Libido

Christian wurde in seiner Kindheit traumatisiert, als er mit ansehen musste, wie sein Vater eine junge Frau ermordete. Zwanzig Jahre später kehrt er mit seiner Braut Hélène, seiner Rechtshilfe Paul sowie Pauls koketter Frau Brigitte zum Tatort zurück, um den Versuch zu starten, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen. Die Gruppe wird schon bald von seltsamen Ereignissen heimgesucht, wobei Christian sich sorgt, ob er nicht dazu bestimmt ist, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Könnte es jedoch auch sein, dass jemand versucht den jungen Mann in den Wahnsinn zu treiben?

Dieses Kammerstück stellt das Regiedebüt des Giallo-Drehbuchautors Ernesto Gastaldi dar. Aus einer Geschichte seiner Frau Mara Maryl entwickelte Gastaldi ein hochfreudianisches Szenario um vier Charaktere, die in einem isolierten aber landschaftlich ansprechenden Schauplatz gefangen sind. Die grundlegenden Giallo Zutaten sind ordnungsgemäß integriert, doch der Film befasst sich für einen Großteil seiner Laufzeit allerdings eher mit Charakterentwicklung und Stimmungsaufbau. Das Endergebnis mag nach heutigen Maßstäben etwas zu gesprächig und zahm wirken, strahlt jedoch eine ganz eigene hypnotische Atmosphäre aus, weswegen es der Film verdient von einem breiteren Publikum gesehen zu werden. Gastaldi war gemeinsam mit Vittorio Salerno (der Bruder des Schauspielers Enrico Maria Salerno) Co-Autor und Co-Regisseur des Films.

Gastaldis Umgang mit dem Material widerlegt seinen Status als Anfänger. Ein Gefühl von Klaustrophobie wird kunstvoll aufrechterhalten und die verschiedenen Schockmomente sowie twists & turns werden mit sicherer und ruhiger Hand inszeniert. Der Film bewegt sich auf vorsichtige und gemächliche Art und Weise, wird aber nie langweilig. Gastaldi wurde 1934 geboren und war schon in jungen Jahren ein Film- und Literaturfan. Während seines Besuchs des prestigeträchtigen Centro Sperimentale di Cinematografica inszenierte er ein kurzes Sujet mit dem Titel La strada che portava lontano, das er als den ersten echten italienischen Thriller aus dem Jahr 1954 bezeichnete. Jedoch erhielt der Kurzfilm nie einen Kinostart und ist seitdem in der Dunkelheit verschwunden. (Lucas, Tim, “What Are Those Strange Drops of Blood in the Scripts of Ernesto Gastaldi?” Video Watchdog, #39, Seite 31)

In den 60er Jahren entwickelte er sich zu einem produktiven Schriftsteller und Drehbuchautor. Er schrieb die Drehbücher für so unterschiedliche Filme wie Renato Polsellis L’amante del vampiro (Die Geliebte des Vampirs, 1960), Paolo Heuschs Lycanthropus (Bei Vollmond Mord, 1961), Riccardo Fredas L’orribile segreto del Dr. Hichcock (Das schreckliche Geheimnis des Dr. Hichcock, 1962), Mario Bavas La frusta e il corpo (Der Dämon und die Jungfrau, 1963) und Antonio Margheritis I lunghi capelli della morte (The Long Hair of Death, 1964). Er sollte in jedem Genre arbeiten, von Spionagethrillern und Italo-Western bis hin zu Gothic-Horror und Pepla, doch seine wohl beste Arbeit lieferte er im Bereich des Giallo ab. Seine Beiträge zum filone umfassen Così dolce… così perversa (So Sweet … So Perverse, 1969), Lo strano vizio della signora Wardh (Der Killer von Wien, 1971), Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer? (Das Geheimnis der blutigen Lilie, 1972) und Morte sospetta di una minorenne (The Suspicious Death of a Minor, 1975), um nur einige wenige zu nennen. Gastaldis Co-Autor und nominaler Co-Regisseur, Vittorio Salerno, wurde 1938 geboren. Er trug zu Drehbüchern für etwa ein Dutzend Filme bei, darunter Gastaldis La lunga spiaggia fredda (Rocker sterben nicht so leicht, 1971), während er nur eine Handvoll Filme selbst inszenierte, insbesondere No il caso è felicemente risolto (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen, 1973) mit seinem Bruder Enrico. Seit den späten 80er Jahren hat er keine Credits mehr erhalten.

