Little Big Man

Little Big Man ist der Titel von Arthur Penns eigenwilligem Historiendrama von 1970. Obgleich dieser oft als Anti-Western beschriebene Film sowohl zu den teuersten als auch den erfolgreichsten Werken von Penn (bekannter ist eigentlich Bonnie and Clyde) gehört, handelt es sich doch um einen schwer verdaulichen, stilistisch ungewöhnlichen und für seine Zeit unglaublich deutlichen Film in seiner politischen, historischen und sozio-kulturellen Kritik. Auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs entstand diese Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Berger, der durch seine zerrbildhafte Darstellung der Geschichte mit humoristischen Untertönen ein wenig an Forrest Gump erinnert, in der Materie allerdings viel stärker an Soldier Blue erinnert, der meines Erachtens bessere Film zu diesem Thema, der im gleichen Jahr erschien und mangels Starpower und Vermarktbarkeit Penns Film unterlag. Beide Filme waren massiven Attacken ausgesetzt. Heute, 47 Jahre später, kann man sowohl als Cineast als auch als Amerika-Kenner aber konstatieren, dass es um die Aufarbeitung des dieses Genozids in der amerikanischen Pop bzw. Erinnerungskultur, Bildungslandschaft und Öffentlichkeit heute noch nicht deutlich besser bestellt ist als in den von Umbrüchen und Emanzipation gekennzeichneten 70ern.

Der Film handelt von Jack Crabb (Dustin Hoffmann), der im greisen Alter von einem Akademiker im Krankenhaus besucht wird um über sein Leben befragt zu werden. Crabb, Sohn weißer Siedler, erinnert sich wie er einen Überfall von „Indianern“ auf den Treck seiner Familie überlebte und bei Cherokee aufwuchs. Sein Erwachsenwerden ist gezeichnet vom Konflikt mit den sich ausbreitenden Weißen, mit rivalisierenden Stämmen, und dem in ihm selbst, zwei Kulturen in sich tragend. Zwischendurch schlägt er sich auch wechseln bei der US-Armee als Scout, bei einem Quacksalber als Handlanger, oder als Trunkenbold durch, nur um immer wieder in die Fittiche seines Uramerikanischen Großvaters zu gelangen. Immer wieder optiert Crabb im Zweifel für die Kultur seiner Eltern, erfährt aber deren destruktive Natur jedes mal drastischer, bis ihn die Massaker an seinem Indianervolk zum Kämpfer werden lassen. Er überlebt auch die, und leidet bis an sein Lebensende in dem Wissen, General Custer nicht nur in den Hinterhalt gelockt, sondern ihm aber auch zu oft geholfen zu haben…..

So viel wollte ich zur Handlung eigentlich gar nicht schreiben. Zu dem was ich eingangs erwähnte, muss man natürlich irgendwie eingestehen, dass was (damals wie heute) etwas komisch anmutet, sind die Makeup Effekte, die schrecklich verstellten Stimmen und das Gump-esque Herumgestolpere vor historischem Kontext, von Charakteren die einfach irgendwie zu progressiv scheinen für ihre Zeit. Es wirkt anachronistisch, dazu trägt auch der – sehr gute – Blues Soundtrack bei. Der Regisseur konnte es sich nicht verkneifen, einen Film zu schaffen der ganz und gar Kind seiner Zeit ist. Politische Kritik beiseite spart der Film auch nicht mit „free love“ und Religionskritik, Anthropologie und Soziologie. Klar, die Zuschauer damals sahen hier in erster Linie Parallelen zum Vietnamkrieg, und diese sind offenkundig, aber der Film hat natürlich auch noch einiges mehr zu bieten, das auch heute noch kontrovers scheint.

Als plumper Historienfilm nämlich sieht der Film zwar gut aus, hat aber nicht so arg viel zu bieten wie ich finde. Zu stark fiktionalisiert ist das ganze, wer also harten Realismus mit einer Prise Hollywood erwartet, ist bei Dances with Wolves besser aufgehoben, wer noch krassere Anklagen gegen den Genozid erwartet, guckt Soldier Blue, und so weiter.

