Opera

Opera („Terror in der Oper“) ist ein später Giallo von Dario Argento, der von vielen Kritikern als letzter großer Klassiker des Regisseurs gehandelt wird. Kommerziell sehr erfolgreich bei seinem Erscheinen 1987, zeigt der Film mit Cristina Marsillach (The Trap, zusammen mit Tony Musante), Urbano Barberini (Casino Royale) und Ian Charlson (Gandhi) in den Hauptrollen eine Serie on Morden in einem Opernhaus, ausgeübt von einem mysteriösen Killer der die Sängerin zum zusehen zwingt. Nach seiner Neubewertung durch die FSK nun ungekürzt ab 16, vom Index gestrichen und von Koch Media in einer umfangreichen Edition erschienen, ist der Film ein Fest für Giallo-Neuentdecker. Der Soundtrack stammt von Brian Eno und Giallo-Veteran Claudio Simonetti (Tenebrae).

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Nachdem sein weiblicher Star in einen schweren Unfall verwickelt wurde, findet der junge Horrorregisseur Marco für seine Operninszenierung von Verdis „Macbeth“ in der jungen Betty den perfekten Ersatz. Doch auf der Oper scheint ein Fluch zu lasten: Ein unheimlicher Killer macht Jagd auf die Beteiligten und zieht mit bestialischen Morden seine Kreise immer enger um das Objekt seiner Begierde: Die neue Diva der La Scala. (Klappentext: Koch Media)

Dario Argento Opera BluRay

Der Film Opera handelt von der jungen Opernsängerin Betty (Cristina Marsillach), die nach dem Unfall der vorgesehenen Sängerin Mara Czekova bei einer neuen Inszenierung von Verdis Oper MacBeth einspringen soll. Das Stück wird vom Horrorfilm-Regisseur Marco (Ian Charlson) umgesetzt und steht kurz vor der Erstaufführung. Betty hat erst Bedenken, zudem das Stück verflucht sein soll, und von Albträumen ist sie ohnehin schon geplagt. Prompt fällt bei der Premiere ein Scheinwerfer herab, und es wird ein Saaldiener tot aufgefunden. Alles halb so wild, doch ein Serienkiller beginnt alsbald tatsächlich eine ihr nahe stehende Person nach der anderen zu töten, und zwar vor ihren Augen, gefesselt, und so dass sie nicht wegsehen kann. Wer sie wohl so quält? Wer steckt dahinter? Etwa die Raben, die als lebendiges Requisit des Films eingesetzt werden und von denen der Täter einige getötet hat? Welche Motivation hat der unheimliche Killer, und warum muss Betty diese Morde selbst mit ansehen? Zuerst eingeschüchtert, dann entschlossen, feilt sie zusammen mit Marco an einem Plan, den Mörder bei der nächsten großen Aufführung zu entlarven….

Unabhängig vom Kontext Dario Argentos Filmografie, ist Opera ein beeindruckendes Werk. Man kann ehrlich behaupten dass Giallo Kenner diesen Film für immer höher schätzen werden als das breite Publikum, doch auch unabhängig der Filmkenntnis des einzelnen Zuschauers bleibt sonnenklar welch handwerkliche Leistung in diesen Film geflossen sind. Von der ersten bis zur letzten Einstellung ist Argentos Leidenschaftswerk eine gestylte Komposition mit viel erzählerischer Bedeutung und künstlerischem Ausdruck. In den 60ern und 70ern noch ausgefallene Arthaus-Experimente, so entstand Opera in einer Zeit in der mit Video und ersten Computereffekten schon ganz andere Dinge auf dem Markt waren. Das macht die Kompositionen des Films umso wichtiger, denn sie sind der Spielerei entflohen, und auch über 30 Jahre später noch nicht irrelevant. Jede Einstellung verfolgt ein Ziel, jede Kamerafahrt ist eine Unternehmung für sich. Es ist eine wahre Freude diesen Film als eine Achterbahn der cinematographischen Erzählkunst zu erleben.

