San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen / San Babila ore 20: un delitto inutile / San Babila: 8 P.M.

Die Piazza San Babila ist ein berüchtigter Treffpunkt für Mailands Neofaschisten. Gewalt gegen Kommunisten und Andersdenkende ist an der Tagesordnung und die Polizei sieht tatenlos zu. Alfredo, Fabrizio, Michele und Franco gehören zu den Engagiertesten von San Babila. Aufmärsche, faschistische Parolen und Hetze gegen „die Roten“ sind Ausdrücke ihrer Gesinnung. Doch der ganz große Coup ist dem infernalischen Quartett noch nicht gelungen. Das soll sich ändern: Ein einziger Tag wird zum Sinnbild ihrer radikalen Ideologie. Alles steuert unaufhaltsam auf eine blutige Katastrophe zu… (Camera Obscura)

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Mailand. Nach der Beerdigung eines alten faschistischen Hierarchen führen vier junge Neofaschisten – Michele (Giuliano Cesareo), Fabrizio und Franco (bürgerlicher Herkunft) sowie Alfredo (ein Südländer aus der Arbeiterklasse, gespielt von Pietro Giannuso) – einen Anschlag gegen eine linke Hochschule aus. Später, nach einem Zwischenstopp in einer Bar auf der Piazza San Babila – ihrer „Klause“ – suchen sie sich das Mädchen Lalla (Brigitte Skay) für Francos Entjungferung aus, doch der impotente Franco (Daniele Asti) vergewaltigt sie mit einem Gummiknüppel. Nachdem ein Korso von Streikenden vorbeigezogen ist, schlagen Fabrizio (Pietro Brambilla) und seine Gefährten einen zurückgelassenen Demonstranten zusammen. Dann platzieren sie eine Bombe im Hauptquartier einer Gewerkschaft, doch der Sprengkörper explodiert nicht (Franco fehlte der Mut, die Lunte zu zünden). Danach provoziert das Quartett einige Mitbürger auf einem Platz vor einem Sexshop, landet auf der Polizeiwache und wird aufgrund Erregung öffentlichen Ärgernisses (obszöner Handlungen) angeklagt. Allerdings werden sie sofort wieder freigelassen und kehren nach San Babila zurück. Dort erfährt Fabrizio von Francos Versagen mit Lalla sowie der Bombe und verlangt von ihm sich zu rehabilitieren, indem er einen Kommunisten tötet. Am späten Abend verfolgen die vier dann ein junges (politisch links gerichtetes) Pärchen, attackieren es, verletzen das Mädchen und erstechen den Jungen. Dieses Mal werden die vier Neofaschisten jedoch dank Lallas Aussage – die Fabrizios Messer entsorgen sollte – festgenommen.

Nach dem umstrittenen Storie di vita e malavita / Racket della prostituzione minorile (Straßenmädchen-Report, 1975) stellte Carlo Lizzanis nächster Film einen weiteren sogenannten „instant movie“ dar: San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen, der genauso wie Straßenmädchen-Report von Adelina Tattilo (die damalige Inhaberin des Erwachsenenmagazins Playmen) und Carlo Maietto produziert wurde. Der Term Sanbabilini war damals weit verbreitet, wobei es sich um einen abwertenden Begriff handelt, der von der Presse eingeführt wurde, um die rechtsextremen Jugendlichen benennen zu können, die sich früher auf dem San Babila Platz im Zentrum Mailands trafen und aufhielten. Mit seiner faschistischen Architektur aus den 30er Jahren und einer hohen Besucherdichte aus der Oberschicht, erwies sich San Babila Mitte der 70er Jahre als ein geeignetes Umfeld für das Wiederaufleben des Neofaschismus, wobei die Sanbabilini immer wieder für negative Schlagzeilen in Mailänder Zeitungen sorgten. Eine dieser Negativschlagzeilen kann als Inspiration für die Geschichte angesehen werden, die Lizzani mit seinem Assistenten Mino Giarda (unter Beteiligung von Ugo Pirro) verfasst hat: Am 25. Mai 1973 wurde ein junger Student, Alberto Brasili, von fünf Neofaschisten angegriffen und in einer Gasse nahe San Babilas erstochen, während er mit seiner Freundin spazieren ging. Brasili soll ein Plakat der rechtsextremen italienischen Partei MSI zerrissen haben (siehe Audiokommentar der Camera Obscura Edition mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger und Dr. Kai Naumann).

Lizzanis Film folgt den vier jungen Faschisten im Laufe eines Tages, der mit dem brutalen Mord eines jungen Mannes seinen Höhepunkt findet. Bereits in den ersten Szenen wird die didaktische Absicht des Regisseurs deutlich, wobei San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen wie eine verfilmte soziologische Abhandlung rüberkommt. Von den vier Neofaschisten ist Alfredo (Pietro Giannuso) der einzige, der der Arbeiterklasse angehört. Er ist auch derjenige, der sich immer arroganter und übermütiger verhält, nachdem er einen Politiker kennengelernt hat, der junge Männer an einem Schießstand anwirbt, um sie gewalttätige Propagandaaktionen ausführen zu lassen. Hier spielt Lizzani auf die Verbindung zwischen den gewaltbereiten Jugendlichen (die schwarze Ledermäntel, keltische Kreuze und verspiegelte Sonnenbrillen tragen, so als würde es sich dabei um eine Art Uniform handeln) und der außerparlamentarischen extremen Rechten an – eine Verbindung, die zu vielen Gewalttaten und möglicherweise zu noch immer ungelösten Massenmorden geführt hat, wie dem Bombenattentat am Bahnhof von Bologna vom 2. August 1980, bei dem 85 Menschen getötet und über 200 verletzt worden sind. Und das alles unter den selbstgefälligen Augen der Behörden. Der Regisseur zeigt die Polizei oftmals in enormer Passivität, wobei die Polizisten das Draufgängertum der Neofaschisten zwar beobachten, aufgrund von Befehlen ihrer Vorgesetzten jedoch nicht eingreifen. Außerdem scheint Fabrizio (Pietro Brambilla) ein Polizeiinformant zu sein. Erst als Franco (Daniele Asti) und seine Freunde diversen Passanten mit gestohlenen Erotikspielzeugen (aus einem nahe gelegenen Sexshop) obszöne Streiche spielen, greift das Gesetz ein. Im Ballett der politischen Gleichgewichte gelten nur die öffentliche Moral sowie der Anstand als durch die Obrigkeit schützenswert.

