Ma Yong Zhen / Der Pirat von Shantung

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Ma Yong Zhen (Chen Kuan-Tai) und sein bester Freund sind vor kurzem vom Land nach Shanghai umgezogen, da sie sich dort ein besseres Leben erhoffen. Eine zufällige Begegnung mit dem lokalen Gangsterboss Meister Tan Si (David Chiang in einer kleinen aber fantastischen Rolle) offenbart Ma eine vollkommen unbekannte Welt, eine Sphäre, in der er schließlich selbst leben möchte. Ja, Der Pirat von Shantung ist quasi eine Shaw Brothers Version von Scarface (11 Jahre vor Brian De Palmas berühmtem Remake), doch ehrlich gesagt, die Geschichte des Verbrechers – obwohl gekonnt und engagiert erzählt – ist eine der Schwächen des Films, zumindest für den modernen Zuschauer. Diese Art von Streifen hat man einfach schon viel zu oft gesehen, um sich noch wirklich in einem solchen Plot verlieren zu können. Die Martial-Arts-Kunst der Charaktere ist allerdings erstklassig, was Der Pirat von Shantung locker in das obere Drittel des Genres katapultiert.

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Der Film ist schon allein dafür bemerkenswert, dass hier Chen Kuan-Tai in die Welt des Kung-Fu Films eingeführt wird und es für ihn kein besseres Debüt hätte geben können. Sein Charakter wächst im Verlaufe der Handlung, gemeinsam mit Chen Kuan-Tais schauspielerischer Fertigkeit und seinen Martial-Arts Fähigkeiten, was wunderbar zu beobachten ist. In beiderlei Hinsicht zeigt er Talent, weswegen seine Figur beinahe im Alleingang einen bemerkenswerten Genre-Beitrag aus Der Pirat von Shantung macht. Chen zeigt keine Nervosität oder unsicheres Schauspiel. Er repräsentiert die gesamte Laufzeit hindurch eine entschlossene Kraft, einen knallharten Charme, versprüht Star-Power und pure Energie. Seine Figur behält immer Anstand, so dass sie nie allzu selbstzerstörerisch wirkt und unsympathisch wird. Die Rolle hätte auch leicht an Ti Lung gehen können, um eine weitere Ti Lung / David Chiang / Chang Cheh Kooperation zu schaffen, doch Chang Cheh warf den Neuling wohlweißlich ins kalte Wasser, um dem neuen Gesicht zu seinem großen Durchbruch zu verhelfen. Außerdem erreicht der Regisseur damit den Film von seinen vorherigen Werken abzugrenzen und etwas frischen Wind durch die Shaw Brothers Martial-Arts Produktionen wehen zu lassen. Allerdings kann man all die Herrlichkeiten hinter den Kulissen des Films nicht alleine dem Meister Chang Cheh gutschreiben. Der Pirat von Shantung war der erste von vielen Co-Regie-Filmen, die Chang für die Shaw Brothers machte und bei diesem Exemplar war Pao Hsueh-Li sein Partner. Pao hatte zuvor bei dem spannenden Film Wan jian chuan xin (Oath of Death) von 1971 Regie geführt, nachdem er bereits als Kameramann, während der Mitarbeit an vielen von Chehs Filmen, eine gute Beziehung zu dem großen Regisseur aufgebaut hatte. Als Regieassistenten wirkten zusätzlich zwei bemerkenswerte Personen mit: Godfrey Ho und John Woo, der später zu einer Hong-Kong-Legende werden sollte. Dies war Woos erster Film als Regieassistent und von Zeit zu Zeit fühlt sich das Ganze sogar beinahe wie ein Woo eigener Film an. Es scheint, als hätte diese Erfahrung eine ziemlich nachhaltige Wirkung auf den Regieassistenten gehabt. Wie fast jeder Chang Cheh Film ist Der Pirat von Shantung einzigartig unter den Shaw Brothers Filmen seiner Zeit. Der große Meister war immer auf der Suche nach neuen Ideen und schob seine Filme in einer Art und Weise an, die anderen Regisseuren bei Shaw verwehrt blieb. Cheh hatte in seinen modernen Filmen Da dao ge wang (The Singing Thief, 1969) und Xiao sha xing (The Singing Killer, 1970) zuvor Gangstergeschichten erzählt, doch keiner der beiden erreichte die gleiche Tiefe wie Ma Yong Zhen. Bei den genannten Streifen sind Gangster nur beteiligt, während der vorliegende Flic vollständig über Verbrecherbanden und den Aufstieg eines Gangsters handelt. The Boxer from Shantung ist in erster Linie ein dramatischer, charaktergetriebener Film und erst an zweiter Stelle ein Actionfilm. Das soll jedoch auf keinen Fall bedeuten, die Aktion wäre nicht fantastisch, denn beim Piraten haben satte vier von Shaws Aktion-Choreographen mitgewirkt: Lau Kar-Leung, Tang Chia, Lau Kar-Wing und Chan Chuen. Man weiß nicht, wie sie sich die Arbeit aufgeteilt haben, aber die Aktion ist ohnehin durchweg universell spannend und aufregend inszeniert worden. Chen Kuan-Tai hat einen ganz eigenen Bewegungs-Stil in seinem Kung-Fu vereinigt, der sich von jedem der früheren Filmstars des Studios unterscheidet, womit es ihm schon allein damit gelang, die Martial-Arts Filmwelt um seine individuellen Künste zu bereichern. Die meisten der Kämpfe bieten gleich mehrere Gegner gegen Chen auf und obwohl Eins-gegen-Eins Konfrontationen im Allgemeinen zu bevorzugen sind, wurde hierbei exzellente Arbeit geleistet. Der denkwürdigste und bemerkenswerteste Kampf entbrennt selbstverständlich innerhalb des Finales und kennt man ein paar von Chang Chehs Werken, so kann man wahrscheinlich schon ungefähr erraten, wie der sich entfalten wird, doch dieser Endkampf hier ist ganz besonders brutal, einnehmend und wird mit großer Wirkung ausgedehnt.

