Schrei, wenn der Tingler kommt – The Tingler

Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

Der New Yorker Arzt Dr. Chapin macht eine bahnbrechende Entdeckung: Er findet heraus, dass in Situationen größter Angst an der Wirbelsäule des Menschen ein Parasit wächst, der das Rückgrat seines Wirtes zerstört, wird er nicht durch einen markerschütternden Angstschrei getötet. Chapin will das Wesen, dem er den Namen „Tingler“ gegeben hat, nach einem waghalsigen Selbstversuch separieren, um seine Entdeckung zu beweisen. Doch wie kann er den Tingler aus einem Wirtskörper entfernen, wenn der Patient dabei sein Leben verlieren könnte? Da kommt ihm die stumme Frau eines Bekannten gerade recht, denn sie ist außerstande zu schreien. So reift in Dr. Chapin ein skrupelloser Plan, dessen Ausführung ungeahnte Folgen hat. (Anolis Entertainment)

Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

William Castle, der Regisseur von Schrei, wenn der Tingler kommt, war viele Jahre lang eine Art Regisseur-Geselle in Hollywood. Er inszenierte Serienfilme wie Voice of the Whistler (1945) und The Crime Doctor‘s Warning (1945) sowie viele sogenannte B-Filme (Kokain aka Johnny Stool Pigeon, 1949), Independent Filme, 3D-Filme wie Fort Ti (1953) und in den fünfziger Jahren, neben Schwert-und-Sandalen Mini-Epen wie Slaves of Babylon (1953) auch viele Westerns wie zum Beispiel Legt ihn um! (Jesse James vs. The Daltons, 1954) und Verdammt ohne Gnade (The Law vs. Billy the Kid, 1954). Doch schon früh hatte Castle ebenfalls einiges Gespür für Thriller gezeigt: Sein Heirate niemals einen Fremden (When Strangers Marry) aus dem Jahr 1944 galt als das Modell eines Low-Budget-Krimis. Außerdem beschäftigte er sich gleichzeitig mit Exploitation-Streifen; schrieb und inszenierte It’s a Small World (1959), der von den Schwierigkeiten eines Liliputaners in einer Welt voller größerer Menschen handelt. In den späten 1950er Jahren änderten sich die Dinge für Castle allerdings. Mit Macabre (1958) sprang er auf den Horrorfilm-Zug auf, einem mittelmäßigen Reißer, der nicht viele Leute erschrecken konnte. Trotzdem ließ Castle raffinierter weise das gesamte Publikum gegen Tod durch Schrecken bei Lloyd’s in London versichern; sodass man durch den Besuch des Films eben automatisch versichert war. Selbstverständlich verstarb Niemand aber die Versicherungs-Spielerei macht Macabre zu einem echten Hit. William Schloss (so wie er wirklich hieß; ließ seinen Namen irgendwann ändern) wähnte sich die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und wandte ab sofort alle seine Energien dem Horrorfilm zu. Sein nächster Streifen Das Haus auf dem Geisterhügel (House on Haunted Hill, 1959) geriet deutlich besser als Macabre, was in hohem Maße mit der Beteiligung von Vincent Price zusammenhing. Zusätzlich ließ sich der gerissene Filmemacher hier eine interessantere Spielerei einfallen: In größeren Städten schwebte gelegentlich ein großes aufgeblasenes Plastikskelett über die Köpfe des Publikums hinweg. Schloss setzte seine Arbeit mit diesen sogenannten Gimmicks fort; ob nun Emergo vom Geisterhügel oder Percepto von The Tingler die Krönung seiner diesbezüglichen Arbeit war, muss jeder selbst entscheiden. Percepto ist in der Regel immer falsch beschrieben bzw. erklärt worden, sogar in Castle‘s Autobiographie, die wahrscheinlich „geister-geschrieben“ wurde. Obwohl die meisten Quellen angeben ausgewähltes Publikum wäre mit leichten elektrischen Schlägen geschockt worden, so surrten tatsächlich vom Krieg übriggebliebene, kleine Motoren an der Unterseite einiger Sitze, wodurch sie unerwartete Vibrationen verursachten. Auch dieses Gimmick kam nur in den großen Städten zum Einsatz.

Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

Natürlich wird Percepto bei dieser Veröffentlichung nicht mitgeliefert, man braucht diese Spielerei jedoch auch gar nicht, denn The Tingler wartet mit noch einem weiteren bedeutenden Gimmick (im Film) auf: Als die taubstumme Frau in das Badezimmer taumelt, von diversen bizarren Ereignissen in der Wohnung erschreckt und dorthin getrieben, läuft rotes Blut (der Rest ist selbstverständlich schwarz/weiß) aus den Wasserhähnen ins Waschbecken. Die Badewanne ist sogar nicht nur mit leuchtend rotem Blut gefüllt, sondern zusätzlich greift auch noch ein Arm aus der geronnenen Sauerei heraus, was die arme Frau zu Tode erschreckt bzw. bei ihr den Tingler zum Einsatz kommen lässt. Hört sich heutzutage vielleicht etwas lächerlich an, erzielte damals allerdings eine erstaunliche Wirkung in den Kinos und das Ganze funktioniert genauso gut auf dieser BluRay bzw. DVD. Die Geschichte von Schrei, wenn der Tingler kommt ist sogar für die Verhältnisse von Castle und seinem gelegentlichen Schreiberling Robb White besonders absurd. Gerichtsmediziner Vincent Price erforscht die Auswirkungen von Angst auf den menschlichen Körper, indem er sich die Frage stellt, was das Kribbeln verursacht, das die Menschen fühlen, wenn sie wirklich große und starke Angst empfinden. Er kommt schnell zu dem Schluss, dass es ein lebendes Wesen, ein Kakerlaken artig segmentierter Käfer sein muss, der bei starken Angstgefühlen schnell wächst und beginnt die Wirbelsäule zu zerquetschen. Nur ein menschlicher Schrei kann den „Schmarotzer“ auf seine normale, nahezu mikroskopische Größe reduzieren. Diese lächerliche Idee wird mit Ernst – na ja, relativem Ernst präsentiert; es ist ein Wunder, wie die Besetzung es geschafft hat durch die Szenen zukommen, ohne in Anfällen von albernem Kichern zu kollabieren.

