Serpico

Für den jungen Serpico ist die Arbeit als Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung. Als er in New York seinen Dienst antritt, wird ihm jedoch schnell bewusst, dass kaum ein Kollege seinen Idealismus teilt. Weil er Schmiergelder konsequent ablehnt, gilt Serpico im korrupten Polizeiapparat bald als Verräter. Um seinem Gerechtigkeitssinn treu zu bleiben, nimmt er den langwierigen Kampf mit dem System auf. (Studiocanal)

Frank Serpico (Al Pacino) wurde ins Gesicht geschossen und wird lieber in einem Streifenwagen, als in einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht, weil es in dieser bestimmten Situation ganz einfach sicherer ist. Als er aus dem Auto in den Operationssaal gebracht wird, ist er kaum bei Bewusstsein und lebhafte Erinnerungen an seine Zeit bei der Polizei schwimmen an die Oberfläche seines Geistes: die Absolvierung der Polizeischule, sein erster Einsatz als Streifenpolizist und wie er und seine Familie sich darüber freuen, dass er in das gleiche Geschäft einsteigt, in dem sich sein Vater und sein Onkel hervorgetan haben. Doch schnell stellt sich heraus, dass er keinen durchschnittlichen Polizisten repräsentiert, da er sich als weitaus gesetzestreuer erweist, als die meisten seiner Kollegen und nicht wie diese Bestechungsgelder annimmt.

Während sich der über zwei Stunden lange Film entfaltet, eskaliert die ganze Angelegenheit letztendlich immer mehr, bis Serpico unter unglücklichen Umständen angeschossen wird. Doch als er vor einem Ausschuss für Polizeikorruption stand, wurde er in den Vereinigten Staaten schnell als einer der ehrlichsten Polizisten des Landes berühmt, wenn nicht sogar als der ehrlichste. Als das Buch veröffentlicht wurde, das auf seinen Heldentaten basiert, sicherte sich Paramount die Filmrechte und begann sofort damit den Stoff zu adaptieren (solange das Eisen noch heiß war), wobei die Produktion dadurch deutlich beschleunigt wurde. Für die Hauptrolle konnte Al Pacino gewonnen werden, der im vorangegangenen Jahr für seine Rolle im Oscar-Preisträger The Godfather (Der Pate, 1972) gefeiert wurde und somit seinen Platz als aufregendes neues Gesicht der siebziger Jahre festigen konnte.

Regisseur Sidney Lumet (der in letzter Minute rekrutiert werden konnte) musste schnell arbeiten und erreichte das scheinbar Unmögliche, indem er den Film innerhalb eines Jahres nach den Aussagen des echten Serpico in die Kinos auf der ganzen Welt brachte. Der Film brannte diese Ereignisse in die Köpfe von Millionen von Zuschauern ein und zwar so akkurat, wie es mit einer Besetzung von Unbekannten bewerkstelligt werden konnte, um die Authentizität zu erhöhen. Al Pacino steigerte sich in dem Maße in die Rolle des Whistleblowers hinein, sodass er sich mit dem echten Serpico anfreundete, um ihn und seine skurrile Persönlichkeit besser studieren zu können. Letztendlich verstand er es in einer seiner erfolgreichsten Vorstellungen stark zu überzeugen.

Das Publikum erwärmt sich beinahe sofort für Serpico, der sich von Anfang an als Außenseiter etabliert, während man ihn in seinem benommenen und verletzten Zustand beobachtet. Dank der Rückblenden kann man schnell erkennen, dass es sich bei Serpico um einen ungewöhnlichen jungen Mann handelt, der im Takt seiner eigenen Trommel marschiert, die offenbar auf der gesetzestreuen Seite der Korruptionskluft spielt. Sein persönliches Problem dabei ist, dass fast alle anderen, denen er in der Truppe begegnet (einschließlich derer, mit denen er jeden Tag zusammen arbeiten muss) auf der anderen Seite stehen, von Straßenpolizisten über Kriminalbeamte bis hin zu deren Vorgesetzten. Es ist zu spüren, dass ein Mann versucht, nicht nur ein Loch in einer Mauer des Fehlverhaltens zu stopfen, sondern sich einer Flutwelle schädlichen Verhaltens zu widersetzen, die für alle, mit denen er in Kontakt kommt, zum Lebensstil geworden ist. Lumet sorgte auch dafür Serpicos Charakter mit etwas Privatleben auszustatten, also lernen die Zuschauer zwei seiner Freundinnen (von denen die letztere bei ihm einzieht) und seinen Hund kennen (der fast so groß ist wie er). Auch seine Eltern bekommt man kurz zu Gesicht.

Das Wichtigste für Serpicos Mission ist jedoch seine hartnäckige Weigerung mit dem Strom zu schwimmen. Es gibt keinen richtigen religiösen Blickwinkel (jedenfalls nicht offen) aber es gibt vieles von einem Märtyrer an diesem Polizisten zu beobachten, der, obwohl sein Leben unerträglich wird (aufgrund des Drucks, unter dem er steht) seinen moralischen Kurs noch immer entschlossen fortsetzt und niemals dem nachgibt, was als gutgemeinte Ratschläge beginnt und mit Drohungen und psychologischer Folter endet. Man muss den Menschen Serpico bewundern, denn der Film macht deutlich, dass er sich immer wieder klar machen musste, dass er das Richtige tut, während sein Status als Hippie-Polizist in Zivil beim Publikum sehr gut ankam (in Italien ließ Pacinos Aussehen sogar einen neuen Hauptprotagonisten für poliziotteschi entstehen: Tomas Milians Nico Giraldi, u.a. in Squadra antiscippo zu sehen). Frank Serpico hatte eine extrem harte Zeit zu durchleben, denn er wollte ein guter Mensch in einem Sumpf von Unmoralität sein und wurde von genau den Leuten zu Boden getreten, von denen angenommen wurde, dass sie zum Wohl der Gesellschaft handeln. Lumet sollte mit dem noch versierteren, allerdings nicht so erfolgreichen Prince of the City – Die Herren der Stadt (1981) zu diesem Thema zurückkehren.

Auf der Blu-Ray Edition von Studiocanal befindet sich neben den Featurettes „Sidney Lumet über New York. Eine Liebeserklärung“ und „Auf der Suche nach Al Pacino“ auch noch die äußerst interessante sowie informative Dokumentation „Frank Serpico“, in der der echte Frank Serpico und einige seiner damaligen Weggefährten ca. 98 Minuten lang zu Wort kommen und relativ ausführlich über Franks Leben sowie dessen Kampf gegen die Korruption berichten. Sehr empfehlenswert !!!

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  • Seitenverhältnis : 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur : Lumet, Sidney
  • Laufzeit : 2 Stunden und 10 Minuten
  • Darsteller : Pacino, Al, Roberts, Tony, Randolph, John, Kehoe, Jack, Rich, Allan
  • Untertitel: : Deutsch, Französisch
  • Sprache, : Deutsch (PCM Stereo), Englisch (PCM Stereo), Französisch (PCM Stereo)
  • Studio : STUDIOCANAL
Tomas Milian als Nico Giraldi in Squadra antiscippo

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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