Magnum 45 / E tanta paura

Als zwei Personen ohne offensichtliche Verbindung ermordet werden, wird Inspektor Lomenzo damit beauftragt die Ermittlungen aufzunehmen. An den Tatorten hinterlässt der Mörder stets eine Illustration aus dem Kinderbuch Der Struwwelpeter. Schon bald stellt sich heraus, dass beide Opfer Beziehungen zu einem bizarren Club unterhielten (dessen Mitglieder dort ihre sexuellen Fetische ausleben können) und dass beide Zeugen eines dämlichen Streichs waren, der schrecklich schief gelaufen ist…

Magnum 45 kann als einer der ungewöhnlichsten Thriller seiner Zeit bezeichnet werden. Der Film geht behutsam sardonisch vor und übertreibt es nicht, wenn es um die schäbigeren Aspekte seiner verschlungenen Erzählung geht, weswegen das Endergebnis bemerkenswert originell ausgefallen ist. Die Geschichte wurde von Regisseur Paolo Cavara entwickelt, allerdings von Co-Autor Enrico Oldoini und Bernardino Zapponi stark überarbeitet. Letzterer hatte gerade mit Dario Argento an Deep Red (1975) zusammengearbeitet, doch wer jetzt erwartet, der hier besprochene Film würde in die gleiche Richtung gehen, wird enttäuscht werden. Der Film überarbeitet zwar einen ähnlichen narrativen Aspekt – das heißt, ein Kinderbuch spielt eine wichtige Rolle bei der Entschlüsselung des Mysteriums – aber darüber hinaus handelt es sich hier um eine ganz andere Art von Thriller. Cavara hatte mit Der schwarze Leib der Tarantel (1971) bereits eine der besten Argento – Imitationen abgeliefert, doch hier scheint eindeutig durch, dass er stark motiviert gewesen sein musste, mal etwas anderes auszuprobieren. Anstelle der üblichen „Mörder-in-Schwarz“ -Routine wird eine dunkel ironische, zutiefst paranoide Untersuchung des korrumpierenden Einflusses von Macht auf den Menschen durchgeführt. In gewisser Weise baut der Film auf den poliziottesco/giallo – Hybriden auf, die seit 1974 vermehrt aufgetaucht waren, doch während Werke, wie Der Tod trägt schwarzes Leder (1974) und Feuerstoß (1976) versuchten die harte Doppelfaust-Natur des Polizeifilms mit der blutigen und sleazigen Seite des giallo zu mischen, geht E Tanta Paura einen etwas ungewöhnlicheren, eigenen Weg.

Denn die Erzählung schenkt ihre Aufmerksamkeit genauso der „regulären“ Polizei, von Inspektor Lomenzo vertreten, wie einer privaten Sicherheitsfirma, die von dem fröhlich verabscheuungswürdigen Pietro Riccio geleitet wird, der wie eine lächelnde, gütige Vaterfigur über sein Geschäft herrscht. Unter seinem vergnügten Äußeren verbirgt sich jedoch ein böses Herz, durch das Gallenflüssigkeit anstelle von Blut gepumpt wird. Cavara konzentriert sich nicht besonders auf aufwändige Actionszenen oder kunstvoll choreografierte Massaker und lässt die Gewalt stattdessen plötzlich sowie absichtlich ungelenk ausbrechen. Die Polizei wird als zuvorkommende aber hoffnungslos kompromittierte Organisation porträtiert, wobei Gerechtigkeit als bestenfalls idealisiertes Konzept präsentiert wird, das in dem schmutzigen Milieu des Films keinen wirklichen Platz finden kann. Die Handlung verläuft recht chaotisch, versteht es allerdings trotzdem (oder gerade deswegen?) die Aufmerksamkeit des Publikums stets aufrecht zu erhalten. Die verschiedenen Hinweise zur Lösung des Falls liegen im Offenen verborgen, wie in Deep Red, doch hier lösen sich die Vorgänge nicht so ordentlich auf, wie sie es in Argentos Film getan haben. Die böse Kraft wird in Plot of Fear nicht von einem einsamen, verrückten Menschen verkörpert, der seine neurotischen Fantasien auslebt, sondern vielmehr von einer ganzen Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer politischen sowie finanziellen Macht einen inhärenten Mangel an Empathie und Menschlichkeit entwickelt hat.

