Sherlock Holmes: Das Zeichen der Vier

Das Zeichen der Vier präsentiert seinem Publikum einen von Sir Arthur Conan Doyles‘ gefährlichsten und genialsten Bösewichten, in einer Geschichte, die von einem geheimnisvollen einbeinigen Mann; einer Schatzkarte; einer Kassette voller Diamanten, Smaragden und Perlen; dem von den Andamanen stammenden Tonga, der Appetit auf rohes Fleisch hat; dem zweitgrößten Diamanten der Welt, genannt The Great Mogul; den Baker Street Irregulars und genügend bestialischen Morden, Gier sowie Rache handelt und das Blut der unschuldigsten jungen viktorianischen Damen zum Gefrieren bringt.

Das Zeichen der Vier ist nach Eine Studie in Scharlachrot (A Study in Scarlet) Sir Arthur Conan Doyles zweiter Sherlock-Holmes-Roman, der 1890 in der Februar-Ausgabe von Lippincott’s Monthly Magazine unter dem Titel The Sign of the Four zum ersten Mal erschien und noch im selben Jahr von Spencer Blackett unter dem Titel The Sign of Four als Buch veröffentlicht wurde. Der Roman erzählt die Geschichte des einbeinigen Jonathan Small und drei weiteren Männern mit Vergangenheit in einem britischen Militärgefängnis auf den indischen Andamanen. Nur sie wissen wo dort ein Vermögen in Juwelen vergraben ist, doch Smalls Vertrauen in Major John Sholto, dem Kommandanten des Gefängnisses, wird leider arg enttäuscht. Die Männer helfen Sholto und Captain David Morstan die Juwelen zu finden, nachdem die beiden britischen Offiziere das Versprechen abgegeben hatten, den Schatz zu teilen, sobald die Gefangenen freigelassen werden. Allerdings entwendet Major Sholto die Juwelen und nimmt sie voller Habgier einfach mit zurück nach London. Als Captain Morstan später seinen Anteil fordert, wird er von Sholto getötet. Sechs Jahre später erzählt Sholto seinen beiden Söhnen auf dem Sterbebett von dem Schatz und besteht darauf, dass Morstans Tochter den Anteil ihres Vaters erhalten soll, um sich von seiner Schuld reinzuwaschen. So wird The Grand Mogul von einem der Söhne an Miss Mary Morstan (Cherie Lunghi) gesandt, worauf sich Tod und Schrecken in der Person des jetzt freigekommenen Jonathan Small ihren Weg in Richtung der jungen Frau bahnen. Mit dem tierähnlichen Tonga an seiner Seite und dickem Nebel in den mit Gaslicht beleuchteten Straßen Londons, beabsichtigt Small bittere Rache zu nehmen … und ALLE Juwelen in seinen Besitz zu bringen. Nur Sherlock Holmes und Dr. Watson stehen zwischen der zierlichen und verängstigten, aber dennoch mutigen und äußerst attraktiven Mary Morstan und dem verbitterten Mann mit Holzbein.

Im Jahr 1982 ging der amerikanische Produzent Sy Weintraub eine Partnerschaft mit dem englischen Produzenten Otto Plaschkes ein, um dreizig Holmes Filme fürs Fernsehen, Kabelfernsehen, Video und sogar fürs Kino zu produzieren. Die Spielfilmadaptionen von Das Zeichen der Vier und Der Hund der Baskervilles wurden von Charles Edward Pogue geschrieben, der den in den Shepperton Studios und vor Ort in London zuerst gedrehten Conan Doyle Roman The Sign of Four um einen zusätzlichen Mord, ein paar Aktion-Szenen sowie einem Höhepunkt auf dem Rummelplatz erweiterte, nachdem Weintraub genauso viel Mühe wie Geld aufgebracht hatte, um die Rechte an den Holmes Geschichten bekommen zu können. Allerdings ohne zu wissen, dass das Copyright in Großbritannien schon recht bald auslaufen würde und Granada Television bereits ihre eigene Sherlock Holmes-Serie mit Jeremy Brett in der Rolle des Privatdetektivs in Planung hatte. Als dies bekannt wurde, verklagte Weintraub, unterstützt von Doyles Tochter und Treuhänderin des Doyle Estates Jean Conan Doyle, Granada kurzerhand wegen Urheberrechtsverletzung und des unlauteren Wettbewerbs. Er bestand darauf, dass die Granada-Reihe, wenn sie weiter fortgesetzt werden wüde, nicht in den USA gezeigt werden dürfe. Letztendlich lief es auf eine außergerichtliche Einigung mit einer großen Summe Geld hinaus, die dafür ausreichte die Kosten für Das Zeichen der Vier und Der Hund der Baskervilles (die gerade abgedreht worden waren) zu decken und auch noch einen Gewinn zu machen. Die beiden Holmes-Filme wurden zwar in Cannes gezeigt, bekamen jedoch wenig profilierte Veröffentlichungen in Großbritannien auf Video und in den USA direkt im Bezahl-Fernsehen.

