Meine Kanone, mein Pferd … und deine Witwe / Domani passo a salutare la tua vedova… parola di Epidemia / My Horse… My Gun… Your Widow

Halleluja! Da sind Sie wieder! Doc Saxon und seine Bande rauben die Bank von Crown City aus, werden aber von Carrasco, einem mexikanischen Banditen, hinters Licht geführt, der das Gold stiehlt und Doc und Donovan mit nichts zurücklässt. Bis dahin passiert so allerhand! (375 Media / True Grit / Cargo Records)

Bei Meine Kanone, mein Pferd … und deine Witwe handelt es sich um einen späten Italo-Western vom Typ „Wir jagen geklauter Beute hinterher“, der als eine Art Post-Western präsentiert wird, inklusive Dampfmaschinen-Motorrad (?!) und Craig Hill, der in einigen Szenen Fahrrad fährt anstatt auf einem Pferd zu reiten. Nettes Detail: Das Fahrrad wird einem französischen Maler gestohlen, der von der amerikanischen Landschaft fasziniert ist und sie daher auf künstlerische Art und Weise festhalten möchte. Monet im Wilden Westen – da braucht es schon einen Eurowestern, um eine solch vollkommen verrückte Idee umzusetzen.

Die Geschichte entfaltet sich wie folgt: Doc Saxon (Craig Hill) und sein Komplize Donovan (Carlos Otero) rauben eine Bank aus, doch sie werden von ihrem mexikanischen Partner Carrasco (Cris Huerta) betrogen, denn der macht sich mit Hilfe seiner Bande von Halsabschneidern mit der Beute aus dem Staub. Natürlich will Doc das Geld zurückerobern, weswegen es selbstverständlich zu einem Katz-und-Maus-Spiel kommt, wobei Keiner dem anderen trauen kann und die wenig vertrauenswürdigen Gauner von der doppelzüngigen Deborah (Claudie Lange) ausgetrickst werden. Die Männer lassen sich von ihr nämlich ziemlich leicht um den kleinen Finger wickeln … doch selbst die „Dame“ bekommt am Ende was sie verdient.

Craig Hills Doc Saxon wurde höchstwahrscheinlich Gianni Garkos Spirito Santo nachempfunden: Er trägt einen dicken Schnurrbart und ist ganz in Weiß gekleidet, während die beiden Filme auch bemerkenswert ähnliche Titel aufzuweisen haben, zumindest auf Italienisch (Domani passo a salutare la tua vedova … parola di Epidemia / Uomo avvisato mezzo ammazato … parola di Spirito Santo). Die seltsamen Vehikel und Spielereien (in der Eröffnungssequenz benutzt Donovan ein Stethoskop, um den Tresor zu öffnen und Deborah fährt in einer der letzten Szenen das oben genannte Dampfmaschinen-Motorrad) scheinen ebenfalls aus einem Garko / Carnimeo-Film zu stammen, wobei Euginio Martins El hombre de Rio Malo (Matalo / Bad Man’s River, 1971) auch eine Quelle der Inspiration gewesen sein könnte, in der Claudie Lange in Gina Lollobrigidas Fußstapfen tritt. Hill ist kein Garko und Claudie keine Gina, doch wenn man Spaghetti-Western dieses Typus mag, erweist sich der Film nicht ganz ohne Wert. Er hat zwar nur relativ wenig an Action zu bieten, aber die verschlungene Handlung lässt einen zumindest mit raten, was als nächstes passieren könnte.

Normalerweise gehen Italo-Western dieser Sorte vollkommen in Ordnung, wobei die besten Beispiele augenzwinkernder Natur ohne Slapstick sind und dieser hier 1972 gedreht wurde, als Slapstick à la Trinità (Die rechte und die linke Hand des Teufels und Vier Fäuste für ein Halleluja) das Genre bereits übernommen hatte. Manche Komödienversuche sind dabei furchtbar unlustig geraten, wie in der Szene, in der Hill damit beginnt seinen Gegner Huerta mitten in einem Faustkampf zu kitzeln (?!). Glücklicherweise sind solche Momente ziemlich rar gesät. Die Musik wurde von Arizona si scatenò… e li fece fuori tutti / Der Tod sagt Amen (1970) recycelt, wobei der Titelsong als recht durchgeknallt bezeichnet werden kann, jedoch ganz gut zu diesem Film passt. Auf kuriose Art und Weise bekommt man dieses bekloppte „I guess I gotta get my gun, I guess I gotta shoot someone / bang bang / hey whoopee / whoopee hey / bing bang, beng bong …“ nicht mehr so schnell aus dem Kopf! Eine Bürgerkriegs-Diashow darf man auch bestaunen, die scheinbar keinen anderen Zweck zu erfüllen hat, als das Publikum zur Koda des Films zu führen, in der die Dinge noch einmal auf den Kopf gestellt werden.

Das Bild wird uns im 16:9 – 2.35:1 Format präsentiert und sieht annehmbar aus. Es ist recht klar, allerdings nur einigermaßen farbenfroh und auch nicht vollkommen frei von Bildschäden. Es erweckt den Anschein, als würde es sich um eine gut erhaltene VHS-Version handeln. Beim Ton liegen die deutsche sowie die italienische und englische Spur in DD 2.0 vor. Alle drei Tonspuren hören sich mehr oder weniger ok an. Hier gibt es höchstens Unterschiede im Klang zu erkennen, wobei die italienische Spur am besten wegkommt, während die englische recht dumpf klingt und die deutsche im Hintergrund zuweilen ein wenig rauscht. Wenigstens handelt es sich bei der deutschen Tonspur um die verschollen geglaubte deutsche Kinosynchronisation des legendären Horst Sommer Studios, die wirklich gut gelungen ist und noch dazu von allzu vielen Kalauern absieht. Untertitel (deutsch) sind nur für die O-Ton Passagen verfügbar. Als Extras sind der deutsche Vorspann, eine Bildergalerie sowie eine Programmvorschau (Adios Companeros, Sing mir das Lied der Rache und Murietta – Geissel von Kalifornien) enthalten. Es ist sehr löblich, dass seltene Italo-Western, wie dieser hier, ganz tief aus der Mottenkiste hervorgekramt werden, doch sollte das Preis- / Leistungsverhältnis in solchen Fällen dann auch stimmen, was bei dieser Edition nicht im Geringsten der Fall ist. Leider liegen uns auch keine Informationen vor, ob es sich um eine offiziell lizensierte Veröffentlichung handelt oder nicht!?

Aufgrund der oben angesprochenen Gründe können wir für diesen Titel keine Kaufempfehlung aussprechen. Doch letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden.

  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 2.35:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur:‎ Juan Bosch
  • Medienformat:‎ Breitbild
  • Darsteller:‎ Craig Hill, Claudie Lange, Chris Huerta, Ignazio Spalla, Carlo Gaddi
  • Studio:‎ 375 Media / True Grit / Cargo Records

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.