Milano trema: la polizia vuole giustizia / The Violent Professionals

Der knallharte Cop Giorgio hält sich nicht gerne an die Regeln und geht sogar so weit, am helllichten Tag zwei skrupellose Kriminelle niederzuschießen. Nachdem er von der Polizei suspendiert und sein Chef ermordet wurde, taucht er brutal in die kriminelle Unterwelt ein, um eine verbrecherische Organisation ohne Respekt vor Autorität zu entlarven.

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Kommissar Giorgio Caneparo (Luc Merenda) wird vom Dienst suspendiert, weil er zwei entflohene Sträflinge kaltblütig erschossen hat. Als sein Kollege Del Buono (Chris Avram) – der gegen eine Bande von Bankräubern ermittelte – erschossen wird, macht sich Caneparo auf den Weg, um ihn auf eigene Faust zu rächen. Er schleicht sich undercover in die Mailänder Unterwelt ein und nimmt als Fahrer an einem blutigen Banküberfall teil, der von einem mysteriösen Mann mit Spitznamen „Padulo“ organisiert worden ist. Caneparo findet heraus, dass die Bande einen Teil eines subversiven Plans ausgeführt hat, der den Weg für ein faschistisches Regimes ebnen soll. Außerdem deckt er auf, dass Padulo (Richard Conte) eigentlich ein wohlhabender Verleger aus Bergamo ist, der seinerseits die Anweisungen eines mysteriösen Bosses befolgt. Letztendlich gelingt es Caneparo diesen geheimnisvollen Chef zu entlarven, der sich als sein eigener Vorgesetzter Gianni (Silvano Tranquilli) entpuppt und Giorgio auf seine Seite ziehen will. Der weigert sich jedoch in die umstürzlerische Verschwörung verwickelt zu werden und tötet Gianni.

Von Carlo Ponti und Luciano Martinos Dania Film produziert sowie vom verlässlichen Ernesto Gastaldi geschrieben, stellte Sergio Martinos Milano trema: la polizia vuole giustizia einen weiteren Kassenschlager in Italien dar. Martinos Film führte mit Luc Merenda eine der Ikonen des Genres ein. Als Kommissar Caneparo sieht der stattliche Merenda wie eine muskulöse Macho-Version von Luigi Calabresi (ein italienischer Polizeikommissar, der in Mailand auf offener Straße erschossen wurde —> siehe Booklet zu Tote Zeugen singen nicht, Seite 11, von Michael Cholewa verfasst) aus – jemand, der laut einer Dialogzeile „der halben Menschheit ins Gesicht geschlagen und der anderen Hälfte in den Hintern getreten hätte.“ Gastaldi stattet ihn zudem mit einem Kindheitstrauma aus, das seine Existenz stark geprägt hat, nämlich die Ermordung seines Vaters – ebenfalls ein Polizist – durch einige Verbrecher, die zu erschießen er gezögert hatte. Caneparo scheint keinerlei Gewissensbisse zu haben, als er in einer der Eröffnungsszenen höhnisch „Die Zeit ist abgelaufen“ verlauten lässt, bevor er kaltblütig zwei Sträflinge (Luciano Rossi und Antonio Casale) erschießt, die sich ihm nach einem blutigen Fluchtversuch gerade ergeben haben. Die Sequenz wurde allerdings absichtlich zweideutig belassen: Martino fügt eine Nahaufnahme der Waffe eines der Sträflinge ein, die sich zu erheben scheint, was darauf hindeutet, dass Caneparo letztendlich einfach der schnellere am Abzug war, genauso wie bei einem Western-Duell.

Caneparo repräsentiert den Prototyp einer neuen Generation von Helden innerhalb des Genres (eine jüngere und athletischere Version von Franco Neros Charakter aus Tote Zeugen singen nicht / Straße ins Jenseits) sowie einen Vorgänger vieler verdeckter Ermittler und Spezialagenten wie Franco Gasparri aus Stelvio Massis Mark il poliziotto-Reihe oder Marc Porel aus Ruggero Deodatos Uomini si nasce poliziotti si muore (Eiskalte Typen auf heißen Öfen, 1976). Martinos Film dreht sich um Canepanos Verwandlung, wenn er sich undercover in Mailands Unterwelt einnistet, um wichtige Beweise sammeln zu können. Damit er das bewerkstelligen kann, muss er nur seine Haare ein wenig wachsen lassen und Freizeitkleidung anstatt Anzug und Krawatte tragen. Schmalspur-Gangster und Schmalspur-Polizisten haben eben die gleichen Gesichter, da sich die Typologie, die das Genre zu bieten hat, als absolut austauschbar erweist. Wie Castellari bei Tote Zeugen singen nicht betont auch Milano trema: la polizia vuole giustizia ein weiteres Schlüsselelement des Genres, nämlich Verfolgungsjagden. Als Richard Contes Charakter Luc Merenda darum bittet, ihm seine Fähigkeiten als Fahrer vorzuführen, stellt Martinos Film eine scheinbar endlose Reihe von Drifts, Kehrtwenden und anderer verschiedener Auto-Akrobatik zusammen.