Es hätte also alles ganz anders kommen können und anstatt der weltbekannten Jeremy Brett Sherlock Holmes-TV-Serie, hätte es eine mit Ian Richardson gegeben. Nach wiederholter Sichtung erscheinen einem die beiden Filme mit Richardson als Holmes im Vergleich zu der großartigen Serie von Granada beinahe etwas verworren, zeigen jedoch einen interessanten Fall von „was hätte sein können“ auf. Der Ansatz von Charles Edward Pogue bindet sich weniger an die Texte von Arthur Conan Doyle und spielt den Nervenkitzel leicht hervor. Einige Puristen mögen sich sehr wahrscheinlich daran stören, doch vergisst man Doyle mal für ein paar Momente, so sollte man trotzdem ziemlich viel Spaß mit dieser Version haben können. Das Zeichen der Vier wurde als erste der beiden Weintraub-Produktionen gedreht und kommt ein wenig schwächer daher, als Der Hund der Baskervilles, vor allem wegen der seltsamen Art und Weise wie die Geschichte hier neu angeordnet wird, die ursprünglich Holmes und den Leser das Geheimnis Stück für Stück aufdecken lassen, um schließlich mit Hilfe einer langen Rückblende auch die letzten Zweifel zu beseitigen. Die vorliegende Adaption verrät schon von Beginn an recht viel vom Plot und erlaubt dem Zuschauer den Schurken bei der Arbeit zuzusehen, wodurch Holmes‘ eigentlich spannende Deduktion stark anti-klimaktisch zu beobachten ist. Diese Vorstellung deutet interessanter Weise bereits sanft auf die Guy Ritchie Holmes Verfilmungen mit ihrem mehr aktionsorientierten Ansatz hin, bietet glücklicherweise aber auch eine sehr gelungene Interpretation des größten Detektivs der Welt, die neben der von Basil Rathbone, Peter Cushing und Jeremy Brett zu den besten der Holmes Film- und Fernsehgeschichte gezählt werden muss.

Die Titelsequenz ist eher „trippy“ und bietet ein seltsames Ambiente mit ihrer Darstellung von kleinen Ausschnitten aus dem Film, den wir im Begriff sind zu sehen (vielleicht zu viele), mit Farbfiltern und dem Bildschirm in ein Diamantmuster aufgeteilt, wobei das musische Thema angenehm flott und optimistisch daherkommt. Danach folgt eine anständige Eröffnungsszene voller Gothic-Atmosphäre und Bedrohung, als Small bei Sholto erscheint und ihm (und uns) eher zu viel Exposition erzählt, bevor Sholto buchstäblich zu Tode erschrocken ist. Trotz seiner „PG“ Bewertung, spielt diese Adaption leicht mit den Horrorelementen seiner Geschichte, insbesondere mit der Darstellung von Tonga, Smalls zwergenhaftem Helfer von der Andamanen-Insel, der hier nicht nur ein Killer mit einem Blasrohr ist, sondern auch wie ein Tier rohes Fleisch frisst. Menschen, die auf poltische Korrektheit Wert legen seien gewarnt – die rassistisch beleidigende Darstellung des Charakters wird noch dadurch verschlimmert, dass er von einem weißen Schauspieler in Make-up gespielt wird, etwas, was in einigen Aufnahmen offensichtlich zu sehen ist. Rauch strömt aus 221B Baker Street in einer tollen ersten Einführung von Holmes (tatsächlich an Das Privatleben des Sherlock Holmes angelehnt), der glücklich in der Erforschung von Tabakasche versunken ist, während er auf seinen nächsten Fall wartet, der natürlich in der nächsten Minute um die Ecke kommt. „Was für eine sehr attraktive junge Frau“ sagt Watson zu Holmes als Mary ihr Quartier verlässt, nachdem sie die beiden aufgesucht und um ihre Hilfe gebeten hat. Im Roman findet er sie so bezaubernd, dass aus ihr schließlich Mrs. John Watson wird. „Ist sie das?“ antwortet Holmes. „Ich habe nicht darauf geachtet.“

