Mehr tot als lebendig / Un minuto per pregare, un istante per morire

Achtung: Normalerweise werden Spoiler vermieden, es sei denn, es geht um einen dieser Klassiker, mit denen jeder vertraut ist. Dieser Film fällt jedoch nicht in diese Kategorie. Wenn Sie ihn also noch nicht gesehen haben und das Ende nicht kennen (oder in diesem Fall: die verschiedenen Enden), schauen Sie sich den Film zuerst an und lesen Sie diese Besprechung anschließend.

Clay McCord ist ein berüchtigter Revolverheld, für dessen Ergreifung 10.000 Dollar ausgesetzt sind. Colby achtet als Sheriff seiner Stadt auf die Einhaltung der Gesetze. In erreichbarer Nähe liegt das Eldorado der Banditen, beherrscht von Krant, der alle Banditen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, aufnimmt. McCord, dessen Schießhand seit einiger Zeit von Lähmungserscheinungen geplagt ist, stößt zu ihnen. Die Bande foltert und verfolgt ihn, als er versucht, sie auszuhebeln, um vom Gouverneur Straffreiheit zu erlangen. Nachdem McCord Amnestie gewährt wird, reitet er als freier Mann davon. Zwei Kopfgeldjäger, die nicht wissen, dass die Prämie nicht mehr existiert, erschießen ihn. (Colosseo Films)

Alex Cord ist Clay McCord – ein Outlaw auf der Flucht – dem Gerüchte zu Ohren kommen, dass der Gouverneur von New Mexico Leuten wie ihm in Tuscosa eine Begnadigung (plus 50 Dollar für einen Neuanfang) anbietet. Kopfgeldjäger versammeln sich in der nahe gelegenen Stadt Escondido, um gesuchte Verbrecher auf ihrem Weg nach Tuscosa abfangen und doch noch deren Prämien kassieren zu können. Mit Outlaws als Opfer und Kopfgeldjägern als skrupellose Mörder sind die Ähnlichkeiten zu Leichen pflastern seinen Weg mehr als offensichtlich. Wie Trintignant hat auch Cord ein Handicap: Er leidet unter paralytischen Anfällen (und fürchtet, ein Epileptiker zu sein), die ihn, als schnellsten Schützen der Gegend, vorübergehend wehrlos seinen Feinden gegenüber machen. Alle Menschen, die ihm helfen, werden getötet, und am Ende müssen sich der Gouverneur und Cord zusammenraufen, um gegen die Bountykillers anzukommen. In der kürzeren Version reitet McCord aus der Stadt, nachdem er vom Gouverneur begnadigt wurde. Dieses „glückliche“ Ende entstand durch das Herausschneiden der letzten vier Minuten der längeren Version, in der McCord (der seine Waffen abgegeben hat) wehrlos gegen die menschlichen Raubtiere ist, die ihn außerhalb der Stadt auflauern und gnadenlos abballern. Allerdings stellt dieser nicht den einzigen Schnitt dar. Während des gesamtem Films wurden Szenen entweder geschnitten oder gekürzt, wodurch die Laufzeit um weitere fünfzehn Minuten reduziert wurde. Die meisten Schnitte sind minimal und erscheinen unwichtig zu sein, doch irgendwie verändert sich die Stimmung des Films dadurch erheblich. Mehr tot als lebendig fühlte sich nie wie ein optimistischer Film an, doch erst jetzt, durch die erweiterten Szenen, wird einem klar, wie melancholisch, traurig und äußerst pessimistisch dieser Streifen wirklich ist.

Der Film zeigt den Westen als Brachland, geprägt von moralischem Verfall, der die Menschen nervös und paranoid werden ließ und einige von ihnen sogar an ihre körperlichen sowie geisitgen Grenzen gebracht hat, unter ihnen der Held: In einer frühen Szene kann man sehen, wie er eine entladene Waffe an den Kopf eines Mannes hält, den Abzug betätigt und in wahnsinniges Lachen ausbricht, als er den Schrecken und die Angst in den Augen des Mannes bemerkt. Es ist eine starke Szene, die aber nur in Bezug auf das unglückliche Ende Sinn macht, da sie die dunkle und verdrehte Seite des Charakters zeigt. Kürzungen führen oft zu Widersprüchen, die jedoch in dieser ungekürzten Version endgültig aufgelöst wurden. Durch das Mitwirken von Alex Cord, Robert Ryan und Arthur Kennedy fühlt sich der Film amerikanisch an. Die verabscheuenswürdige Gewalt, einschließlich ausgedehnter Folterszenen und das Töten eines Priesters und einer Frau, kennzeichnen Mehr tot als lebendig jedoch eindeutig als Italo-Western. Das negative Ende präsentiert sich ziemlich brutal (orientiert sich dabei aber näher an El Puro als an The Great Silence): McCord wird vom Pferd geschossen und während er wehrlos am Boden liegt, wird sein Körper noch zusätzlich von vier bis fünf Kugeln durchlöchert. Diese Szene wird vermutlich noch heutzutage als ziemlich sadistisch angesehen werden, wahrscheinlich, weil der Film – im Gegensatz zu den meisten zeitgenössischen Schockern – eine „menschliche Note“ verliehen bekommen hat: Man lernt diese Menschen wertzuschätzen, einschließlich des verrückten McCord.

