Stalingrad – Bis zum letzten Mann

Ostfront, Winter 1942. Die 6. Armee ist mit knapp 600.000 Mann in der zerbombten Stadt Stalingrad eingekesselt worden. Die Temperaturen sinken zeitweise bis auf minus 50 Grad. Für die Landser Fritz, Hans, Rollo und GeGe hat der Kampf ums nackte Überleben begonnen. Kugelhagel und Stalinorgeln sind nur ein Teil des puren Wahnsinns, die meisten verlieren den Kampf gegen Hunger und Kälte. Die Durchhalteparolen des Führers haben plötzlich keine Bedeutung mehr, denn vor ihren Augen zerbricht alles, woran sie geglaubt haben, bis nur noch ein Wunsch existiert: zu sterben..! (EuroVideo)

Irgendwie stellt es schon ein Risiko dar einen Antikriegsfilm zu drehen, der wirklich unterhaltsam ist. Je effektiver ein Filmemacher die Zuschauer in das hineinziehen kann, was die Hölle der Schlacht repräsentieren soll, umso mehr riskiert er (oder sie) die Art von Adrenalinrausch zu reproduzieren, die, wie in Tödliches Kommando – The Hurt Locker (2008) präsentiert wird, seine eigene Form von Sucht entwickeln kann. Francis Ford Coppola wollte den Wahnsinn des Vietnamkrieges in Apocalypse Now (1979) aufzeigen, doch er konnte es sich nicht verkneifen die beiden Kriegerprinzen Willard und Kurtz zu feiern, die sich am Ende des Films in einer Art Ehrenschlacht für Wahnsinnige gegenüberstehen. Und er konnte nicht widerstehen aufregende Bilder sowie unvergessliches Sounddesign abzuliefern, mit denen Heimkino-Enthusiasten ihre Systeme zum glühen bringen, wenn die neueste Version des Films im neuesten Format erschienen ist. Auf die gleiche Art und Weise wollte Steven Spielberg, dass das moderne Publikum den höllischen Schlachthof der Invasion in der Normandie erlebt, doch die Eröffnungssequenz von Der Soldat James Ryan (1998) könnte genauso gut als „Demomaterial“ abgespielt werden, das von seinem eigentlichen Inhalt getrennt ist. Die Zuschauer staunen darüber, wie der Raum vom Subwoofer erschüttert wird und die Kugeln durch die Gegend fliegen, während Hunderte von Soldaten wie Spielzeugfiguren umkommen. Krieg mag die Hölle sein, aber Popcorn passt trotzdem hervorragend dazu.

Joseph Vilsmaiers Stalingrad gestaltet sich dagegen vollkommen anders, denn trotz außergewöhnlicher Handwerkskunst bietet der Streifen nichts Verführerisches, Sinnliches oder Herrliches. Die Darstellung der Kampfeinsätze ist sehr pessimistisch, düster und zynisch veranlagt worden, ähnlich wie bei Full Metal Jacket (1987). Beginne man aber zunächst erst einmal mit den Fakten der zugrunde liegenden Schlacht, die vom 23. August 1942 bis zum 2. Februar 1943 zwischen den Armeen Deutschlands und Russlands ausgetragen wurde. Sie brachte (ebenso wie alle alliierten Bemühungen im Westen) die Wende des zweiten Weltkrieges zu Ungunsten der deutschen Streitkräfte. Die Statistiken, die zu Beginn und am Ende des Films auf den Titelkarten aufgeführt werden, sind beinahe von so betäubender Natur wie die Temperaturen unter Null, denen die Kombattanten ausgesetzt sind: über 1 Million Tote (im Kampf gefallen, verhungert oder erfroren); von den 260.000 Mann der sechsten deutschen Armee ergaben sich 91.000 den Russen, wobei die meisten übrigen nicht überlebten. Von denen, die sich ergeben hatten, kehrten nur zwischen 5.000 und 6.000 viele Jahre später nach Hause zurück.

