Nove Ospiti per un Delitto / Neun Gäste für den Tod

Neun Gäste für den Tod giallo

„Erholung“ sollte das Motto des Urlaubs auf seiner Privatinsel lauten, den der reiche Patriarch Uberto mit acht Familienmitgliedern verbringen wollte. Von Entspannung kann jedoch nicht die Rede sein, denn mit der Harmonie im Sippengefüge ist es nicht weit her: Die Sohnemänner hassen sich untereinander und spannen sich gegenseitig die Ehefrauen aus, bei denen es sich ihrerseits um Hobby-Hellseherinnen, Huren und Halbverrückte handelt. Das lustige Ehebrechen wird jedoch jäh unterbrochen, als der erste Mord passiert. Scheinbar treibt ein mysteriöser Killer auf dem Eiland sein Unwesen. Als die Leichen sich stapeln und die Nerven der verbliebenen Urlauber zunehmend blankgelegt werden, kommen auch die schmutzigen Geheimnisse aus der Vergangenheit ans grelle Sonnenlicht…

Sleaze-Meister Ferdinando Baldi liefert mit seiner Version von „Zehn kleine Negerlein“ einen schmierigen Schuld-und-Sühne-Giallo der Extraklasse ab. Die Genrelieblinge Sex und Gewalt geben sich abwechselnd die Klinke in die Hand, und die neunköpfige All-Star-Cast hat alle Hände voll damit zu tun, sich zu Carlo Savinas fantastischer Filmmusik aufreizend zu entkleiden und pittoresk zu sterben. (Camera Obscura)

Neun Gäste für den Tod

Im Gegensatz zu vielen enigmatischeren Titeln – Argentos Vier Fliegen auf grauem Samt oder Fulcis Lizard in a Woman’s Skin, um nur zwei Beispiele zu nennen – erfahren wir durch die Titelgebung bei Ferdinando Baldis Giallo von 1977 schon beinahe alles was wir über den Film wissen müssen. Es sind tatsächlich neun Gäste für ein Verbrechen (das italienische Wort delitto kann sowohl Verbrechen, Kriminalität oder Vergehen bedeuten; die deutsche Übersetzung des Titels ist also eigentlich nicht korrekt) vorhanden. Die neun Gäste sind Mitglieder einer wohlhabenden bürgerlichen Familie der Patriarch, seine wesentlich jüngere Frau, seine verwirrte Schwester, seine Söhne und deren Ehefrauen – die Urlaub in der Villa des Patriarchen auf einem ansonsten unbewohnten Eiland machen wollen. Doch zur erhofften Erholung kommt es nicht, denn das Familienoberhaupt (Athur Kennedy) und seine drei Söhne (John Richardson, Massimo Foschi, Venantino Venantini) verbergen ein dunkles Geheimnis. Vor Jahren hatten sie einen aus der Unterschicht stammenden Liebhaber seiner Schwester bzw. ihrer Tante mit mehreren Schüssen aus diversen Jagdgewehren tödlich verletzt und seinen schlimm zugerichteten Körper anschließend noch lebendig am Strand begraben (dieses Ereignis wird in einer sogenannten Vor-Titel-Sequenz gezeigt und ist durch eine Art dünnen Schleier hindurch gefilmt worden, um einen Traum oder einen Rückblick zu suggerieren. Allerdings erfährt der Zuschauer erst um einiges später, um welche Personen es sich bei der Mordgeschichte handelt. Weder die Identitäten des Opfers, noch der Täter werden zu Beginn gelüftet.). Schon bald geschieht der erste Mord und das Zehn kleine Negerlein Szenario beginnt seinen Lauf zu nehmen. Die Protagonisten sind sich dabei nicht sicher, ob der Mörder unter ihnen zu suchen ist oder es sich evtl. um den „wiederauferstandenen“ Liebhaber handelt, der Rache suchend auf der Insel umherwandelt.