Ich persönlich mag Dustin Hoffman, aber das hier ist einfach zu viel Dustin. Dem Film hätte ein anderer Schauspieler einerseits gut getan, andererseits ist natürlich durch diese Besetzung die gewollte Überspitzung perfekt. Der Tom Hanks aus den 90ern ist ja auch keine typische Besetzung für einen Kriegshelden oder Marathonläufer. Ansonsten kann Little Big Man punkten mit vielen vielen prima besetzten Nebenrollen, von Martin Balsam bis Faye Dunaway, die hier quasi eine Variante von Annette Bancroft aus The Graduate spielt.

Die Special Edition (2 BluRays) von Koch Media bietet dem Fan eine ganze Menge Stoff. Der Film liegt in einer restaurierten Abtastung vor, die gute Kontraste, scharfe Bilder und unbeschädigte Aufnahmen bieten. Die Farben sind zwar leider teilweise etwas blass, das tut dem Genuss insgesamt aber nicht ab. Der Ton liegt einmal als Surround-Upmix und einmal als original Monoton vor. Viel Räumlichkeit kann man sich nicht erwarten, aber ich konnte dem aufgepeppten Ton dennoch etwas abgewinnen. Bei der Synchronfassung kann man zwischen einer normalen und einer ungefilterten Option wählen, der Unterschied war mir nicht so klar, allerdings verzichte ich im Normalfall auch völlig auf Synchronfassungen. Es liegen Untertitel sowohl auf Deutsch als auch Englisch vor.

An Extras gibt es auf der Haupt-Scheibe einen informativen Audiokommentar von Lars-Oliver Beier, Filmjournalist u.a. beim Spiegel. Der ist über die Synchronfassung gesprochen und reich an Informationen, und versucht ein wenig die Brücke zu schlagen zwischen Insiderwissen oder Nerdtum und eher allgemeiner Lehrerhaftigkeit. Ich finde den Kommentar so mittelmäßig, aber er ist ganz wertvoll wenn man sich dem Film, vielleicht auch aus akademischen Blickwinkeln, nähern möchte – oder weniger leicht Zugang zu englischsprachigem Making-Of Material oder Literatur findet.

Die Bonus BluRay enthält weitere umfangreiche Extras, dazu gehören neben dem US Trailer, der deutschen Super8-Fassung (in drei Teilen zu circa 15, 30 und 28 Minuten) und einer Bildergalerie vor allem drei unterschiedlich lange Dokus, die leider nicht alle in HD enthalten sind:

  • Die Kurzdoku „Arthur Penn: The Director“ (HD, 25:45 Min., Englisch, optionale deutsche Untertitel) von Elliot Erwitt mit sehr viel Aufnahmen vom Dreh und einigen Interviews.
  • Featurette „The Many Faces of Dustin Hoffman“ (HD, 14:23 Min., Englisch, optionale deutsche Untertitel), ein Interview mit dem Star des Films, am Set gedreht.
  • Dokumentation „Arthur Penn: A Love Affair with Film“ (SD, 76:52 Min., Englisch, optionale deutsche Untertitel) von Lars-Olva Beier (von dem auch der Audiokommentar stammt) und Robert Müller über das Schaffen des Regisseurs, mit vielen Interviewmomenten, und insgesamt einer sehr essayhaften Aufarbeitung des Lebenswerks. Dabei lassen sie die Bilder für sich sprechen, Szenen aus Filmen oder Interviews. Die Doku ist wohl einige Jahre alt, aber zum Einstieg nicht schlecht.

Insgesamt scheiden sich wohl auch heute noch an Little Big Man die Geister. Man kann allerdings nicht verleugnen, dass es sich um ein kleines Meisterwerk handelt. Ein Kuriosum, ein Misch aus Westernabenteuer, Historienfilm und Gesellschaftssatire. Die erstklassige BluRay Veröffentlichung ist jeden Cent wert.

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Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt. Die Screenshots sind von Blu-Ray.com entliehen.

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Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 23. Oktober 2017

    […] Film, den ich in meiner Kindheit sehr geliebt – wenn auch nur einmal gesehen – habe ist „Little Big Man“. Sebastian von Nischenkino kann diese Begeisterung leider nicht so ganz […]

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