Dabei handelt es sich buchstäblich um einen atemberaubenden Moment, in dem der Regisseur seinem Publikum einen Vorgeschmack von aufregenden, spektakulären Sequenzen gewährt, die schon bald zu einem wichtigen Bestandteil kommender poliziotteschi werden würden – im Fall der langen Verfolgungsjagd zwischen Merendas BMW und der Polizei sogar im wörtlichen Sinne, denn sie repräsentiert ein Segment, das in unzähligen anderen Filmen des Genres wiederverwandt sowie neu geschnitten wurde. Am meisten beeindruckt jedoch der gezeigte Wettbewerbsenthusiasmus, so als wolle man beweisen, dass italienische Filme ihre US-Pendants sogar toppen könnten – ähnlich wie es vorher mit Western und später mit Horrorfilmen geschehen ist. Wie einige seiner Vorgänger befasst sich auch Milano trema: la polizia vuole giustizia mit den zu erwartenden politischen Nuancen. Die Handlung dreht sich um den unverdächtigen „Padulo“, der mit kleinen Gaunern und jungen Protestierenden Banküberfälle organisiert, um Chaos zu verbreiten und die Institutionen zu destabilisieren.

Nachdem er mit seiner Maschinenpistole auf eine schwangere Frau geschossen hat, schreit einer der Bankräuber (Bruno Corazzari) seinen Komplizen zu: „Ihr wisst doch, dass wir mehr als das Geld wollen. Wir müssen den Menschen auch Angst machen und sie davon überzeugen, dass sich die Gesellschaft ändern muss!“ Später fügt Conte hinzu: „Die Menschen haben diese Demokratie satt, genauso wie die Machtlosigkeit, die sie umgibt.“ Das Lustigste an Martinos Film (und sehr wahrscheinlich kein zufälliges Paradoxon, wenn man Gastaldis Fähigkeiten als Drehbuchautor bedenkt) stellt die Tatsache dar, dass es nach dem Attentat auf Chris Avrams Kommissar, an Merendas faschistischem, waffenverrückten Charakter liegt, die Demokratie aufrecht zu erhalten – natürlich auf seine vollkommen eigentümliche Art und Weise – während sich die jungen Protestierenden, die Villen besetzen, von freier Liebe sprechen und Mao Tse-tung zitieren, letztlich als unbrauchbar und sogar anfällig für gegensätzliche politische Ziele erweisen. Milano trema: la polizia vuole giustizia profitiert auch von einem lebendigen, rockigen Soundtrack der De Angelis Brüder. Als zweideutiger Padulo gibt Richard Conte einen recht geeigneten Bösewicht ab, obwohl er in den Kampfszenen offensichtlich durch einen Stuntman ersetzt worden ist. In den folgenden Jahren, bis zu seinem Tod im Jahr 1975, wurde er zu einem der bekanntesten Gesichter innerhalb der poliziotteschi.

Die Deluxe-Edition oder die „normale“ Edition bei Amazon bestellen

  • Inklusive O-Ring für 1000 Kopien.
  • Umkehrbarer Ärmel
  • 2K Master vom Original 35 mm Kamera-Negativ.
  • High-Definition (1080p) Präsentation in 2,35:1 Seitenverhältnis.
  • 2.0 Dual Mono DTS-HD Master Audio Englischer Soundtrack
  • 2.0 Dual Mono DTS-HD Master Audio Italienischer Soundtrack mit neu übersetzten englischen Untertiteln
  • Audio-Kommentar von Kim Newman und Barry Forshaw
  • Interviews mit Luc Merenda, Martine Brochard, Ernesto Gastaldi & Regisseur Sergio Martino
  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 40 Minuten
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Sprache: ‎Englisch
  • Studio: 88 Films

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.