Das langsame Tempo könnte einige Zuschauer abschrecken, während Alex Cords träge Stimme sowie sein Schauspielstil ein wenig desorientierend wirken, doch hat man sich erstmal daran gewöhnt, kommt Cord als gestörter Revolverheld absolut glaubwürdig rüber. Nicoletta Machiavelli ist, wie eh und je, wunderschön anzusehen, wobei ihre Rolle jedoch recht klein ausgefallen ist. Carlo Rustichellis ungewöhnliche Musik, inspiriert von Gustav Mahler, funktioniert in dieser ungeschnittenen, ernsteren Version auch besser. Mehr tot als lebendig ist ein Muss für jeden Fan des Genres, obwohl der Streifen noch nicht an die ganz großen Western des Spaghetti-Kanons heranreicht.

Colosseo präsentiert den Film erstmals als restaurierte High Definition Neuabtastung, die gut gelungen ist. Das Bild (1,85:1) sieht nicht so gut aus wie bei Black Jack, gibt insgesamt jedoch keinen Anlass zum Meckern. Mit Sicherheit wurde hier das Beste aus dem einzig erhaltenen Material herausgeholt. Beim Ton liegen mit der deutschen, englischen und italienischen drei Spuren vor. Alle drei werden im PCM 2.0 Format präsentiert und klingen zufriedenstellend gut. Für Freunde des italienischen Originaltons sind deutsche Untertitel anwählbar. Die Extras bestehen aus den italienischen und deutschen Kinotrailern, entfallenen Szenen, einem Interview mit Alex Cord und einem 16-seitigem Booklet verfasst von unserem Autorenfreund Gerald Kuklinski von Italo-Cinema.de. Neben einer Menge Informationen über Film, Regisseur und Schauspieler wartet das wunderbar designte Booklet mit einer Fülle an Bildern auf. Auf der Bonus DVD ist außerdem die deutsche gekürzte Kinofassung enthalten. Die Scheiben werden in einem sehr ansprechend gestalteten Pappschuber ausgeliefert, der in keinem Sammlerregal fehlen darf. Glücklicherweise ist das FSK-Logo nicht, wie auf den Bildern zu sehen, direkt auf den Schuber gedruckt und auch ein Wendecover wurde nicht vergessen.

Colosseo Films ist eine klasse Veröffentlichung eines ziemlich ungewöhnlichen und unterhaltsamen Italo-Western geglückt. Der Film wurde neu abgetastet und im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal auf BluRay herausgebracht. Vom technischen Standpunkt aus kann man recht zufrieden sein, während der Film auch mindestens in die Top 50 der besten Spaghetti-Western gehört. Schon alleine die mit sehr viel Liebe zum Detail ausgestattete Aufmachung des Pappschubers und des Booklets ist eine Menge Lob wert. Hier merkt man, dass wahre Liebhaber ihre Finger mit im Spiel haben. Abschließend bleibt festzuhalten, dass kein Spaghetti-Western Fan oder gar Sammler an dieser Veröffentlichung vorbeikommt. Der Film ist bisher in noch keiner besseren Verfassung erhältlich gewesen und wird es vermutlich in Zukunft auch nicht sein.

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Darsteller: Alex Cord, Robert Ryan, Arthur Kennedy, Nicoletta Macchiavelli
Regisseur: Franco Giraldi
Format: Anamorph, PAL, Widescreen
Sprache: Italienisch (DTS-HD 2.0), Deutsch (DTS-HD 2.0), Englisch (DTS-HD 2.0)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Colosseo Films
Produktionsjahr: 1967
Spieldauer: 118 Minuten

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Colosseo Films zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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