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Wer Gialli als billige Slasher abtut, übersieht zwei ganz entscheidende Dinge: Erstens, es sterben meist nur wenige Personen und die Morde nehmen rein was Bildschirmzeit angeht oft nur einen Bruchteil des Films ein. Somit ist das Motiv des Slashers lediglich Aufhänger aber nicht Kern des Films. Zweitens sind es abgesehen von den Budgets früher Versuche seit den 70ern längst keine B-Produktionen mehr. Auch wenn viele der Werke Argentos, Fulcis und anderer außerhalb Italiens meist nur dem Bahnhofskinopublikum vorgeworfen wurden, sind es enorm erfolgreiche, von Kritikern und der Öffentlichkeit hoch gelobte Filme, deren filmhistorischer Wert eben leider erst sehr viel später auch international den Stellenwert einnimmt, den Kenner und Fans ihnen schon immer einräumten. Opera ist eine logische Folge der Enwicklung eines Genres, das aus Experimentierfreudigkeit, Exploitation-Elementen und Geschäftssinn eine Kunstform entwickelt hat, die weder klassischer Horrorfilm, noch Krimi oder Psychothriller allein ist. Argento zeigt eindrucksvoll, wie sehr Genrekonventionen hinderlich sind, stattdessen greift er tief in die künstlerische Palette und zeichnet ein zutiefst emotionales Drama das Bühnenstück, Hitchcock Hommage, origineller Splatter und mystischer Thriller gleichzeitig ist.

Besonders interessant ist eigentlich die Besetzung, denn in den 80ern war es nicht mehr so dass sich jeder werdende Superstar Roms für einen Giallo verpflichten ließ. Die Stars von Opera sind keine A-Lister, sondern eher Geheimtips oder Nebenrollen, man könnte fast sagen der Film lässt gar keinen Platz für einen richtigen Star – wobei das ungerecht ist, denn Cristina Marsillach leistet aus meiner Sicht hervorragendes. Es ist fast so als ließe Dario Argento dem Zuschauer die Wahl, sich für einen der Charaktere zu entscheiden, und an deren statt den Film zu erleben, oder sich als Voyer zu fühlen, und zuzusehen wie völlig fremde Personen einen Höllentrip durchleben. Es geht aber nicht um die Identifikation mit einem bekannten Gesicht.

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Da ich den Film vorher noch gar nicht kannte, und auch nicht am firmsten in Argentos Werk stecke, freute ich mich natürlich besonders darüber, diese Neuauflage nicht als Wiedergutmachung für vergangene Zensur, miese VHS Kassetten oder schlecht in Erinnerung gebliebener Kinoaufführungen zu erleben. Stattdessen war es – genauso wie etwas vor einem Jahr mit der BluRay von Suspiria – ein frisches Erlebnis in bestmöglicher Qualität eines Films, der nicht ohne grund sehr gefeiert wird. Die Kamerarbeit ist ein Lehrstück dafür, wie kreativ gearbeitet wurde, Jahrzehnte vor Computerarbeit von der Stange. Die Musik ist ein kreativer Teil des Films und keine billige Horrorfilm-Untermalung. Die Gewaltszenen sind hart, aber wichtig, und wenig. Die Bildkompositionen sind gewaltig, umwerfend und letztendlich ein immenses Qualitätssiegel für den Film eines Genres, indem oft nicht Platz war für kreatives Production Design. Bei Opera ist zwar das Opernhaus, oder Bettys Wohnung fast schon ein Filmcharakter, aber es ist eben nicht so wie beispielsweise in „The Fifth Cord„wo viel mit realen Schauplätzen gearbeitet wird, sondern hier ist der Film quasi selbst auf einem Bühnenbild aufbauend. Eine durchaus autobiographische Verbindung mit Dario Argentos Karrierebestrebungen, wie die Analyse im Booklet under anderem auch aufzeigt.

