Orgie des Todes / Enigma rosso / Red Rings of Fear

Ein junges Mädchen wird brutal vergewaltigt und ermordet. Als ihr Körper in Plastik eingewickelt im Fluss entdeckt wird, wird Inspektor Di Salvo damit beauftragt Nachforschungen anzustellen. Bald deckt er eine Brutstätte für Korruption und Prostitution von Minderjährigen auf, die zu einem noblen Mädchencollege führt. Kurz bevor Di Salvo einen Hinweis finden kann, schlägt der Mörder erneut zu…

Orgie des Todes wurde vom Autor / Regisseur Massimo Dallamano ins Leben gerufen und sollte den letzten Teil seiner sogenannten „Schulmädchen in Gefahr“ Trilogie bilden. Leider kam Dallamano 1976 bei einem Autounfall ums Leben, weswegen am Drehbuch (an dessen Vorbereitung er mitgewirkt hatte) einige Änderungen vorgenommen wurden, bevor es 1978 auf die Leinwand gelangte. Der Film erlebte eine äußerst umständliche Produktion, da der ursprünglich vorgesehene Regisseur Piero Schivazappa (Femina Ridens, 1969) laut Steve Fentons Rezension des Films im European Trash Cinema Magazine frühzeitig durch Alberto Negrin ersetzt wurde. Co-Star Jack Taylor erinnerte sich später in einem Interview mit Fenton: „Das war ein Film, der eigentlich nie fertiggestellt wurde. Ich weiß, dass er auf Video erschienen ist, doch die Dreharbeiten wurden nie beendet. Deswegen nahm man nur Versatzstücke und … es war eine schreckliche Erfahrung.“ Eines der Dinge, die beim Anschauen dieses Films am deutlichsten werden, ist, von welchem unschätzbaren Wert Dallamano für die vorherigen Folgen der Trilogie gewesen war.

Er war ein begabter Handwerker, der wusste, wie man sein Material auf einer rein exploitativen Ebene abliefert, ohne dass die Filme dabei anzüglich oder scheinheilig erscheinen. Allerdings gilt dies nicht für Regisseur Alberto Negrin, dessen schroffer Umgang mit dem Material des Films zu einem schäbigen, schmutzigen Thriller führt, dem das starke soziale Gewissen der vorherigen Streifen fehlt. Ihm gelang jedoch mindestens eine denkwürdige Sequenz – Di Salvos grobe Befragung eines Verdächtigen auf einer fahrenden Achterbahn – doch darüber hinaus ist sein Ansatz bestenfalls als funktional zu bezeichnen. Die Charaktere sind dünn gezeichnet und das Tempo ist viel zu schleppend. Abgesehen von ein paar gut getimten Schocks und einigen erinnerungswürdig überreifen Dialogen („Jemand mit einem riesigen Schwanz hat Angela Russo vergewaltigt und in den Fluss geworfen!“, lässt Di Salvo an einer Stelle verlauten), fängt der Film nie richtig Feuer. So etwas wie Spannung ist praktisch nicht vorhanden, wobei jedoch zugegeben werden muss, dass die endgültige Enthüllung der Identität des Mörders eine echte Überraschung darstellt.

Leider ist darüber hinaus nur sehr wenig an Erfindungsgeist zu bemerken, während man nur raten kann, wie viel von dem streng routinemäßigen Szenario Dallamanos Fingerabdruck trägt. Dem Film fehlen auch die noblen Produktionswerte von Cosa avete fatto a Solange? (Das Geheimnis der grünen Stecknadel, 1972) sowie die pure kinetische Kraft von La polizia chiede aiuto (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974). Negrins flache Regieführung versteht es nicht viel aus den verschiedenen möglichen Spannungs-Sequenzen herauszuholen, während die Produktion den Eindruck macht hastig montiert und ausgeführt worden zu sein. Eine Motorrad-Verfolgungsjagd-Sequenz soll wohl Erinnerungen an das aufregende set-piece aus Der Tod trägt schwarzes Leder erwecken, was man allerdings nur als einen Scherz bezeichnen kann: Die Szene ist vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Make-up-Effekte sind als krude zu beschreiben, während sich Negrin in Duschraum-Nacktheit und Hinterhof-Abtreibungen auf eine Art und Weise suhlt, die einem schon wirklich unangenehm erscheinen muss.

