Rosso – Die Farbe des Todes / Profondo Rosso / Deep Red

Brutal wird eine Frau eines Nachts in Rom ermordet. Was allerdings keiner weiß: Die Frau war ein Medium und hat am Abend zuvor bei einem Kongress für Parapsychologie die Präsenz eines Mörders gespürt, den sie verraten wollte. Ihr Nachbar Marcus wird Zeuge des Mordes und glaubt, ein entscheidendes Detail beobachtet zu haben. Am Tatort lief ein mysteriöses Kinderlied und dieses spielt auch bei den folgenden schrecklichen Morden eine Rolle. Zusammen mit der Journalistin Gianna macht Marcus Jagd auf den Serienkiller – doch bald geraten beide in tödliche Gefahr, denn der Mörder scheint jeden ihrer Schritte zu kennen. (Ascot Elite)

Dario Argento war in Italien bereits zu einer Berühmtheit geworden, als er Profondo Rosso drehte. Mit Le cinque giornate (Die Halunken, 1973) hatte er einen missglückten Versuch unternommen die Pfade des giallo zu verlassen, wobei dieser Film einen kostspieligen Flop darstellte, der nur sehr wenig dazu beitrug, seinen Ruf im Ausland zu verbessern. Der Erfolg der TV-Serie La porta sul buio (Door into Darkness, 1973) vermochte es jedoch seine Popularität zu steigern, weswegen er beschloss dem giallo erneut eine Chance zu geben. Was er dann auch mit aller Macht durch setzte. Das Drehbuch für Deep Red verfasste Argento in Zusammenarbeit mit Bernardino Zapponi. Zapponi, 1927 in Rom geboren, war vor allem für seine Kollaboration mit Federico Fellini an solch Juwelen wie dem „Toby Dammit“-Segment aus Histoires extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten, 1968) und Il Casanova di Federico Fellini (Fellinis Casanova, 1976) bekannt. Sein Mitwirken erwies sich von unschätzbarem Wert, da er Profondo Rosso zu einem der am besten geplotteten Argento-Filme machte.

Wie Zapponi berichtete: „Er [Argento] rief mich an und sagte, dass er die Idee einer Séance mit Medium liebte, in der ein Mitglied des Zirkels die Gedanken eines Mörders lesen kann. Da es zu diesem Zeitpunkt noch keine wirkliche Handlung gab, bemühte ich mich, seine Ideen mit meinen zu vermischen und seinen Drang zu zügeln, „Splatter“-Szenen einzufügen“ (1). Der Film hatte daher den Vorteil eines (zumeist) logischen Drehbuchs mit einer soliden Struktur, wobei die Gewalt keineswegs runtergeschraubt wurde; im Vergleich zu seinen ersten drei gialli zeichnet sich Deep Red für seine bemerkenswerte Grausamkeit aus. Zapponi erläuterte weiter: Für den Durchschnittsmenschen ist es schwieriger, sich mit jemandem zu identifizieren, der durch eine Kugel aus einem Revolver ermordet wird, während jeder die Auswirkungen eines alltäglicheren traumatischen Ereignisses „begreifen“ kann (2). So legen die Morde in Deep Red besonders ekelerregende Eigenschaften an den Tag, weil sie in Ängsten sowie Empfindungen verwurzelt sind, mit denen man sich leicht identifizieren kann.

Dies wird besonders in der Szene deutlich, in der einer Figur wiederholt die Zähne gegen die scharfe Kante eines Kaminsimses geschlagen werden oder das Verbrühen einer anderen Person in der Badewanne. Diese Szenen sind voll solcher Wildheit und Präzision, so dass sie zu etwas erhoben werden, was in den vorherigen Filmen des Regisseurs nur angedeutet wurde; Mord entwickelt sich wahrhaftig zu Performance-Kunst. Profondo Rosso beginnt mit einem Standardvorspann – weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund – wird jedoch von einem mehrdeutigen Erzählfragment unterbrochen, das auf das Kommende hinweist. Das Wiegenlied eines Kindes erklingt, ein Schrei hallt wider, ein blutiges Messer wird grob ins Bild projiziert und Kinderfüße treten vom Bildschirm rechts ein; die Szene blendet dann ins Schwarze über und der Vorspann wird fortgesetzt. Es erscheint beinahe so, als ob Argento es kaum erwarten kann, den Film endlich starten zu lassen. Dieses Gefühl von dynamischem Vorwärtsdrang ist während des gesamten Films offensichtlich.