Libido ist auch als das Filmdebüt des wundervollen Giancarlo Giannini beachtenswert, der eine intensive Vorstellung als Christian abliefert. Giannini wurde 1942 geboren und beeindruckte zuerst auf der italienischen Bühne, bevor er zum Fernsehen wechselte. Nach Libido spielte er in Filmen bedeutender Filmemacher wie Alberto Lattuada (Fräulein Doktor, 1969), Mauro Bolognini Fatti di gente perbene (Die Affäre Murri, 1974), Luchino Visconti L’innocente (Die Unschuld, 1976) und Elio Petri Buone notizie (Good News, 1979). Mit Lina Wertmüller sollte er an einigen seiner bekanntesten und beliebtesten Filmen zusammenarbeiten, darunter Film d’amore e d’anarchia, ovvero ’stamattina alle 10 in via dei Fiori nella nota casa di tolleranza…‘ (Liebe und Anarchie, 1973), Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto (Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August, 1974) und Pasqualino Settebellezze (Sieben Schönheiten, 1975). In den 80er Jahren begann er sich mit amerikanischen Filmen zu beschäftigen und spielte in Werken von Francis Ford Coppola (das „Leben ohne Zoe“ Segment aus New Yorker Geschichten, 1989) oder Alfonso Araus (Dem Himmel so nah, 1995), Giullermo del Toro (Mimic – Angriff der Killerinsekten, 1997) und Ridley Scott (Hannibal, 2001). Außerdem schnappte er sich auch die Rolle des Mathis in Daniel Craigs ersten beiden Auftritten als James Bond in Casino Royale (2006) und Quantum of Solace (2008). Für seine Rolle in Sieben Schönheiten wurde er für einen Oscar nominiert und vielfach für seine distinguierten Kontributionen zum italienischen Kino gefeiert, sowohl als Schauspieler, als auch als Synchronsprecher. In letzterer Funktion wurde er sogar von Stanley Kubrick höchst selbst ausgewählt, um die italienische Stimme von Jack Nicholson in The Shining (1980) beizusteuern. Giannini trat später im stilvollen Giallo La tarantola dal ventre nero (Der schwarze Leib der Tarantel, 1971) auf, wonach er die Verbindung zum „Genre“ abbrach.

Giannini bekommt in Libido sehr gute Unterstützung von einer kleinen aber erfahrenen Riege von Schauspielern. Dominique Boschero kommt als seine besorgte Frau Hélène recht wirksam rüber. Sie wurde 1934 in Paris geboren und verbrachte den Großteil ihrer Karriere im Wechsel zwischen französischen und italienischen Koproduktionen. Sie tauchte in Ulisse contro Ercole (Herkules, der Sohn der Götter, 1962), Le spie uccidono a Beirut (Bob Fleming hetzt Professor G., 1965) und Paris – When It Sizzles (Zusammen in Paris, 1964) mit William Holden/Audrey Hepburn sowie in Gialli wie L’iguana dalla lingua di fuoco (Die Bestie mit dem feurigen Atem, 1971) und Chi l’ha vista morire? (The Child – Die Stadt wird zum Alptraum, 1972) auf. Gastaldis Ehefrau und Mitstreiterin Mara Meryl stiehlt die Show als flatterhafte Brigitte. Meryls hübsche Züge und ihre kurvenreiche Figur hätten aus ihr einen größeren Namen im italienischen Film machen können, ihre Arbeit in dem Bereich war jedoch vergleichsweise spärlich gesät. Sie wurde 1939 geboren, heiratete 1960 Gastaldi und arbeitete mit ihm an Drehbüchern für mehrere Filme, darunter der Giallo Assassinio al cimitero etrusco (The Scorpion with Two Tails, 1982), und trat als Schauspielerin nur in den wenigen Filmen auf, bei denen Gastaldi Regie führte. Vor ihrer Heirat hatte sie kleine Auftritte in Dino Risis La nonna Sabella (1959) und Mario Monicellis Risate di gioia (Dieb aus Leidenschaft, 1960).

Komplettiert wird das kleine Ensemble von Luciano Pigozzi, der wiederum unter seinem Pseudonym Alan Collins auftritt. Hier handelt es sich zweifellos um eine der besten Rollen Pigozzis, der als zwielichtiger Paul zu überzeugen weiß. Der 1928 geborene Schauspieler wurde in der Regel in kleinen Nebenrollen besetzt, die seine finsteren Züge begünstigten. Libido repräsentiert ein seltenes Beispiel dafür, dass er auch mal in wichtigen Hauptrollen spielte, die ihn durch den gesamten Streifen trugen. Als wiederkehrende Erscheinung in Filmen von Mario Bava und Antonio Margheriti sollte Pigozzi zu einer der beliebtesten Präsenzen im sogenannten „goldenen Zeitalter“ italienischer Horrorfilme und Thriller werden. Er trat auch in Filmen von Roberto Rossellini Il generale Della Rovere (Der falsche General, 1959) und Vittorio De Sica La ciociara (…und dennoch leben sie, 1960) auf, doch Giallo-Liebhaber werden ihn wohl am ehesten für seine farbenfrohen Kameen in Titeln wie 6 donne per l’assassino (Blutige Seide, 1964), Tutti i colori del buio (Die Farben der Nacht, 1972) und Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer? (Das Geheimnis der blutigen Lilie, 1972) in Erinnerung behalten.

Darsteller: Giancarlo Giannini, Dominique Boschero, Luciano Pigozzi, Mara Maryl
Format: PAL
Audio: Italienisch (Dolby Digital 2.0)
Sprache: Italienisch
Untertitel: Italienisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 1.66:1
Anzahl Disks: 1
Studio: Cinekult
Spieldauer: 86 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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