Marco Polo 2015 vs 1982

Die Reiseberichte des italienischen Asienreisenden Marco Polo sind immer wieder ein beliebter Stoff für Filme und Serien. Der kulturelle West-meets-East Hintergrund der Erzählungen, die historisch spannende Epoche und die geopolitischen Verstrickungen, machen es zu einem Sammelsurium an Dramastoff. Letztes Jahr startete auf Netflix die von der Weinstein Company co-produzierte Serie gleichen Namens und sorgte international für Furore. Nicht weil sie die breiten Massen und Medien begeisterte, sondern weil sie zum einen extrem teuer war, und zum anderen wagt, wovor sich viele Produktionen jenseits des Streaming-Riesen gescheut hätten: Eine internationale Besetzung, opulente Locations und eine schwer zugängliche Story. Aktuell startet diese in die zweite Staffel. Doch das ist definitiv nicht das erste mal, dass man sich mit derlei Ambitionen an den Stoff gewagt hatte. Die erste Netflix Staffel abgehakt, nahm ich mir zum Vergleich den TV-Mehrteiler von RAI/CBS aus dem Jahr 1982 vor, der bei Koch Media auf DVD erschienen ist.

Marco Polo

Zur Netflix / Weinstein Company Serie von 2014 (auch auf Scheibe erhältlich) hat Kollege Bluntwolf sich schon einmal in einem eigenen Artikel geäußert. Ich hatte anfangs Probleme, mit der Serie warm zu werden. Zu viele Charaktere, Palastintrigen und Familienmitglieder ergaben ein komplexes Bild, das zu durchdringen nicht einfach ist. Die Serie ist definitiv relativ schwer zugänglich für Neueinsteiger, und der realitätsnahe Anspruch der Serie, gepaart mit der ruhigen Erzählweise, machen es nicht zu einem kurzweiligen Spaß. Marco Polo ist ein ernstes politisches Drama das viele kulturelle Praktiken zeigt, personelle Herausforderungen und politische Schachzüge. Ich brauchte fast die Hälfte der Staffel, bis ich das Gefühl hatte einen guten Durchblick erlangt zu haben. Eigentlich erfordert die Serie einen zweiten Blick, aber sie ist dann doch leider etwas zu langwierig um sich dafür anzubieten. Das wäre dann auch mein Hauptkritikpunkt: Die Macher lassen sich viel zu viel Zeit, diese Geschichte in allen Details auszubreiten, und streichen dann relativ schnell über die großen Ereignisse hinweg. Es bleibt letztendlich ein Kammerspiel. Großes Lob gilt definitiv dem Drehbuch mit seinen ausgeklügelten Geschichten und Dialogen, und den grandiosen Schauspielern, allen voran Lorenzo Richelmy als Marco und Benedict Wong als  der Kublai Khan.

Marco Polo 2015

Die Miniserie von 1982 ähnelt auf ersten Blick dem von mir kürzlich besprochenen Zweiteiler Christopher Columbus. Marco Polo ist ebenso eine italienische RAI Produktion, aber in 8 Teilen zu je circa 85min. Im Gegensatz zur Herangehensweise der Autoren für die Netflix Serie, hat man sich hier für eine sehr biographische Herangehensweise entschlossen. Man erlebt schon den kleinen Marco als Kind in Venedig, nicht erst den jungen Mann der von seinem Vater in der Mongolei gelassen wird, außerdem ist die Netflix Serie historisch deutlich weniger akribisch (mit Absicht) als die RAI Produktion. Opulent sind allerdings beide, nur hat logischerweise die Netflix Neuauflage die Nase vorne beim Produktionswert und dem Realismus.

Marco Polo

Die Serie erfreut sich eines soliden Score von Ennio Morricone und punktet mit guten Gastauftritten von u.a. Mario Adorf, Leonard Nimoy und Anne Bancroft (die gestern Geburtstag hatte). Schauspielerisch ist die Serie auch sonst wirklich sehr gut gemacht, es ist einfach ein Historienfilm der dazu einlädt, sich in der Welt ein wenig zu verlieren, und das ist gut gelungen. Was beide Serien gemeinsam haben finde ich jedoch, ist das die Hauptdarsteller jeweils zwar charmant aber nicht wirklich tragend sind, ob Richelmy aktuell oder Ken Marshall damals, beide können ihre Serie nicht so recht tragen, springen nicht so recht von der Leinwand. Die opulente Ausstattung, die schönen Landschaften, die Kostüme und Sets, irgendwie ist das die Hauptrolle. Das Gefühlt hab ich zumindest, bei der 80er Serie außerdem viel mehr als bei der neuen.

Zur DVD. Viele Szenen sind italienisch mit deutschen Untertiteln. Untertitel für die italienischer Fassung insgesamt sind leider nicht mit dabei, das ist grausam. Eine englische Tonspur liegt leider nicht dabei, trotz der internationalen Besetzung. Die Qualität der DVD, naja, ich habe mich zu dem Thema schon in meiner Columbus Kritik dazu ausgelassen, und das gleiche gilt auch hier, wobei das Material um einiges besser aussieht. Extras gibt es kaum, nur z.B. ein Interview mit dem Regisseur.

Marco Polo

Insgesamt ist die Vision der Geschichte Marco Polos in den 80ern eine deutlich nüchternere und geruhsamere. Man lässt sich acht Spielfilmlängen Zeit um das Leben eines Mannes auszubreiten, mit all seinen religiösen, kulturellen und persönlichen Facetten. Die Miniserie richtet sich an ein deutlich weniger unterhaltungsorientiertes Publikum, während die neue Netflix Serie (nun bei Staffel 2 angelangt) zwar auch eher langsam ist, aber eben auch durch Spektakel punkten kann. Beide Herangehensweisen haben ihre Berechtigung, nur ist leider das Material der alten Serie vergleichsweise schlecht erhalten, so dass nur Liebhaber daran ihre Freude haben werden.

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Marco Polo

Die Miniserie wurde uns auf DVD von Koch Media freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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