Der italienische Originalschnitt läuft 126 Minuten und repräsentiert damit einen der längsten gialli, die bei Nischenkino behandelt werden, wobei sich der Streifen durch ein schnelles, fast als nervös zu beschreibendes Tempo auszeichnet. Argento frönt seiner Neigung zu aufwendigen Kamerafahrten und stoppt die Erzählung manchmal abrupt, während die Kamera auf fetischistische Art und Weise über verschiedenen Krimskrams sowie Erinnerungsstücke des verdrehten Verstandes des Mörders gleitet. Stil und Erzählung arbeiten jedoch Hand in Hand, was zu einem Film von scharfem Fokus und großartiger Wirkung führt. Im Gegensatz zu vielen anderen gialli geht dieser hier doch tatsächlich auch fair mit seinem Publikum um. Schon früh betritt Marcus Helgas Wohnung, nachdem diese ermordet wurde; während er den Flur entlang geht, wird dem Publikum seine Sicht durch eine gleitende subjektive Kamerabewegung gezeigt. Die Kamera gleitet an den expressionistischen Kunstwerken (die den Flur säumen) vorbei, wobei aufmerksamere Betrachter links im Bild etwas Seltsames bemerken werden. Es ist nur sehr kurz zu erspähen, doch es ist definitiv da.

Heutzutage, im Zeitalter von DVD und Blu-ray, kann man ganz einfach auf Standbild schalten, um den überaus wichtigen Hinweis nicht zu verpassen, der die nächsten zwei Stunden an Marcus‘ Nerven nagen wird: Das Gesicht des Mörders, das von einem Spiegel reflektiert wird. Es handelt sich dabei um einen mutigen Ansatz, einen der sich später auszahlte; denn während viele andere gialli (einschließlich Argentos eigenen) dafür bekannt sind, ihr Publikum ein wenig an der Nase herumzuführen, kann das Profondo Rosso nicht nachgesagt werden. Argentos Regieführung ist durchweg als wunderbar zu bezeichnen. Er setzt viel von mobiler Kameraarbeit ein, wobei sich der Film allerdings nicht ganz so offen barock gestaltet, wie einige seiner nachfolgenden Werke wie etwa Opera (Terror in der Oper, 1987). Die Kamera wandert umher und nimmt ein unheimliches Eigenleben an, wenn Atmosphäre einsetzt, während ein solider, geerdeter Ansatz für die Charakterisierung und Entwicklung der Handlung vorhanden ist. Die Bildkompositionen erweisen sich als auffällig, mit einigen kubistischen Formationen und der Verwendung von Tiefenschärfe, die im Relief hervorstechen. Luigi Kuveillers elegante Beleuchtung, gepaart mit Ubaldo Terzanos (Mario Bavas langjähriger Kameramann) sinnlicher Kameraführung, resultieren in einem der am besten aussehenden Filme seines „Genres“.

Die Sets sowie die artistischen Aspekte des Films sind durchweg als atemberaubend zu beschreiben, obwohl einige von Carlo Rambaldis Spezialeffekte (einschließlich eines nicht überzeugend brennenden Gebäudes) den Streifen etwas datiert erscheinen lassen. Trotzdem sieht der Film bemerkenswert pracht- und stilvoll aus, auch wenn er noch nicht einmal annähernd so großzügig budgetiert war, wie Argentos spätere Werke. Neben einem richtig ausgeklügelten Mystery-Plot, versteht es das Drehbuch auch mit einigen gut ausgearbeiteten Charakterisierungen aufzuwarten. Wobei sich Marcus als einer von Argentos interessantesten Protagonisten erweist. Er ist Künstler und durch und durch als neurotisch zu beschreiben, genauso wie als unverfrorener Sexist und Chauvinist. Wie vernebelt stolpert er durch die Erzählung und versucht einen wichtigen Hinweis zu finden, kommt im Allgemeinen jedoch nicht von alleine voran. Wenn überhaupt, reagiert Marcus auf die Reize um ihn herum anstatt zu agieren; er macht sich zwar daran, bestimmte Ziele zu erreichen, wird aber ständig dabei behindert. Sein Stolz sowie seine vorgefassten Meinungen über die Überlegenheit des männlichen Geschlechts werden auf die Probe gestellt und im Verlauf des Films nach und nach zerstört.