Nach vielen Jahren ungerechtem Daseins auf dem Index, der Schandliste des paternalistischen Zensursystems der halbstaatlichen deutschen Filmindustrie, kann man Opera endlich so entdecken und erleben wie man will. Erstmals liegt der Film völlig ungekürzt (auch noch in zwei Fassungen), penibel restauriert und schön aufgemacht vor. Der folgende Teil des Artikels widmet sich dieser umfangreichen BluRay-  und DVD Veröffentlichung von Koch Media.

Dario Argento Opera BluRay

Die BluRay eingelegt muss man sich zuerst zwischen der (italienischen) Originalversion und der (internationalen) Exportfassung entscheiden. Wer sich als Neuling davon überfordert fühlt greift am besten wie wir direkt zur Originalversion. Etwas umständlich ist leider: man kommt nicht einfach von Version zu Version, da hilft nur Scheibe rein und wieder raus.

Die Exportfassung (von der verschiedene Varianten existieren) ist um circa 12 Minuten gekürzt und liegt nur auf Deutsch oder alternativ in einer für das Cannes Film Festival gemachten Englischen Synchronfassung vor, die sich nur leicht von der anderen Englischen Tonspur unterscheidet, und angeblich in Cannes ausgelacht wurde). Diese Version ausgewählt bleiben als Extras noch vier verschiedene Kinotrailer (Deutschland, Italien, USA, International) und eine Bildergalerie.

Der Originalversion (auf Deutsch, Italienisch oder Englisch, deutsche Untertitel optional) liegt auch ein Audiokommentar bei mit den Filmexperten Marcus Stiglegger und Kai Naumann (ebenso nur für die Originalversion), und ebenso die vier verschiedene Kinotrailer (Deutschland, Italien, USA, International) und eine Bildergalerie. Der Audiokommentar mit den beiden Experten ist ein gut gelaunter und sehr informativer Audiokommentar, wenn auch manchmal einen Hauch akademisch, aber informativer geht es wirklich nicht. Alle anderen Extras sind auf der Bonus DVD enthalten.

Auf dieser restaurierten BluRay macht Opera einen vorzüglichen Eindruck. Das Bild in seiner ganzen HD Pracht verzückt den Fan geradezu. Die Farben sind intensiv, das Bild gestochen scharf und schadfrei. Man hat auf übermäßiges Edge-Enhancement verzichtet und bei der Kompression sich soweit zurückgehalten dass man ein wirklich erstaunliches Bild vor sich hat, dass schön Filmkorn bietet, ohne grieselig zu werden. Nur bei enigen dunkleren Szenen offenbaren sich leichte Kontrastschwächen, aber da der Film durchweg recht gut ausgeleuchtet ist, macht auch das keine großen Schnitzer in den allgemeinen Eindruck. Der angetestete Italienische Ton klingt klar und relativ dynamisch, ist gut verständlich und auch angenehm abgemischt. Die im Netz oftmals kritisierten Heavy Metal Musikeinlagen sind eine kreative musikalische Entscheidung des Regisseurs die zwar Geschmackssache ist, aber in dieser Abmischung wirklich nicht störend auffällt. Es gibt Momente wo mir leichtes Rauschen aufgefallen ist, aber das beschränkt sich auf ein Minimum. Die Englische Tonspur klingt deutlich dumpfer, ist aber von ähnlich hoher Qualität. Die Deutsche Tonspur konnte ich aus Zeitgründen noch nicht testen, und die etwas gewöhnungsbedürftige Synchronfassung lädt auch nicht unbedingt dazu ein.

