Sonderkommando ins Jenseits / La polizia è sconfitta / Stunt Squad

Gegen das immer brutaler werdende Verbrechen gibt es nur eine Antwort – eine Spezialeinheit der Polizei wird gebildet. Ausgesuchte Polizisten werden in einem harten Trainingsprogramm auf ihre gefährliche Arbeit vorbereitet. Das Sonderkommando versucht mit eiserner Härte die Ordnung wieder herzustellen. (Cinestrange Extreme)

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Bologna, das sich bereits fest in der Hand des Drogenhandels befindet, wird nun auch noch von einer Reihe anderer Verbrechen erschüttert, denn einige Geschäfte werden mit Dynamit in die Luft gesprengt. Während die öffentliche Meinung alarmiert reagiert und Ladenbesitzer den Wunsch äußern, ihre eigene Verteidigung organisieren zu wollen, findet Kommissar Grifi (Marcel Bozzuffi) heraus, dass der bestens bekannte, jedoch schwer fassbare Valli (Vittorio Mezzogiorno) vielen Geschäftsleuten den kostspieligen „Schutz“ seiner Bande auferlegt hat und sich mit den blutigen Bombenanschlägen an denen rächt, die sich weigern zu zahlen. Grifi erhält die Erlaubnis eine Spezialeinheit aufzustellen und versammelt somit mutige sowie begabte Männer um sich, schult sie im Umgang mit Waffen und Verteidigungs- sowie Angriffstechniken, rüstet sie mit schnellen Motorrädern aus und lässt sie an strategischen Punkten der Stadt von der Leine, während er versucht das Versteck seines Kontrahenten ausfindig zu machen. Weitere Opfer folgen, bis es Grifi schließlich gelingt Valli aufzuspüren, der jedoch in einem öffentlichen Bus flüchten kann. Grifis rechte Hand Brogi (Riccardo Salvino) schafft es irgendwie an Board des Busses zu gelangen, wird allerdings von Valli kaltblütig erschossen, bevor er den Schwerverbrecher festnehmen kann. Anschließend muss sich Valli mit einer aufgebrachten Menschenmenge auseinandersetzen, die ihn praktisch zu Tode prügelt.

Domenico Poalellas Sonderkommando ins Jenseits aus dem Jahr 1977 stellt eigentlich ein inoffizielles Remake von Massimo Dallamanos Quelli della calibro 38 (Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen, 1976) dar, mit dem ungewöhnlichen Schauplatz Bologna. Dardano Sacchettis Drehbuch folgt mehr oder weniger dem Umriss von Dallamanos Film, indem es einen Kommissar gegen einen Bombenattentäter antreten lässt, wobei ersterer eine spezielle Gruppe von Motorradpolizisten zusammenstellen darf, um den Verbrecher besser bekämpfen zu können. Die Hauptrolle spielt zum wiederholten Male Marcel Bozzuffi, während Riccardo Salvino wieder als rechte Hand des Kommissars auftaucht. Deren Antagonist Valli (ein abstoßender Widerling, der jeden Laden in die Luft jagt, der ihm kein Schutzgeld zahlt, indem er Bomben in den öffentlichen Telefonen der Geschäfte platziert) wird von Vittorio Mezzogiorno verkörpert, einem jungen und äußerst talentierten Schauspieler, der bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1994 mit Regisseuren wie Francesco Rosi, Werner Herzog, Marco Bellocchio und Peter Broock zusammengearbeitet hat.

