Mujō / This Transient Life

Mujo, oder auch This Transient Life, ist der erste Teil von Akio Jissojis lange verschollener The Buddhist Trilogy. Die 1970 von der Art Theatre Guild produzierte Eroduction thematisiert das inzestuöse Verhältnis zwischen dem Geschwisterpaar Masao und Yuri. Dabei beschäftigt sich der Film mit dem buddhistischen Leitthema der Vergänglichkeit und wirft immer wieder existenzielle Fragen in den Raum.

Masao (Ryō Tamura) und seine ältere Schwester Yuri (Michiko Tsukasa) wohnen noch in ihrem Elternhaus in einem Vorort nahe Kyoto. Da Yuri ihr 21. Lebensjahr erreicht hat und immer noch nicht verheiratet ist, entschließt sich der Vater einen Heiratsvermittler einzuschalten. Das passt Masao allerdings überhaupt nicht – nicht nur, weil er diese veralteten Traditionen für nicht mehr zeitgemäß hält, sondern vielmehr auch weil aus seiner Sicht kein anderer Mann für Yuri in Frage kommt, als er selbst.

Als die Eltern eines Tages verreist sind, albern Masao und Yuri zuhause mit den Nō Masken ihrer Eltern herum. Während des Schauspiels kommt es dann zum Sexualakt zwischen den beiden, gegen den sich Yuri erst noch zu wehren versucht, dann aber nachgibt und sich ihrem Bruder voll und ganz hingibt. Von nun an sind die beiden unzertrennlich, müssen allerdings immer auf der Hut sein, dass niemand von ihrem unkonventionellen Verhältnis erfährt – was nicht lange auf sich warten lässt, denn Ogino (Haruhiko Okamura), der buddhistische Priester im nahegelegenen Kloster, der ebenfalls in Yuri verliebt ist, erwischt die beiden nahe dem Kloster in flagranti, behält es aber erst mal für sich.

Als Yuri plötzlich schwanger wird, hat Masao die Idee, Yuri mit dem Hausbediensteten Iwashita (Kotobuki Hananomoto) zu verkuppeln. Dieser hat sowieso schon seit einiger Zeit ein Auge auf Yuri geworfen und mit dieser Scheinehe würden sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – zum einen wäre der Vater endlich zufriedengestellt und zum anderen könne man somit das Kind erklären.

Masao, der ein sehr ausgeprägtes Interesse an Buddha-Statuen hat, entschließt sich für eine Lehre beim Bildhauermeister Mori (Eiji Okada) in Kyoto. Dieser wurde vor einer Weile von Ogino beauftragt eine Kannon Statue für dessen Kloster anzufertigen, und Ogino war es auch der Masao an Meister Mori empfohlen hat. Masao ist für seinen Meister nicht nur eine Bereicherung, weil er ihm beim Vollenden der Kannon Statue hilft – auch die Beziehung zu seiner 2. Frau (Mitsuko Tanaka) profitiert durch seine Anwesenheit. Da er selbst nicht mehr in der Lage ist diese zu befriedigen, bietet ihm Masao auch in dieser Angelegenheit seine Hilfe an und es entsteht eine sehr ungewöhnliche Ménage-à-trois.

Mittlerweile ist Yuris und Masaos Kind geboren, beide leben ihr Schein-Leben, sie im Elternhaus mit ihrem Scheinehemann und er in Kyoto bei seinem Meister und dessen Frau. Sie treffen sich weiterhin heimlich, um ihrer Liebe zu frönen bis eines Tages das Unglück seinen Lauf nimmt und sie in einem Moment der Unachtsamkeit von Yuris Ehemann Iwashita erwischt werden. Von da an überschlagen sich die Ereignisse und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Akio Jissoji, der in den 60er Jahren für seine TV-Produktionen (unter anderem die Serie Ultraman) bekannt war, hatte den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens definitiv in den 70er Jahren mit seiner The Buddhist Trilogy erreicht. Mujō machte den Anfang, gefolgt von Mandala und beendet mit Uta. Mujō – This Transient Life wurde, wie auch die anderen beiden Teile von der ATG (Art Theatre Guild) of Japan produziert. Die ATG produzierte größtenteils japanische New Wave Filme, die eine Gegenbewegung zum traditionellen japanischen Film darstellten – vergleichbar mit dem europäischen New Wave Cinema, vor allem mit der französischen Nouvelle vague (welche sie ja damals alle irgendwie beeinflusst hat). Viele, für die damalige Zeit, tabuisierte Themen wurden hier behandelt – so auch Inzest. Filme wie Susumu Hanis Das Mädchen Nanami (1968), Toshio Matsumotos Pfahl in meinem Fleisch (1969) oder Yoshishige Yoshidas Heroic Purgatory (1970), um nur ein paar zu nennen, sind bekannte Vertreter dieser Art.