Riz Ortolanis Musik besteht aus cues, die für andere Filme komponiert wurden, wobei sein Hauptthema für Dallamanos schrulligen poliziottesco Si può essere più bastardi dell’ispettore Cliff? (Super Bitch, 1973) eine bestimmte Ausarbeitung erhält. Fabio Testi spielt als hitzköpfiger Di Salvo erfreulich gut auf. Auf den ersten Blick repräsentiert er so etwas wie eine Weiterführung von Claudio Cassinellis moralisch empörtem Polizeiinspektor aus Der Tod trägt schwarzes Leder, doch die Schattierung und die Nuance, die in dieser früheren Charakterisierung präsent sind, kann man hier nirgends finden. Di Salvos einziges besonderes Merkmal ist eine offensichtliche Präferenz für die Kameradschaft von Katzen gegenüber der von Menschen. Angesichts dessen, was er in seinem Job so alles zu sehen bekommt, kann man ihm das wohl auch kaum verübeln! Testis natürliches Charisma und Präsenz tragen wesentlich dazu bei den Charakter interessant zu gestalten, wobei er gute Arbeit leistet, den Film auf seinen breiten Schultern zu tragen.

Christine Kaufmann spielt seine „Freundin“, Christina. Die Figur ist so schlecht entwickelt worden, so dass sie keinen großen Eindruck hinterlässt. Sie ist so etwas wie eine Kleptomanin, was ein interessantes Charaktermerkmal hätte sein können, aber auch hier wird nicht viel daraus gemacht und sie scheidet schon früh aus der Geschichte aus. Die österreichische Schauspielerin (geb. 1945) gibt ihr Bestes, doch abgesehen davon ein bisschen Haut zu zeigen, hat sie nicht viel zu tun. Kaufmann schnitt in Filmen wie Mario Bonnard und Sergio Leones Gli ultimi giorni di Pompei (Die letzten Tage von Pompeji, 1959), Gottfried Reinhardts Town Without Pity (Stadt ohne Mitleid, 1961) und Gordon Hesslers Murders in the Rue Morgue (Mord in der Rue Morgue, 1971) viel besser ab. Sie war kurz mit Tony Curtis verheiratet, den sie am Set von Taras Bulba (1962) kennenlernte.

In Nebenrollen treten die spanischen Horror-Veteranen Jack Taylor und Helga Liné auf. Taylor kommt als einer der Hauptverdächtigen angemessen schäbig rüber, während Liné (deren Rolle im spanischen Genrekino als analog zu der von Barbara Steele in Italien angesehen werden kann) einige schöne Momente als trauernde Mutter eines der Opfer hat. Taylor wurde 1936 in Oregon geboren und trat erstmals in amerikanischen Fernsehshows auf. Anschließend wanderte er nach Mexiko aus, wo er in einer Reihe von Filmen auftrat, darunter La maldición de Nostradamus (The Curse of Nostradamus, 1960). Schließlich machte er sich auf den Weg nach Europa, wo er eine gewisse Popularität in Genrekost von Jess Franco und Amando De Ossorio erlangte, darunter Necronomicon – Geträumte Sünden (1967), Nachts, wenn Dracula erwacht (1970) und El buque maldito (Das Geisterschiff der schwimmenden Leichen, 1974). Abgesehen von Orgie des Todes war Taylor im berüchtigten spanischen Splatter-Film Mil gritos tiene la noche (Pieces, 1982) zu sehen, der von Fans aufgrund eigener Ansprüche oft als so etwas wie ein Ehren-Giallo angesehen wird.

Zuvor spielte er zusammen mit Testi im Grenzgänger-Giallo Due occhi per uccidere (Two Eyes to Kill, 1968). Erst spät in seiner Karriere ergatterte Taylor eine bemerkenswerte Rolle als Sammler seltener Bücher in Roman Polanskis Euro-Horror-Hommage The Ninth Gate (Die neun Pforten, 1999) und ist bis heute weiterhin in der europäischen Filmszene beschäftigt. Alberto Negrin wurde 1940 in Casablanca geboren. Er begann für das italienische Fernsehen zu schreiben und Regie zu führen. Enigma rosso stellt sein Debüt als Spielfilmregisseur dar. Es sollte auch sein einziges Werk für die große Leinwand bleiben, doch er blieb für den kleinen Bildschirm als Regisseur aktiv (und produktiv).

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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