Die Episode unterstreicht nicht nur die politischen Verbindungen, die es den vier Protagonisten ermöglichen, schnell wieder freigelassen zu werden, sondern betont auch einen der umstrittensten Aspekte des Films: Lizzanis Parallelität zwischen sexueller Unzufriedenheit (oder Impotenz) und Gewalttaten, die viele Kritiker nach der Veröffentlichung des Films bemerkten (und kritisierten). Zu Beginn des Streifens wählen Alfredos Freunde eine schusselige Blondine (Brigitte Skay) für Francos Entjungferung aus und nehmen sie deswegen mit in den Laden, in dem Alfredo als Angestellter arbeitet. Nachdem er erfolglos versucht hat, mit ihr zu schlafen, verliert Franco die Kontrolle und vergewaltigt das Mädchen mit einem Gummiknüppel. Danach droht er, sie aufzuschlitzen, wenn sie seinen Freunden verrät, was passiert ist. Später wird Franco angewiesen, eine Sprengladung im Hauptquartier einer Gewerkschaft zu platzieren, wobei es ihm jedoch nicht gelingt die Lunte zu zünden, weswegen die Bombe letztendlich gar nicht explodiert. Dabei handelt es sich um eine weitere unterbrochene sowie „entmannende“ Handlung, die dazu dient, die Unentschlossenheit des jungen Mannes aufzuzeigen. Die starke Betonung auf umständliche Symbole ist nicht der einzige Fehler, den San Babila begeht, denn Lizzani schwelgt recht oft in pedantischen Exzessen: Die Szene, in der der reiche Michele (Giuliano Cesareo) mit seinen verbitterten, hasserfüllten und entfremdeten Eltern in ihrer luxuriösen Villa zu Mittag isst, repräsentiert ein ziemlich gutes Beispiel dafür. Andere Kritiker legten Lizzani mehrere übermäßig spektakuläre Veranschaulichungen zur Last – wie die Sequenz, in der die neofaschistischen Sanbabilini im Stechschritt über einen vom Verkehr stark frequentierten Platz marschieren – die trotz ihres ausgedehnten evokativen Expressionismus als unglaubwürdig verworfen und im krassen Gegensatz zum halbdokumentarischen Rahmen des Films abgetan wurden.

Wie bei Straßenmädchen-Report verfolgte Lizzani auch hier ein Gefühl von wahrem bzw. echtem Kino. Er drehte den Film an genau denselben Orten, an denen reale politische Kämpfe stattfanden (nicht nur auf dem San Babila Platz, sondern auch an der linksgerichteten Beccaria-Hochschule und der Gewerkschaftszentrale in Sesto, wo Franco versagt die Bombe zu zünden). Die politischen Demonstrationen wurden gefilmt, als ob sie wirklich gerade stattfinden würden, mit versteckter Kamera in einem Transporter: Viele Menschen schlossen sich spontan den Schauspielern und Komparsen an, worauf echte Raufereien folgten. Piergiorgio Pozzis Handkamera fängt oftmals die spontanen Reaktionen der Passanten ein, während die raue Kinematografie die Missetaten des Quartetts mit lakonischer Distanz observiert. Erst in den Schlusssequenzen nimmt die Kamera einen moralischen Standpunkt ein und distanziert sich vom Schrecken dessen, was im Titel „Ein sinnloses Verbrechen“ genannt wird. Wie bei Lizzanis vorherigem Film sind die Hauptdarsteller praktisch unbekannt, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Neben Brigitte Skay, deren Ruhm als Sex-Sternchen nur wenige Jahre nach Bruno Corbuccis Isabella, duchessa dei diavoli (Isabella – Mit blanker Brust und spitzem Degen, 1968) und Mario Bavas Ecologia del delitto (Im Blutrausch des Satans, 1971) rapide abnahm, ist das einzige andere relativ bekannte Gesicht (für Filmfans) das von Pietro Brambilla, der den zurückgebliebenen Messdiener Lidio in Pupi Avatis gotischem Meisterwerk La casa dalle finestre che ridono (Das Haus der lachenden Fenster, 1976) spielte. San Babila, 20 Uhr: Ein sinnloses Verbrechen wurde kurz vor einem weiteren Gewaltverbrechen veröffentlicht, bei dem es sich auch um die Sanbabilini drehte: die Entführung und Ermordung der sechzehnjährigen Olga Julia Canzoni Sforza durch zwei junge Neofaschisten. Der Film schnitt an den italienischen Kinokassen mit einem Einspielergebnis von 594 Millionen Lire nur einigermaßen gut ab und spielte somit auch nur halb so viel wie Straßenmädchen-Report ein.

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  • Alterseinstufung:‎ Unbekannt
  • Regisseur:‎ Carlo Lizzani
  • Medienformat:‎ Blu-ray / DVD
  • Laufzeit: 101 Minuten
  • Darsteller:‎ Brigitte Skay, Daniele Asti, Giuliano Cesareo, Pietro Brambilla, Pietro Giannuso
  • Sprache: Italienisch
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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