Damit kann Argento das oft vorgetragene Argument ausräumen, seine Werke seien grundsätzlich frauenfeindlich angelegt; er stimmt nicht mit Marcus‘ antiquierten Überzeugungen überein, sondern hat sehr viel eher Spaß daran, sie am Ende des Films plötzlich zusammenbrechen zu lassen. Marcus trifft eine Gleichgesinnte (und noch mehr) in der Gestalt von Gianna Brezzi. Gianna ist eine freche Reporterin, die den Pianisten ins kalte Wasser wirft, als sie sein Bild auf der Titelseite der Zeitung veröffentlicht und seine Rolle als Zeuge des Verbrechens überspitzt, indem sie behauptet, er habe das Gesicht des Mörders gesehen. Nun, um ehrlich zu sein, tat er das ja auch – doch er muss erstmal noch enorm viel Seelenforschung betreiben, bevor er endlich selbst zu dieser Erkenntnis kommt. Gianna ist als offenherzige, witzige und vergleichsweise „maskuline“ Frau zu beschreiben. Als sie einmal beginnt von Frauenrechten zu sprechen, wird sie vom gereizten Marcus unterbrochen, der ihr daraufhin mitteilt, dass Männer stärker und einfallsreicher seien als Frauen. Gianna versteht es allerdings bestens dies auf verschiedene Art und Weise zu widerlegen, sei es, indem sie ihre romantische Beziehung initiiert, Marcus beim Armdrücken schlägt oder ihm aus der Patsche hilft, wenn er in Gefahr ist.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Gianna die wahre „Heldin“ des Films repräsentiert, auch wenn die Zuschauer das Geschehen durch Marcus’ zugegebenermaßen „schlechte“ Augen sehen. Das Gespür des Regisseurs, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen, kommt hier voll zur Geltung, doch das Besondere an Deep Red ist vor allem die schiere Stimmigkeit und Stärke des Drehbuchs. Ohne Argentos Leistung schmälern zu wollen, muss vieles davon Zapponi gutgeschrieben werden, dessen Beitrag zum Film nur selten richtig gewürdigt wurde. Zapponis Fähigkeit, verrückte Ideen mit genügend Logik auszustatten, hatte ihn bereits bei Fellini in ein gutes Licht gestellt und auch hier vollbrachte er ein ähnliches Wunder. Argento ging an Deep Red eindeutig mit der Absicht heran, seinen Status als „der italienische Hitchcock“ zu bestätigen. Die riesige Anzahl von cash-ins und rip-offs, die seine ursprünglichen Erfolge nachahmten, reduzierte sich zu dieser Zeit deutlich, sodass sich Argento in einer guten Position befand, um zurückzukehren und sein gewähltes Terrain erneut zu erobern.

Die Produktivität von gialli war zu dieser Zeit bereits rückläufig gewesen, da das „Genre“ in den Jahren 1971 und 1972 seinen Höhepunkt erreicht hatte. Deswegen gab es im Wesentlichen weniger Konkurrenz zu befürchten, wobei Argento dieses Terrain nicht wieder betreten würde, ohne sicher zu sein einen potenziellen Gewinner in der Hand zu haben. Zapponi erinnert sich daran, mit großer Zuneigung an dem Film mitgewirkt zu haben, doch seine Hoffnungen weiterhin mit Argento zusammenzuarbeiten (wie er es mit Fellini getan hatte) erfüllten sich nicht. Zapponi schrieb später E tanta paura (Magnum 45, 1976) für Paolo Cavara (der 1971 mit dem tollen La tarantola dal ventre nero / Der schwarze Leib der Tarantel eine der besten Argento-Imitationen abgeliefert hatte), während Argento nicht daran interessiert war ihre Zusammenarbeit fortzusetzen. Auf die Frage, ob er gerne noch einmal mit dem Regisseur zusammengearbeitet hätte, antwortete der Drehbuchautor: Ja, es hätte mich gefreut, auch wenn Dario, genauso wie Fellini, großen Wert darauf legt, der „Autor“ seiner Filme zu sein und keine Drehbuchautoren neben sich duldet, die eine prononcierte Persönlichkeit haben, aus Angst, eingeengt zu werden (3).

