Mandingo

Auf der maroden Plantage von Warren Maxwell und seinem Sohn Hammond wird der Sklave Ganymede dazu trainiert in Schaukämpfen gegen andere Sklaven anzutreten. Auch als Liebhaber für Hammonds frustrierte Ehefrau muss er herhalten, während der Gatte sich wiederum an der Sklavin Ellen vergreift. Als aus den Verbindungen zwei Kinder hervorgehen, kommt es zum unvermeidlichen Gewaltausbruch. (Koch Media)

Kyle Onstotts Roman Mandingo war bereits 1957 eine Sensation gewesen, denn das Buch wurde als großer Bestseller förmlich aus den Regalen der Buchhandlungen gerissen, doch es dauerte noch fast zwei Jahrzehnte, bis die Filmindustrie genügend Mut angesammelt hatte, um überhaupt eine Verfilmung zu wagen. Als Richard Fleischers Mandingo 1975 veröffentlicht wurde, musste der Film zunächst einmal heftigste negative Kritik überstehen, um dennoch zu einem riesigen Erfolg an den Kinokassen zu werden. Doch aufgrund seiner problematischen Handlung und seiner reichlich vorhandenen Nacktheit (einschließlich vieler freizügiger Frontalaufnahmen von Frauen und Männern) durfte der Film nicht im Fernsehen gezeigt werden und verschwand mehr oder weniger in den Tresoren Paramounts, was als schreckliche Peinlichkeit für alle Beteiligten angesehen wurde.

Kein Geringerer als Quentin Tarantino hat sich einst für den Film eingesetzt, verglich ihn jedoch (ausgerechnet) mit Showgirls (1995) und erklärte, der Streifen sei ein Paradigma für Blaxploitation der großen Studios. Bei aller Ehrerbietung für Mr. Tarantino (der sicherlich einen Experten darstellt, wenn es um Nischengenres und filmisches Outré geht) dürfte Mandingo allerdings ungefähr so weit vom Blaxploitation-Genre entfernt sein, wie Pulp Fiction (1994) von Shakespeare. Jetzt, 46 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung, stellt es schon eine kleine Offenbarung dar, den mittlerweile berüchtigten Film einmal auf Blu-ray anzusehen. Als aus Roots (1977) das definierende Fernseh-Miniserienereignis der 70er Jahre wurde, leitete es etwas ein, was damals als ein neues Verständnis über die Schrecken der Sklaverei angesehen wurde. Wie seltsam, dass es nur zwei Jahre gedauert hat, bis die Öffentlichkeit Mandingo vergessen hatte, denn der Film enthüllt den Horror der Sklaverei mit Sicherheit auf viel beunruhigendere und explizitere Art und Weise als Roots. Unbeirrbar, hässlich und kompromisslos heruntergekommen, repräsentiert Mandingo eine sehr reale Shakespeare-Tragödie, die sich auf eine Art und Weise in die südstaatliche Erfahrung einschreibt, die ikonischere Filme wie Vom Winde verweht (1939) wie Gesellschaftsspiel-Verkleidungspartys erscheinen lässt (was auch die Intention der Filmemacher gewesen ist). Nun, das soll jetzt nicht bedeuten, dass Mandingo jemals die unangefochtene Großartigkeit des Gable-Leigh-Vehikels erreichen würde, doch für jeden, der sehen möchte, wie der Antebellum South wirklich gewesen ist, gibt es nichts Vergleichbares zu Mandingo.

Richard Fleischer stammte aus einer bekannten, wenn auch diffamierten Hollywood-Familie. Sein Vater war der ikonische Animator Max Fleischer, ein Mann, der es wagte, Disneys Dominanz herauszufordern und dabei vollkommen versagte. Richard Fleischer trat in die abgerissenen Fußstapfen seines Vaters und drehte in den 40er Jahren eine Reihe von angesehenen Noirs, darunter einer der bekanntesten Filme dieses Genres, The Narrow Margin (Um Haaresbreite, 1952). In den 50er und 60er Jahren wagte er sich an Spektakel mit großem Budget heran, zu denen ironischerweise auch Disneys 20.000 Meilen unter dem Meer (1954) gehörte. Während sich Fleischer in allen Genres versucht hatte, von Science-Fiction (Die phantastische Reise, Jahr 2022… die überleben wollen) bis hin zu Musicals (Doctor Dolittle, 1967), konnte sicherlich nichts in seinem Oeuvre darauf hindeuten, dass er die Art von Regisseur sein würde, die sich mit dem zugegebenermaßen enorm anzüglichen Thema (was zweifellos große Scharen von Zuschauern ins Kino lockte) auseinandersetzen sollte. Das Beeindruckende an Mandingo aus heutiger Sicht ist jedoch, wie eiskalt nüchtern Fleischer die absolute Degradierung der Sklaverei und den ausschweifenden Lebensstil der Sklavenhalter konfrontiert. Selten hat sich ein Film über diese barbarische Praxis so klar und beinahe trotzig leidenschaftslos präsentiert.

