Note 7 – Die Jungen der Gewalt / I ragazzi del massacro / Naked Violence

Nach dem brutalen Mord an einer Lehrerin ermittelt ein Kommissar an einer Abendschule für schwer erziehbare Jugendliche.

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Mailand. Eine junge Lehrerin einer Abendschule wird in ihrem Klassenzimmer vergewaltigt und ermordet. Ihre polizeibekannten sowie vorbestraften Schüler werden festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht. Ihr exzessives Verhalten wurde durch ein mit starkem Alkohol versetzten Getränk verursacht und Kommissar Luca Lamberti versucht herauszufinden, wer den Jungs dieses Getränk verabreicht hat. Alle anderen Jungen beschuldigen einen von ihnen, Fiorello, der unter ihnen einen Außenseiter darstellt, weil er homosexuell ist. Während des Verhörs erwähnt er eine mysteriöse Frau. Trotz bürokratischer Hürden seiner Vorgesetzten hört sich Lamberti im Prostitutions- und Schmuggelmilieu um. Als er der Wahrheit schon ziemlich nahegekommen ist, nimmt sich Fiorello das Leben. Lambertis letzter Versuch den Fall zu lösen besteht nun darin, einen der Jungen, Carolino, mit nach Hause zu nehmen, in der Hoffnung, eine bessere Umgebung könne ihn zu einem Geständnis bewegen. Doch Carolino nutzt das Vertrauen des Kommissars aus und trifft sich mit dem Anführer der Bande, der versucht, ihn zu töten. Der Junge kann jedoch schwer verletzt fliehen und verrät Lamberti schließlich den Namen des Disponenten, eines ehemaligen Schmugglers und Polizeivertrauten, der auch als Transvestit in Erscheinung tritt.

Note 7 – Die Jungen der Gewalt, basierend auf Giorgio Scerbanencos Roman I ragazzi del massacro (Die Jungs des Massakers erschienen 1968), markierte die Begegnung zwischen Scerbanenco und Fernando di Leo, eine Kombination, die sich innerhalb des italienischen Krimi-Genres als äußerst wichtig erweisen sollte. Di Leo vermied es weitgehend den Roman „Wort für Wort“ zu adaptieren, sondern nahm sich eben nur was er brauchte und machte sich ans Werk. Weswegen es sich als vollkommen zwecklos erweist, im Film nach dem sorgfältig beschriebenen sozialen Hintergrund des Buches zu suchen. Scerbanencos Roman lieferte nur die Inspiration, die Idee und mehr nicht. Wie bei seinen anderen Scerbanenco-Adaptionen veränderte di Leo die Charaktere und Psychologie des Plots drastisch. Pier Paolo Capponi (einer von di Leos Lieblingsschauspielern) verkörpert Duca Lamberti (im Film in Luca Lamberti umbenannt), der hier keine Schuldlasten (wie in den Romanen) mit sich herumträgt und sich zu einem energischen Kommissar entwickelt, der den Protagonisten der 70er Jahre Crime-Flics voraus ist, sich jedoch von ihnen durch den Einsatz von verbaler anstatt körperlicher Gewalt unterscheidet. Für Scerbanencos Leser dürfte es allerdings noch überraschender gewesen sein die Spanierin Nieves Navarro alias Susan Scott als Lambertis Geliebte Livia Ussaro zu sehen, die im Vergleich zum Buch leider eine ziemlich unterentwickelte Figur repräsentiert.