War es wirklich Argentos Ego, das ihn daran hinderte, weiter mit Zapponi zusammenzuarbeiten? Die Antwort darauf lässt sich nicht so einfach finden, doch es besteht kein Zweifel, dass seine Anleitung sowie seine Liebe zum Detail bei einigen der späteren (eher chaotisch geplotteten Werke) des Regisseurs sehr willkommen gewesen wären. Für Argento sollte der Film eine wichtige Entwicklung hin zum Makabren bedeuten. Deep Red gestaltet sich offenkundig schrecklicher und gruseliger, als seine ersten drei gialli: die Morde erweisen sich als intensiver, die Gewalt ist als traumatischer zu bezeichnen und das Blut ist als einige Nuancen röter zu beschreiben … passender Weise als ein tiefes Rot. Der enorme Erfolg des Films an den Kinokassen, ermöglichte es Argento, eine andere Art von Geschichte für seine nächsten beiden Projekte zu verfolgen. Suspiria (1977) und Inferno (1980) würden eine Welt von schwarzer Magie, Hexerei und Fieberträumen erforschen, obwohl beide Streifen den erforderlichen Mörder mit schwarzen Handschuhen aufzuweisen haben und beide Elemente in sich tragen, die sie mit dem giallo verbinden.

Ihr ausdrückliches Vertrauen in das Übernatürliche würde sie jedoch aus dem Bereich des Thrillers verdrängen und dazu beitragen, ein erneutes Interesse am Horror in der populären italienischen Kinokultur zu wecken. Besonders hervorzuheben ist selbstverständlich die außergewöhnliche Filmmusik. Lange Abschnitte des Films funktionieren fast wie makabre Musikvideos, in denen Bild und Musik zu einem erschreckenden Rhythmusgefühl verschmelzen. Die verschiedenen Mordszenen explodieren mit dynamischer Musik, die deutlich macht, dass etwas sehr Unangenehmes passieren wird, wobei es sich nicht um melodramatische spannungsaufbauende Musik der alten Schule handelt. Das ist Progressive Rock in seiner ausgefallensten und aggressivsten Form. In seinem großartigen Buch über den Regisseur Dario Argento: The Man, The Myths & The Magic wird Argento von Alan Jones zitiert: „Giorgio Gaslini started composing the Deep Red music […] Gaslini didn’t seem to understand the new spirit of the film and the soundtrack he presented to me was awful. I had three months to come up with an alternative and after flying to London to see if Pink Floyd were interested—they weren’t—started asking Roman musician friends of mine for ideas.“ (4)

Argento wurde auf eine neue Band namens Cherry Five hingewiesen und war von ihrer Arbeit beeindruckt. Anschließend orchestrierten sie einige der Themen, die Gaslini bereits aufgenommen hatte nach und entwickelten einige neue, darunter den charakteristischen Titelsong des Films, der von Mike Oldfields denkwürdig gruseligen „Tubular Bells“ inspiriert wurde (der Musik, die mit großer Wirkung in William Friedkins The Exorcist eingesetzt worden ist). Ihre Musik sollte beim Publikum auf der ganzen Welt einen tiefen Eindruck hinterlassen, einschließlich des Regisseurs und Komponisten John Carpenter, dessen Titelmusik zu Halloween (Halloween: Die Nacht des Grauens, 1978) sich bei Oldfield und Goblin mehr als nur bedanken kann. Da der Name Cherry Five bei einem so gruseligen Horrorthriller etwas unpassend klingen könnte, wurde die Band in Goblin umbenannt und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte. Die Gruppe erfuhr einige Veränderungen gegenüber ihren ursprünglichen Mitgliedern, doch die folgenden Musiker waren an der Entstehung des Soundtracks zu Deep Red beteiligt: Massimo Morante (Gitarren), Claudio Simonetti (Keyboards), Fabio Pignatelli (Bass) und Walter Martino (Schlagzeug und Percussion).

Die Gruppe entwickelte sich weiter und erlag schließlich internen Streitigkeiten sowie anderen verschiedenen Dramen, doch sie vertonten Suspiria genauso wie den von Argento koproduzierten Dawn of the Dead (Zombies im Kaufhaus, 1978), der vom unabhängigen Horrorkönig George A. Romero geschrieben und inszeniert worden ist. Der Gruppe wurde die Musik zu Tenebre (Tenebre – Der kalte Hauch des Todes, 1982) aufgrund eines Streits (der dazu führte, dass Schlagzeuger Agostino Marangolo durch eine Drum-Maschine ersetzt wurde) nicht gutgeschrieben, fand aber bei den Soundtracks zu Phenomena (1985) und der Argento-Produktion von La chiesa (The Church, 1989, Regie: Michele Soavi) Erwähnung. Für Argentos späteren giallo Non ho sonno (Sleepless, 2001) sollte sich die Band wiedervereinigen, bevor sie sich erneut zerstritt. Einige Zeit später haben sie sich dann doch wieder vertragen und tourten in den letzten Jahren mit großem Erfolg rund um den Globus. Der Einfluss ihrer Musik auf Deep Red sowie die Horror- und Suspense-Genres im Allgemeinen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihre pulsierende, eindringliche Musik trug dazu bei, einen neuen Vertonungsstil für eine neue Generation von Komponisten und Filmemachern einzuführen.