Dr. Chapin versucht seinen eigenen Tingler zu aktivieren, indem er sich LSD spritzt – der erste Film überhaupt, der die Droge erwähnt, die damals noch nicht illegal war. Castle stellt die Auswirkungen der Säure nur mit einem Wackeln der Kamera dar, doch Vincent Price wirkt eindrucksvoll erschrocken (evtl. etwas zu theatralisch), um genau im letzten Moment zu schreien und somit den Tingler auszuschalten. Verdammt, noch kommt kein Tingler zum Vorschein. Als dann aber die geldgierige, stumme Frau (Judith Evelyn), deren Mann ihr Stummfilmtheater betreibt (das Wort „gekünstelt“ mag hier in den Sinn kommen) den oben beschriebenen Terror durchlebt und tot auf dem Boden zusammenbricht, da sie nicht schreien kann, wird der leblose Körper von ihrem Mann (Phillip Coolidge) zu Dr. Chapin gebracht, der ihr den Tingler nun entfernen kann. Chapins Frau versucht in der Folgezeit den Doktor mit Hilfe des Tinglers umzubringen (und entkommt straffrei?!), doch der schreit in letzter Sekunde, weswegen er überlebt. Daraufhin bringt Chapin das Hummer artige Viech zurück zum Stummfilmtheater, wo es dem Biest gelingt sich zu befreien und in den Kinosaal zu entkommen. Und genau an dieser Stelle kommt Percepto ins Spiel.

Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

Die BluRay-/DVD-Combo dieses zeitlosen Klassikers ist von hervorragender Bild- und Tonqualität (nur bei den Audiokommentaren kommt es so vor, als würde der Ton ein klein wenig „unstabil“ sein; deutsche und englische Spur sowie deutsche und englische Untertitel sind anwählbar) und enthält auch die isolierte Sequenz, in der der Film geschwärzt wird und Prices Stimme das Publikum animiert um ihr Leben zu schreien, weil der Tingler im Kino unterwegs ist! Aaaaaah! Sogar der Soundclip, den Schloss für Drive-In-Cinemas anfertigte, ist enthalten. Auch der nüchterne, ernsthafte Trailer zum Film ist in der englischen und deutschen Version anwählbar, sowie eine Bildergalerie. Ein Highlight der Combo ist die recht lustige, gut produzierte, kleine Dokumentation über den Film „Scream For Your Live“, wo Co-Star Darryl Hickman in einem Interview nicht aufhören kann über die Erfahrungen während des Drehs zu lachen. Horrorfilm-Experte und Sammler Bob Burns spricht darüber, wie er Castle half für den Film zu werben, während David J. Skal ebenfalls einige Kommentare hinzufügt. Lucy Chase Williams, die das respektable Buch Die Filme von Vincent Price geschrieben hat, wird ebenfalls befragt. Die Dokumentation ist sehr gut aber es ist „The Tingler“ selbst, der diese Veröffentlichung so unterhaltsam macht. Der Film geht „nur“ in Ordnung, doch Vincent Price ist super (obwohl keine der Bemühungen ihn wie einen Bösewicht zu porträtieren erfolgreich sind) und der Plot selbst bildet eine herrlich einzigartige Absurdität. Wie von Anolis bereits gewohnt sind die weiteren Extras wieder einmal sehr interessant und informativ ausgefallen, nämlich die beiden Audiokommentare von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad sowie Ingo Strecker und Robert Zion. Bleiben noch die Deutsche Kinofassung und das 20-seitige Booklet geschrieben von Dr. Rolf Giesen zu erwähnen, das auch, wie immer, prima zu lesen ist. An ein Wendecover wurde ebenfalls gedacht. Für Fans und Sammler der Reihe ist die Nummer drei natürlich unverzichtbar, wobei auch jeder Freund von Filmkuriositäten einen Blick riskieren sollte/muss.

Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

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Schrei, wenn der Tingler kommt - The Tingler

  • Darsteller: Vincent Price, Judith Evelyn, Darryl Hickman, Patricia Cutts, Pamela Lincoln
  • Regisseur(e): William Castle
  • Sprache: Deutsch (DTS 2.0 Mono), Englisch (DTS 2.0 Mono)
  • Untertitel: Deutsch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1959

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Dieses Exemplar sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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