Menace II Society

Sein Vater wurde als Drogendealer ermordet, seine Mutter starb an einer Überdosis. Dem 18-jährigen Caine, der in Watts, dem schwarzen Ghetto von L.A. lebt, scheint ein ähnliches Schicksal vorbestimmt. Er hängt mit seinen Freunden auf der Straße herum, dealt mit Rauschgift und klaut Autos. O-Dog ist der Skrupelloseste von allen. Er knallt einen Lebensmittelhändler ab, ohne mit der Wimper zu zucken. Als Cousin Harold ermordet wird, ist auch Caine bereit zu töten. Doch es gibt auch noch Ronnie, die ihren sechsjährigen Sohn allein aufzieht, weil der Vater für lange Zeit im Gefängnis sitzt. Sie möchte Watts verlassen und sie möchte, dass Caine mitgeht. (Kinowelt)

Sollte man Anfang der 90er Jahre Boyz n the Hood gesehen haben, so war man sicherlich sehr neugierig auf Menace II Society, die viel gepriesene Coming-of-Age Geschichte, die ebenfalls in einem überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Ghetto spielt. Menace II Society wurde 1993 veröffentlicht, von der Kritik hoch gelobt und stellt das Regiedebüt der Hughes Brothers (Albert und Allen) dar, die später auch bei Dead Presidents (1995) und From Hell (2001) Regie führten. Der Film, der für seine übertriebene Gewalt und seinen obszönen Dialog bekannt ist, wurde von vielen Fans für seine unerschrockene Darstellung des Lebens in der „Hood“ gelobt, von dem man als Mitteleuropäer normalerweise ziemlich wenig Ahnung haben dürfte.

Nach seinem erst kürzlich erlangten High-School Abschluss wird Caine (Tyrin Turner) zum ungewollten Komplizen eines spontanen sowie brutalen Raubüberfalls auf einen Spirituosenladen, der von seinem Freund O-Dog (Larenz Tate) verübt wird, nachdem der vom vietnamesischen Ladenbesitzer beleidigt worden ist. Mit Hilfe einer Reihe von Rückblenden erfährt das Publikum nun, dass Caine inmitten der Stammkundschaft seines drogendealenden Vaters (Samuel L. Jackson) aufgewachsen ist und währenddessen nur sehr wenig emotionale Unterstützung von seiner Junkie-Mutter erhalten hat. Nachdem sein Vater bei einem Drogendeal erschossen wurde und seine Mutter an einer Überdosis Heroin gestorben ist, wird er zu seinen äußerst religiös gesinnten Großeltern nach Watts (eines der Ghettos von Los Angeles) geschickt, wo er jedoch in die Fußstapfen seines Vaters tritt, indem er während seiner High-School Zeit Dope auf den Straßen verkauft.

Zurück in der Gegenwart: Caine und sein Cousin Harold (gespielt von Saafir) wollen sich nach einer Party mit ein paar Freunden treffen, werden aber stattdessen in einen tödlichen Fall von Carjacking verwickelt, der Harold den Tod und Caine schwerverletzt ins Krankenhaus bringt. Diese plötzliche sowie unerwartete Begegnung mit dem Sensenmann sollte Caine eigentlich genügend Anlass dazu geben, sein Leben und den Weg, den er eingeschlagen hat, neu zu überdenken, doch selbst die gut gemeinten Belehrungen seines Freundes Sharif (Vonte Sweet) reichen nicht aus, um ihn zum Umdenken zu bewegen. Stattdessen begehen er und seine Gangster-„Freunde“ ein grausames Verbrechen nach dem anderen und legen dabei eine ständige Missachtung der grundlegenden Menschenrechte ihrer Mitmenschen an den Tag. Wird Caine jemals die Konsequenzen aus seinem Handeln ziehen und einen besseren Weg (der sich durchaus in Reichweite befindet) beschreiten können, oder befindet er sich bereits auf einem Weg ohne Wiederkehr?

Menace II Society hat im Laufe der Jahre enorm an Popularität gewonnen, obwohl ein Großteil des Publikums große Mühe damit haben dürfte, sich mit all dem zu identifizieren, was während der 97-minütigen Laufzeit passiert. Wahrscheinlich liegt das an der mangelnden Auseinandersetzung mit den Elementen, die für die in den Ghettos lebenden „schwarzen“ Jugendlichen sehr wohl die Realität des Lebens bedeuten können. Außerdem kann man sich als Zuschauer sicherlich nur sehr schwierig mit dem Gefühl von Normalität anfreunden, das sich im rücksichtslosen Töten, Schlagen und Rauben zeigt, das den gesamten Film durchzieht. Natürlich wird sich dabei auch auf den Teufelskreis der Rache bezogen, doch diese moralische Frage wurde bereits von Boyz n the Hood in höherem Maße angesprochen und wird in Menace II Society nur als Nebensächlichkeit abgehandelt. Die schiere Anzahl von ungerechtfertigten Morden lässt einen schließlich fragen, warum irgendjemand überhaupt die Sicherheit seines Hauses verlässt!? Man müsste wahrscheinlich selbst in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen sein, um sagen zu können, ob der Grad der Brutalität zutreffend ist.