Darüber hinaus erwies sich ihre Musik zu Deep Red als so beliebt, sodass sich die ursprüngliche Soundtrack-Veröffentlichung über eine Million Mal verkaufte! Die Popularität der Gruppe wurde fest mit Argento in Verbindung gebracht, der, obwohl er selbst kein Musiker war, nur allzu gerne Anerkennung für seine Unterstützung bei ihren Soundtracks zu Suspiria und Dawn of the Dead entgegen nimmt. Egal wie man es nun auslegt, der Regisseur verschaffte der Gruppe eine große Chance und die verstand es diese gut zu nutzen; es sollte sich um eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung handeln. Die Besetzung des Films wird vom britischen Schauspieler David Hemmings angeführt, der als leicht verwirrter Marcus Daly großartig aufspielt. Er bringt alle möglichen neurotischen Ticks in die Rolle ein, sorgt allerdings auch dafür, dass er die Sympathie des Publikums nicht verliert, indem es ihm bestens gelingt seine Mischung aus Angst und Neugierde mit einer Prise an Humor hervorzuheben. Hemmings Besetzung stellt eine bewusste Anspielung (von Argentos Seite aus) auf seine ikonische Rolle in Michelangelo Antonionis Blow-Up (1966) dar. In diesem Film spielt Hemmings einen Fotografen, der glaubt, einen Mord fotografiert zu haben, was er sich selbst und anderen beweisen will und sich dabei an den Rand des Wahnsinns treibt.

Der Erfolg von Blow Up machte Hemmings zu einem großen internationalen Star. Der Schauspieler wurde 1941 geboren und begann bereits als Kind auf der Bühne und in Filmen zu spielen. Nach dem Erfolg von Blow Up wurde er in einer Reihe von Thrillern besetzt, insbesondere in Richard C. Sarafians in Italien spielenden Fragment of Fear (Schatten der Angst, 1970), in dem er einen reformierten Junkie spielt, der nach Rom reist, um herauszufinden, wer seine geliebte Tante ermordet hat. Hemmings drehte in den 70er Jahren eine Reihe von Filmen in Italien, darunter Enzo G. Castellaris La via della droga (Dealer Connection – Die Straße des Heroins, 1977), der ebenfalls von Goblin mit einem tollen Hauptthema veredelt wurde. In den späten 70er und 80er Jahren konzentrierte er sich auf die Produktionsseite des Geschäfts, gründete mit seinem Geschäftspartner John Daly die Firma Hemdale und führte bei zahlreichen Filmen und Fernsehsendungen Regie, viele davon in den USA, darunter Episoden von The A-Team und Airwolf. Sein alter Freund, der Regisseur Ken Russell, lockte ihn mit einer ausgesuchten Nebenrolle in The Rainbow (Der Regenbogen, 1989) wieder vor die Kamera, wobei er nach und nach in so großen Produktionen wie Ridley Scotts Oscar-prämierten Gladiator (2000) und Martin Scorseses Oscar-nominierten Gangs of New York (2002) auftrat.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Hemmings‘ auffällig gutes Aussehen zu einem sehr zerklüfteten, korpulenten und fast nicht wiederzuerkennenden Etwas entwickelt, das besser für Charakterrollen geeignet war. Er feierte einen späten Triumph mit seiner Rolle als rüpelhafter Lenny in Fred Schepisis von der Kritik gefeierten Last Orders (Letzte Runde, 2001), unterlag aber leider einem Herzinfarkt, als er 2003 den Horrorfilm Blessed (Blessed – Kinder des Teufels) in Rumänien drehte; der Film wurde dann posthum im folgenden Jahr veröffentlicht. Hemmings legt eine enorme Chemie mit der Hauptdarstellerin Daria Nicolodi an den Tag, was die beiden vielleicht zum attraktivsten und glaubwürdigsten Paar in Argentos gesamter Filmografie macht. Nicolodi spielt großartig als die temperamentvolle und freimütige Gianna, was sich als ein bedeutender Moment in ihrer Karriere erweisen sollte. 1950 in Florenz geboren, etablierte sie sich als Theaterschauspielerin, bevor sie ihr Leinwanddebüt in Francesco Rosis Uomini contro (Bataillon der Verlorenen, 1970) gab. Danach ergatterte sie eine Hauptrolle in Elio Petris La proprietà non è più un furto (Property is No Longer a Theft, 1973), wo sie Argentos Aufmerksamkeit erregte. Nicolodi und Argento gingen während der Dreharbeiten eine lange, turbulente Beziehung ein.

