Rockit – Final Executor / L’ultimo guerriero / The Final Executioner

Nach einer globalen Apokalypse leben die Menschen teilweise unterirdisch und teilweise in einer verstrahlten, weitgehend verwüsteten Welt auf der Oberfläche. Es herrscht Krieg um die letzten verbliebenen Waffenlager und Ressourcen. Außerdem machen gnadenlose Gangs gezielt Jagd auf alles, was sich bewegt. Reiche, schwer bewaffnete Milizen führen einen grausamen Kampf zur eigenen Belustigung gegen die mittellosen Überlebenden, die sich nur mit Mühe durch den Tag retten können. Auch Alan Tanner gerät in die Fänge dieser blutrünstigen Bande. Nur knapp kommt er mit dem Leben davon und beschließt, mit einiger Unterstützung, sich an den Gangstern zu rächen. (X-Cess Entertainment)

Sicherlich ist jeder, der diese Seite liest, mit italienischen postapokalyptischen Filmen vertraut, wobei L’ultimo guerriero mit Sicherheit in dieses Sub-Genre fällt, allerdings nicht zu den besten Exemplaren der sogenannten Post-Nukes gehört, sondern eher zu den Vertretern aus der zweiten oder sogar dritten Reihe zu zählen ist. Man stelle es sich ungefähr so vor: 1990: I guerrieri del Bronx (The Riffs – Die Gewalt sind wir, 1982) oder I nuovi barbari (Metropolis 2000, 1982) gekreuzt mit The Most Dangerous Game (Graf Zaroff – Genie des Bösen, 1932) und einer Brise La règle du jeu (Die Spielregel, 1939) verfeinert. Nach der nuklearen Apokalypse wurde die Welt in zwei Gruppen eingeteilt: die Reichen und die kontaminierten, unterprivilegierten Massen (also nicht zu weit von dem entfernt, was vor dem nuklearen Holocaust war), wobei die kontaminierten Menschen regelmäßig gejagt und getötet werden, um die Ausbreitung ihrer Krankheit zu stoppen. Dem Publikum wird jedoch auch mitgeteilt, dass eines Tages jemand festgestellt habe, die Kontamination sei beendet. Was bedeutet, dass nun alle Menschen sauber bzw. immun sind. Schnitt zu Alan Tanner (William Mang) und seiner Ehefrau (Cinzia Bonfantini, wobei die Zuschauer nur wissen können, dass sie Alans Frau ist, weil sie als solche in den Kredits aufgeführt wird), als sie gerade aus der Stadt geworfen und als „Jagdmaterial“ eingestuft werden. Schon bald (obwohl es sich nicht so anfühlt) steht der einsame Jäger Erasmus (Harrison Muller, Jr.) im Wettbewerb mit Edra (Marina Costa) und ihrer Gruppe von schäbigen Jägern, um herauszufinden, wer die meisten kontaminierten Menschen an einem Tag erlegen kann. Selbstverständlich befinden sich auch Alan und seine Frau unter den Gejagten.

Romolo Guerrieris L’ultimo guerriero repräsentiert einen weiteren Teil des langen Erbes von Pasta-Pocalypse-Filmen, die nach John Carpenters Escape from New York (Die Klapperschlange) und Mad Max 2 – Der Vollstrecker (beide 1981) in Italien aus dem Boden gesprossen sind. Genauso sehr wie sich der Streifen an bestimmte Motive des Subgenres klammert, entfernt er sich von anderen, auf bedeutende Art und Weise, ziemlich weit. Wie üblich taucht auch hier Gesellschaftskritik entlang der Klassengrenzen auf. Die Reichen kontrollieren alles und die Armen sind Opfer, die gezwungen sind, sich auf brutale Weise das Überleben zu sichern. Aus gleichem Grund sind die Elite-Reichen (hier von den Jägern vertreten, da man nie eine reiche Person außerhalb des Jagdreviers zu sehen bekommt), als von Natur aus bösartige Personen zu bezeichnen. Komischerweise leben sie innerhalb dieses Ödlandes in heruntergekommenen Villen, die so aussehen, als hätten sie als Sets für Meatloafs Musikvideos verwendet werden können.

