Montclare – Erbe des Grauens / Next of Kin

Die junge Linda übernimmt nach dem Tod ihrer Mutter das Seniorenheim Montclare. Obwohl sie kein gutes Gefühl damit hat, in das Haus zurückzukehren, tritt sie die Stelle der Leitung an. Schon bald häufen sich merkwürdige Zwischenfälle. Fußstapfen werden sichtbar, unheimliche Geräusche sind zu hören und Linda beginnt, eine unheimliche Gestalt in und um das alte Haus zu sehen, die sie scheinbar verfolgt. Ihre Ängste werden als Überlastung nach dem Tod der Mutter abgetan, doch Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit ziehen sie zu einem Zimmer, in dem sie eine furchtbare Entdeckung macht. Ist tatsächlich ein Geist aus der Vergangenheit zurückgekehrt oder ist ihr Verfolger ein Mensch? Ist es ihr alter Freund oder einer der Angestellten? Erste Menschen sterben! (X-Rated)

Alles in Tony Williams‘ Film Montclare – Erbe des Grauens funktioniert besser aufgrund des einzigartigen Soundtracks, der von Klaus Schulze, einem ehemaligen Mitglied der Kultband Tangerine Dream, kreiert wurde. Die Synthesizer-Themen verleihen dem Film ein ganz besonderes Ambiente und lassen viele der Visuals tatsächlich viel stylischer wirken, als sie in Wirklichkeit sind. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt Linda (Jacki Kerin) nach Hause zurück, um die Leitung des von ihr geerbten Pflegeheims zu übernehmen. Eigentlich möchte sie nicht für den Rest ihres Lebens in einer solchen Institution arbeiten, doch sie will den Besitz auch nicht aufgeben. Ein paar Tage nachdem sie von alten Freunden und den Angestellten ihrer Mutter willkommen geheißen wurde, durchlebt Linda einen intensiven Albtraum, der sie wirklich erschaudern lässt und ihr irgendwie das Gefühl verleiht im Pflegeheim nicht willkommen zu sein. Dann beginnt sie das Tagebuch ihrer Mutter zu lesen und stellt zu ihrer Überraschung fest, dass auch sie vor ihrem Tod mit bizarren Albträumen zu kämpfen hatte.

Von ihren Erkenntnissen neugierig gemacht, trifft Linda auf Dr. Barton (Alex Scott), der sich um die älteren Bewohner des Pflegeheims kümmert. Er fordert sie auf, sie solle ihre Zeit nicht mehr mit dem Tagebuch verschwenden und sich lieber auf die Zukunft konzentrieren. Linda ignoriert jedoch seinen Rat und liest weiterhin in den Schriften ihrer Mutter, wodurch sie erfährt, dass diese während ihrer letzten Tage davon überzeugt war, dass ihr jemand durch das Gebäude folgt und möglicherweise auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um ihr ernsthaft Schaden zufügen zu können. Während Linda versucht, die Enthüllungen des Tagebuchs zu entschlüsseln, wird ein älterer Bewohner tot in seinem Badezimmer aufgefunden. Kurz darauf ist sie davon überzeugt (genauso wie ihre Mutter es war), dass jemand oder etwas jede einzelne ihrer Bewegungen beobachtet. Next of Kin hat zwar einige sehr gruselige Momente zu bieten, lässt aber ausgefallene Spezialeffekte vermissen. Williams setzt nur Licht, Schatten und einzigartige Kamerawinkel ein, um die die Illusion zu erzeugen, dass sich tatsächlich jemand in ihrer Nähe aufhält (wenn Linda misstrauisch wird), um sie unvorbereitet erwischen zu können.

