Phenomena / Creepers

Jennifer Corvino ist die Tochter eines reichen Filmstars. Sie geht auf ein Mädchengymnasium in der Schweiz. Doch dort in der Gegend treibt ein grausamer Killer sein Unwesen. Er lauert jungen Frauen auf und tötet sie hinterlistig und brutal. Jennifer bekommt seltsame Alpträume und beginnt zu Schlafwandeln. Dabei wird sie Zeugin eines Mordes. Sie entdeckt, dass sie außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt und Insekten scheinbar mit ihr kommunizieren. Jennifer lernt den Insektenforscher Professor McGregor kennen und freundet sich mit dem alten Mann an. Dieser versucht, dem Killer mit Hilfe von Insekten auf die Spur zu kommen. Doch tatsächlich kommt Jennifer selbst der Gefahr immer näher. (Ascot Elite Home Entertainment)

Phenomena markiert den Beginn einer selbstbewussten Selbstzelebration in Dario Argentos Filmografie. Gleichzeitig stellt der Film auch einen Versuch dar, den Giallo mit dem übernatürlicheren Horrorfilm zu verschmelzen, mit dem er bereits in Suspiria (1977) und Inferno (1980) experimentierte. Das geradezu lächerliche Drehbuch von Argento und Franco Ferrini liest sich wie eine Wundertüte mit Elementen, die aus früheren Filmen des Regisseurs recycelt wurden – eine Art „Greatest Hits“ -Paket, wenn man so möchte. Das Problem bei diesem Ansatz ist, dass es nie wirklich Gestalt annimmt. Die paranormalen Elemente der Geschichte fließen unbehaglich in die Giallo Handlung ein, wobei dem Film der Sinn für Stil fehlt, der in Argentos früheren Werken deutlich zum Vorschein kam. Das heißt jedoch nicht, dass der Streifen kein Vergnügen bereiten könnte, er markiert jedoch einen bestimmten Schritt in die falsche Richtung. Glücklicherweise würde Argento mit seinem nächsten Film, Opera (1987), wieder auf Kurs kommen, doch Phenomena könnte als Zeichen der Zukunft in Bezug auf seine unberechenbarere Arbeit der 2000er Jahre angesehen werden, die ebenfalls von einer Tendenz zum Selbstzitat geprägt ist.

Im Kontext von Phenomena scheint die Tendenz, sich auf zuvor erprobte Ideen und Bilder zu verlassen, eine leere Geste zu sein. Das Publikum wird mit einer Enthauptung in Zeitlupe (à la Vier Fliegen auf Grauem Samt, 1971) konfrontiert, einer merkwürdigen Voice-Over-Erzählung, die sich auf eine einzige Szene beschränkt (eine Idee, die in Suspiria weitaus effektiver zum Einsatz kommt), eine sonderbare Mädchenschule, die von äußerst eigenartigen Mitarbeitern geleitet wird (ebenfalls aus Suspiria übernommen), einem Unterwasser set-piece direkt aus Inferno entliehen und natürlich einem Verrückten mit schwarzen Handschuhen sowie einem unwahrscheinlich extravaganten Outfit, das ein weiteres Überbleibsel aus so vielen seiner weiteren Gialli repräsentiert. Andere Elemente werden ebenfalls recycelt, aber das bereits Erwähnte reicht aus, um eine gute Vorstellung davon zu bekommen, auf welcher Ebene der Regisseur mit diesem Film arbeitet. Das Hauptproblem mit diesen Zitaten ist, dass sie nicht so einfach in die Geschichte selbst passen, die sich anscheinend an einem märchenhafteren Ambiente als gewöhnlich versucht.

Sie fühlen sich eher wie willkürliche Zugeständnisse eines Regisseurs an das Publikum an, der sich plötzlich seiner eigenen Bedeutung und Berühmtheit bewusst geworden ist. Der Film setzt auch Argentos Faszination für die Tierwelt fort. Die Vorstellung von Professor McGregors „Helfer-Affe“ wird auf interessante Art und Weise ausgespielt. Wenn der Affe später Rasierklingen schwingend entkommt, während er versucht, seinen Meister zu rächen, rutscht die Bildsprache entschieden ins Surreale, ja sogar Absurde. Eine wagemutige Idee, die es dem Film ermöglicht, auf einer Note von deus ex machina zu enden – oder deus ex monkey, sollte man das bevorzugen. Das Vertrauen, das Argento für solch bizarre, übertriebene Ideen hatte, die im Allgemeinen ohne den Sinn für selbstbewusste Ironie und augenzwinkernden Humor ausgespielt werden, die für seine spätere Arbeit typisch werden würden, ist beinahe als naiv zu bezeichnen. Einige Elemente der Autobiographie spielen in der Figur der Protagonistin des Films (Jennifer) eine Rolle.