In ihrer Missachtung des menschlichen Lebens sind die Reichen ziemlich hartnäckig und denken an nichts anderes, als an Mord und Totschlag, um den Status Quo aufrechtzuerhalten, den sie hergestellt haben. Obwohl jeder Kontext, warum dies ihren Bedürfnissen dienen könnte, für den Betrachter im Dunkeln verborgen bleibt und keinerlei logischen Sinn ergibt, bleibt ihm nur die allgemeine Annahme, dass alle reichen Menschen böse Menschen sein müssen. Was natürlich bedeutet, dass man davon ausgehen muss, dass Alan einst zu den reichen Eliten gehörte (er ist ein Kybernetik-Spezialist), weswegen er hartherzig und bösartig sein sollte, als auch er ins Jagdreservat geschickt wird, doch er ist es nicht (oder das Publikum wird dringend dazu ermutigt anzunehmen, dass er es nicht ist). Erst nach seinen Begegnungen mit Erasmus und Edra erwacht sein Blutrausch.

Wie in einer Vielzahl von Filmen dieses Typs zu sehen ist (Endgame – Bronx lotta finale, Insel der Verdammten, Running Man usw.), wird auch hier eine Variation von The Most Dangerous Game recycelt. Am prägnantesten in der Szene zusammengefasst, in der Erasmus und Edras Bande in der Nähe eines Teiches lauern und darauf warten, dass die kontaminierten Menschen (wie eine Herde Gazellen) den Hügel erklimmen und sich dem Wasserloch nähern, um sie einen nach dem anderen abzuknallen. Später wird dann ermittelt, wer die meisten Ausgestoßenen getötet hat, so als würde es um Punkte bei einem harmlosen Spiel gehen. Interessant ist hierbei zu bemerken, dass die Beute nicht wirklich im Mittelpunkt steht (außer Alan und seiner Frau). Sie fungiert buchstäblich als nichts anderes als gesichtsloses Wildbret in einem Jagdreservat. Es ist schon als recht seltsam zu bezeichnen, dass sich die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Jäger (also die Antagonisten) konzentrieren soll, wobei deren Beziehung untereinander einen großen Teil der Erzählung einnimmt und nicht Alans Kampf gegen sie, wie eigentlich angenommen werden dürfte. Der Wettbewerbswinkel des Films, der sich normalerweise zwischen Jäger und Beute einpendelt, lässt sich hier überwiegend zwischen Jäger und Jäger wiederfinden. Wobei die Spannungen zwischen den beiden Jägerlagern als ziemlich stark beschrieben werden müssen.

Selbst in Edras Gruppe, von der man vermuten kann, dass sie einer Art von besonderer Bindung unterliegt, gibt es eine Fülle von Feindseligkeiten zu entdecken. Melvin (Stefano Davanzati) ist zum Beispiel als absolut tadelnswert zu bezeichnen. In der ersten Szene, in der man ihn kennenlernt, richtet er eine Waffe auf seinen Jägerkumpanen Louis (selbst ein heruntergekommener Junkie, von Renato Miracco gespielt) und drückt ab (natürlich ist seine fünfläufige Knifte nicht geladen; leider). Kurz darauf bemerkt er über Erasmus‘ Spezialgewehr: „Whoever painted it, didn’t know the color of bullshit.” Melvin verbringt seine Ausfallzeit am liebsten damit, seinen eigenen Körper im Spiegel zu bewundern, während Sex-Unholdin Diane (Margit Evelyn Newton) ihre Mitarbeiter ausspioniert, wenn sie nicht gerade auf Menschen schießt oder es mit ihrem boy-toy Phil (Luca Giordana) treibt. Der einzige aus der Gruppe von Edras Jägern, mit dem man vermutlich sympathisieren könnte, scheint Edras kleiner Bruder Evan (Karl Zinny) zu sein, der sich jedoch als der schlimmste Psychopath des gesamten Haufens herausstellt. Die Jugend wird im Kino normalerweise mit einem gewissen Maß an Unschuld präsentiert (mit Ausnahme von Geschichten, die an The Bad Seed / Böse Saat von 1956 erinnern), doch bei diesem jungen Mann gibt es keinerlei Unbescholtenheit zu entdecken. Er ist für eine der schlimmsten Handlungen im Film verantwortlich und lässt sie später in fröhlicher Stimmung über eine Art Gedächtnisprojektionsmaschine erneut aufleben. Wurde er bereits als ein durch und durch schlechter Mensch geboren oder ist Edras Einfluss auf ihn für sein verachtenswertes Verhalten verantwortlich? Es wird dem Publikum nie mitgeteilt. Man weiß nur, dass er rettungslos verloren ist (allerdings nicht mehr, als jeder der anderen es auch ist).