Die Bonus DVD enthält eine ganze Reihe Featurettes und zwei Musikvideos. „Noten und Albträume“ ist ein Gespräch mit Claudio Simonetti, dem Soundtrack-Komponisten und Gründer der Band Goblin, das etwa 30min dauert und auch von den Anfängen der Zusammenarbeit mit Dario Argento erzählt. „Blutroter Vorhang“ ist ein 20min Interview mit Dario Argento selbst, in dem er sich an die Entstehung des Films erinnert, wie er zu Kameramann Taylor (Ghandi) gefunden hat, wie im einer der Raben eine Wunde zugefügt hat, welchen Einfluss die AIDS Angst in den 80ern auf den Film hatte (Darsteller Charlson starb daran), sein schlechtes Verhältnis zu Christina Marsillach und dass er die Stimme des Voiceovers ist. „Wer hat das Getan und wer bin ich?“ dauert 35min und ist mit Franco Ferrini dem Drehbuchautor, mit dem Argento seit Phenomena zusammenarbeitete. Er enthüllt ein wenig, wie es zu Story, Drehbuch und Charakteren von Opera gekommen ist. Er widerspricht Argento ein klein wenig, in dem er Charlsons Charakter Darios Alter Ego nennt. „Die Rache der Krähen“ ist ein Interview mit Sergio Stivaletti dem Effektmann. In den 15min geht es wie der Titel sagt um die Effekte im Film, genauer gesagt um die Raben, von denen ursprünglich eine mechanische Variante geplant war, man entschied sich aber dann für echte. „Der Flucht von MacBeth“ dauert 13min und besteht aus einem Interview mit dem Publizisten Enrico Lucherini, der ein wenig auch über die wirtschaftlichen Aspekte und dessen Wirkung spricht. „Mit offenen Augen“ ist ein Interview mit dem Filmhistoriker Fabrizio Spurio, dauert 35min und deckt viele Aspekte des Films ab, seiner Rolle in Argentos Werk, den Motiven des Films, der Produktion, Rezeption, usw, mit Fokus wie der Titel sagt auf das Motiv des Blickwinkels und der Perspektive, was ja auch von Argento selbst als zentrales Thema des Films bezeichnet wird. „Terror im Kino“ letztendlich ist ein Q&A von 2006 das in Rom aufgezeichnet wurde, also eine Fragestunde bzw. Interviewrunde (ca 25min), unter anderem mit Dario Argento. Nach all dem anderen Material bietet die Runde nicht mehr so viel neues, also vielleicht eher als erstes ansehen.

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Der Film liegt auch in einer DVD Variante bei, die wir nicht genauer rezensieren. Sie enthält die Originalversion aus dem gleichen Masteringprozess, aber eben nur in der niedrigen DVD Standardauflösung. Es war geplant, eine unmaskierte „open matte“ Vollbildversion beizulegen (auch auf dem Backcover vermerkt), die es von Opera ebenso gibt, das klappte aber nicht mehr.
Die Veröffentlichung ist ein 3-Disc Mediabook in sehr hochwertiger Verarbeitung, das ein eingeklebtes Booklet mit einer guten Filmanalyse von Oliver Nöding enthält.

Man könnte zu so einer Veröffentlichung auch einfach schreiben „kaufen und Klappe halten“ oder „Shut up and take my money“. Das wäre dem Film gegenüber allerdings nicht gerecht. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Markt überschwemmt ist von billiger Wühltischware, den Xten Superhelden Filmen und ewigen Sequels, werde ich nicht müde zu betonen wie wichtig es ist, die frohe Kunde der Verfügbarkeit von Klassikern wie Opera zu verbreiten. Der Film ist ein Spitzenvertreter seines Genres und diese Veröffentlichung ein Beispiel dafür, wie  man sich ins Zeug legen kann um ein vom ersten bis letzten Cent absolut kaufbares Produkt abzuliefern, dass man sowohl hartgesottenen Cineasten als auch Neueinsteigern blind empfehlen kann. Dieses Veröffentlichung MUSS unter jeden Weihnachtsbaum. Punkt! Und großes Lob an Koch Media. Und vor allem ein Segen, endlich ungekürzt und nicht mehr indiziert.

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Dario Argentos Opera

Die Veröffentlichung wurde uns von Koch Media freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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