Sie ist die Tochter eines berühmten Filmstars und kommt auch aus einem kaputten Elternhaus. Es wurde berichtet, dass die Geschichte, die sie ihrer Mitbewohnerin Sophie über die Art und Weise erzählt, wie ihre Mutter sie und ihren Vater verlassen hat, auf der eigenen Kindheit des Regisseurs basiert. Argentos komplexe Beziehung zu seiner abwesenden Mutter manifestiert sich in so vielen seiner Filme in Form von bösen Müttern und Stiefmutterfiguren und stellt definitiv einen wichtigen Faktor für die Struktur dieses Films dar. Jennifer ist auch Vegetarierin und spiegelt somit Argentos eigene Gewohnheiten wider. Leider erweist sich die Figur trotz dieser Elemente bei weitem nicht so interessant, wie sie sein sollte. Sie verfügt über eine übersinnliche Wahrnehmung und hat eine ungewöhnliche Bindung zur Insektenwelt, wodurch sie in einen noch prekäreren emotionalen Zustand versetzt wird, als der übliche angsterfüllte Jugendliche. Argento verwendet diese Outré-Elemente, um den wachsenden Kummer des Charakters zu erforschen. Angesichts der Tatsache, dass die Charakterisierung seiner Protagonisten selten seine Stärke repräsentiert, ist es nicht verwunderlich, dass der Charakter eher flach und uninteressant bleibt.

Im Allgemeinen bietet Argentos Gespür für die Kreation unvergesslicher Bilder und die Aufrechterhaltung einer ungewöhnlichen Atmosphäre eine Belohnung für die Zuschauer. Leider ist dies in Phenomena nur sporadisch zu beobachten. Ein paar großartige Szenen erinnern an Argentos Talent, wobei Jennifers Visionen beim Schlafwandeln ebenso in den Sinn kommen, wie die Szene mit der dänischen Touristin (gespielt von Argentos ältester Tochter Fiore), die dem Mörder zuwiderläuft. Der Film erreicht einen Höhepunkt, der sowohl für seinen Sadismus, als auch für seine vollkommene Lächerlichkeit als bemerkenswert zu bezeichnen ist. Und darin liegt ein Teil des Problems, denn anstelle einer interessanteren Geschichte oder eines verführerischeren Stils, scheint sich der Regisseur damit zufrieden zu geben, es mit der Agonie zu übertreiben. Auf seine eigene Art und Weise präsentiert sich der Film effektiv genug, doch im Vergleich zu Infernos alptraumhafter Pracht oder dem makellos strukturierten und ausgeführten Profondo Rosso, legt Phenomena einen Mangel an Einfallsreichtum und Sorgfalt an den Tag. Seltsamerweise entschied sich Argento dafür, den Streifen in einem erkennbar realistischeren Stil als gewöhnlich zu filmen.

Die Geschichte scheint einen barocken Ansatz zu diktieren, ähnlich dem von Inferno, doch Argento trotzt den Erwartungen, indem er in die entgegengesetzte Richtung geht. Es gäbe einiges zu schreiben, um das Offensichtliche zu vermeiden, doch das würde dem Film wirklich keinen Gefallen tun. Das kalte blaue Licht ähnelt dem schicken Aussehen von Tenebrae, wird aber bei weitem nicht so hervorragend eingesetzt. Ein Teil davon ist auf Romano Albanis Beleuchtung zurückzuführen, die es nicht vermag, die gleiche anhaltende Kunstfertigkeit wie Luciano Tovoli in Tenebrae zu erzeugen, ein Großteil ist jedoch auf Argentos unerwartet funktionale Regieführung zurückzuführen. Das Gespür des Regisseurs für schleichende Kameraarbeit ist sporadisch augenscheinlich, doch zu viele Szenen entfalten sich auf herkömmliche Art und Weise. Das dialogintensive Drehbuch stellt einen weiteren Nachteil dar. Phenomena war der erste Film des Regisseurs, der sich auf direkte Tonaufnahmen am Set stützte, wobei der oft gestelzte Dialog darauf hinzudeuten scheint, dass er nicht vollständig darauf vorbereitet war.

