Schön, nackt und liebestoll / Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile

Ein eiskalter Mörder geht um. Wieder und wieder sterben junge willige Ehefrauen aus der High Society eines bestialischen Todes, weil sie vor der Sinnentleertheit ihrer luxuriösen Existenz in die starken Arme eines Liebhabers flüchten. Ein Fehler, der sie teuer zu stehen kommt, denn der Wahnsinnige, der im Schatten der Nacht lauert, ist Richter und Henker zugleich: Am Tatort hinterlässt das Monster als scheußliches Signum seiner Tat einen Fotobeweis der unkeuschen Zweisamkeit. Ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei nimmt seinen Lauf und die atemlose Hetzjagd nach dem Killer wird Kommissar Capuana an die Grenzen seines Verstandes führen. (Camera Obscura)

Dem Giallo wird wie dem Slasher-Film manchmal eine konservative Denkweise vorgeworfen. Es ist ein wohlbekanntes Klischee, dass die jungen Frauen, die in diesen Filmen Sex haben, dazu neigen, ermordet zu werden. Doch während dies oft eine automatische Reaktion ist, die von den Filmen selbst nicht vollständig unterstützt wird, taucht ab und zu ein Giallo– oder Slasher-Film auf, der wirklich zum Profil passt. Bei Schön, nackt und liebestoll handelt es sich um einen solchen Film. Das Szenario basiert auf der Idee, dass Frauen für die Untreue ihren Ehemännern gegenüber bestraft werden. Eine Doppelmoral entsteht, wenn gezeigt wird, dass die männlichen Charaktere auch herumhuren aber niemals auf irgendeine Art von Vergeltung stoßen. Im altmodischen, ultra-konservativen Milieu des Films sollen die Männer auch Männer sein – aber die Frauen sind herzlose Schlampen, die für ihre Handlungen bezahlen müssen. Der Film zeigt eine ähnlich bigotte Haltung gegenüber seinen schwulen peripheren Charakteren, die alle als räuberische Sissy-Typen dargestellt werden.

Zwar wurden in den Filmen von Dario Argento auch schwule Stereotypen für Comic-Effekte verwendet, doch seine Gialli zeigten nie ein Gefühl der Verachtung oder Abneigung gegen ihre schwulen Charaktere. In der Tat wird der Charakter des verwirrten Ex-Liebhabers, der von Umberto Raho in Il gatto a nove code (Die neunschwänzige Katze, 1971) gespielt wird, als ein eher tragischer und sympathischer Kerl dargestellt, während der enorm schwule Privatdetektiv, gespielt von Jean-Pierre Marielle in 4 mosche di velluto grigio (Vier Fliegen auf grauem Samt, 1971) mit Abstand der sympathischste und positivste Charakter im allgemein trostlosen Universum dieses Films ist. In Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile kommt kein solches Mitgefühl zum Ausdruck, obwohl es sein könnte, dass diese verschiedenen Elemente einfach ziellos aufgenommen wurden, ohne wirklich die Absicht zu haben, eine bestimmte moralische Haltung einzunehmen. Die außerehelichen Angelegenheiten werden offen verurteilt, doch das hindert Regisseur Roberto Bianchi Montero nicht daran, sie auf eine schillernde Art und Weise darzustellen.

Die verschiedenen Opfer ziehen sich fast alle mindestens einmal aus, bevor sie „entsorgt“ werden. Dies geschieht zwar alles im Geiste einer guten, altmodischen Exploitation, aber der predigende Ton des Films trübt den Genuss etwas. Monteros Regie präsentiert sich größtenteils flach und funktional. Dialogszenen ziehen sich endlos hin, doch während der verschiedenen fleischlichen Begegnungen beleben sich die Dinge ein wenig. Im Gegensatz dazu präsentieren sich die murder set-pieces etwas ungeschickt, wobei ihnen das Gespür fürs Detail fehlt, das man in anderen Gialli dieser Zeit von Dario Argento, Mario Bava oder sogar Umberto Lenzi finden kann. Die Produktionswerte gestalten sich respektabel genug, wobei Giorgio Gaslinis Musik zu den besten Scores des filone zu zählen ist, dem es doch tatsächlich gelingt den Film etwas aufzuwerten. Der überwiegende Eindruck ist jedoch der von mildem Mittelmaß; der Streifen erreicht nie die wahnsinnigen Höhen der besten Thriller der Zeit, noch erliegt er der völligen Unfähigkeit des Schlimmsten, was das „Genre“ zu bieten hat.