Nicolodi und Argento arbeiteten dann etwas später gemeinsam am Drehbuch für Suspiria, in dem sie eine Hauptrolle spielen sollte. Vor den Dreharbeiten erlitt sie jedoch eine Verletzung, weswegen Stefania Casini ihre Rolle übernahm. Nicolodi trug auch zum Drehbuch für den mit Spannung erwarteten Suspiria Nachfolger, Inferno, bei, doch Argento ließ ihren Namen nicht in den Kredits erscheinen und belastete somit eine bereits komplizierte Beziehung noch mehr. Sie blieben bis 1985 zusammen, waren aber nie verheiratet; ihre Verbindung brachte eine Tochter hervor, Asia, die später zu einem weiteren wichtigen Bestandteil des Argento-Kinos werden sollte. Nicolodi würde eine harmonischere (wenn auch platonische) Beziehung mit Mario Bava genießen können, den sie als eine Art Vaterfigur betrachtete; während er es bestens verstand sie mit großer Wirkung in seinen letzten Werken Shock (1977) und La Venere d’Ille (zweite Folge der TV-Miniserie I giochi del diavolo, 1981) einzusetzen, zwei Filmen, die neben La proprietà non è più un furto und Deep Red ihre besten Leinwandarbeiten darstellen.

Nicolodi trat auch in Filmen von Luigi Cozzi (Paganini Horror – Der Blutgeiger von Venedig, 1989), Lamberto Bava (Le foto di Gioia / Das unheimliche Auge, 1987) und sogar in einem ihrer Tochter, dem halbautobiografischen Scarlet Diva (2000), auf. 1975 war Nicolodi neben Deep Red auch Top-Liner einer beliebten Miniserie für das italienische Fernsehen mit dem Titel Ritratto di donna velata; einige Referenzen führen die Miniserie als giallo auf, doch handelt es sich dabei eher um ein paranormales Suspense-Melodrama mit vielen gotischen Obertönen und fällt daher aus dem Rahmen des giallo-filones.

Zu den Nebendarstellern (die exzellente Vorstellungen abliefern) zählen Gabriele Lavia (der später seinen eigenen Grenzgänger-giallo, Sensi (Stripped to Die, 1986) inszenierte, zusätzlich zu seinen Auftritten in Argentos Inferno und Sleepless) als sexuell gequälter Carlo; Clara Calamai (Luchino Viscontis Ossessione / Ossessione – Von Liebe besessen, 1942) als Carlos senile Mutter; Macha Méril (Luis Buñuels Belle de Jour / Belle de jour- Schöne des Tages, 1967) als unglückselige Hellseherin; Glauco Mauri (Liliana Cavanis L’ospite / The Guest, 1971) als Marcus‘ Verbündeter Professor Giordani und die rothaarige Kinderschauspielerin Nicoletta Elmi (Chi l’ha vista morire? / The Child – Die Stadt wird zum Alptraum, 1971), die als sadistisches Kind, das mit Vorliebe Echsen quält, einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt. Deep Red bleibt ein Klassiker seiner Art, eine fantastische Verschmelzung von Stil und Substanz, die von vielen nachgeahmt wurde aber von Niemandem auch nur Ansatzweise erreicht werden konnte (darunter auch Argento selbst). Bei Deep Red handelt es sich zweifellos um einen der wichtigsten gialli und einen Eckpfeiler des italienischen Genrekinos.

Anmerkungen:
(1) Palmerini, Luca M. und Gaetano Mistretta, Spaghetti Nightmares Florida: Fantasma Books, 1996 (Seite 158).
(2+3) Palmerini, Luca M. und Gaetano Mistretta, Spaghetti Nightmares Florida: Fantasma Books, 1996 (Seite 159).
(4) Jones, Alan, Dario Argento: The Man, The Myths & The Magic Godalming: FAB Press, 2012 (Seite 65).

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  • Darsteller: David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Macha Méril, Eros Pagni
  • Regisseur(e): Dario Argento
  • Format: PAL, Breitbild
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: Ascot Elite Home Entertainment
  • Produktionsjahr: 1975
  • Spieldauer: 126 Minuten

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Goblin – Profondo Rosso – Full album – YouTube

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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