Damit scheint sich der Film an Pier Paolo Pasolinis skandalösen Die 120 Tage von Sodom (1975) insofern anzulehnen, als dass er ein Segment der oberen Gesellschaftsschicht beschreibt, das sich buchstäblich daran „aufgeilt“, seine Ebenbürtigen, genauso wie seine Untertanen, zu kontrollieren und zu demütigen. Für diesen Teil der Gesellschaft ist die Gier nach Macht, Reichtum und Sex zum Lebensstil geworden. Man hat bereits alles, was man sich nur wünschen kann, doch Platz für ein bisschen mehr ist immer vorhanden. Anstelle von Intimität und Liebe lebt man davon, sich jeder perversen Laune hinzugeben, nach der einem gerade der Sinn steht. Es ist eine dunkle, verzweifelte Welt, in der die Protagonisten leben, weswegen es der schelmische, schwarze Humor des Films verhindern soll, die Atmosphäre übermäßig depressiv wirken zu lassen. Ein Großteil dieses Humors konzentriert sich auf den Charakter von Inspektor Lomenzo, der den sprichwörtlichen „Fisch aus dem Wasser“ –Typ repräsentiert, der sich inmitten der gefühllosen Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen, die er zu schützen versucht, zurechtfinden muss. Ähnlich wie Inspektor Tellini in Der schwarze Leib der Tarantel zeichnet er sich durch seine grundlegende Menschlichkeit aus. Cavara erweist sich dabei erneut als sehr bemüht seinen Inspektor zu zeigen, wie er außerhalb seiner Arbeit auch noch ein normales Leben führt. Während Tellini jedoch ziemlich unsicher und nachdenklich rüberkommt, agiert Lomenzo viel kontaktfreudiger und aggressiver. Er wird sehr temperamentvoll, mit ausgesprochen lateinamerikanischem Einschlag dargestellt, hat aber auch einiges an Intelligenz und Mitgefühl aufzubieten. Ein sympathischer Hauptprotagonist, dessen verdutzte Reaktionen auf einige der bizarreren Charaktere der Schlüssel zum skurrilen Ton des Streifens sind.

Paolo Cavara legt mit E tanta paura wieder sein scheinbar angeborenes Gespür für diese Art von Material an den Tag. Während sein erster Giallo eines der besten sogenannten „klassischen“ Beispiele des filone repräsentiert, ist der hier besprochene zu den besseren der eher „ausgefalleneren“ Gialli zu zählen. Daher ist zu bedauern, dass er danach nicht mehr zum Zyklus zurückkehren würde, hätte er doch sicherlich weiterhin gute Ware abliefern können. Neben viel Nacktheit und impliziten Ausschweifungen sind auch die verschiedenen Mordszenen effektiv inszeniert worden. Löblicherweise zeigt Cavara zusätzlich noch ernsthaftes Interesse an der Charakterisierung seiner Protagonisten, weswegen er seinen Schauspielern die Möglichkeit gibt, ihren Rollen ein wenig Farbe zu verleihen. Die Kameraführung von Franco Di Giacomo ist äußerst stilvoll gehalten und das set-design mit vielen interessanten Details angefüllt, die dazu anregen jede Szene sehr genau zu observieren. Die ansprechende funky Musik wurde von Daniele Patucchi beigesteuert. Michele Placido versteht es sehr gut seinem Inspektor Lomenzo eine gehörige Portion an Authentizität einzuhauchen, indem er die Macken des Charakters hervorhebt, gleichzeitig jedoch auch dessen fundierte Eigenschaften durchscheinen lässt. Im Jahr 1946 geboren, begann Placido seine Karriere auf der italienischen Bühne, bevor er 1972 sein Filmdebüt gab. Zu seinen frühen Filmen gehören Gianfranco De Bosios TV-Miniserie Moses (1974), Giuseppe Patroni Griffis Ein göttliches Geschöpf (1975) sowie Triumphmarsch (1976) von Marco Bellocchio und der Grenz-Giallo Mia moglie un corpo per l’amore (My Wife, a Body to Love, 1973) von Mario Imperoli. Später hatte er in Blutiger Zahltag (1977) einen weiteren Giallo-Auftritt, bevor er in Damiano Damianis gefeierter Fernsehserie La Piovra (Allein gegen die Mafia, 1984) seine berühmteste Rolle, „Commissario“ Corrado Cattani, verkörpern sollte. Die Serie war so beliebt, dass sie acht weitere Staffeln sowie einen eigenständigen Fernsehfilm (2010) hervorbrachte, wobei Placido allerdings nach der vierten Staffel (1989) ausstieg. In Michele Soavis ausgezeichnetem Thriller Eiskalt – Arrivederci amore, ciao tauchte er 2006 als denkwürdig fieser Bösewicht auf. Placido begann 1990 als Autor und Regisseur zu arbeiten, ist aber auch weiterhin als Schauspieler tätig.