Natürlich wird von keinem Zuschauer erwartet, dass er mit den deutschen Streitkräften sympathisiert, doch wie viele werden sich wohl ihrer Opposition anschließen? Sollte man hier jemanden suchen, dessen Ideologie man sich annähern könnte, bietet einem Stalingrad eine äußerst unangenehme Wahl zwischen Hitlers Nazis und Stalins Bolschewiki. Wenn es einen wahren Helden der Geschichte gibt, dann Mutter Natur, deren unmenschliche Kälte und unerbittlichen Schneestürme die unvorbereitete deutsche Armee überraschte und langsam in die Knie zwang. Unter der Leitung von Vilsmaier observiert Stalingrad die Schlachten mit der gleichen gleichgültigen Begeisterung, die Homer den Griechen und Trojanern entgegenbrachte. Der Unterschied ist, dass Homer einen Konflikt zwischen Helden beschrieb; Stalingrad zeigt dagegen das Schicksal von „Kanonenfuttersoldaten“, die Hitler in Zügen Richtung Osten schickte, nur weil er ein Statement abgeben wollte (was er gegen Mitte des Films per Funk tut).

Stalingrad lässt sich grob in drei identifizierbare „Akte“ einteilen. Der erste beginnt recht konventionell in Porto Cervo (Italien), wo sich die Sechste Armee nach Kämpfen in Nordafrika neu formiert. Hier erhält das Publikum eine flüchtige Einführung in die Handvoll von Personen, deren Schicksal zu narrativen Zwecken ausgewählt wurde, um die Geschicke aller deutschen Soldaten dieses Konflikts darzustellen. Oberhaupt unter ihnen ist ein neu beförderter Leutnant, Hans von Witzland (ein jugendlicher Thomas Kretschmann, der später in so unterschiedlichen Rollen wie dem barmherzigen Nazi in Der Pianist [2002] und dem mysteriösen Cross in Wanted [2008] bekannter wurde). Trotz seiner Beförderung ist von Witzland, was Kampferfahrung betrifft, noch ziemlich grün hinter den Ohren und war noch nie an vorderster Front. Ein weniger gebildeter, jedoch erfahrener Soldat, Rohleder (Jochen Nickel), der unter dem Spitznamen „Rollo“ bekannt ist, bietet von Witzland eine Wette an, wer von ihnen beiden denn wohl eher lebend nach Hause kommen wird. Rollo ist nicht der klügste Typ der Truppe, der auch ein Problem mit Autoritäten hat. Bei einer Ordensverleihung wird seine Auszeichnung widerrufen, weil er sich weigert seinen Kragen zuzuknöpfen.

Otto (Sylvester Groth) ist der residente Zyniker. Stabsunteroffizier Fritz Reiser (Dominique Horwitz) ist so etwas wie ein Mann der Damen. Soldat Müller (Sebastian Rudolph), dem Fritz den Spitznamen „GeGe“ gibt, weil zu viele Müllers in der Wehrmacht rumlaufen, ist ein unschuldiges Babygesicht. Während diese Männer und Tausende andere die russische Landschaft von den Fenstern ihrer Transportzüge aus betrachten, stellen sie sich ihr Leben nach dem Krieg vor, ohne zu wissen, was sie bald erwarten wird. Unter dem Kommando von Hauptmann Musk (Karel Hemánek) greifen die Männer eine schwer verteidigte russische Fabrik an. Dabei handelt es sich um die erste große Kampfsequenz des Films, die zufälliges Chaos repräsentiert. Selbst ein Versuch eines ausgehandelten Waffenstillstands, um sich um die Verwundeten kümmern zu können, bleibt erfolglos. Nach einer Vielzahl von Scharmützeln, Feuergefechten und Unglücksfällen bringt eine von Witzland kommandierte Gruppe von Männern einen schwer verwundeten Kameraden in ein provisorisches Feldkrankenhaus, in dem es keine Ärzte mehr gibt. Wütend zwingt Fritz einen Sanitäter mit vorgehaltener Waffe, sich um den Verletzten zu kümmern, woraufhin alle festgenommen werden.