James Mason porträtiert Warren Maxwell, den Besitzer von Falcon Crest … ähm … Falconhurst, einer alternden, bereits ziemlich heruntergekommenen Plantage, die definitiv schon bessere Tage gesehen hat. Warrens Sohn Hammond (Perry King) repräsentiert einen recht widersprüchlichen jungen Mann, der seit seiner Kindheit (durch eine Verletzung am Bein) behindert ist, was ihn vor „weißen“ Frauen zurückscheuen lässt, obwohl er kein Problem damit hat, es mit seinen sogenannten „Wenches“ (der abwertende Begriff für „schwarze“ Sklaven, die als Eigentum zur sexuellen Befriedigung angesehen werden) zu treiben. Hammond verliebt sich in eine dieser sogenannten „Wenches“, Ellen (Brenda Sykes), während sein Vater ihn dazu drängt endlich einen Erben mit einer weißen Frau zu zeugen, vorzugsweise mit der genügsamen Schönheit Blanche (Susan George). Blanche stellt eine hinterhältige Frau dar, die einem erdrückenden familiären Umfeld entkommen will, wobei sie sich nicht über ihren weniger als jungfräulichen Zustand ausschweigt, eine Sache, die Hammond sowieso spätestens in ihrer Hochzeitsnacht herausfindet, was zu enormen Ehestreitigkeiten führt. Inzwischen hat Hammond Mede (Ken Norton) gekauft, einen Mandingo, den Hammond in Sklavenkämpfen einsetzen will. Als Blanche herausfindet, dass Ellen mit Hammonds Kind schwanger ist, wird die Bühne für ein Racheszenario frei, das episch tragische Höhen erreicht, während der Film seinem gewaltsamen Höhepunkt sowie Abschluss entgegensteuert.

Mandingo ist als eine verblüffend aufregende sowie anregende Erfahrung zu bezeichnen, besonders für diejenigen unter uns, die in einer politisch korrekten Umgebung aufgewachsen sind, in der uns selbst der pure Gedanke an das „N-Wort“ in Selbstverurteilung und enorme Schuldgefühle hüllen lässt. Hier wird mit dem „N-Wort“ in beinahe sorgloser Freude um sich geworfen und spätestens wenn Warren in einer Art epischen Erzählung darüber berichtet, dass die „Schwarzen“ (natürlich verwendet er diesen Begriff nicht) offensichtlich keine Seelen besitzen, könnten schon einige Kiefer herunterklappen. Doch ganz genau das ist die Stärke dieses Films. Hier wird nichts mit Zuckerguss überzogen, wobei es sich tatsächlich um die strengste Darstellung von Sklavenhaltern handelt, die jemals auf Zelluloid gebannt wurde. Die reine Idiotie dieser Leute wird durch Warrens festen Glauben unterstrichen, dass sich sein Rheuma von seinem Körper über die Füße in den Bauch eines kleinen Sklavenjungen übertragen lässt. Warren kann wegen seines Leidens nicht gehen, während sich Hammond aufgrund seines kaputten Beins kaum vernünftig vorwärts bewegen kann. Beide verkörpern lebende Glyphen eines verkrüppelten Südens, der versucht, ein Volk zu dominieren, das wohl nicht nur körperlich leistungsfähiger, sondern sicherlich auch moralischer eingestellt ist (bezogen auf seine eigene Menschlichkeit).

Dies ist ein Film, der die moosigen, feuchten Grenzen des gotischen Südens greifbar und unvergesslich macht. Dem unnachahmlichen Boris Leven (der eines seiner eindrucksvollsten Produktionsdesigns aufbietet) ist es zu verdanken, dass Falconhurst zum pestartigen Leben erweckt wird und verschiedene andere Schauplätze mit brillantem Flair ausgestattet sind. Andererseits ist die Unterstreichung nicht vollständig wirksam, denn Maurice Jarres geht mit seiner Musik zu Mandingo etwas zurückhaltender um, als gewohnt, wobei es ihm nie so ganz gelingt ein echtes Südstaaten-Patois einzufangen, obwohl er versucht, verschiedene Volksweisen zu zitieren. Norman Wexlers Drehbuch erweist sich als recht flott sowie oftmals ziemlich beängstigend und schafft es, einen schmalen Grat zwischen hyperbolischem Drama zu gehen und gleichzeitig Selbstparodie zu vermeiden.

Mandingos schauspielerische Leistungen, insbesondere die von Susan George, wurden bei der ersten Veröffentlichung des Films unverfroren kritisiert (um es noch milde auszudrücken), doch jetzt im Nachhinein betrachtet, gestalten sie sich einheitlich brillant. Masons Rolle hier gehört sicherlich zu den besseren Darstellungen seiner späten Karriere. Sein Warren Maxwell ist durch und durch als verabscheuungswürdig anzusehen, wird aber nie übertrieben dargestellt. King legt seinen Hammond brillant zurückhaltend sowie annähernd perfekt nuanciert an. Ken Nortons Mede präsentiert sich stoisch und standhaft, wobei seine physische Präsenz unbestreitbar dominiert. Die unglaubliche Lillian Hayman (als Lucrezia Borgia) und ein sehr, sehr beeindruckender Ji-Tu Cumbuka (als Cicero) leisten erstaunlich gute Arbeit als zwei der Sklaven auf der Maxwell-Plantage, die wissen, dass ihre Notlage ungerecht ist, jedoch nicht in der Lage sind, den „weißen Mann“ effektiv zu bekämpfen. Was Susan George betrifft: Nun, ich persönlich denke, die Kritiker haben den Sinn in ihrer, ja, doch sehr übertriebenen Darstellung von Blanche nicht erkennen können. Blanche ist eine Hysterikerin und eine sehr hinterhältige noch dazu. Sie nutzt ihre Wutanfälle zu ihrem eigenen Vorteil aus und als solche porträtiert George einen Charakter, der selbst „schauspielert“, wobei sie sehr effektive Arbeit leistet.