Das Maß an willkürlicher Gewalt und Missachtung menschlichen Lebens ist schon nur schwer zu ertragen, was sich jedoch noch abstoßender gestaltet, ist die Darstellung von afroamerikanischen Jugendlichen. Wir sind uns alle der rassischen Stereotypen bewusst, die das Umfeld eines Ghettos begleiten, doch es erscheint etwas anstößig, all diese Vorstellungen in einen Film dieser Art zu stopfen, ohne die größeren sozialen Auswirkungen angemessen anzusprechen, die der Grund dafür sind, warum jede dieser Generationen in derselben Falle festzustecken scheint. Nahezu jede Figur hat Erfahrungen mit der Polizei oder mit Justizvollzugsanstalten gemacht, während ihre Profanität auf eine Art und Weise aus ihnen heraussprudelt, die beinahe schon ans Komische grenzt. Außerdem kann man in einer bestimmten Szene (in der Caine und O-Dog in Watts an einer Reihe von Wohnhäusern entlangschlendern) beobachten, wie fast jeder „schwarze“ Mann an einer 40 ounce Flasche Olde English 800 (Malt liquor) nuckelt. Nun, in Boyz n the Hood wurde auch das Leben im Ghetto porträtiert, allerdings nicht so einseitig wie in Menace II Society. In Boyz gibt es neben einer Fülle an negativen Figuren nämlich auch noch etliche Personen positiven Charakters zu sehen, die es auch verstehen Einiges zu bewirken. Um fair zu bleiben, tauchen solche positiven Charaktere mit Ronnie (Jada Pinkett Smith), Caines Großeltern (Marilyn Coleman und Arnold Johnson), Sharif (Vonte Sweet) sowie dessen Vater (Charles S. Dutton) ebenso in Menace auf, doch wird ihnen nicht annährend so viel Beachtung geschenkt, wie in Boyz.

Abgesehen von diesem kleinen Mangel ist das Schauspiel der Hauptprotagonisten darüber hinaus als durchaus kompetent zu bezeichnen. Tyrin Turner hat in seiner ersten richtigen Hauptrolle schon einiges zu tragen, doch abgesehen von ein paar steifen Sequenzen gelingt es ihm seinem Charakter Caine emotionales Gewicht zu verleihen. Larenz Tate versteht es bestens als extrem unausgeglichenes Babygesicht O-Dog zu beeindrucken. Er repräsentiert die Art von Freund, die man auf seiner Seite haben möchte, der man aber niemals den Rücken zudrehen sollte. Die Riege der Nebendarsteller wird durch einen kurzen (jedoch sehr coolen) Cameo-Auftritt von Samuel L. Jackson als Caines geistig sowie körperlich zerrütteten Vater Tat Lawson abgerundet. Außerdem kann man einen frühen Auftritt von Jada Pinkett Smith als Caines „Freundin“ Ronnie bestaunen, genauso wie die kleine (aber wichtige Rolle) für den bei Weitem nicht ausgelasteten Charles S. Dutton als Sharifs Vater, der Caine dazu bekehren möchte, ein besseres Leben zu führen. Ach ja, der Rapper MC Eight ist als drogendealender A-Wax auch mit von der Partie und hat sogar den Titelsong „Streight Up Menace“ zum formidablen Soundtrack des Streifens beigesteuert.

Menace II Society ist ein Film, der das Publikum sehr wahrscheinlich stark polarisieren wird. Nach seiner positiven kritischen Aufnahme im Jahr 1993 und dem Kultstatus zu urteilen, den er über die Jahre aufrechterhalten konnte, gibt es anscheinend sehr viele Zuschauer da draußen, die unsere Begeisterung für den Film (bis auf ein paar Kleinigkeiten) teilen. Glücklicherweise sind wir selbstverständlich nicht in der Lage, die Genauigkeit der Darstellung des Lebens in der „Hood“ (das im Film porträtiert wird) zu beurteilen, weswegen wir diesbezüglich in Richtung Boyz n the Hood tendieren. Aus technischer Sicht dürfte die neue Scheibe von The Criterion Collection eine deutliche Verbesserung in der Audio-Kategorie zu bieten haben, die es hervorragend versteht die visuelle Kompetenz auf dem Bildschirm wunderbar zu ergänzen. Sollte man sich Menace II Society mal wieder anschauen wollen, so gibt es keinen besseren Zeitpunkt als die Gegenwart.

DIRECTOR-APPROVED SPECIAL EDITION FEATURES

• New 4K digital restoration of the directors’ cut of the film, supervised by director of photography Lisa Rinzler and codirector Albert Hughes, with 7.1 surround DTS-HD Master Audio soundtrack
• In the 4K UHD edition: One 4K UHD disc of the film presented in Dolby Vision HDR and one Blu-ray with the film and special features
• Original 2.0 surround soundtrack, presented in DTS-HD Master Audio
• Two audio commentaries from 1993 featuring directors Albert and Allen Hughes
• New selected-screen commentary featuring Rinzler
• Gangsta Vision, a 2009 featurette on the making of the film
• New conversation among Albert Hughes, screenwriter Tyger Williams, and film critic Elvis Mitchell
• New conversation among Allen Hughes, actor and filmmaker Bill Duke, and Mitchell
• Interview from 1993 with the directors
• Music video from 1991 for 2Pac’s “Brenda’s Got a Baby,” directed by the Hughes brothers
• Deleted scenes
• Film-to-storyboard comparison
• Trailer
• English subtitles for the deaf and hard of hearing
• PLUS: An essay by film critic Craig D. Lindsey

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  • Regisseur: ‎Albert Hughes, Allen Hughes
  • Medienformat: PAL, Blu-ray
  • Darsteller:‎ Tyrin Turner, Larenz Tate, June Kyoto Lu, Toshi Toda, Samuel L. Jackson
  • Sprache: Englisch
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Studio: ‎The Criterion Collection

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.78:1
  • Regisseur: ‎Albert Hughes, Allen Hughes
  • Medienformat:‎ DVD-Video
  • Laufzeit:‎ 94 Minuten
  • Darsteller: Tyrin Turner, Larenz Tate, Thosi Toda, Junke Kyoko Lu, Samuel L. Jackson
  • Sprache: ‎Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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