Nach dem Massaker am Wasserloch wird Alan von Edra mit Erasmus‘ Gewehr aus den Bäumen geschossen und landet verwundet im Fluss. Die Jäger gehen davon aus, dass Alan tot ist, doch der erwacht einige Zeit später im Unterschlupf von Sam (Woody Strode), der ihn wieder gesund pflegt und für seine Rache fit macht. Weswegen das Publikum nun einige recht billige Trainings-Montagen ertragen muss. Nach Alans „Ausbildung“ weicht der Streifen dann im letzten Drittel gehörig von seinem Subgenre ab und bricht dabei als Unterhaltungsstreifen endgültig auseinander. Das Ganze verwandelt sich im Wesentlichen in einen Rache-Film, als Alan einen Jäger nach dem anderen auf Edras Gelände kalt macht (was natürlich nicht vorauszusehen war). Die Befriedigung zu beobachten, wie diese Drecksäcke ihre gerechte Strafe erhalten, ist schon als köstlich zu bezeichnen, das kann nicht geleugnet werden. Letztendlich dissoziiert sich Rockit – Final Executor jedoch vollständig von postapokalyptischen (ganz zu schweigen von Pasta-pocalyptischen) Filmen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Höhepunkt des Films ist ein totaler Deus ex machina, der hohl nachklingt, weil er das Publikum plötzlich daran erinnert, dass unter all dieser Aktion eigentlich ein Thema zu finden sein sollte und die Filmemacher einfach keine Lust hatten, es richtig auszuarbeiten. Das ist schon ziemlich ärgerlich, da die Geschichte eigentlich auf einer Science-Fiction-Prämisse basiert. Trotzdem löst sich dann das Ganze als geradliniger Action / Rache-Film auf und erst in seinen letzten Augenblicken wird das Publikum daran erinnert, dass dies alles in einer Post-Nuklearen-Zukunft stattfinden soll.

Harlan Ellison soll einmal gesagt haben, dass bei einer guten Science-Fiction-Geschichte deren fantastische Ideen ein wesentlicher Bestandteil der Erzählung sein müssen. Was bei Rockit – Final Executor nicht der Fall ist. Die Science-Fiction-Elemente dieses Films sind eher als Schaufensterdekoration zu bezeichnen (was meiner Meinung nach in Ordnung geht, wenn man lieber auf die Vorhänge starren möchte, anstatt einen freien Blick aus dem Fenster werfen zu können). Ist das eine faire Kritik für einen Film, der absichtlich versucht, von einem vorherrschenden Trend aus einem Land zu profitieren, das dafür bekannt ist, Genre-Material herauszubringen, das bestenfalls nachahmender Natur ist? In diesem Fall dürfte es das wohl sein. Man könnte sich von diesem Film betrogen fühlen, denn der braucht ganz einfach zu lange, um an einen bestimmten Punkt zu gelangen, den ein direkterer Film auf eher zufriedenstellende Weise hätte erreichen können. Es hilft niemandem, dass sich keine der Actionsequenzen lebendig anfühlt und die ganze Angelegenheit von Anfang bis Ende den Eindruck macht, als hätten die Drehbuchautoren selbst nicht verstanden was sie da eigentlich verzapft haben. Hätte jemand an Rockit – Final Executor mitgewirkt, dem das Endprodukt wirklich am Herzen gelegen hätte, wäre eventuell ein schönes kleines filmisches Juwel daraus entstanden. Leider ist das nicht der Fall. Ach ja, den deutschen Titelgebern ist zudem ein schlimmer Übersetzungsfehler unterlaufen. Der englische Begriff Executor bedeutet zwar Vollstrecker, allerdings eher im Sinne von Testamentsvollstrecker oder Nachlassverwalter. Die richtige Wortwahl dürfte somit Executioner lauten (siehe auch englische Poster und VHS-Cover), denn das übersetzt man mit Henker oder Scharfrichter.

  • Deutsche Blu-Ray- und DVD-Premiere
  • HD-Weltpremiere
  • 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach (in dem man viel Informatives sowie Interessantes über den Film, seinen Regisseur und seine Schauspieler erfahren kann.)
  • Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger & Dr. Kai Naumann (wie gewohnt informativ und zuweilen gar recht amüsant, was die Beiden über Dystopien, Utopien, Samurai Schwerter, Armee-Jacken und selbstverständlich den Film zu berichten haben.)
  • Interview mit Regisseur Romolo Guerrieri (recht interessant)
  • Deutscher Kinotrailer
  • Alternatives Intro
  • Kinoaushang
  • Slideshow

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.77:1, 16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur: Guerrieri, Romolo
  • Laufzeit: 1 Stunde und 32 Minuten
  • Darsteller: Mang, William, Costa, Marina, Muller, Harrison Jr., Strode, Woody, Newton, Margit Evelyn
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Italienisch (DTS HD 1.0), Deutsch (DTS HD 1.0)
  • Studio: X-Cess Entertainment

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Die Screenshots stammen selbstverständlich NICHT von dieser Edition !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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