Hauptdarsteller Farley Granger veredelt den Film mit einer guten Leistung in der Rolle des Inspektor Capuana. Was der homosexuelle Granger vom konservativen Ton des Films gehalten haben mag, kann nur vermutet werden, doch er hat sicherlich nicht zugelassen, dass eine Abneigung gegen das Projekt seine Leistung spürbar beeinflusst. Er nähert sich dem Material wie ein Profi und scheint sogar ein wenig Spaß mit der äußerst komplizierten moralischen Einstellung des Charakters zu haben. Die Nebenbesetzung umfasst Genre-Veteranen wie Silvano Tranquilli (La tarantola dal ventre nero, 1971) und Chris Avram (L’assassino ha riservato nove poltrone, 1971), während der zuverlässig gruselige Luciano Rossi (La morte accarezza a mezzanotte, 1972) einen Leichenschauhausbegleiter mit nekrophilen Neigungen spielt. Die verschiedenen tatsächlichen sowie beabsichtigten Opfer werden von einer Schar von Schönheiten gespielt, die Genre-Fans bekannt sein dürften: Sylva Koscina (Sette scialli di seta gialla, 1972) spielt so gut, wie es das Material für die treulose Frau des Inspektors zulässt; Femi Benussi (Il rosso segno della follia, 1970) darf sich ausziehen, hat aber ansonsten nicht viel zu tun; Nieves Navarro (La morte cammina con i tacchi alti, 1972) bringt rohe Sexualität in ihre Rolle ein und Krista Nell (Kitosch – Der Mann, der aus dem Norden kam, 1967) ist ebenfalls mit von der Partie, hat allerdings auch wenig zu tun, außer die dekorative Anziehungskraft des Films zu erhöhen.

All diese Schauspielerinnen hatten es besser verdient, als in solchen eindimensionalen Rollen besetzt zu werden, aber was soll man machen … Regisseur Roberto Bianchi Montero wurde 1907 geboren, begann Ende der 30er Jahre als Regieassistent und gab dann 1943 sein Regiedebüt. Als DIE Definition des kompetenten Gesellen wanderte er von Genre zu Genre, ohne jemals einen größeren Eindruck zu hinterlassen. Er drehte „Mondo“ -Dokumentationen (Africa Sexy, 1963), Italo-Western (Stinkende Dollar, 1967), Kriegsfilme (Todeskommando Tobruk, 1969) und sogar einige Hardcore-Sex-Titel (Caligulas Hot Nights, 1977). Apropos Hardcore, es sollte angemerkt werden, dass So Sweet, So Dead in den USA später unter dem Titel Penetration überarbeitet und verkauft wurde, mit Hardcore-Inserts, die nicht von Montero gedreht wurden und XXX-Alumni wie Harry Reems und Tina Russell enthalten. Allerdings wurde diese Version inzwischen zurückgezogen. Montero ging Anfang der 80er Jahre in den Ruhestand und starb 1986. Sein Sohn Mario Bianchi wurde selbst auch Regisseur; er war für die Italo-Western-Giallo-Hybriden Hai sbagliato… dovevi uccidermi subito! (Kill the Poker Player, 1972) und In nome del padre, del figlio e della Colt (The Masked Thief, 1973) sowie für verschiedene Hardcore-Pornofilme verantwortlich. Letztendlich stellt Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile einen eher mittelmäßigen Beitrag zum filone dar, ist aber bestens besetzt und versteht es trotz aller Dialog Lastigkeit gut zu unterhalten. Wie bereits erwähnt hat Giorgio Gaslini eine hervorragende Filmmusik beigesteuert, die ich zu meinen ganz persönlichen Lieblingen des „Genres“ zähle.

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  • Region: Region 2
  • Anzahl Disks: 1
  • Produktionsjahr: 1972

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 6. Juli 2020

    […] darunter Roberto Bianchi Monteros Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (Schön, nackt und liebestoll, 1972), Alfredo Rizzos La sanguisuga conduce la danza (The Bloodsucker Leads the Dance) und vor […]

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