Schizophren / The Love Butcher

Caleb, ein Gärtner, ist nicht gerade das, was man einen gutaussehenden, intelligenten Mann nennt, er ist nämlich eher tollpatschig und geistig behindert. Von seinen Auftraggebern, zumeist attraktiven Frauen, wird er nur herumkommandiert und gehänselt. Deshalb schlüpft Caleb in sein Alter Ego ‚Lester‘, der sich als Macho an die Frauen heranmacht und diese nach dem Liebesspiel umbringt.

In Schizophren werden grauenhafte Morde an jungen schönen nackten Frauen dargestellt. Es handelt sich dabei um einen seltenen Slasher-Vorläufer mit extrem niedrigem Budget, der ein Jahr nach Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (Blutgericht in Texas) und Bob Clarks Black Christmas (Jessy – Die Treppe in den Tod) sowie drei Jahre vor John Carpenters Halloween (Halloween – Die Nacht des Grauens) auf den Grindhouse– und Drive-In-Rennstrecken veröffentlicht. 1982 bekam der Streifen eine etwas erweiterte Veröffentlichung spendiert, um vom damals gerade boomenden Sub-Genre zu profitieren, das 1980 mit Sean C. Cunninghams blutigem Freitag, der 13. seinen Anfang fand. Obwohl der Film im Jahr 1975 seiner Zeit voraus war, verirrte er sich (aufgrund seiner begrenzten Verbreitung und trotz seiner geringeren limitierten Neuveröffentlichung Anfang der 80er Jahre) im roten Meer aller Slasher-Flicks, die jedes Wochenende veröffentlicht wurden. Leider blieb der Streifen dadurch weitgehend unbemerkt, wodurch jedem einflussreichen Potenzial, das er gehabt haben könnte, ein Dämpfer versetzt wurde.

Die Ungleichmäßigkeit des Films repräsentiert zwar einen weiteren Nachteil, der verhindert, dass er in die gleiche Liga wie die oben genannten einflussreichen Titel eingestuft wird, doch insgesamt handelt es sich um mächtig „trashiges“ Kino. Don Jones, der wohl am ehesten für seinen schrecklichen Slasher The Forest von 1982 bekannt sein dürfte, führte gemeinsam mit Mikel Angel Regie, der auch am Drehbuch dieser Psycho-artigen schizoiden psychologischen Charakterstudie mitgeschrieben hat, die immens schäbig und äußerst verstörend in einer unangenehmen Atmosphäre eingekapselt ist. Es gibt zwar nur wenig Blutvergießen und noch weniger weibliche Nacktheit zu bestaunen, doch das macht den Flick zu keinem weniger effektiven Stück Exploitation-Kino, das einige herausragende Sequenzen und eine intensive Powerhouse-Vorstellung seines Stars, Erik Stern, in einer Doppelrolle als verrückter Caleb / Lester zu bieten hat.

Eine Reihe bizarrer und brutaler Morde an jungen attraktiven Hausfrauen, bei denen Gartengeräte zum Einsatz gekommen sind, versetzt eine gehobene Vorstadtgegend in Angst und Schrecken. Ein verkrüppelter Gärtner mit dicken Brillengläsern namens Caleb erledigt seine täglichen Aufgaben und kümmert sich um die Gärten der weiblichen Anwohner, die ihn verbal misshandeln. Am Ende des Tages kehrt er in seine schmutzige kleine Wohnung zurück und spricht mit seinem Bruder Lester. Das Ding dabei ist, dass Lester nicht so ist, wie er erscheint und Caleb auch nicht – Lester verkörpert nämlich Calebs höfliches und gutaussehendes, jedoch hochgradig psychotisches Alter Ego. Wird Caleb zu arg gekränkt, verwandelt er sich in Lester (wofür er eine Vielzahl von Verkleidungen verwendet), um die Frauen zu bestrafen, die ihn schlecht behandelt haben. Mittlerweile ist er davon überzeugt, dass alle Frauen abgrundtief böse sind.

Der Film hat einen zutiefst frauenfeindlichen Ton. Die Autoren Angel und James M. Tanenbaum porträtieren die weiblichen Opfer als grausame Luder, für die man nur sehr schwierig Sympathie empfinden kann. Es ist möglich, dass dies ihre Absicht gewesen sein könnte, um das Publikum dazu zu bringen mit dem unglückseligen Caleb zu fühlen (der ein leichtes Ziel für den Spott der Frauen darstellt), wenn er sich als Lester rächt, obwohl die schockierendste Mordszene für die einzige sympathische weibliche Figur des Films reserviert wurde. Wenn Caleb als sein Rächer Alter Ego Lester zurückkehrt, um die schrecklich hochnäsigen blöden Kühe zu töten, die dem harmlosen Gärtner Unrecht getan haben, hasst Lester (der ein genaues Gegenteil seiner anderen Persönlichkeit darstellt – ein Alpha-Männchen) Frauen im Allgemeinen. Der Mord an der einzigen sympathischen Frau geschieht aus Eifersucht, da sie Caleb gegenüber freundlich gewesen ist und beide Persönlichkeiten aufgrund einer Geschwisterrivalität im Widerspruch zueinander stehen. Lesters Hass auf Frauen rührt von einem Kindheitstrauma in Bezug auf seine Mutter her, während er sich als eine göttliche Figur der Männlichkeit sieht, die von Frauen verehrt werden sollte.