Täuschungen sind jedoch nur ein Bestandteil des Gruseligen; der andere ist eine Mischung aus seltsamen Geräuschen und Schulzes Musikthemen, die den Film in eine andere Richtung lenken. Anstatt den vertrauten Weg zu gehen, den etliche Horrorfilme beschreiten (wo so etwas wie ein Mysterium für alle furchteinflößenden Überraschungen verantwortlich ist), beschließt Williams bei seinem Hauptcharakter Linda zu verweilen sowie ihre Verdächtigungen zu nutzen, um unvergesslichen Nervenkitzel zu erzeugen. Dadurch wird der Mittelteil zum Höhepunkt des Films, der sich enorm düster sowie äußerst atmosphärisch gestaltet, während das Finale im Grunde genommen eine konventionelle Zusammenfassung einiger vergangener Ereignisse und die Evolution einiger alter Beziehungen darstellt. Die schauspielerischen Darbietungen reichen von durchschnittlich bis sehr gut, wobei einige der raueren Parts die Glaubwürdigkeit, die der Film verfolgt, auf gewisse Art und Weise verstärken. Zum Beispiel vermittelt das beiläufige Filmmaterial aus dem Café (wo Linda auf ihrem Heimweg eine Tasse Kaffee trinkt und sich dort später verbarrikadiert) ein Gefühl von Normalität, aufgrund dessen sich das dunklere sowie aus den Fugen geratene Material letztendlich noch mehr hervorheben lässt.

Quentin Tarantino ist ein sehr großer Fan von Next of Kin und hat vor einigen Jahren erklärt, es würde sich dabei um seinen australischen Lieblingsgenrefilm handeln. Der Streifen erscheint auch auf vielen weiteren renommierten Listen, die versuchen diese Art von Genrefilmen aus dieser Zeit irgendwie einzustufen. Der Film scheint zudem stark von Roger Vadims Et mourir de plaisir (…und vor Lust zu sterben, 1960) beeinflusst worden zu sein, weil sich Next of Kin auf die gleiche altmodische Art und Weise gruselig gestaltet, wie die klassischen europäischen Gothic-Horror Filme aus den 60er Jahren. Man erinnere sich nur an das Konzept, das diese Flicks bis zur Perfektion beherrschten: Wenig zeigen, um den Verstand zu zwingen, sich das Grauen selbst vorzustellen und dann eine gewaltige Atmosphäre drum herum aufzubauen. Auch Riccardo Fredas L’orribile segreto del Dr. Hichcock (Das schreckliche Geheimnis des Dr. Hichcock, 1962) und Jack Claytons The Innocents (Schloss des Schreckens, 1961) verfahren genauso wie …und vor Lust zu sterben. Williams hält sich bei Next of Kin an das gleiche Konzept, nur tauscht er das gotisch anmutende Schloss gegen ein Altersheim aus und untermalt das Ganze mit einem großartigen Ambient-Soundtrack (der Ton und Atmosphäre über traditionelle musikalische Strukturen oder Rhythmen setzt) des ehemaligen Tangerine Dream Mitglieds Klaus Schulze hinzu. Es stellt also nicht gerade eine Überraschung dar, dass Quentin Tarantino diesen Film verehrt. Empfehlenswert !!!

Bonusmaterial:

  • Audiokommentar von Filmwissenschaftler Troy Howard —> wie gewohnt, interessant sowie informativ
  • Alternativer Audiokommentar von Gerd Naumann, Christopher Klaese und Matthias Künnecke —> auch hier, wie gewohnt, unterhaltsam und informativ, doch diesmal schweifen die drei Herren ein wenig vom eigentlichen Thema ab
  • 16 Seiten Booklet mit einem sehr informativen Text „Australiens vergessener Horror-Klassiker“ von Christoph N. Kellerbach, in dem man über Entstehung, Produktion, Cast und Dreharbeiten sowie unerwartete Dinge während des Drehs, nachlesen kann.
  • Deutscher Trailer
  • US-Trailer
  • Making of Galerie
  • Aushangfotos

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  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Regisseur: Williams, Tony
  • Laufzeit: 1 Stunde und 30 Minuten
  • Darsteller: Scott, Alex, Kerin, Jackie, Jarrett, John, Nicols, Gerda
  • Studio: X-Rated

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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