Mit so viel Hintergrundgeschichte, die in der ersten Hälfte des Films erzählt wird – Holmes fasst das Ganze buchstäblich nocheinmal zusammen – nicht zu vergessen das ständige hin und herspringen zu den beiden Schurken – dauert es eine ganze Weile bis Holmes und Watson ernsthaft beginnen die Angelegenheit zu untersuchen. Wahrscheinlich, weil es keine dramatischen Enthüllungen mehr zu offenbaren gibt, beschreibt uns Pogue die Bootsjagd auf der Themse, die hier ein bisschen weniger überzeugend rüberkommt und nicht so spannend inszeniert worden ist, wie sie es sein sollte (die Sequenz fällt im Vergleich mit der Granada Version sicherlich schwächer aus), mehrere zusätzliche Begegnungen der Helden mit den Bösewichtern, einschließlich einer Konfrontation zwischen Holmes und Tonga und einem sinnlosen aber spaßigen Ausflug auf ein Jahrmarktsgelände, der an einer Stelle in eine Spiegelhalle führt. Diese Szenen, in die Robert Downey Jr. und Jude Law bestens hineinpassen würden, stören eigentlich nicht, doch man wünscht sich es wäre etwas mehr von dem Geheimnis bewahrt worden, damit der letzte Akt noch etwas spannender bleibt. Wenigstens hat Holmes noch einige Augenblicke, in denen er uns überrascht – sein vielleicht eindrucksvollster Moment ist, als er in einer fensterlosen Droschke umherfährt und nur mit Hilfe seines Gehörs und Gefühls seine genaue Position bestimmen kann. Die üblichen amüsanten Momente, die aus der kompletten Überlegenheit von Holmes‘ Geist im Vergleich mit allen anderen Personen entspringen, sind selbstverständlich auch vorhanden. Die meisten davon sind dem langsam denkenden Inspektor Layton gewidmet, an dessen Stelle ein Mann namens Athelny Jones im Roman auftaucht, der in der Kollation zu Holmes als eher dümmlich dargestellt wird. Regisseur Desmond Davis macht seine Sache gut genug, um hin und wieder ein ordentliches Maß an Spannung aufzubauen, allerdings vermasselt er einige der spannendsten Abschnitte (obwohl wahrscheinlich der Drehplan dazu geführt hat) und greift dabei auf Mittel wie unangebrachte Zeitlupenaufnahmen zurück. Trotzdem herrscht eine anständige viktorianische Atmosphäre, während die Produktionswerte rundum zufriedenstellend sind, obwohl der TV-Look nicht überwunden werden kann und es ernsthaft mit dem Nebel übertrieben wurde, der in fast jeder Szene im Freien am herumwirbeln ist!