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Wie viele solcher Filme hat auch dieser die Tendenz etwas over-the-top und teilweise unglaubwürdig rüberzukommen, aber das sollte einen nicht davon abhalten, das Spektakel zu genießen, welches bis zu diesem Zeitpunkt mit Leichtigkeit einen der besten Kämpfe im Katalog der Shaw Brothers Studios zu bieten hat. Es handelt sich zwar definitiv nicht um die allerbeste Choreographie aber sie gehört sicherlich ganz einfach zu den am besten gefilmten, wobei sich das Regie-Duo Chang Cheh und Pao Hsueh-Li dafür entschied, beinahe die gesamte Kampfsequenz mit nichts anderem als den Sound-Effekten auf dem Soundtrack zu filmen. Selbst in den Momenten, die zu dem Kampf führen, wird keine Musik eingespielt. Die Szene erzeugt durch diese sorgfältige Konstruktion von Ton sowie dem Fehlen von Musik sich langsam aufbauende Spannung und lädt den Zuschauer förmlich dazu ein auch dem kleinsten Detail Aufmerksamkeit zu schenken. Der Pirat von Shantung knallt vielleicht nicht so hart rein, wie es noch im Jahr 1972 der Fall gewesen war, bleibt aber dennoch ein ausgezeichneter Film. Die Laufzeit ist mit 130 Minuten länger als bei den meisten Shaw Filmen, der Plot jedoch so gut konstruiert und geschrieben, sodass die Zeit ohne Frage nur so dahinfliegt. Hier hätte sich gleich eine ganze Trilogie mit diesen Figuren angeboten, da sie alle sehr interessant entwickelt wurden und es eine Menge Spaß macht sie im Verlauf der Geschichte zu beobachten. Fans der Shaw Brothers sollten sich den Piraten auf jeden Fall besorgen. Man hat es mit einem tollen Film zu tun, der seine Zeit wirklich mehr als wert ist. Oh, um es nicht zu vergessen, der Film verfügt natürlich auch über hervorragende Nebendarsteller, wie Ching Li als Love-Interest oder ein frühes Beispiel für „westliche“ Schauspieler in Hong-Kong-Filmen Mario Milano, der im echten Leben russischer Wrestling-Champion war und fast jede gweilo Eigenschaft mitbrachte, die man von einem kulturfremden Schauspieler in Asien erwarten würde.

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Die Nummer 6 der Shaw-Brothers-Collector’s-Edition ist da! filmArt veröffentlicht auch Der Pirat von Shantung in Form einer BluRay/DVD Combo, die wieder einmal über eine, zwar leicht gefilterte, aber ansonsten hervorragend saubere Bildqualität (2,35:1; 1080p/anamorph/FULL HD) verfügt. Dabei ist die restaurierte Version um gute 40 Minuten länger als die Kino- und Videofassung des Films. Der Ton bietet mit der deutschen (Neu- und Kinosynchro.) und der Mandarin drei Spuren, die allesamt gut klingen. Hierfür können deutsche Untertitel zugeschaltet werden. Als Extras beinhaltet die Combo ein Artbook mit dem kompletten deutschen Aushangfotosatz des Films, den Originaltrailer, der in High Definition daherkommen sowie noch weitere Trailer. Ein zusätzlicher Bonus in Form eines „VHS-Logos“ ist diesmal leider nicht versteckt worden (!?), allerdings kann dafür die Original deutsche Kinofassung in HD abgespielt werden. Ach ja, an ein Wendecover mit alternativem Covermotiv (deutsches Kinoplakat) ist ebenfalls gedacht worden. Chang Cheh und Pao Hsueh-Li bringen dem geneigten Martial-Arts-Fan mit Der Pirat von Shantung einen der härtesten und blutigsten (vor allem im exzessiven Finale) Kung-Fu-Filme, den die Shaw Brothers Studios jemals produziert haben. Bei diesem tollen Streifen und dieser äußerst gelungenen Veröffentlichung bleiben beinahe keine Wünsche offen, weswegen die Combo in keinem Sammlerregal fehlen darf.

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  • Darsteller: Chen Kuan-Tai, Ching Li, David Chiang, Cheng Kang-Yeh, Chiang Nan
  • Regisseur: Chang Cheh
  • Format: Collector’s Edition, Limited Edition, Widescreen
  • Sprache: Mandarin (DTS HD), Deutsch (DTS HD)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: filmArt
  • Produktionsjahr: 1972
  • Spieldauer: 130 Minuten

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Diese Edition wurde uns freundlicherweise von filmArt zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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