Auch der Plot wurde auf ein Minimum beschnitten. Note 7 – Die Jungen der Gewalt wirkt aufgrund seiner Struktur und Erzählweise beinahe wie ein Kammerspiel. Die erste Hälfte – spannungsgeladen, minimalistisch, abstrakt – spielt sich komplett in den vier Wänden von Lambertis Büro ab, wo der Kommissar die elf Schüler einer Abendschule verhört, die ihre Lehrerin vergewaltigt und zu Tode gefoltert haben. Der Rest des Films entfernt sich lediglich sporadisch von den kahlen Interieurs, die man nur flüchtig hinter den Charakteren erspähen kann. Di Leos minimalistische Mise-en-scènes werden durch Silvano Spadaccinos Musik ergänzt, die jede Figur mit musikalischen Kontrapunkten einführt und begleitet. Die „Jungs des Massakers“ haben fast alle unter einer ausgeprägten antiästhetischen Unannehmlichkeit zu leiden. Sie sind sichtlich älter, als das von ihrer Rolle geforderte Alter es vorschreiben würde und werden durch deformierende Weitwinkelaufnahmen aufgenommen, die nur ihre Physiognomie betonen. Sie sind Welten von Pasolinis „Nicht-Schauspielern“ (die so authentisch und spontan wirken), wie auch von den vorgefertigten, gepflegten Rebellen des zeitgenössischen Populärkinos entfernt. Di Leos „ragazzi di vita“ – grauenhaft grotesk anzuschauen – scheinen die Zeichen einer Ahnenschuld in ihren Gesichtern zu tragen; sie repräsentieren die Missgeburten einer verrückten Gesellschaft, die sich nicht einmal mehr traut, in den Spiegel zu schauen.

In welchem Bereich Note 7 – Die Jungen der Gewalt ins Stocken gerät, kann man an der Handlungsentwicklung erkennen. In Scerbanencos Roman wurden die elf Schüler von einer Prostituierten mittleren Alters manipuliert, die ihren Mann rächen wollte (der Mann war im Gefängnis gestorben, nachdem die Lehrerin ihn denunziert hatte). Di Leo erfindet die Charaktere allerdings neu und verwandelt die Prostituierte in einen Transvestiten, der mit einigen der Jungs eine Beziehung zu haben scheint und aus Eifersucht handelt. Es war schon eine waghalsige Entscheidung, noch weiter zu gehen, als der Roman und etwas, was zu dieser Zeit unterschlagen sowie als unaussprechlich angesehen wurde, an die Oberfläche zu bringen. Eine Idee in Anlehnung an die früheren Werke des Regisseurs Brucia ragazzo, brucia (Die Unbefriedigte, 1968) und Amarsi male (A Wrong Way to Love, 1969). Leider lässt das Ergebnis etwas zu wünschen übrig, da der finale Plot-Twist nicht nur die Story schwächt und ihre Glaubwürdigkeit untergräbt, sondern auch recht plump vorbereitet und inszeniert worden ist.

Andererseits ist die Eröffnungsszene der Vergewaltigung als recht erstaunlich zu bezeichnen. Der obsessive Einsatz einer handgehaltenen Weitwinkelkamera folgt den Händen und Körpern der Jungen, die das Opfer umzingeln, leicht berühren und entkleiden, ohne dabei direkten Körperkontakt zu offenbaren. Es handelt sich um eine atemberaubende Sequenz, die di Leo gegen Ende wiederholt und erweitert, wobei es ihm gelingt die ungeordnete, irrationale Mordhysterie, wie sie von Scerbanenco beschrieben wird, perfekt zu synthetisieren. Die auf Scerbanencos Romanen basierenden Filme favorisieren üblicherweise die whodunit-Elemente und stellen ziemlich eigenartige Hybride dar, die sich auf halbem Weg zwischen giallo und poliziottesco befinden, in einer Zeit, in der sich ersterer in den giallo a la Dario Argento verwandelt, während sich letzterer in Gangster-Geschichten und engagierte politische Parabeln aufspaltet. Der Raro DVD bedarf es besonderer Erwähnung, da sie die vollständige italienische ungekürzte Fassung präsentiert, die auch bei der speziellen Fernando di Leo Retrospektive der Filmfestspiele von Venedig 2004 vorgeführt wurde.

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  • Regisseur: ‎Fernando Di Leo
  • Medienformat: Import, Breitbild, PAL
  • Laufzeit: 90 Minuten
  • Darsteller: ‎Pier Paolo Capponi, Nieves Navarro, Marzio Margine, Renato Lupi, Enzo Liberti
  • Untertitel: ‎Englisch, Italienisch
  • Sprache: ‎Italienisch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: ‎Raro Video

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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