In einer Szene, kurz nachdem Lester eine Frau in ihrem Haus verführt hat, taucht an der Haustür ein bibelanpreisendes Ärgernis auf, das ihr predigt ihre „unsterbliche Seele sei in Gefahr“. Kommentarlos schließt sie die Tür, im Subtext der Szene lehnt sie damit jedoch seine Hilfe ab, da sie anschließend von Lester brutal ermordet wird. Bevor Carpenter in Halloween promiskuitiven Sex zur Sünde machen würde, was zu einem wichtigen Merkmal des Slasher-Subgenres werden sollte, sehen wir ihn hier bereits drei Jahre vorher. Stern versprüht eine Menge an Charisma und gibt mit manischer Energie eine unvergessliche Vorstellung ab. Das Publikum empfindet Mitleid und Sympathie für den armen Caleb, hat allerdings Angst vor dem bedrohlichen und gnadenlosen Lester. Die Art und Weise wie Erik Stern diese Transformation rüberbringt, ist als genauso erstaunlich, wie überzeugend zu bezeichnen. Seine Monologe mit ach so übertriebenem, wahnsinnigem Dialog (während seine beiden Persönlichkeiten sich unterhalten, wenn sie alleine sind), repräsentiert pechschwarze Komödie, wobei sich der Flashback des Charakters am Ende, der den Ursprung seines Wahnsinns darstellt, wirklich herzzerreißend gestaltet.

Die restlichen schauspielerischen Leistungen entpuppen sich jedoch genau als das, was man von einer Low-Budget-Produktion dieser Art erwarten kann. Der Dialog, den die Nebenbesetzung als exzentrische Charaktere führt, ist als verrückt sowie oft klobig und lachhaft zu beschreiben, während die vom Hauptdarsteller gesprochenen Zeilen im Vergleich eher natürlich wirken. Die Versuche etwas Humor einfließen zu lassen, bringen den Ton des Films aus dem Gleichgewicht und ruinieren zuweilen den ansonsten rücksichtslosen und unsympathischen Ansatz. Der dunkle Humor, den man aus den Gesprächen zwischen Caleb und Lester heraushören kann, ergänzt deren schizophrenen Wahnsinn allerdings hervorragend. Szenen romantischer Unbeschwertheit zwischen einem Paar dienen den Zuschauern als Puffer. Durch diese Platzierung in der Komfortzone wirkt der spätere Auftritt der beiden in zwei fiesen, beunruhigenden Sequenzen jedoch umso tragischer. Die Polizisten, die den Fall untersuchen, gehören zu den dümmsten, die jemals auf Zelluloid gebannt wurden. In Bezug auf Verbrechensaufklärung erweisen sie sich wirklich als total verwirrt und ratlos, obwohl alles so dermaßen offensichtlich ist, sodass es einem direkt ins Gesicht springt. Die Nebenbesetzung umfasst den reizenden Robin Sherwood aus dem obskuren Klassiker Tourist Trap – Die Touristenfalle von 1979 und der besten Death Wish (Ein Mann sieht rot, 1974) Fortsetzung Death Wish II (Der Mann ohne Gnade – Death Wish II, 1982). Das grobe Dekor der Vorstadthäuser wurde komplett vor Ort gedreht und erinnert das Publikum daran, warum die 70er Jahre als das Jahrzehnt des vergessenen Geschmacks bezeichnet werden.

Aufgrund seiner Unzulänglichkeiten wird The Love Butcher niemals im gleichen Atemzug mit den einflussreichen Genreklassikern (die den Grundstein für modernen Horror gelegt haben) des Goldenen Zeitalters des 70er Jahre Kinos genannt werden. Trotz dieser Fehler und mit all seinen Unebenheiten gelingt es dem Streifen dennoch ein verrückt unterhaltsames, solides Stück „Trash“-Kino zu sein. Sollte man nach einem ungezogen exploitativen Spaß suchen, dann ist dieses schmutziges Juwel (aus o.g. Gründen) es wert aus der Vergessenheit herausgerissen zu werden. Dieser wenig gesehene, verdorbene und schrullige Slasher-Prototyp soll Feinschmeckern des Subgenres wärmstens empfohlen sein.

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  • Darsteller: Roger Gentry, Robin Sherwood, Eric Stern, Kay Near, Jeremiah Beecher
  • Regisseur(e): Mikel Angel
  • Format: PAL, Breitbild, Dolby
  • Sprache: Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Region: Region 2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Produktionsjahr: 1975

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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