Der zweite Akt von Stalingrad zeigt, dass die verhafteten Soldaten im Strafdienst arbeiten und dabei Landminen im Schnee aufspüren sowie unschädlich machen müssen. Hauptmann Musk bietet ihnen jedoch eine Chance auf Erlösung an. Zu diesem Zeitpunkt der Schlacht hat die sowjetische Armee die deutschen Streitkräfte eingekreist und ihre Versorgungslinien abgeschnitten, wobei die Russen den Kreis allmählich schließen. Musk ist entschlossen eine Position in der Stadt Marinovka zu halten, weil er glaubt dies sei der beste Ort, um durchzubrechen, wozu er zusätzliche Arbeitskräfte braucht, die die Gefangenen zur Verfügung stellen könnten. In der zweiten großen Schlacht des Films kämpfen Männer zu Fuß mit Granaten, Gewehren und Molotow-Cocktails gegen sowjetische Panzer, indem sie Fuchslöcher in den Schnee graben und sich „überfahren“ lassen. Musks Taktik reicht aus, um die in Ungnade gefallenen Soldaten vom Minensuchdienst zu befreien, jedoch nicht, um die sich verschlechternde Situation in den Griff zu bekommen. Die Vorräte schwinden weiterhin und die Moral mit ihnen. Um Rationen zu sparen und die Männer daran zu erinnern, auf welcher Seite sie stehen, werden sie von den Offizieren gezwungen alle sowjetischen Gefangenen hinzurichten. Zu den Opfern gehört auch ein Junge, der Leutnant von Witzland und seinen Männern einst geholfen hat, was diese Erfahrung für sie ganz besonders schmerzhaft werden lässt.

Der letzte Akt des Films beginnt mit dem Abflug des letzten deutschen Flugzeugs, das Verwundete aus der Region transportiert. Was folgt, ist ein stetiger, unbarmherziger Angriff, doch nicht des Feindes, sondern von Hunger und Unterkühlung. Dennoch variieren dramatische Momente diese Tortur. Zum Beispiel die letzte Konfrontation mit einem selbstgerechten Offizier, Major Haller (Dieter Okras), der für die Soldaten eine immer wiederkehrende Nemesis darstellt. Einen weiteren dieser Momente repräsentiert die Entdeckung eines geheimen Proviantlagers der Deutschen, das von einer Gruppe korrupter Offiziere angelegt wurde. Der Anblick von Broten, Konserven, Rindfleisch und anderen Lebensmitteln, die bis an die Decke gestapelt sind, während Soldaten draußen verhungern, gestaltet sich genauso widerlich, wie surreal. Einer der Soldaten rennt aus dem Haus und trifft auf einen Generalobersten, der mit erhobenen Händen unter russischer Bewachung marschiert. Die Sechste Armee hat sich ergeben.

Die überwiegend männliche Besetzung hat auch eine weibliche Hauptfigur zu bieten, eine russische Kämpferin namens Irina, gespielt von Dana Vávrová, der Frau des Regisseurs. Die deutschen Soldaten begegnen ihr zum ersten Mal als Mitglied einer Guerrilla-Einheit in den Abwasserkanälen unter der Fabrik aus dem ersten Kampf. Leutnant von Witzland versucht sie gefangen zu nehmen, doch sie entkommt. Später wird sie von unserer Gruppe im geheimen Proviantlager aufgegriffen, wo sich die Soldaten in aller Ruhe darauf vorbereiten sie in der Reihenfolge ihres Ranges zu vergewaltigen, was von Witzland allerdings nicht zu lässt. Stalingrad hat viele solcher Momente plötzlichen Anstands auf Lager, nur leider führen sie zu nichts. Sie werden von einer Flutwelle des Schlachtens mitgerissen, wobei es weder den Aggressoren noch den Verteidigern besser ergeht.

Stalingrad erhält von EuroVideo eine würdige 4K Ultra HD Veröffentlichung, die auf technischem Gebiet äußerst gelungen ist. Das Bild wird in 4K UHD 2160p/24 HDR10+ (1,85:1) präsentiert und lässt keine Wünsche offen. Beim Ton verhält es sich genauso. Die Tonspur (deutsch DTS H-MA 5.1 & DTS-HD MA 2.0) klingt super. Als Extra wurde das Featurette Hinter den Kulissen – Interview mit Joseph Vilsmaier und der Besetzung auf die 4K Ultra HD gepackt. Stalingrad dürfte als einer der besten Antikriegsfilme aller Zeiten bezeichnet werden und darf deshalb in keiner Kriegsfilmsammlung fehlen. Auch ansonsten sollte man hier unbedingt mehr als einen Blick riskieren.

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  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 12 Jahren
  • Regisseur : Vilsmaier, Joseph
  • Medienformat : 4K
  • Laufzeit : 2 Stunden und 18 Minuten
  • Darsteller : Rudolph, Sebastian, Horwitz, Dominique, Kretschmann, Thomas, Nickel, Jochen, Vavrova, Dana
  • Studio : EuroVideo Medien GmbH

Diese Edition wurde uns freundlicherweise von EuroVideo zur Verfügung gestellt.

Das Bildmaterial stammt nicht von dieser Edition.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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