Argentos Filme sind nicht gerade für ihren prickelnden Dialog bekannt, doch der deutschsprachige Dialog, der in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970), Profondo Rosso (1975) und Tenebrae (1982) zu hören ist, ist im Allgemeinen, für sich genommen, als recht effektiv zu beschreiben. Hier gibt es jedoch mehr als ein paar Heuler zu vernehmen, insbesondere Jennifers gereizte Erklärung gegenüber dem Arzt, der darauf besteht, sie nach einer ihrer Schlafwandeltouren einem EEG zu unterziehen: „Ich bin nicht verrückt … epileptisch … schizophren … oder bekifft!“ Die ungleichmäßige, chaotische Struktur des Films spiegelt sich in der verwendeten Musik wider. Argentos frühere Filme waren in Ton und Bild vereinheitlicht, während dieser den Trend aus der Mitte der 80er Jahre aufgreift, beliebte Songs in verschiedenen Kombinationen zu mischen, um den Umsatz mit Soundtrack-Alben steigern zu können.

Anstelle von Goblins treibenden progressiven Rocksounds, der Jazz-befeuerten Arbeit von Ennio Morricone oder Keith Emersons eleganter Musik auf Klavierbasis mischt Phenomena Originalkompositionen von Bill Wyman und Claudio Simonetti mit Heavy-Metal-Musik von Iron Maiden und anderen beliebten Combos. Die Verwendung von Metal-Musik sollte Argentos Arbeit für eine gewisse Zeit infizieren, wurde hier jedoch nicht immer erfolgreich integriert. Der Einsatz von Iron Maidens „Flash of the Blade“ in einigen der hektischeren Momente ist ein wenig offensichtlich geraten, funktioniert aber gut genug, während ein Stück von Motörhead ohne ersichtlichen Grund über einen berührenden, traurigen Moment gespielt wird. Goblin erhält Erwähnung im Abspann, doch ihr „Beitrag“ beschränkt sich auf zwei cues aus ihrem Soundtrack zu „Dawn of the Dead“, die kaum zu hören sind, während Sophie zu einem bestimmten Zeitpunkt fernsieht.

Der bereits extrem komplexe und schwer zu folgende Plot wurde noch weiter „verschlimmbessert“, als New Line den Film fürs amerikanische Kino erwarb. Argentos ursprüngliche italienische Version läuft 116 Minuten, die er für andere europäische Provinzen auf eher zufriedenstellende 110 Minuten kürzte, doch New Line hielt es für angebracht den Film praktisch zu „schlachten“ und ihn in kaum zusammenhängenden 82 Minuten herauszubringen. Sie benannten den Film auch noch zusätzlich in Creepers um, der allerdings nicht viele Wellen schlug. Creepers ist der letzte Argento Film, der in Amerika eine bedeutungsvolle Kinoveröffentlichung erhielt, während er sich in seiner ursprünglichen Form als großer Erfolg in Italien erwies. Eine junge Jennifer Connelly führt die Besetzung an und obwohl sie eine ansprechende Schauspielerin darstellt, kämpft sie mit Argentos ungeschicktem Dialog und vermag es nicht das Publikum als psychisch begabte Person zu überzeugen. Sie wurde 1970 in New York geboren und begann ihre Karriere als Kindermodel, bevor sie 1982 ihr Schauspieldebüt in einer Folge der Anthologie-Serie Tales of the Unexpected (Die unglaublichen Geschichten von Roald Dahl, 1979-1988) gab.