Neun Gäste für den Tod

Obwohl ich den Film als einen kleinen aber sehr feinen Vertreter seines Genres ansehe, sollte aber auch erwähnt werden, dass der Plot einige Schwächen offenbart ohne die noch etwas mehr aus dem Stoff herauszuholen gewesen wäre. Das erste, was dem Film, soweit es den Aspekt des Mysteriösen betrifft, weh tut ist, dass die Verbindung zwischen den Morden in Vergangenheit und Gegenwart erst vergleichsweise spät im Film richtig klar gemacht wird. Das zweite ist, dass die Identitäten des Rächers und der Schuldigen innerhalb der Gruppe, in Relation zum ersten Verbrechen, für jeden der Michele Lupos The Weekend Murders und Mario Bavas Five Dolls for an August Moon und Bay of Blood gesehen hat, ziemlich offensichtlich sind. So ähnlich wie bei Dolls stirbt ein Charakter scheinbar und verschwindet spurlos ohne dass es zu größerem Verdacht kommt es könne sich um einen vorgetäuschten Tod handeln. Nein, denn genauso wie in Bay of Blood und Joe D’Amatos Anthropophagous the Beast / Maneater prophezeit ein psychisch labiler Charakter den Tod aller Beteiligten, als sie Tarot-Karten liest und verstärkt somit zunächst den Eindruck des Wirkens einer übernatürlichen Macht. Leider wird die Möglichkeit aus dieser Vorahnung eine geisterhaftere Horror-Atmospähre zu schaffen verpfuscht. Der Zuschauer sieht zwar wie die Hand des lebendig Begrabenen versucht sich ihren Weg aus dem sandigen Grab zu bahnen und die Insel später von einer zombieartigen Figur heimgesucht wird – die kurioserweise an D’Amatos Erotic Nights of the Living Dead erinnnert -aber die Theorie es könne sich um einen Mörder aus dem Jenseits handeln, kann nicht (zumindest für den Zuschauer) aufrechterhalten werden. Während andere gotisch angehauchte Gialli wie Crispinos The Etruscan Kills Again und Miraglias The Night Evelyn Came out of the Grave und The Red Queen Kills Seven Times mehr darauf bedacht sind ein gewisses Maß an Unsicherheit in Bezug auf die Art ihrer Mörder / Monster bis zum Denouement zu halten, so tritt hier schon ziemlich früh ein schwarz behandschuhter Killer im Taucheranzug auf, der zwar nicht mit dem Rasiermesser aber dafür mit Tauchermesser bzw. Pistole mordet und damit sofort jegliche Spekulation (zumindest für den Zuschauer) über das Wirken übernatürlicher Kräfte im Keim erstickt.

Neun Gäste für den Tod

Szenen wie diese gelingen Baldi unter Einsatz von Handkamera, Regalfokus und Zooms zufriedenstellend gut. Ansonsten gibt es noch eine Menge Fremdgehen, mehr oder weniger unnötige weibliche Nacktheit und den Genuss von J&B zu bestaunen. Was dem Film weitestgehend fehlt, ist ein Gespür dafür über die genretypischen Elemente hinaus persönlicher und abgestimmter auf die spezifischen Besonderheiten des Films einzugehen, mag dies nun in einer unterstützenden oder subversiven Art und Weise geschehen. Die Ausnahme bildet Baldis Enthusiasmus für das Filmen durch Gitter und Geländer in der Villa, welches sowohl ein Gefühl für die Eingeschlossenheit der Charaktere, als auch eine visuelle Verbindung zur Eröffnungsszene (da diese auch durch einen Schleier gefilmt wurde) andeutet. Was für ein wenig Verwirrung sorgt, ist die Tatsache, dass beinahe jeder jeden mit jedem betrügt und man schnell den Überblick verlieren kann wer denn jetzt eigentlich zu wem gehört. Als dann das Morden beginnt ist es einem schon so ziemlich egal wen es denn nun trifft, denn man kann sich jetzt erst recht nicht mehr mit den ohnehin schon unsymphatischen Figuren identifizieren. Baldi gelingt es bei allem Bestreben deswegen nicht wie z.B. in seinen Western Blindman, Il Pistolero dell’Ave Maria (Seine Kugeln pfeifen das Todeslied) und Preparati la Bara! (Django und die Bande der Gehenkten) eine wirklich spannende Atmosphäre zu schaffen. Für Freunde des Italo-Kinos sollte Nove Ospitti per un Delitto jedoch sehr interessant sein, denn trotz der erwähnten Defizite weiss der Streifen durchaus zu unterhalten, was nicht zuletzt auch den recht guten schauspielerischen Leistungen zu verdanken ist. Die Musik von Carlo Savina stellt nichts Außergewöhnliches dar, passt aber gut zum Film. Ich hatte allerdings das Gefühl einzelne Stücke der Musik schon mal in anderen Gialli vernommen zu haben!?

Neun Gäste für den Tod

Neun Gäste für den Tod

Neun Gäste für den Tod hat von Camera Obscura eine schöne Veröffentlichung erhalten. Da der Film in Deutschland bisher nie erschienen ist, gibt es keine deutsche Synchronisation aber man kann zwischen deutschen und englischen Untertiteln wählen. Im Rahmen dieser VÖ muss mal wieder der sehr informative und äußerst unterhaltsame Audiokommentar von Christian Keßler und Dr. Marcus Stiglegger besonders hervorgehoben werden.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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