Hardwicke und Brett als Watson und Holmes

Richardsons Holmes, der sich an einem Punkt im 007-Stil als „Holmes, Sherlock Holmes“ vorstellt, ist es eine Freude zu zusehen, wenn er manchmal auch sehr theatralisch erscheinen mag (doch so hat es sich bei Jeremy Brett ebenfalls verhalten). Dieser Holmes scheint ein nicht so düsterer Kerl wie gewohnt zu sein, sondern ein eher ziemlich netter, sowie zusätzlich noch lustiger Typ. Die meisten Holmes‘ würden nicht mit Sticheleien sparen, wenn mit Layton konfrontiert aber dieser hier schlägt nur die Hände über dem Kopf zusammen und scheint mehr amüsiert als verärgert zu sein. Eine recht ungewöhnliche Interpretation, die jedoch sehr gut funktioniert, wobei Richardson als ein Mann der Tat zu überzeugen weiß. Leider gibt es auch ein paar Probleme bei dieser Version von Das Zeichen der Vier, die man leicht hätte vermeiden können. Zunächst einmal wird die Handlungsstruktur sehr drastisch von der des Romans verändert, was nicht unbedingt ein Problem an sich darstellt, doch in diesem Fall dem Zuschauer viel zu früh, viel zu viel offenbart und wenig Raum für Spannung gelassen wird, weswegen Holmes‘ Deduktion somit ziemlich anti-klimaktisch erscheint. Anstatt durch Holmes‘ brillante Ermittlungsarbeit über die verschiedenen Geschehnisse zu erfahren, sieht man die Ereignisse tatsächlich zuerst und kann dann dem Detektiv dabei beobachten, wie er seine deduktiven Fähigkeiten walten lässt. Der andere große Nachteil dieser Struktur ist, dass sich die Einführung (eine Darstellung von Ereignissen, die uns Conan Doyle erst im letzten Akt enthüllt!) recht schwerfällig anfühlt und unnötig den Auftritt von Holmes und Watson verzögert. Wenn Holmes endlich damit beginnt der Frage nach dem einbeinigen Mann und dessen seltsamen Verbündeten ernsthaft nachzugehen, ist die Hälfte des Films bereits vorüber. Man weiß schon weitaus mehr, als man sollte und viele der Ereignisse, die aufgrund der Verschiebung der späteren Themen zu einem früheren Zeitpunkt im Film stattfinden, sorgen für eine sehr unausgewogene Angelegenheit. Die ersten beiden Akte sind viel zu gemächlich in Szene gesetzt worden, wodurch der letzte Akt wirklich gehetzt wirkt. Darüber hinaus wurden einige der Charaktere bis zur Unkenntlichkeit verändert, was wiederum vollkommen unnötig war, da die Geschichte dadurch auf keinen Fall verbessert wird. Insbesondere die Veränderungen im Charakter Thaddeus Sholto beeinträchtigen die Wirksamkeit verschiedener Szenen. Conan Doyles Sholto ist ein extrem nervöser, kleiner Mann, der jederzeit am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu stehen scheint. Dies hebt die Spannung der Geschichte enorm … da seine Gegenwart auch den Leser ein bisschen aufwühlt. Ihn außerdem als schneidigen jungen Mann mit feiner Artikulation zu präsentieren, stumpft die Wirkung der Szenen, in denen er erscheint, deutlich ab.

Auf den letzten Absatz mußte ein negativer Schwerpunkt gelegt werden, da es wirklich schwierig ist diesen Film nicht mit der Granada Produktion zu vergleichen, die ihn drei Jahre später usurpiert. Diese Adaption ist praktisch in jeder Hinsicht (beinahe) perfekt … rundum fantastische Leistungen der Schauspieler (einschließlich einem klasse Thaddeus Sholto, verkörpert von Ron Lacey in Topform), extrem getreu dem Quellenmaterial … mit Sicherheit eine der besten Holmes Verfilmungen überhaupt. Dennoch hat die vorliegende Version eine Menge zu bieten und macht auf seine eigene Art und Weise durchaus Spaß. Obwohl man sich ein paar Stimmungsschwankungen in der Person von Sherlock Holmes wünscht (und vielleicht auch den Gebrauch seiner Kokain-Nadel, nur aus Gründen der Genauigkeit), ist Ian Richardson einer der besseren Sherlocks und David Healy ein guter Watson, auch wenn er David Burke oder Edward Hardwicke nicht entsprechen kann. Ich schlage vor, diese und die GranadaVersion hintereinander anzuschauen, um danach die Vor- und Nachteile der beiden Filme selbst diskutieren zu können.

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Darsteller: David Healy;Denholm Elliott;Ian Richardson
Regisseur(e): Douglas Hickox;Desmond Davis
Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
Region: Alle Regionen
Bildseitenformat: 4:3 – 1.33:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: WME Home-Entertainment
Spieldauer: 91 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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