Neben den erforderlichen Verfolgungsjagden per Motorrad bzw. Auto, hat Paolellas Film auch eine aufwändige Mordsequenz (die Ermordung eines Ladenbesitzers, der nach einer Bombenexplosion ins Krankenhaus eingeliefert worden ist) auf Lager, die einem giallo entsprungen zu sein scheint, während eine lange Szene in einem Nachtclub unnötige Nacktheit und saftige Discomusik von Stelvio Cipriani zu bieten hat. Paolella und Sacchetti nehmen in der Szene, in der die Polizei in eine verlassene Fabrik eindringt, in der sich der Bombenattentäter versteckt hält, sogar unerwarteten Bezug auf Jean-Pierre Melvilles Le Samouraï (Der eiskalte Engel, 1967): Valli hält sich einen Kanarienvogel in einem Käfig, genauso wie es Alain Delon in Melvilles Film tut. Paolella – ein ehemaliger Journalist und erfahrener Regisseur von Schwert-und-Sandalen-Epen sowie Spionagefilmen – schien sich im poliziotteschi nicht unwohl zu fühlen. Schon in den Eröffnungsszenen, in denen die Biker im Morgengrauen (unter Ciprianis düsterer Synthie-Musik) durch die menschenleeren Straßen von Bologna düsen, ist Sonderkommando ins Jenseits als eine niederschmetternde Angelegenheit zu bezeichnen, in der sich die Bezüge zu zeitgenössischen Nachrichten sehr präzise gestalten. Der Dialog erwähnt Sondergesetze sowie eine Reihe von Statistiken über die eskalierende Zahl von Bombenanschlägen, die Kommissar Grifi erwähnt, während er seiner Einheit eine Reihe von Dias vorspielt, die von tragischen Ereignissen aus dem realen Leben dieses Jahres stammen. Grifi beklagt auch die Ineffizienz und mangelnde Professionalität der Agenten und verweist dabei auf die Strukturierung der Strafverfolgung. „In Italien ist ein Polizist immer noch ein Mann für alle Fälle“, stellt der Kommissar verbittert fest.

Wie viele andere knallharte Cops in poliziotteschi sieht Grifi in der Ausübung von Gerechtigkeit seinen Grund zum Leben, dennoch bleibt er hier eine eher unbedeutende Figur, ebenso wie Brogi (Salvino), das erforderliche Opferlamm, das seinem Schicksal in der hervorragenden Bussequenz begegnet, die an eine ähnliche Szene aus Florestano Vancinis Meisterwerk La banda Casaroli (1962) erinnert. Die Guten erblassen vor dem skrupellosen Bösewicht aus Sonderkommando ins Jenseits – der sehr wahrscheinlich zu poliziotteschis grausamstem aller Zeiten gezählt werden muss. Vittorio Mezzogiornos Valli, der Massaker begeht, indem er einfach eine Telefonnummer wählt, hasst Polizisten und Kriminelle anscheinend gleichermaßen mit kaltem, distanziertem Hass. Allerdings legt er weder Ivan Rassimovs teuflische Exzesse aus Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen an den Tag, noch hegt er denselben subproletarischen Groll wie Tomas Milians Buckliger. Er verhält sich gewalttätig und feige zugleich, ist zu den schauerlichsten Grausamkeiten fähig und dazu bestimmt (in einem verzweifelten sowie nihilistischen Ende) auf dem Piazza Maggiore (dem Hauptplatz Bolognas) von einem wütenden Mob gelyncht zu werden.

Sonderkommando ins Jenseits ist auch zu den gewalttätigsten Exemplaren der poliziotteschi zu zählen. In einer besonders groben Sequenz nehmen Vallis Männer einen Kriminellen namens „Tunesier“ (Nello Pazzafini) gefangen und entmannen ihn mit blutigen Effekten. Derselbe unglückliche Kriminelle hat auch eine der einprägsamsten (und vulgären) Zeilen des Genres zum Besten zu geben: „Ein Sprichwort besagt: Das Gesetz ist wie ein Schwanz, es wird länger oder kürzer, je nach Fall.“ Eine krude Metapher, die dennoch das Klima der Gegensätzlichkeit zur Gerechtigkeit erklärt und durch den italienischen Titel des Films recht passend zusammengefasst wird, der übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie „Die Polizei ist besiegt.“

Bonusmaterial:

  • Featurette „The Paolella Connection“ (35 min.)
  • Featurette „Stelvio Cipriani on Steve Powder“ (40 min.)
  • Bildergalerie
  • Trailer
  • 24-seitiges Booklet von Michael Cholewa und einem Essay von Domenico Paolella, sowie mit zahlreichen italienischen Aushangfotos und Plakatmotiven —> wurde sehr unterhaltsam, informativ sowie aufschlussreich verfasst

Leider nicht mehr im regulären Handel erhältlich !!!

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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