Die wunderschöne Corinne Cléry übernimmt die Rolle von Lomenzos neuer Liebschaft, die irgendwie in den Fall verwickelt zu sein scheint. Clérys Jeanne ist zwar interessant angelegt worden, allerdings wird nicht genügend Zeit darauf verwendet, den Charakter ordentlich auszubauen. Die Darstellung von Jeannes Beziehung zu Lomenzo funktioniert so gut, weil Cléry und Placido eine exzellente Chemie ausstrahlen. Corinne Cléry wurde 1950 in Paris geboren und gab 1967 ihr Filmdebüt. Mit ihrem Auftritt in Just Jaeckins populärem Erotikstück Die Geschichte der O (1975) erregte sie erstmals internationale Aufmerksamkeit und trat danach im düsteren Wenn Du krepierst – lebe ich! (1977) und dem James Bond-Abenteuer Moonraker – Streng geheim (1979) sowie Lucio Fulcis bemerkenswertem S/M-Melodrama Dämon in Seide (1986) auf. Außerdem spielte sie noch in dem obskuren 28̊ Minuto (1991) von Paolo Frajoli mit. Seit 2010 ist sie nicht mehr im Filmgeschäft aktiv. In der Riege der Nebendarsteller befinden sich überraschenderweise einige Gesichter aus der amerikanischen Filmszene. Eli Wallach war im italienischen Film natürlich längst kein Unbekannter mehr gewesen und liefert hier seine üblich hervorragende Leistung als schäbiger Detektei-Chef Pietro Riccio ab. Es handelt sich dabei um eine kleine, jedoch sehr entscheidende Rolle, die Wallach auf den Leib geschneidert wurde, da er ein Experte darin war, in seiner begrenzten Bildschirmzeit eine Fülle von Charakter-Details zu vermitteln. Er wurde 1915 in Brooklyn geboren und begann 1945 am Broadway aufzutreten. Als Mitglied des Actor’s Studio war er mit methodischem Schauspiel vertraut, zeigte jedoch noch zusätzlich die Bereitschaft in allen Arten von Filmen und in den verschiedensten Rollen aufzutreten. In den frühen 50er Jahren spielte er in etlichen Fernsehstücken, bevor er sein Filmdebüt in Elia Kazans Baby Doll – Begehre nicht des anderen Weib (1956) gab, der von Tennessee Williams geschrieben wurde und in dem auch die Giallo-Veteranen Carroll Baker (in ihrem eigenen Filmdebüt) und Karl Malden auftraten. Wallach war danach in John Sturges Die glorreichen Sieben (1960), John Hustons Nicht gesellschaftsfähig (1961) und Richard Brooks‘ Lord Jim (1965) zu sehen, bevor er von Sergio Leone für Zwei glorreiche Halunken (1966) besetzt wurde. Wallachs wunderbar lebendige Charakterisierung des Banditen Tuco erlaubte es ihm Clint Eastwood die Show zu stehlen und bleibt wohl seine beste sowie beliebteste Filmrolle. Auch in einigen anderen italienischen Produktionen tauchte Eli Wallach auf, darunter Carlo Lizzanis Testament in Blei (1974) und Sergio Corbuccis seltsam verrückter Stetson – Drei Halunken erster Klasse (1975). Außerdem war er in zahlreichen US-Filmen zu sehen. Wallach tätigte seine letzten Vorstellungen in Clint Eastwoods Mystic River (2003), Roman Polanskis Der Ghostwriter und Oliver Stones Wall Street: Geld schläft nicht (beide 2010). Er starb im Juni 2014. Was wirklich überrascht ist die Präsenz von Tom Skerritt, der hier eine Rolle übernimmt, die so klein und unwichtig ist, so dass sie jeder Statist mit Leichtigkeit hätte ausfüllen können. Skerritt versucht das Beste daraus zu machen kein wirklicher Teil des Films zu sein, was seine wilde Gestikulation allerdings kaum erreichen kann. Der 1933 in Detroit geborene Schauspieler begann in den frühen 60er Jahren in Filmen aufzutreten. Nach Gastrollen in zahlreichen Fernsehserien erzielte er einigen Erfolg im Ensemble von Robert Altmans M*A*S*H (1970). Mitte der 70er Jahre drehte er einige Filme in Italien, darunter Giuseppe Colizzis Zwei tolle Hechte auf dem Weg zum Himmel (1974), wurde jedoch nie zu einem festen Bestandteil der europäischen Exploitation-Szene. Zu seinen erwähnenswerten Filmen zählen Ridley Scotts Alien (1979), David Cronenbergs Dead Zone – Der Attentäter (1983), Tony Scotts Top Gun (1986), Gary Shermans Poltergeist III (1988), Clint Eastwoods Rookie – Der Anfänger (1990) und viele andere. Skerritt ist noch immer in Film und Fernsehen aktiv.

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Darsteller: Michele Placido, Corinne Clery, Tom Skerritt, John Steiner, Eli Wallach
Regisseur(e): Paolo Cavara
Format: Letterbox
Sprache: Italienisch (DTS 2.0), Deutsch (DTS 2.0), Englisch (DTS 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Cineploit Records
Produktionsjahr: 1976
Spieldauer: 95 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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