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich Mandingo als kein einfach zu ertragender Film erweist. Sein kompromisslos brüsker Blick auf brutale Sitten lenkt seine filmischen Augen nie von der epischen Tragödie ab, mit der Sklaven in jedem Moment ihres Lebens konfrontiert wurden. So lobenswert Roots auch gewesen sein mag, die Miniserie erreichte nie wirklich die schrecklichen Höhen (oder Tiefen, je nach Sichtweise), wie Mandingo es tut. Als unerschrockenes Porträt einer heruntergekommenen „Institution“ stellt Mandingo, vereinfacht ausgedrückt, ein einzigartiges Filmerlebnis dar. Die Tatsache, dass sich der Streifen unvergesslich gestaltet, hat mit Sicherheit nichts damit zu tun, dass er angeblich absurd übertrieben, gekünstelt oder auf humorvolle Art und Weise affektiert sein soll, denn genau das ist er eben nicht, dafür ist der Film viel zu ernsthaft angelegt worden. Vielleicht können wir Mandingo aufgrund unserer neo-modernen, ultra-abgestumpften zynischen Sensibilität endlich als die herzzerreißende Erfahrung begreifen, die er wirklich darstellt.

Als ich den Film vor etlichen Jahren auf einer mehr oder weniger abgenudelten VHS-Version von VPS-Video („die dt. VHS von VPS ist gekürzt […]. Beim Kampf zwischen Ganymede und Topaz fehlen ein paar kurze Gewaltspitzen als Ganymede seinen Gegner beißt und auch am Ende wurde eine kurze Einstellung entfernt in der er von Hammond in das kochende Wasser gedrückt wird. Der markanteste Schnitt dürfte das Fehlen der Sexszene zwischen Blanche und Ganymede sein. In der VHS sieht man nur wie er durch die Tür in ihr Zimmer geht, dann folgt bereits die Szene von Warren auf dem Wagen. Es fehlt daher wie Blanche ihn erpresst mit ihr zu schlafen und die anschließende Sexszene.“ —> Quelle: Schnittberichte.com) zum ersten Mal angesehen habe (props gehen raus an Videohütte), erwartete ich zugegebenermaßen einen camp-tastischen Lachathon, den man leicht herabwürdigen könnte. Stellt Euch meine immense Überraschung vor, als ich mit Haken, Schnur und Senkblei in eine äußerst einbeziehende und sehr beunruhigende Darstellung der sehr realen Schrecken der Sklaverei hineingezogen wurde. Ja, es sind sicherlich melodramatische Elemente in der grundlegenden Handlung von Mandingo enthalten, doch Fleischers klare, unsensationalisierte Regieführung verankert diesen Film in einem ziemlich alarmierenden Sinn für Realität. Durch wunderschönes Produktionsdesign und mehrere fachkundige Darbietungen verdient Mandingo eine gründliche kritische Neubewertung. Sehr zu empfehlen !!!

Extras und Besonderheiten:

• Ungekürzte Hauptfassung
• Vorwort von Jean-Baptiste Thoret (ca. 12 Minuten)
Mandingo besprochen von Samuel Blumenfeld, Jean-Loup Bourget und Olivier Pére (ca. 18 Minuten)
• Analyse von Jean-Baptiste Thoret (ca. 18 Minuten)
• Interview mit James Mason (ca. 29 Minuten)
• Zensierte Schnittfassung in SD mit alternativen Einstellungen (ca. 118 Minuten)
• Super-8-Fassung in drei Teilen (ca. 45 Minuten)
• Deutscher und englischer Trailer
• Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
• 20-seitiges Booklet von Oliver Nöding —> mit einem enorm informativen sowie interessanten Text

—> Das Vorwort, die Besprechung sowie die Analyse stellen sich als äußerst lohnenswert heraus !!!

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  • Filmlänge: BD: ca. 127 Minuten, DVD: ca. 122 Minuten
  • Bildformat: 1.85:1 (16:9)
  • Tonformat: DTS-HD Master Audio 2.0 (Mono) / Dolby Digital 2.0 (Mono)
  • Sprachen: Deutsch, Englisch
  • Untertitel: Deutsch

Vergleicht man die beiden Poster Motive, so wird man schnell erkennen können, dass sie ziemlich ähnlich aufgebaut sind. Allerdings porträtiert das Poster von Mandingo das genaue Gegenteil von dem von Vom Winde verweht.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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