Sie gab ihr Filmdebüt, als sie in der Rolle der jungen Deborah (als Erwachsene gespielt von Elizabeth McGovern) in Sergio Leones Epos Es war einmal in Amerika (1984) besetzt wurde. Connelly fiel Argento ins Auge, als er seinen Mentor besuchte und beschloss sie in der Rolle der Jennifer zu besetzen, was sich als die erste Hauptrolle der Schauspielerin herausstellte. Danach trat sie in Jim Hensons populärem Fantasyfilm Labyrinth (1986) auf, bevor sie ihre Karriere zunächst auf Eis legte, um sich auf ihr Studium konzentrieren zu können. Später kehrte sie zum Film zurück und trat unter anderem im Black Swan Vorläufer Étoile (1988), Dennis Hoppers sexy Noir The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer (1990), Disneys The Rocketeer (1991) und Lee Tamahoris Neo-Noir Mulholland Falls (Nach eigenen Regeln, 1996) auf. In den 2000er Jahren stellte sie ihre Vielfalt unter Beweis (und verdiente sich einige der besten Kritiken ihrer Karriere), indem sie in so unterschiedlichen Filmen wie Ed Harris‘ Pollock und Darren Aronofskys Requiem for a Dream (beide 2000) auftauchte.

Diesen beiden Streifen folgte Ron Howards A Beautiful Mind (2001) und Vadim Perelmans Haus aus Sand und Nebel (2003). Zu ihren weiteren erwähnenswerten Kredits zählen Edward Zwicks Blood Diamond (2006) und Aronofskys Noah (2014). Der Riege der Nebendarsteller gehören Daria Nicolodi (die mit Abstand ihre schlechteste Vorstellung für Argento abliefert) und Donald Pleasence an, der die wärmste und glaubwürdigste Leistung des Films erbringt. Besonders hervorzuheben ist außerdem noch der Affe Tanga, der mit großer Begeisterung in den Geist der Aktivitäten eintritt.

Worin sich Phenomena von den meisten gialli unterscheidet, ist die zielbewusste Hinwendung zum Übernatürlichen, die zu einem wesentlichen Bestandteil der Geschichte wird. Die meisten Giallo-Horror-Hybride vermeiden es ganz bewusst eine übernatürliche Erklärung für die Delikte zu Gunsten einer rationelleren zu präsentieren. Übernatürliche Elemente mögen als Begründung für die Morde angegeben werden (wie in Crispinos Autopsy), der Mörder ist jedoch immer menschlich (vgl. giallo-pseudofantastico). Nimmt man die exploitativen Aspekte der Kriminalliteratur etwas genauer unter die Lupe, nämlich die grafische Darstellung von Gewalt und Mord, werden diese giallo Filme oft direkt mit dem Horror-Genre verbunden, obwohl die Beteiligung irgendeiner übernatürlichen Kraft fehlt. Es existiert allerdings eine kleine Zahl von gialli-artigen Filmen (wozu auch der hier besprochene zählt), die von der visuellen Rhetorik des giallo übernehmen, diese Rhetorik aber im Zusammenhang eines eher traditionellen übernatürlichen Horrorfilms verorten. Kim Newman deklariert diese Filme auf eine sehr angemessene Art und Weise als giallo-fantastico (vgl. Newman, 1986a, Seite 23). Das wahrscheinlich beste Beispiel für diesen filone ist Dario Argentos Phenomena (1985), worin dem traditionell gekleideten giallo Killer von dem traditionellen Amateur-Detektiv nachgespürt wird. Der ist in diesem Film die junge Jennifer (Jennifer Connelly), die telepathisch mit Insekten kommunizieren kann und durch diese Fähigkeit in der Lage ist den Mörder ausfindig zu machen. Maitland McDonagh bezeichnet Phenomena als einen giallo mit paranormalen, wenn nicht sogar phantastischen Grundlagen (vgl. McDonagh, 1994, Seite 187). Ein beinahe perfektes Beispiel für den giallo-fantastico repräsentiert Mario Bavas Operazione paura (Die toten Augen des Dr. Dracula, 1966), der einen typischen Conan Doyle „murder-mystery“ Plot konstituiert, in dem der Detektiv versucht zu widerlegen, dass eine Reihe von Selbstmorden durch die Begegnung mit einem Geist ausgelöst wurde. Doch der Geist eines jungen Mädchens sucht tatsächlich ein deutsches Dorf heim und zwingt jeden, der sie zu Gesicht bekommt, sich selbst umzubringen.

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  • Darsteller: Jennifer Connelly, Donald Pleasence, Patrick Bauchau, Franco Trevisi, Daria Nicolodi
  • Regisseur(e): Dario Argento
  • Format: PAL, Breitbild
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.66:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: Ascot Elite Home Entertainment
  • Produktionsjahr: 1985
  • Spieldauer: 115 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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