Wie die meisten Filme der New Wave Ära zeigt auch Mujō ein Auflehnen der Jugend gegen Tradition, das Elternhaus, das Establishment und auch gegen den verinnerlichten Glauben. Dieses Auflehnen wird hier durch Masao dargestellt, der sich den kompletten Film hindurch gegen jede Norm stellt und somit die neue Generation repräsentiert. Sei es das Auflehnen gegen den eigenen Vater, die sexuelle Unterdrückung von Frauen oder eben auch die Auslegung buddhistischer Lehren. Mujō, was eines der drei Daseinsmerkmale des Buddhismus darstellt, steht für das Unbeständige, die Vergänglichkeit allen Seienden und die Sinnlosigkeit des Anhaftens an weltliche Güter.

Meister Mori ist der Ansicht, dass ein Teil von ihm selbst in die Kannon Statue mit einfließt. Und in einem Dialog zwischen Moris Sohn und Masao – Moris Sohn fragt Masao warum er nicht auch auf das College geht, um durch studieren selbst zu einem Buddha zu werden – antwortet Masao : „One can’t become a Buddha, so one keeps making Buddhist sculptures.“ und führt den Satz fort mit „People should do whatever pleases them. It’s because people suppress their desires that the world has become so complicated.“ Das beschreibt schon ziemlich gut worauf der Film hinaus will und wird gegen Ende dann nochmal zum zentralen Thema.

Das Highlight des Films ist aber sicherlich der Dialog zwischen Masao und dem Priester Ogino im letzten Drittel, indem Masao Ogino seine Ansichten über Buddha, Himmel und Hölle darlegt. Dieser knapp 10 minütige Dialog ist Philosophie vom feinsten und kann einem schon mal ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. An Symbolträchtigkeit mangelt es dem Film ohnehin nicht und man könnte sicherlich Stunden damit verbringen jede einzelne Szene dieses avantgardistischen Meisterwerks zu interpretieren (vor allem das surreale Ende), aber wie so viele andere Kunstfilme dieser Zeit trägt auch Mujō den Deckmantel einer Eroduction (erotic + production) später auch bekannt als pink-eiga. Und an Erotik mangelt es dem Film durchaus nicht.

Da in Japan das Zeigen von Genitalien und Schamhaar in Film und Kunst verboten ist und man deshalb schon früh erfinderisch werden musste, um den Sexualakt unter Einhaltung dieser Vorschriften anregend zu gestalten, sind Sexszenen in japanischen Produktionen meist viel sinnlicher, als im westlichen Kino – was Sinn macht, da man den Fokus hier mehr auf die Ästhetik des Aktes an sich, als auf die eigentliche Penetration setzten musste. Vor allem das Lustempfinden der Frau steht hier meist im Vordergrund und dieses Prinzip funktioniert auch in diesem Film wunderbar.

Auf jeden Fall sollte an der Stelle auch die geniale Kinematographie von Akio Jissoji erwähnt werden, der hier viel mit dolly in und dolly outs gearbeitet hat und einem durch seine Closeups und Half Face Closeups ein gutes Gespür dafür gibt, was in seinen Charakteren gerade vorgeht. Beispielsweise in dem oben schon genanntem Dialog zwischen Masao und Ogino werden die dolly ins zu Masao immer wackeliger, je aufgebrachter dieser wird, was sehr beeindruckend wirkt. Oder bei der ersten Sexszene zwischen Yuri und Masao, die wie ein Katz und Mausspiel beginnt, nimmt uns die Kamera erst auf einer irren Fahrt durch das gesamte Haus mit den Charakteren mit, um uns dann kurz bevor der eigentliche Akt beginnt mit einem 180° dolly out in der Ecke als Voyeur zurück zulassen.

Auch gelungen ist das Set-design, das einen, gerade am Anfang des Films, vermuten lassen könnte, dass der Film irgendwann im 19. Jahrhundert spielt, bis wir dann einen Schnellzug vorbeifahren sehen und realisieren, dass der Film definitiv in den 70er Jahren spielt. Was die Story auch irgendwie zeitlos macht. This Transient Life gewann damals den goldenen Leoparden beim Locarno International Film Festival und bugsierte Akio Jissoji definitiv in die Riege der ganz Großen im japanischen Filmolymp. Da die Filme lange Zeit nicht verfügbar waren, ist es umso erfreulicher, dass die Arrow Academy The Buddhist Trilogy nun für jedermann in high definition zugänglich gemacht hat.

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  • Alterseinstufung: ‎Nicht geprüft
  • Untertitel: Englisch
  • Anzahl Disks: ‎3
  • Studio: Arrow Academy

Mike

Mike ist leidenschaftlicher Teilzeitcineast und hat sich auf die freizügigere Art des Bahnhofskinos spezialisiert. Von Porn Chic und dem Pinku Eiga der 70er bis hin zum aktuellen erotischen Kinos nimmt er die verruchtesten Filme unter die Lupe.

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