Forzanis seltsamem und beängstigendem Universum immer eine Rolle, wobei Leichen unter brennender Sonne ihr Kronjuwel versinnbildlicht.

Darsteller: Marc Barbe, Bernie Bonvoisin, Dorylia Calmel, Stephane Ferrara
Regisseur(e): Helene Cattet, Bruno Forzani
Format: Breitbild
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
Studio: Koch Media GmbH
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 92 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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